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So freut sich ein Teenager: Jamie-Lee Kriewitz vertritt Deutschland beim ESC in Stockholm.
So freut sich ein Teenager: Jamie-Lee Kriewitz vertritt Deutschland beim ESC in Stockholm.(Foto: picture alliance / dpa)

"Dann mach ich Hackfleisch aus dir": Jamie-Lee gewinnt Babsis ESC-Resterampe

Von Volker Probst

Um die deutsche Eurovision-Song-Contest-Ehre zu retten, braucht es eine 17-jährige Castingshow-Siegerin: Jamie-Lee Kriewitz gewinnt den Vorentscheid und fährt nach Stockholm. Jedenfalls lässt sie erst mal nichts anderes verlauten.

Irgendwie war man den ganzen Abend verleitet, sich in Xavier Naidoo hineinzuversetzen. Demnächst wird er bei "Sing meinen Song" wieder deutsche Pop- und Rockgrößen wie Nena, The BossHoss und Annett Louisan um sich versammeln. Doch beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) durfte er jetzt erst einmal Leuten wie Ella Endlich, Joco und Laura Pinski zugucken. Und nebenbei vielleicht in sein Kissen beißen, weil sie und nicht er da auf der Bühne standen. Oder aber lauthals lachen.

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Denn was die Verantwortlichen nach dem Ex-und-Hopp-Flop mit dem Sohn Mannheims in Köln zusammengeklaubt hatten, glich schon ein wenig Barbara Schönebergers Resterampe. "Ohne Xavier müssen wir tapfer sein, aber diese Show bietet so viel mehr", versuchte sie, vom Klavier begleitet, selbst noch musikalisch zu retten, was auf diesem Weg zu retten war. Und stimmt schon: Wenigstens "Babsi" - die sich ganz nebenbei für den ESC 2017 ins Gespräch brachte - hatte Einiges zu bieten. Ebenso wie ESC-Plaudertaschen-Urgestein Peter Urban. Um für Stimmung zu sorgen, war sich Schöneberger sogar nicht zu schade, im kleinen Blauen auf dem gespreizten Schoß eines bekennenden Ralph-Siegel-Fans Platz zu nehmen. Und Urban ließ mit seinen Kommentaren einen Hauch echtes ESC-Feeling aufkommen, bis ihm zur Mitte der Show hin auf einmal aus unerfindlichen Gründen der Saft abgedreht wurde.

Ein musikalischer Weltkrieg

Doch immerhin eins stand von Anfang an fest: Egal, welche Kirmeskapelle den Vorentscheid gewinnen würde - sie würde auf jeden Fall zum ESC-Finale nach Stockholm fahren. Oder wie es Schöneberger variantenreich mehrfach zu betonen wusste: "Wenn du mir den Kümmert machst, Baby, dann mach ich Hackfleisch aus dir." Schließlich musste sie der armen Ann-Sophie nach der Schwanzeinzieher-Nummer von Andreas Kümmert im vergangenen Jahr die Song-Contest-Teilnahme noch wie ein Apotheken-Umschau-Abo aufschwatzen. Und der Schock darüber saß anscheinend auch bei ihr nach wie vor tief.

Der Zirkus Roncalli? Nein, Avantasia!
Der Zirkus Roncalli? Nein, Avantasia!(Foto: picture alliance / dpa)

"Nicht mehr 0 Punkte, das wünsch' ich mir", lautete das zweite Mantra, das sich durch die Show zog, um der deutschen ESC-Seele ein bisschen Frieden zu geben. Doch leider mutete das meiste, was sich da im Vorentscheid tummelte, allen Texten über Peace, Love & Harmony zum Trotz wie ein musikalischer Weltkrieg an. Das fing bei Belanglosigkeiten wie dem Schwestern-Duo Joco und seiner Karaoke-Ausstrahlung beim Song "Full Moon" an. Bei Einschlafhilfen wie den trotz Bar-Musik-Sound bekifft wirkenden Keøma mit "Protected" ging es weiter. Und bei Zumutungen wie Woods Of Birnam mit "Lift Me Up (From The Underground)" um Sänger Christian Friedel hörte es auf. So wenig Rick-Astley-Charme gab es seit Rick Astley noch nie. Aber schön, dass in Dresden jetzt offenbar wenigstens goldene Bomberjacken angesagt sind.

