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War kein "Öko-Freak", aber hatte "Respekt vor der Natur": Peter Lustig.
War kein "Öko-Freak", aber hatte "Respekt vor der Natur": Peter Lustig.(Foto: imago/Strussfoto)

Abschalten jetzt!: Einen Peter Lustig gibt's nicht wieder

Von Volker Probst

Peter Lustig ist tot - und ganze Generationen reiben sich über der Nachricht traurig die Augen. Mehr als 25 Jahre lang hat er kleinen und großen Kindern im Fernsehen die Welt erklärt. Dabei blieb er immer ganz er selbst - oder etwa doch nicht?

"Ich bin ein Berliner." Was das mit Peter Lustig zu tun hat? Eine ganze Menge. Dabei wurde er 1937 in Breslau geboren, bis er nach der Kindheit im Nationalsozialismus zum Kriegsende hin aus dem heute polnischen Schlesien über Thüringen nach Oldenburg flüchten musste. Später lebte er unter anderem in Hamburg, auch mal auf Mallorca, ehe es ihn im Alter mit seiner dritten Ehefrau Astrid Berge in den hohen Norden zog: nicht etwa in einen Bauwagen, sondern auf einen Bauernhof nahe Husum an der deutsch-dänischen Grenze.

In dritter Ehe war Lustig mit Astrid Berge verheiratet (Bild von 2008).
In dritter Ehe war Lustig mit Astrid Berge verheiratet (Bild von 2008).(Foto: imago/eventfoto54)

Doch einen Koffer hatte Lustig stets in Berlin. In den sechziger Jahren begann hier die Laufbahn des ausgebildeten Rundfunk- und studierten Elektrotechnikers. Hier ließen sich viele seiner insgesamt vier Kinder und neun Enkel nieder. Hier hatte er - trotz der Idylle bei Husum - "ewig" eine Wohnung. Und hierher verlagerte er wenige Jahre vor seinem Tod auch wieder seinen Lebensmittelpunkt. "So kann ich ein besserer Vater und Opa sein", begründete er dies 2012 gegenüber der "B.Z.".

Und dann wäre da natürlich noch die amüsante Anekdote mit John F. Kennedy, von der er stets zu erzählen wusste: Als der damalige US-Präsident 1963 seinen berühmten "Ich bin ein Berliner"-Satz vor dem Schöneberger Rathaus sagte, musste natürlich jemand für den Ton bei der Aufnahme der Rede verantwortlich zeichnen. Wer das war? Peter Lustig.

Von "Pusteblume" zu "Löwenzahn"

Auch in der Sendung "Löwenzahn", die Lustig rund 25 Jahre moderierte, spielte Berlin indirekt eine Rolle. Zum einen, weil ein Großteil der Dreharbeiten zu der Serie hier stattfand. Zum anderen, weil der fiktive Schauplatz "Bärstadt" von manch einem als Hinweis auf die Stadt mit dem Bären im Wappen interpretiert wurde. Oder ging der Ortsname doch auf das real existierende Bärstadt nahe Mainz zurück? Schließlich wurde die Sendung vom ZDF produziert. Nachdem sein Talent nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera schon bei einer Nebenrolle in der "Sendung mit der Maus" entdeckt worden war, stieg der Techniker beim Zweiten endgültig zum Moderator auf.

Ein Dreamteam: Lustig und Klaus-Dieter.
Ein Dreamteam: Lustig und Klaus-Dieter.(Foto: imago/United Archives)

Peter Lustig. Haha! Ist ja lustig. Während man sich als Kind über den Namen des spaßigen Onkels da im Fernsehen zu beeumeln wusste, argwöhnten manche Eltern vermutlich, da habe sich einer ein ganz besonders cleveres Pseudonym für ihre Kleinen erdacht. Doch weit gefehlt. Das musste der als Peter Fritz Willi Lustig geborene Unterhalter nicht. Rätselhaft war einem indes auch schon als Kind, weshalb die 1978 auf Sendung gegangene "Pusteblume" nur kurz darauf - ab 1981 - eigentlich auf einmal "Löwenzahn" hieß. Heute lässt sich das relativ leicht aufklären: Hintergrund war ein Streit und Bruch des ZDF mit der ursprünglichen Produktionsfirma des Formats, die die Namensrechte an "Pusteblume" hielt.

So erfolgreich wie Peter Lustig das Kinderfernsehen aufmischte, so schnell hätte alles wieder vorbei sein können. 1984 erkrankte er an Lungenkrebs. Es folgten mehrere Operationen, an deren Ende ihm nur noch ein Lungenflügel blieb. Eine gesundheitliche Einschränkung, die ihn sein ganzes weiteres Leben begleiten sollte. Doch immerhin. Er hatte den Krebs besiegt - und machte weiter. Noch einmal mehr als 20 Jahre, bis er 2005 seinen Abschied nahm von "Löwenzahn", dem Bauwagen und Klaus-Dieter - der sprechenden Ukulele mit Augen aus Glühbirnen, die er einst selbst gebaut hatte.

