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Gelehrter Erfinder der "Weltformel": Umberto Eco (1932 - 2016).
Gelehrter Erfinder der "Weltformel": Umberto Eco (1932 - 2016).(Foto: dpa)

Zum Tod von Umberto Eco: "Das kann sich keiner ausdenken"

Spät erst findet der Professor aus Mailand zur Schriftstellerei: Doch gleich der erste Roman macht den Professor für Zeichentheorie weltberühmt. Nun ist die Stimme des italienischen Literaten und Wissenschaftlers für immer verstummt.

Millionen von Lesern hat Umberto Eco mit einer literarischen Reise tief hinein ins Mittelalter geführt und dabei kenntnisreich und wie nebenbei die faszinierenden Ansichten und Denkweisen einer fremden und doch so nahen Welt eröffnet. Wie kein anderer konnte er seine Fans fesseln, unterhalten und zugleich höchst kenntnisreich ins Bild setzen. Sein Welterfolg "Der Name der Rose" katapultiert jeden, der das Buch in die Hand nimmt, in die bizarre und zugleich faszinierend düstere Atmosphäre einer Benediktinerabtei des frühen 14. Jahrhunderts, wo der Mönch "William von Baskerville" eine grausige Mordserie aufklären muss.

Die Geschichte der Welt und der Menschen in Zeichen und Symbolen: Umberto Eco konnte die Sprache der geheimen Bezüge lesen und erklären.
Die Geschichte der Welt und der Menschen in Zeichen und Symbolen: Umberto Eco konnte die Sprache der geheimen Bezüge lesen und erklären.(Foto: AP)

Die einzigartige Mischung aus Abenteuerroman, historisch genauer Erzählung und Kloster-Thriller kam gut an: "Der Name der Rose" wurde ein Riesenerfolg und machte den Professor mit einem Schlag weltweit bekannt. Weit über 15 Millionen Mal wurde "Der Name der Rose" verkauft. Seinem ersten Roman ließ der vom Publikum gefeierte und in Fachkreisen hoch geachtete Autoren noch sechs weitere folgen, darunter auch den immer noch topaktuellen Verschwörungstheorie-Klassiker "Das Focaultsche Pendel", in dem Eco seine Leser in einen enzyklopädischen Strudel aus Esoterik, Semiotik und Weltherrschaftsfantasien verstrickt. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Nullnummer", in dem er sich mit den Verstrickungen und Wechselwirkungen zwischen Politik und Boulevardjournalismus auseinandersetzt. Am Freitag ist Umberto Eco im Alter von 84 Jahren gestorben.

Sohn eines Buchhändlers

Als Eco sich das erste Mal als Romanautor versuchte, war er schon ein gestandener Wissenschaftler und Publizist. Geboren wurde er am 5. Januar 1932 als Sohn eines Buchhändlers in der schmucken Provinzstadt Alessandria in Piemont. In Turin studierte er Philosophie und Literaturgeschichte. Nach dem Abschluss 1954 arbeitete er einige Jahre als Kulturredakteur beim staatlichen Fernsehen RAI, danach wurde er Lektor des Mailänder Verlagshauses Bompiani.

1971 wurde er als Professor für Semiotik (Zeichentheorie) an die Universität Bologna berufen, wo er 1975 den Lehrstuhl bekam. Schon 1956 hatte Eco sein erstes Buch veröffentlicht, Thema war "Die Frage der Ästhetik beim Heiligen Thomas". Er fühlte sich aber nie zum Wissenschaftler im Elfenbeinturm berufen, sondern mischte auch im öffentlichen Leben seines Landes wortstark mit.

Klare Argumente gegen Berlusconi

Der streitbare, aber unorthodoxe Linke schrieb Artikel für die linke Zeitung "Il Manifesto" - zeitweilig unter dem Pseudonym "Dedalus" - und zählte 1979 zu den Mitbegründern der literarischen Monatszeitung "Alfabeta". Bis ins hohe Alter war er Kolumnist bei einer Reihe italienischer Tageszeitungen und dem Wochenmagazin "L'Espresso". Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründete er 2002 die Gruppe "Libertà e Giustizia" ("Freiheit und Gerechtigkeit"), die sich als intellektuelle Opposition gegen die Politik des langjährigen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi verstand.