Da hätte man sich dann tatsächlich sogar noch eher die Schlagerfraktion nach vorne gewünscht: Ella Endlich mit ihrem Adrenalin-tötenden "Atemlos"-Verschnitt "Adrenalin" etwa. Oder Luxuslärm mit "Solange Liebe in mir wohnt", auch wenn einen bei der Textzeile "Ich bau' aus Trümmern einen Thron" der Gedanke befiel: Ihr wollt doch jetzt wohl nicht ernsthaft aus diesen Song-Trümmern den ESC-Thron bauen! Von Laura Pinski mal ganz zu schweigen. Ihr von "Mister Grand Prix" verzapftes "Under The Sun We Are One" ließ es einem wirklich eiskalt den Rücken herunter laufen. Aber ihr Kleid und die Projektionen darauf waren - darauf geben wir Ihnen sozusagen Brief und Siegel - schon schön.

Authentizität versus Klasse

Die Möchtegern-Mönche von Gregorian lieferten indes eine Performance zwischen stilechtem Feuerzauber und in ihren Kutten eher an die Jedi-Ritter erinnernden Laser-Effekten ab. Doch zumindest hätte ihr "Masters Of Chant" eine ordentliche Portion ESC-Pathos in sich gehabt. Ins Finale schafften es aber drei andere: Avantasia, Alex Diehl und Jamie-Lee Kriewitz.

Dieser Weg war auch für Barbara Schöneberger kein leichter.
Dieser Weg war auch für Barbara Schöneberger kein leichter.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass Diehl und Kriewitz zu den Favoriten der Show gehören würden, pfiffen schon im Vorfeld der Entscheidung die Spatzen von den Dächern. Und der Facebook-Star aus Bayern und die Gewinnerin von "The Voice of Germany" unterstrichen mit ihren Auftritten in der Sendung ihre Ambitionen. Man mag ja Diehl mit seiner Friedenshymne "Nur ein Lied" als optisch missglückte, wenngleich musikalisch gereifte Reinkarnation von Nicole belächelt haben. Aber in jedem Fall ist dieser "große, große Mann" (O-Ton Schöneberger) etwas, das im Vorentscheid herausstach: authentisch. Und man mag ja Kriewitz mit ihrem Song "Ghost" als verrücktes, wenngleich auffälliges Castingshow-Opfer abgetan haben. Aber auch diese Mischung aus "Rihanna goes Björk" (nochmal O-Ton Schöneberger) hat etwas, das in Köln definitiv den Unterschied machte: internationale Klasse.

Dabei hatten in dieser Hinsicht eigentlich Avantasia die große Klappe. Vollmundig besudelte sich ihr Sänger Tobias Sammet im Einspielfilm mit dem Eigenlob, sie würden ja schließlich auf "Welttournee" gehen und hätten Anhänger, die "nicht zu unterschätzen" seien. Auf der Bühne hatte Sammet dann allerdings in etwa die Aura von Scorpions-Schluffi Klaus Meine im roten Mantel eines Zirkusdirektors, während er mit "Mystery Of A Blood Red Rose" längst vergessen gehoffte Hardrock-Grausamkeiten aus den 80er-Jahren beging. Doch im Gegensatz zu manchem Wacken-Jünger hat der gemeine ESC-Fan dann womöglich doch noch keine Palette Dosenbier intus, um das gut zu finden.

Hauptsache "hart"

Indem die Zuschauer Avantasia auf den dritten Platz hievten, entsprachen sie dennoch dem Klischee, dass hierzulande alles, was auch nur irgendwie teutonisch "hart" daherkommt, ganz gut ankommt. Im Dreier-Finale brachte es die Combo auf 21,6 Prozent der Stimmen. Alex Diehl landete bei 33,9 Prozent. Und Jamie-Lee Kriewitz räumte mit 44,5 Prozent die Resterampe ab. Die internationale Klasse bezwang die authentische Masse sozusagen.

Alles andere wäre auch ein echter Treppenwitz gewesen. Dennoch sollten sich die deutschen ESC-Verantwortlichen mal Gedanken darüber machen, was es heißt, dass ein Facebook-Phänomen und eine 17-jährige "The Voice"-Gewinnerin ihnen die Kohlen aus dem Feuer holen müssen. Solange die Plattenlabels den Vorentscheid vor allem als Experimentierbühne für zu pushende Neuerwerbungen begreifen, "junge" ARD-Radios hier lokalpatriotische Marotten ausleben und ansonsten zusammengerafft wird, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, verliert sich der Wettbewerb zusehends in der Bedeutungslosigkeit. Nein, niemand möchte in Stockholm 0 Punkte einfahren. Und vor allem will sich niemand lächerlich machen. Mit Jamie-Lee Kriewitz besteht die Möglichkeit dazu. Unter den gegebenen Umständen war es so ziemlich die einzige.

Quelle: n-tv.de

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