Zwischenbilanz"Ich habe Schmerzen!"

Insekten, Vaterkonflikte, extrem große Power-Busen, die Erektion eines ehemaligen Fußballstars und mal wieder nichts zu essen. Die sechste Auflage der Serie "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" spielt fleißig die Erfolgsklaviatur des Formats durch. Trotzdem ist zu Beginn der K.o.-Runden noch Luft nach oben. Ein Zwischenfazit.
Vermutlich ist es die einzige Gemeinsamkeit - doch in diesem Punkt gleicht die gern geschmäht, aber noch lieber gesehene Sendung sogar den großen Fußballturnieren, also EM oder WM. Die Vorfreude dort auf Torfestivals, Elfmeterschießen und Heldensagen weicht bei Anpfiff regelmäßig immer auch einer gewissen Ernüchterung. Beim abtastenden 0:0 im Eröffnungsspiel fällt es einem plötzlich alles wieder ein: Ach, stimmt, selbst dieses Spektakel kocht nur mit Wasser und fängt nicht gleich auf 180 an.
Nun, im 2012er Dschungel ist es sicher fraglich, ob die leicht schwermütige Crew es wirklich schaffen wird, noch ganz großen Trash-TV-Sport im Camp aufzufahren. Doch die (vorerst zumindest) ausgebliebenen epochalen Momente von Action und Chaos darf man dem Format auch nicht allzu hoch in Rechnung stellen.
Denn auch ohne vermutlich Unwiederholbares wie Sarah Knappiks letztjährige Borderline-Gala: Diese Staffel hat mehr zu bieten, als ihr bis dato nachgesagt wird. Wir haben uns nach der ersten Wochen durch die wichtigsten Eckpunkte der Sendung gecheckt.
Checkpoint 1 - Das verdammte Wetter
Diesem ganz banalen Faktor dürfte geschuldet sein, dass die Insassen von Anfang an sehr gestresst auftraten und nicht dauernd hyperaktiv am Lagerfeuer in die Kameras sangen. Alles nass - und die erhoffte Sonne versteckt sich nicht nur hinter den dichten Baumwipfeln, sondern auch hinter immensen Wolkenbruchformationen. Erfahrene Dschungelcamp-Zuschauer können sich dabei natürlich noch an die letzte Staffel erinnern, als das Camp wegen Sintflut sogar geräumt werden musste - der gemeine Promi hatte diese widrigen Umstände allerdings nicht auf dem (Regen)Schirm. Oder wie es Ramona Leiß angesichts Dauerregens konsterniert zu Protokoll gab: "Das sieht man aber auch nicht im Fernsehen!"
Checkpoint 2 - Die sinnstiftende Moderation
Dem schnippisch überdrehten Traumpaar Bach/Zietlow ist es zu verdanken, dass die Sendung trotz der überschaubaren Ereignisse nie ihren Flow verlor und sich an keinem Tag schlechter konsumieren ließ als eine gute Pizza. Der ewig halbnackten Micaela gab Zietlow einfach ein "Gähn ... Titten" mit. Und für die komplette Gruppe hatte sie einen hübschen Berlin-Vergleich übrig: "Die Arbeitslosen dort nennen sich auch alle Künstler."
Obwohl ihrem selbst- bzw. senderreflexiven Witz der letztjährige Eklat zusätzlich in die Karten gespielt hatte, kann man konstatieren: Die Beiden sind und bleiben die Schlüsselfiguren bezüglich Witz, Häme aber auch Empathie. Was damit ja nicht weniger ist als die Dreifaltigkeit einer gelungenen Dschungelshow.
Checkpoint 3 - Die große Inszenierung
Tag 5 des Dschungels müsste strenggenommen ins Drama-Lehrbuch für alle Reality-TV-Schulklassen aufgenommen werden: Über den Tag verteilt streuten sich Teaser über diverse Kanäle, die verhießen, Daniel Lopes verließe das Camp. In der Sendung kommt dann ein Einspieler, wie jener (Camp-Name "Day-Lo") ansetzt und ruft, "Ich bin ein ..." - vor Vollendung aber aufgelöst abbricht. Schnitt. Man fühlt sich bestätigt, alles doch nur heiße Luft. Kurz ein Musikbett, dann setzt er wieder an - und diesmal folgt tatsächlich der komplette Satz! Wow. Verblüffung. Die Kakerlake vom Abendbrot bleibt einem im Halse stecken - und man ist voll dabei, als sich die nächsten Minuten Lopes ganze Auszugs- und Lebensgeschichte (Schulden! Sorgerecht!) entspinnt. Und merkt fast gar nicht, dass am Ende jener Sendung alles zurückgenommen wird und der verunsicherte Day-Lo ("Ich habe nix mehr abzunehmen! Ich habe Schmerzen!") doch wieder am Lagerfeuer abklatscht. Alles Nichts, oder? Vielleicht ja. Aber es kommt eben darauf an, wie man es inszeniert. Dass dann ausgerechnet Daniel als erster dem Zuschauer-Votum zum Opfer fällt, passt dazu wie zum Hohn.
Checkpoint 4 - Die zahnlosen Prüfungen
Hier drängt sich für zukünftige Auflagen der Serie der spürbarste Handlungsbedarf auf. Denn waren in den letzten Staffeln die Kandidaten immer wieder von der Ekelkaskade an ihre individuellen Grenzen geführt worden, präsentiert sich die sechste Generation völlig abgestumpft. Das Einzige, was die Prüflinge bis dato davon abhielt, alle Sterne abzugreifen, waren zu große Stinkfrucht-Röstis, Zeitlimits, Koordinationsstörungen oder Dreifach-Knoten.
Der einstige Vollhorror der Dschungelprüfung hat sich jedenfalls konsequent zu einem leicht unappetitlichen Spielshow-Element runtergekocht, wie man ihn schon aus Klassikern wie "Dalli Dalli" oder Rudi-Carrell-Sendungen kennen kann.
Der Mensch ist in der Lage, sich an Extremsituationen anzupassen. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" verifiziert damit nur eine weitere archaische Binsenweisheit. Recht so. Bloß, was muss das für die Zukunft der Dschungelprüfungen bedeuten? Die müssen so gestrickt sein, dass sie diese neue Souveränität der Kandidaten wieder auszuhebeln vermögen. Was allerdings schwer werden dürfte, da der Ekelfaktor (innerhalb des noch Vereinbaren und der Grenzen der Medienwächter) sich einfach nicht als beliebig steigerbar erweist.