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Der Professor ging schon auf die 50 zu, als er seinen ersten Roman schrieb. In "Der Name der Rose", erschienen im Jahr 1980, konnte er sein enzyklopädisches Wissen spielerisch umsetzen und in eine spannende Geschichte packen. Nicht wenige Kritiker sprechen von einem "Kultbuch", das nicht wenig dazu beitrug, die Mittelalterbegeisterung und zugleich das Interesse an der europäischen Geistesgeschichte neu zu beleben. Der Welterfolg wurde in Dutzende Sprachen übersetzt und schließlich mit Sean Connery in der Hauptrolle für die große Leinwand verfilmt.

Seitdem kannte man Eco in aller Welt. Einige Jahre später präsentierte er "Das Focaultsche Pendel". Sein zweiter Roman erschien im Jahr 1988, konnte aber kommerziell nicht an den Erfolg der "Rose" anknüpfen konnte - für ein Multitalent wie Eco war das leicht zu verkraften. Die Arbeit an den Romanen blieb für ihn eine Art Spiel und Zeitvertreib.

Multi-Ehrendoktor von Jerusalem bis Moskau

Seine Hauptbeschäftigung blieb die Wissenschaft - und die Vermittlung wissenschaftlichen Denkens in der breiten Öffentlichkeit. Schon die Zahl der Ehrendoktorwürden belegt, wie viel Anerkennung ihm die Welt der Universitäten zuteilwerden ließ. Umberto Eco bekam im Lauf seines Lebens fast 40 dieser Titel verliehen, darunter Auszeichnungen aus allen Weltrichtungen. Die Freie Universität Berlin ehrte ihn ebenso wie die Lomonossow-Universität in Moskau, das Royal College in London oder die Hochschule von Jerusalem. In einer Rangliste der wichtigsten Denker der Gegenwart listete das US-Magazin "Prospect" Umberto Eco 2005 auf Platz eins - weltweit.

Neben seiner theoretischen Arbeit verlor Umberto Eco nie die Lust an der Fiktion. Der Piemontese legte im Abstand von - grob gerechnet - jeweils einem halben Jahrzehnt einen neuen Roman vor: "Die Insel der verlorenen Tage" (1994), "Baudolino" (2000), "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" (2004) und "Der Friedhof in Prag" (2010). Immer wieder ging es auf Zeitreise in zum Teil recht weit zurückliegende Epochen.

Die Bedeutung der Geschichte

Seine Bücher lesen sich spannend wie Krimis, sind jedoch zugleich gespickt mit Hintersinn, voll an Geistesblitzen und kulturhistorischen Bezügen. Über die traditionelle Unterscheidung zwischen ernster Literatur und Unterhaltung konnte der Italiener nur lachen. In "Nullnummer" (2015) - seinem siebten und letzten Roman - befasste sich Eco mit Presse und Politik im modernen Italien. Er siedelte die Handlung lediglich zwei Jahrzehnte früher, im Jahr 1992, an. In einem "Zeit"-Interview nannte er dafür auch pragmatische Gründe: 1992 hatte die Ära des Internets noch nicht begonnen.

Nach seinem sechsten Roman legte Eco auch noch ein Buch über das Romaneschreiben selbst vor. "Ein Erzähler kann nichts erfinden, was der Dramatik und Komik der Wirklichkeit auch nur annähernd gleichkäme", lautet eines seiner Rezepte. "Je tiefer wir die Geschichte erforschen, auf umso mehr unglaubliche, romanhaft anmutende Situationen stoßen wir, auch der kreativste Kopf könnte sich so etwas nicht ausdenken."

Seine Reflexionen über Schreiben und Literatur erschienen kurz vor seinem 80. Geburtstag auf Deutsch unter dem Titel "Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers" (2011). Damit meinte er sich selbst. Denn weil er seine literarische Karriere so spät begonnen habe, sei er noch "ein ziemlich junger und sicher vielversprechender Romancier", wie Eco mit einem Augenzwinkern schrieb.

Quelle: n-tv.de

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