Die Sache mit den Kindern

Dass das Publikum gern das Leben eines Schauspielers mit seiner Rolle verwechselt, ist nicht ungewöhnlich. Larry Hagman etwa mochte in Wahrheit noch so ein netter Kerl sein - nicht wenige sahen auch privat in ihm irgendwann nur noch den "Dallas"-Bösewicht J.R. Ewing. Film-, Serien- und Soap-Darsteller können reihenweise ein Lied davon singen, wie sie auf Grund ihres fiktiven Charakters in der Öffentlichkeit beschimpft werden. Oder verehrt. So wie Peter Lustig. Bei ihm schien das Serien-Ich mit dem wahren Ich vollends zu verschmelzen, auch weil er eben gerade kein "lustiges" Pseudonym verwendete, sondern in "Löwenzahn" sich selbst zu spielen schien.

Nicht ganz so ein Dreamteam: Lustig und Nachbar Paschulke (Helmut Krauss).
Nicht ganz so ein Dreamteam: Lustig und Nachbar Paschulke (Helmut Krauss).(Foto: imago stock&people)

So war es natürlich nicht. Jedenfalls nicht in Gänze. Ja, okay, die Latzhose trug Lustig auch privat. 35 Stück habe er, verriet seine Frau 2005 dem "Stern". Und ja, klar, dass die "Bild am Sonntag" dem Fernsehonkel aller Heranwachsenden und echten Vater von vier Sprösslingen einst reißerisch unterstellte, er könne Kinder eigentlich so gar nicht leiden, war natürlich auch kompletter Quatsch. Lustig hatte in einem Interview lediglich erklärt, dass Dreharbeiten mit Kindern anstrengend sein könnten und die Zeit vor der Kamera für die Kleinen oft eine Qual sei. Eine lapidare Feststellung - keine Zurückweisung seiner Zielgruppe.

Dagegen räumte Lustig etwa im "B.Z."-Gespräch durchaus ein: "Ich bin gar nicht so ein Öko-Freak, wie alle glauben!" Und dem "Stern" offenbarte er (während er sich eine Prise Schnupftabak gönnte): "Ich mag kein Müsli und ich trage auch keine Birkenstock-Sandalen. Ich habe Respekt vor der Natur, das ist alles." Aber nun auch nicht wieder so viel Respekt, dass er sein reales Leben dann wirklich in einem Bauwagen verbracht hätte. Also bitte, wer wohnt denn auch schon in einem Bauwagen?!

Die Welt des Peter Lustig

Doch auch wenn Freiluft-Idylle und Öko-Touch bei dem Schauspieler an manchen Punkten mehr schnöder Schein als wahres Sein gewesen sein mögen - als "Pusteblume" beziehungsweise "Löwenzahn" auf die Mattscheibe kamen, passte das natürlich wie die Faust aufs Auge in die Zeit. Eine Zeit, in der noch viel über alternative Lebensformen nachgedacht wurde und man noch nicht unbedingt ein "Spießer" werden wollte, wenn man mal groß ist. Und eine Zeit, in der die Grünen gerade aus der Taufe gehoben wurden. Kein Wunder, dass die Sendungen in konservativen Kreisen - ähnlich wie ein paar Jahre zuvor die "Rappelkiste" wegen des in ihr vermittelten Familienbildes - nicht überall auf Gegenliebe stießen.

Aber diese Zeiten sind vorbei. Dass Peter Lustig mit seiner Art, die Welt zu erklären, diese eher ein Stück besser als schlechter gemacht hat, ist längst Konsens. Ein so breiter Konsens, dass er mit "Löwenzahn" ganze Generationen geprägt hat. Generationen, die sich - obwohl sich Lustig schon vor über zehn Jahren von ihnen im Fernsehen verabschiedet hat - nun über der Nachricht vom Tod des Schauspielers mit 78 Jahren traurig die Augen reiben.

"Löwenzahn", Bärstadt, den Bauwagen und sogar den schrulligen Nachbarn Paschulke (gespielt von Helmut Krauss) gibt es noch immer. 2006 trat Guido Hammesfahr in der weiterhin produzierten Sendung als Fritz Fuchs in Lustigs Fußstapfen. Doch eins ist klar: Einen Peter Lustig wird es in Zeiten von Disney Channel, Youtube und Netflix nie mehr geben. Einen, der nicht nur zwischen "Heidi", "Sindbad" und "Wickie", sondern auch und erst recht zwischen "Ninja Turtles", "Clone Wars" und "Monster High" mal rät: "Abschalten jetzt." Und auch das kann einen traurig stimmen.

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Quelle: n-tv.de

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