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Wir müssen nur noch kurz die Welt retten: Alex Diehl bei den Proben zum ESC-Vorentscheid.
Wir müssen nur noch kurz die Welt retten: Alex Diehl bei den Proben zum ESC-Vorentscheid.(Foto: dpa)

Schlager, Siegel, Frieden, Amen: Was wird unser Song für Stockholm?

Von Volker Probst

Es ist so weit: Jetzt haben die Zuschauer die Wahl. Nach der Xavier-Naidoo-Pleite bewerben sich zehn Kandidaten um das Ticket für den Eurovision Song Contest. Wer soll für Deutschland die 0-Punkte-Hürde überwinden? Eine Orientierungshilfe.

Dieser Weg wird kein leichter sein. Nun gut, für Xavier Naidoo schon. Der muss sich am Abend nur auf die Couch fläzen, eine Tüte Chips aufreißen und den Fernseher einschalten. Aber für die zehn Epigonen, die nun an seiner Stelle zum Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm fahren und dort Deutschland im Finale am 14. Mai vertreten wollen, wird es steinig. Der Vorentscheid steht an. Und damit Sie während der Übertragung zur Not auch mal kurz auf die Toilette verschwinden oder sich ein Schnitzel braten können, geben wir Ihnen vorab schon einmal eine Orientierungshilfe. Diese zehn möchten in Schweden das 0-Punkte-Debakel beim Wiener ESC im vergangenen Jahr vergessen machen:

Alex Diehl: "Nur ein Lied"

Deutschlands Nicole im Jahr 2016 ist ein Mann, trägt Bierbäuchlein und Bart. Nach den Terroranschlägen in Paris brachte Alex Diehl mit einem Song, der irgendwie "Nur ein Lied" war, die sozialen Netzwerke geradezu zum Explodieren. Nun soll ganz Europa in die Friedenshymne des Bayern mit einstimmen. Und wer weiß: Vielleicht haben sich nach dem ESC ja wirklich alle wieder lieb - von Russland bis zur Ukraine, von Deutschland bis Österreich, von Griechenland bis zur Türkei (ach nee, die Türkei macht ja beim ESC wieder mal gar nicht mit). Alex Diehl sei Dank! Die Rückendeckung vom "Meister" jedenfalls hat er schon einmal. "Nach über 30 Jahren ein klitzekleines bisschen Frieden" - das wäre doch gar nicht so schlecht, findet Guildo Horn.

Avantasia: "Mystery Of A Blood Red Rose"

Wer dachte, Strumpfhosen-Metal der Marke Helloween, Running Wild oder Blind Guardian sei seit den 80er-Jahren ausgestorben, hat sich getäuscht. Eine Band wie Avantasia um Mastermind Tobias Sammet hält die schöne Tradition des Falsett-Bombastrocks aufrecht. Auf einen Song wie "Mystery Of A Blood Red Rose" wäre womöglich auch Meat Loaf stolz gewesen. Vergleiche zu den einstigen ESC-Gewinnern Lordi, die manche anstrengen, sind indes vollkommen unangebracht. Er mache beim ESC mit, obwohl "Kunst im Gegensatz zum Synchronschwimmen keine objektiv bewertbare olympische Disziplin sein kann", so Sammet. Ähh, ja. Aber absaufen kann man dann doch in beiden Fällen.

Ella Endlich: "Adrenalin"

Der Schlager ist zurück. Helene Fischer, Beatrice Egli & Co sei Dank. Und auch beim ESC-Vorentscheid schlägt sich das in diesem Jahr nieder wie schon lange nicht mehr. Eine der Kandidatinnen, auf die Roy Black, Rex Gildo, Cindy & Bert bestimmt stolz wären, ist Ella Endlich. Die Wahl-Berlinerin brachte es mit einer Coverversion der "Drei Nüsse für Aschenbrödel"-Melodie "Küss mich, halt mich, lieb mich" zu einer gewissen Bekanntheit. Doch weil es bis Weihnachten noch ein wenig hin und jetzt keine Zeit für Märchen ist, versucht sie es im Vorentscheid mit "Adrenalin". Wie heißt es doch im Text? "Die Wolkendecke malt uns ein Bild und du gibst Gas, mein Herz schlägt wie wild. Lächeln um Lächeln verlier' ich mich in dir." Ob es den TV-Zuschauern wohl auch so gehen wird?

Gregorian: "Masters Of Chant"

Klar, der ESC ist heilig. Aber so heilig, dass er sich gleich als Einfallstor für ein paar Kuttenträger eignet? Gregorian wollen es jedenfalls wissen. Einst dem Dunstkreis der Sacro-Pop-Kapelle Enigma entfleucht, beglücken sie uns seit Ende der 90er-Jahre mit gregorianischen Chorälen im Hipster-Gewand. Ihr "Masters of Chant" erinnert ein wenig an "Time To Say Goodbye" - kein Wunder, zeichnete doch Gregorian-Produzent Frank Peterson seinerzeit auch für die spätere Henry-Maske-Hymne verantwortlich. Gibt es von der Gruppe in Mönchskostümen eins auf die Zwölf oder gehen Gregorian wie schon 2013 die (echten) Priester, die es ebenfalls mit Sakral-Sound probiert hatten, im Vorentscheid k.o.? Egal, wie es ausgeht, wir sagen jetzt schon mal zu allem Ja und Amen.

