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Tief duckt sich der Opel Insignia Sports Tourer mit seinen 20-Zoll-Rädern auf die Straße.
Tief duckt sich der Opel Insignia Sports Tourer mit seinen 20-Zoll-Rädern auf die Straße.(Foto: Holger Preiss)
Dienstag, 29. August 2017

Sports Tourer im Praxistest: Kann der Opel Insignia die Großen ärgern?

Von Holger Preiss

Wer viel will, muss viel zahlen? Nicht immer. Opel hat für den Insignia Sports Tourer ein Paket geschnürt, dass preislich weit unter dem der Premiumkonkurrenz fährt und dennoch genauso viel bietet. Aber kann das auch im Praxistest überzeugen?

Der Insignia überzeugt optisch durch eine schlichte Eleganz mit einem ordentlichen Schuss Sportlichkeit.
Der Insignia überzeugt optisch durch eine schlichte Eleganz mit einem ordentlichen Schuss Sportlichkeit.(Foto: Holger Preiss)

Mit dem neuen Opel Insignia haben die Rüsselsheimer nicht nur die letzte Gemeinschaftsproduktion mit der alten Konzernmutter GM ins Rennen geschickt, sondern auch einen neuen Markenclaim kreiert: "Die Zukunft gehört allen". Und so bescheuert das im ersten Moment auch klingt, so stimmig scheint es mit Blick auf das neue Flaggschiff, den Insignia, zu sein. Der große Opel, der in den USA als Buick Regal fährt, hat alles, was die Premiumhersteller für teuer Geld anbieten, für einen schmalen Taler im Portfolio. Nun mag man glauben, dass das für den Kampfpreis nur halbe Sachen sind. Aber weit gefehlt.

Zum Praxistest bei n-tv.de trat der Insignia in der Aussattungslinie Innovation an. Zur Serienausstattung gehören hier nicht nur das Matrix-Licht, sondern auch das Navi 900 IntelliLink, der schlüssellose Zugang mit Stopp-Start-System, eine elektrische Parkbremse, Zweizonen-Klimaautomatik, Ambientebeleuchtung und ein digitales Vollfarbdisplay für den Fahrer. Das alles gibt es im Verbund mit dem 2.0-Liter-Diesel der 170 PS leistet und die Kraft von 400 Newtonmeter über eine 8-Stufen-Automatik an die Vorderräder verteilt für 38.455 Euro.

Auch im Innenraum lässt der Insignia bei entsprechender Investition keine Wünsche offen.
Auch im Innenraum lässt der Insignia bei entsprechender Investition keine Wünsche offen.(Foto: Holger Preiss)

Nur zum Vergleich: Ein BMW 520d Touring mit 20 PS mehr startet bei 48.600 Euro. Mercedes ruft für das T-Modell der E-Klasse als 220d mit 194 PS gar 50.486 Euro auf, Volvo verlangt für den V90 D3 mit 150 PS ebenfalls 42.450 Euro und selbst Skoda verlangt für den Superb mit Diesel und 150 PS bereits 37.850 Euro. Allerdings fehlen dem Tschechen am Ende einige technische Finessen, die es eben doch nur in der Premium-Liga gibt - und beim Opel Insignia. Zudem sprechen wir hier nur von den Einstiegspreisen. Die Rechnung wird bekanntlich am Ende immer unter dem Strich gemacht.

Kleinerer Kofferraum, super Sitze

Deshalb soll das Rüsselsheimer Flaggschiff auch ganz klar in diese Phalanx eingereiht werden. Mit knapp fünf Metern Länge steht er ohnehin in dieser Reihe und auch was Verarbeitung, Raumgefühl, Platzangebot und Zuladung angeht, muss sich der Opel keinen Augenblick hinter der edlen Konkurrenz verstecken. Immerhin verschwinden 560 Liter hinter der mit einem Fußschwenk elektrisch aufschwingenden Heckklappe. Das reicht für einen ausgedehnten Campingurlaub von drei Personen ebenso, wie für den Wocheneinkauf. Auf Wunsch wächst das Ladevolumen bei umgelegter Lehne der Rückbank sogar auf 1665 Liter an. Ja, das ist nicht so viel wie im Superb oder im T-Modell der E-Klasse und auch ein My weniger als im BMW 5er Touring. Dafür aber mehr als im Volvo V90.

