Unterhaltung

Das Dschungelcamp ges(ch)asst: Grimme-Jury ohne Mut

Von Volker Probst

Der Grimme-Preis für das Dschungelcamp?!? Der Aufschrei war groß, als die Jury des renommierten Instituts das scheinbar schmuddelige RTL-Format für eine Auszeichnung nominierte. Nun können alle wieder abkühlen. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" hat den Preis nicht bekommen. Schade aber auch.

Keine Frage: "Der Tatortreiniger" und "Switch Reloaded" sind sicher dufte Formate. Und dass sie mit der Folge "Schottys Kampf" beziehungsweise dem "'Wetten dass..?'-Spezial" in der Kategorie Unterhaltung nun mit dem Grimme-Preis geehrt wurden, hat ebenso sicher seine Berechtigung. Das will und sollte ihnen niemand absprechen. Einzig ein wenig seltsam mutet es an, dass "Der Tatortreiniger" aus der Schmiede des Norddeutschen Rundfunks (NDR) die Auszeichnung nun im zweiten Jahr in Folge erhalten hat. Dass das "ungewöhnlich" sei, musste auch Grimme-Chef Uwe Kammann einräumen. Es sei jedoch ebenso "gerechtfertigt".

Er kann sich über den zweiten Grimme-Preis für "Der Tatortreiniger" freuen: Schauspieler Bjarne Mädel.
Er kann sich über den zweiten Grimme-Preis für "Der Tatortreiniger" freuen: Schauspieler Bjarne Mädel.(Foto: dapd)

Man könnte es dabei belassen. Man könnte - wäre die Verleihung der diesjährigen Grimme-Preise nicht im Vorfeld geradezu ideologisch aufgeblasen worden. Beinahe konnte man meinen, es ginge nicht allein um einen schnöden Fernsehpreis, sondern um das Wohl und Wehe des Abendlandes. Der Grund dafür: "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" Jenes Format, das alle Welt eigentlich nur als das "Dschungelcamp" kennt - aber in jedem Fall kennt. Jenes Format, das seinen Ursprung mit "I'm A Celebrity … Get Me Out Of Here!" an sich in Großbritannien hat und in der Vergangenheit in noch sechs weiteren Ländern produziert wurde. Jenes Format, das hierzulande seit mittlerweile fast zehn Jahren bei RTL auf Sendung ist und immer wieder Millionen Zuschauer findet. Und jenes Format, das trotz alledem nach wie vor die Gemüter zu erregen scheint wie kein anderes.

"Bluthusten der europäischen Kultur"

Als bekannt wurde, dass die Grimme-Jury in der Kategorie Unterhaltung diesmal auch das Dschungelcamp nominieren würde, machte sich dann auch weniger Begeisterung als Entrüstung breit. "Das RTL-Ekelformat aus Australiens Wildnis ist und bleibt Trash-TV", glaubte etwa die "Ostsee-Zeitung" in Stein meißeln zu können. Der für Qualitätsfernsehen der Marken "Schulmädchen-Report", "Traumschiff" und "Schwarzwaldklinik" bekannte Sascha Hehn verstieg sich im "Focus" zu der Aussage: "Wenn ich sehe, dass das RTL-Dschungelcamp für den Grimme-Preis nominiert ist, dann bekommen Sie mich zu solchen Preisverleihungen nur noch, wenn Sie mir das Gehalt von zehn Spielfilmen zahlen" - sicher viel in seinem Fall. Und den Höhepunkt bildete selbstredend der Ausraster von Hehns Schauspielkollegin Katrin Sass, als diese in der Talkshow von Markus Lanz den Ex-Dschungelcamper und König a.D. Peer Kusmagk aber mal so richtig desavouierte. Mehr, als der es vermutlich je bei den Lästerattacken des einstigen Dschungel-Moderatoren-Duos Sonja Zietlow und Dirk Bach verspürt hatte.

Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr?!
Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr?!(Foto: dpa)

So einmalig und ungeheuerlich wie die Nominierung des Dschungelcamps für den Grimme-Preis manchen offenbar vorkam, so beispiellos war die Reaktion der Verantwortlichen. Instituts-Direktor Kammann sah sich gar genötigt, die Berücksichtigung der RTL-Show nachträglich in einer ausführlichen Stellungnahme zu rechtfertigen. Die Kritik lasse einen "nicht unberührt" und sei "auch verständlich", sagte Kammann da. Er rekurrierte auf "den tiefgreifenden Wertewandel, den die Gesellschaft seit der Nachkriegszeit und beschleunigt seit Ende der 60er Jahre vollzieht", ebenso wie auf die einst als "Bluthusten der europäischen Kultur" verdammten Gewaltphantasien des Marquis de Sade, die "heute nicht selten auch als radikalste Aufklärung über Mensch und Natur dechiffriert" würden.