Jamie-Lee Kriewitz: "Ghost"

"Keine Sorge, ich fahre auf jeden Fall nach Stockholm, wenn ich gewinnen sollte!", verspricht Jamie-Lee Kriewitz. Puuh, dann ist wenigstens schon mal die Gefahr abgewendet, dass sie den Andreas Kümmert macht. Wie der ESC-Verweigerer vom vergangenen Jahr ist der Teenie mit Manga-Meise ein Gewächs der Castingshow "The Voice of Germany". Kriewitz hat diese 2015 gewonnen. Mit ihrem Finalsong "Ghost" will sie nun auch beim ESC be-"geistern" - und es gibt so einige, die die 17-Jährige zum Favoritenkreis beim Vorentscheid zählen. Zum Beispiel ihre "The Voice"-Mentoren Michi Beck und Smudo von den Fantastischen Vier: "Wir haben keinen Zweifel, dass das großartig ausgehen wird. Go, Jamie, Go!"

Joco: "Full Moon"

Sie sind Schwestern und sie heißen Josepha und Cosima. Na, fällt der Groschen? Jo-Co?! Und obwohl sie in Ostfrieland aufgewachsen sind, schmettern sie einem nicht etwa Ottos "Dänen lügen nicht" entgegen, sondern ihren Song "Full Moon". Wie der Titel schon sagt, geht es darin um den Vollmond, den bekanntlich manche Menschen für so alles Mögliche verantwortlich machen. Beim Vorentscheid sollten sich Joco aber lieber nicht auf ihn verlassen - dass der Mond zuletzt in voller Pracht am Himmel stand, ist drei Tage her. Schon eher sollte das Duo da auf seine musikalischen Kenntnisse bauen, schließlich haben die Schwestern ihr Handwerk auch studiert. Na, hoffentlich ist das den Zuschauern nicht zu verkopft.

Keøma: "Protected"

Auch Keøma kommen als Doppelpack daher, allerdings in gemischter Form. Kat Frankie und Chris Klopfer verbergen sich hinter dem Duo, das mit dem Song "Protected" das ESC-Ticket lösen will. Zumindest für ihn wird der in Köln ausgetragene Vorentscheid ein Heimspiel - Klopfer wohnt in der Domstadt, während die in Australien geborene Frankie ihre Zelte in Berlin aufgeschlagen hat. Keømas Song ist der vielleicht betulichste Beitrag im Wettbewerb, der einen mit sphärischen Klängen einzulullen versucht. "Night Drive Pop made in Germany", sagen die Macher selbst dazu. Aber natürlich sollte man beim Fahren auch immer darauf achten, nicht einzuschlafen.

Laura Pinski: "Under The Sun We Are One"

Laura Pinskis Beitrag ist der eigentliche Clou im Vorentscheid. Oder Aufreger. Oder Irrsinn. Denn: "Under The Sun We Are One" stammt aus der Feder von keinem Geringeren als Ralph Siegel. Und so klingt das Lied dann auch. Sowohl musikalisch als auch vom Text her. Neben Alex Diehl wird Pinski im Windschatten Siegels zum zweiten Nicole-Klon, der am liebsten mal eben nur noch kurz die Welt retten würde: "A new world will rise, if we realize: Under the sun we are one." Uff! Doch es gäbe auch einen guten Grund, den Song wirklich zum ESC zu schicken, denn Siegel verspricht: "Wenn ich jetzt für Deutschland nochmal starten könnte, dann wäre es auf jeden Fall zum letzten Mal."

Luxuslärm: "Solange Liebe in mir wohnt"

Luxuslärm sind schon eine rechte Mogelpackung. Denn ihre Musik ist weder Luxus noch Lärm. Stattdessen fischen die Möchtegern-Rocker aus Iserlohn tief in den Gewässern des Schlagers. So auch bei ihrem Lied "Solange Liebe in mir wohnt", mit dem sie sich nun für den ESC bewerben. Seine Karriere pushte das Quintett in der Vergangenheit nicht zuletzt durch Auftritte in Seifenopern - von "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" über "Unter Uns" und "Anna und die Liebe" bis "Alles was zählt". Werden die Zuschauer den Auftritt von Luxuslärm am Ende eher als gute oder schlechte Zeit empfinden? Bei der Abstimmung im Vorentscheid werden wir es erfahren.

Woods Of Birnam: "Lift Me Up (From The Underground)"

Die Woods Of Birnam sind, wenn man so will, eine All-Star-Combo. Den Gesang bei der Truppe übernimmt mit Christan Friedel ein Schauspieler, der unter anderem aus der Wladimir-Kaminer-Verfilmung "Russendisko" und Michael Hanekes "Das weiße Band" bekannt ist. Für die Musik im Hintergrund sind vier Jungs verantwortlich, die früher beim One-Hit-Wonder Polarkreis 18 in Diensten standen. Sie wissen schon, die, die so "Allein, allein" waren. Mit "Lift Me Up (From The Underground)" präsentiert die Gruppe einen Indie-Pop-Song, der in die Beine gehen soll. Hoffentlich nicht so, dass die Zuschauer nach dem Hören die Beine in die Hand nehmen.

Das sind sie also, die zehn Anwärter für das ESC-Ticket. Nun haben Sie die sprichwörtliche Qual der Wahl. Und manch einer meint, dass in diesem Jahr der Fokus vor allem auf der Qual läge. Der von Barbara Schöneberger moderierte Vorentscheid geht am Donnerstagabend im Ersten über die Bühne. Und zumindest im Show-Teil wird es hochkarätig. Den absolvieren The BossHoss gemeinsam mit den ESC-Zweiten von 2014, The Common Linnets.

Quelle: n-tv.de

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