Auch beim Sitzkomfort muss man im Insignia Sports Tourer keine Kompromisse machen.
Auch beim Sitzkomfort muss man im Insignia Sports Tourer keine Kompromisse machen.(Foto: Holger Preiss)

Zudem punktet der Insignia mit ausgezeichneten Sitzen. Zugegeben, das Premiumgestühl muss für 2235 Euro recht teuer bezahlt werden, erfüllt dann aber wirklich alle Ansprüche. Zum einen sind die Polster von der Aktion Gesunder Rücken zertifiziert, zum anderen sind sie mit perforiertem Leder bespannt, das sich auf Wunsch belüften oder beheizen lässt. Außerdem gibt es eine Massagefunktion, die in diesem Fall tatsächlich ihrem Namen gerecht wird. Da rollern nicht irgendwelche Kügelchen neben der Wirbelsäule hin und her, sondern da walzt es kraftvoll von der Lende bis zu den Schulterblättern. Zudem lässt sich der Fahrersitz nicht nur elektrisch vor- und zurückfahren, er merkt sich auf Knopfdruck auch die bevorzugte Sitzposition von zwei Personen. Und der sportlich orientierte Fahrer kann die Seitenwangen – ebenfalls elektrisch – enger an den Latissimus Dorsi anschmiegen. Das ist zum Beispiel etwas, was Skoda für den Superb nicht zu bieten hat und auch im VW Passat nicht angeboten wird.

Viel fürs Geld

Ebenfalls nicht verfügbar ist im Skoda das Head-up-Display, das Opel für den Insignia für knapp 1000 Euro anbietet und das tatsächlich großflächig und in brillanter Auflösung nicht nur die Navigationsdaten einblendet, sondern auch die Funktion des Spurhalteassistenten, des adaptiven Abstandsradars, den Hinweis für querende Fußgänger oder die Warnung kurz bevor der Notbremsassistent zuschlägt. All diese Funktionen gibt es zusammen mit dem Parkpilot und einer 360-Grad-Kamera im Innovationspaket für 1390 Euro. Keine der hier angeführten Funktionen hat über 3000 gefahrene Testkilometer auch nur ansatzweise gemuckt, sich zurückgezogen oder gar den Geist aufgegeben.

Der Kofferraum ist im Vergleich mit der Konkurrenz nicht der Größte, bietet aber mit 560 bis 1665 Liter ausreichend Platz.
Der Kofferraum ist im Vergleich mit der Konkurrenz nicht der Größte, bietet aber mit 560 bis 1665 Liter ausreichend Platz.(Foto: Holger Preiss)

Vielmehr arbeitete der Spurhalteassistent mit sanftem Gegendruck beim Verlassen der Bahn. Der Abstandsradar bremste auf der Autobahn und beim Stop-and-Go sauber ein und die Front- und Heckkamera lieferte messerscharfe Bilder und erwies sich an unübersichtlichen Stellen zusammen mit dem Querverkehrswarner als echte Hilfe. In Summe sind die fast 2,5 Riesen als Aufwendung für diese technischen Beigaben wirklich gut angelegt. Das sind im Übrigen auch die 980 Euro für das FlexRide-Fahrwerk, das in der Komforteinstellung Unebenheiten sanft wegschaukelt und im Sportmodus selbst einen bis unters Dach beladenen Insignia Sports Tourer zackig ums Eck gehen lässt. Wer will, kann in den Fahrzeugeinstellungen vorwählen, ob er zwischen Komfort und Sport lieber manuell wechselt, oder ob er es Sensoren und Computer überlässt zu entscheiden, wann es ans Eingemachte geht oder wann die Fahrgemeinschaft sanft bewegt werden möchte.

Diesel für den Dauerlauf

Fakt ist jedenfalls, dass der 2.0-Liter-Diesel mit seinen 170 PS und den schon erwähnten 400 Newtonmetern beides zulässt. Untenrum ist der Selbstzünder zwar etwas knurrig, wird dann aber im flotten Langstreckenmodus zum von Opel versprochenen "Flüsterdiesel". Erst wenn die acht Stufen der Automatik hurtigt und fast ruckelfrei durchgeschaltet sind, nimmt die Geräuschkulisse ab 180 km/h zu. Das, was sich jetzt aber im Innenraum tonal bemerkbar macht, sind die Rollgeräusche, die im Verbund mit dem Straßenbelag und den 1260 Euro teuren 20-Zoll-Rädern zustande kommen. Hier muss jeder für sich entscheiden, ob die Eitelkeit siegt oder das Ruhebedürfnis. Denn Fakt ist: Die großen Alus stehen dem sich tief auf die Straße duckenden Sports Tourer ganz ausgezeichnet. Doch wie dem auch sei, der große Rüsselsheimer erfreut am Ende mit einer Spitzengeschwindigkeit von 220 km/h. Die erreicht er leer und mit einem Gewicht von etwa mehr als 1,5 Tonnen auch recht locker. Ist die Kiste hingegen voll, genehmigt er sich schon etwas Anlauf und die 9,2 Sekunden reichen nicht mehr, um die Fuhre auf  Landstraßentempo zu bringen.