Allein das schon zeigt: Die Debatte geht tief. Jedenfalls um einiges tiefer, als dass man das Dschungelcamp mit der notorischen "Trash TV"-Keule, die immer wieder ausgepackt wird, einfach so niederknüppeln könnte. Würde man beim Grimme-Preis der ursprünglichen Logik bei der Echo-Verleihung folgen, wonach ausschließlich die Verkaufszahlen für eine Auszeichnung ausschlaggebend sind, dann käme an "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" definitiv niemand vorbei. Schließlich verfolgten zuletzt im Schnitt mehr als sieben Millionen Zuschauer das Format. Das Finale der diesjährigen Show erreichte in der Zielgruppe gar einen sagenhaften Marktanteil von beinahe 50 Prozent. Doch was für den Echo gilt, gilt selbstredend auch hier: Allein der Erfolg reicht als Kriterium für Preiswürdigkeit nicht aus. Jedenfalls dann nicht, wenn es andere gewichtige Gründe gibt, die dem entgegenstehen. Die Frage ist: Gibt es die beim Dschungelcamp?

Verstehen Sie Spaß?

Sucht man eine Antwort darauf, verzettelt man sich schnell in einer Diskussion um Moral. Gar "menschenverachtend" findet mancher Kritiker schließlich das, was da im australischen Dschungel vonstatten geht. Dem wiederum lässt sich die Freiwilligkeit entgegenhalten, mit der sich die Protagonisten den scheinbar unzumutbaren Torturen unterziehen. Wer ins Camp zieht, weiß schließlich, worauf er sich einlässt. Das etwa können die "Opfer" eines Unterhaltungs-Dinosauriers wie "Verstehen Sie Spaß?" nicht gerade behaupten. Trotzdem käme wohl niemand auf die Idee, die Scherze mit der versteckten Kamera ähnlich zu verdammen wie die Dschungel-Show.

In den vergangenen Jahren entwickelte sich in dem Camp ein ums andere Mal eine Eigendynamik, die das scheinbar feststehende System von Moral und Amoral gehörig durcheinanderschüttelte. Bestes Beispiel ist natürlich die Staffel, aus der Peer Kusmagk als Sieger hervorging und die sich geradezu zu einem Shakespeare-Drama des Reality-TV mauserte. Beinahe eine ganze Nation fieberte mit, ehe sie am Ende selbst die Bösewichter verbannen und den Guten zum König küren durfte. Ein moralisches Lehrstück, an dem natürlich im Hintergrund auch fleißig mitgeschrieben wurde - nicht von Shakespeare, sondern von RTL. Doch war nicht gerade dies ein hervorragendes Beispiel für gut gemachtes Unterhaltungsfernsehen?

Spätestens jedoch, wenn es um die Moderationen von Sonja Zietlow, dem verstorbenen Dirk Bach und nun Daniel Hartwich geht, erübrigt sich indes eigentlich eine Diskussion. Das ist Comedy pur. Und allemal bessere Comedy als die vieler Comedians, die uns allabendlich im Fernsehen beglücken und deren Humorzentren sich nur allzu oft nun wirklich - im wahrsten Sinne des Wortes - nur unterhalb der Gürtellinie befinden.

Die Nominierung des Dschungelcamps für den Grimme-Preis ebnete den Weg für einen ernst zu nehmenden Diskurs über das Format. Das war richtig und wichtig. Eine Sendung, die Millionen - vom Teenie bis zum Akademiker - regelmäßig in ihren Bann zieht, immer nur als "Schmuddelkram" abzutun, kann auf keinen Fall zielführend sein. Dass die Show den Preis nun am Ende nicht bekommen hat, darf man durchaus auch schade finden. Weil man aber ja als Mitarbeiter von n-tv schnell in den Verdacht gerät, seinem Muttersender RTL nach dem Mund zu reden, sei noch erwähnt: Schade ist es auch, dass die ebenfalls in der Kategorie Unterhaltung nominierte Talkshow "Roche & Böhmermann" bei der Preisverleihung leer ausging. Angesichts der Diskussion darum, dass das ZDF ausgerechnet seinen Kulturkanal einstellen will, hätte das Grimme-Institut auch hier ein Zeichen setzen können. Doch das ist wieder ein anderes Thema.

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Quelle: n-tv.de

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