Der 170 PS starke Diesel hat seine Stärke vor allem auf der Langstrecke.
Der 170 PS starke Diesel hat seine Stärke vor allem auf der Langstrecke.(Foto: Holger Preiss)

Bei aller Hatz ist das Triebwerk natürlich am genügsamsten, wenn die Spitzengeschwindigkeit nicht dauerhaft ausgereizt wird. Hält man sich in Bereichen zwischen 120 und 160 km/h auf, stehen am Ende 6,9 Liter auf der Uhr. Ein Wert, der sich sehen lassen kann. Wird das Gaspedal häufiger Richtung Bodenblech bewegt, können es schon über acht Liter werden, was verglichen mit einem Benziner dieser Leistungsklasse immer noch ein Witz ist. Fakt ist aber auch, dass der große Diesel seine Stärken tatsächlich – und das verwundert nicht wirklich – vor allem über die lange Distanz ausspielen kann. Natürlich kann man ihn über die linke Spur jagen, aber entspannter gibt er sich eben – um es mal musikalisch auszudrücken – im vivace und allegretto, nicht aber im prestissimo.

Unter der magischen 50.000-Euro-Grenze

Apropos Musik. Opel bietet für den Insignia natürlich auch seinen Online-Service OnStar an. Wichtigste Funktion ist hier - gerade für junge Reisende in der zweiten Reihe - der WLAN Hotspot, damit ihre elektronischen Endgeräte wie Smartphone und Tablet auch jederzeit entsprechende Daten liefern. Leider sträubte sich beim Testwagen das WLAN hartnäckig Daten zu übertragen, obgleich die Kopplung mit den externen Geräten problemlos gelang. Woran das lag, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden, aber schade war es schon. Denn gerade im Ausland, wo das Navi mancherorts Kapriolen schlug, wäre die Spiegelung über Apple Carplay und die Verifizierung der Streckenführung über "Karten" schon recht nützlich gewesen. Am Ende des Tests ist das aber ein kleiner Wermutstropfen, der den insgesamt fantastischen Eindruck, den der Insignia Sports Tourer hinterlassen hat, kaum schmälern kann.

Doch kommen wir zum Abschluss noch einmal auf den Preis zu sprechen. Unterm Strich würde Opel für ein Fahrzeug wie den Testwagen 49.680 Euro aufrufen. Wer auf die 20-Zöller oder das große Panoramaglasdach für 1285 Euro verzichtet, entfernt sich aber schon wieder deutlich von der magischen Grenze der 50.000 Euro. Und nimmt man die oben erwähnten Premiumfahrzeuge zum Vergleich, sind selbst 50.000 Euro keine Hürde: Volvo möchte nämlich für den V90 D3 in ähnlicher Ausstattung 66.360 Euro haben. BMW ruft für den Touring 520d 70.940 Euro auf und Mercedes verlangt für das T-Modell der E-Klasse als 220d mit ähnlicher Konfiguration gar 82.628 Euro. Lediglich der Skoda Superb unterbietet den Insignia am Ende um knapp 3000 Euro.

Fazit: Opel hat mit dem Insignia Sports Tourer ein Auto im Angebot, das sich weder in puncto Verarbeitung noch mit Blick auf Assistenzsysteme oder allgemeinen Komfort hinter Premiumfahrzeugen verstecken muss. Auch Platzangebot und Fahrverhalten lassen kaum Kritik zu. Beim Preis von knapp 50.000 Euro mag man hadern, aber gemessen an dem, was Opel dafür in das Fahrzeug gesteckt hat, geht der Preis absolut in Ordnung. Hinzu kommt, dass die Rüsselsheimer wie andere Hersteller für ihre Dieselfahrzeuge eine Prämie von bis zu 7000 Euro ausloben. Immer vorausgesetzt der Käufer fährt mit einem sehr alten Dieselfahrzeug vor.

DATENBLATTOpel Insignia ST 2.0 CDTI AT8
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,99 / 1,94 / 1,50 m
Radstand2,83 m
Leergewicht (DIN)1716 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen560 / 1665 Liter
MotorVierzylinder-Diesel mit 1956 ccm Hubraum
Getriebe8-Gang-Automatik
Systemleistung125 kW / 170 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit220 km/h
Tankvolumen62 Liter
max. Drehmoment400 Nm / bei 1750 - 2500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h9,2 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,6 / 7,5 / 5,7 l
Testverbrauch6,9 l
EffizienzklasseA / EU6
Grundpreis38.455 Euro
Preis des Testwagens49.680 Euro

Quelle: n-tv.de

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