"Singen ist für mich Lebensqualität"Jodelkönigin Maria Hellwig wird 90
Bauerntheater, Volksoper, Fernsehsendungen: Maria Hellwig hat sich in die Volksmusikherzen vieler gesungen und gejodelt. Auch mit 90 denkt sie nicht ans Aufhören.
Maria Hellwig hat ein Nahziel und ein Fernziel. "Das Nahziel ist ihr 90. Geburtstag am 22. Februar", sagt Tochter Margot. Dann will die "Jodelkönigin" mit rund hundert Verwandten, Freunden und Kollegen in ihrem geliebten Cafe "Kuhstall" in Reit im Winkl ein rauschendes Fest feiern - "wenn nichts mehr dazwischenkommt", wie Margot Hellwig einschränkt. Denn seit einem erneuten Sturz Anfang des Jahres hat die Jubilarin starke Rückenschmerzen und musste vorerst alle Auftritte absagen. Das Fernziel ist dann der 9. Mai. An diesem Sonntag - Muttertag - will die wohl älteste aktive Volksmusiksängerin im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal nach dem häuslichen Unfall wieder auf die Bühne.
Mit spezieller Krankengymnastik bereitet sich die stets im Dirndl auftretende Künstlerin darauf vor, vielleicht schon bei der Geburtstagsfeier wieder ein paar Walzerschritte zu unternehmen. "Meine Mutter jammert nicht", umschreibt Tochter Margot die eiserne Disziplin, mit der die "Grande Dame" der Volksmusik die Last des Alters trägt. "Es wird jeden Tag besser", ergänzt Maria Hellwig. Die Stimmbänder kämen langsam wieder in Schwung." Gesangsübungen gehören zum täglichen Fitnessprogramm der Mutter. "Die Stimme muss schließlich gut klingen."
Abschied liegt ihr fern
Maria Hellwig wurde mit mehr als 500 Sendungen im Fernsehen und auf Tourneen rund um den Globus zur ungekrönten "Jodelkönigin". Ans Aufhören denkt die mittlerweile fast blinde Sängerin nicht: "Ich bleibe auf der Bühne, solange ich mich zum Walzer drehen kann und die Leute mich mögen", bekennt sie immer wieder. "Singen ist für mich Lebensqualität."
Als sie 2006 mit 86 Jahren am deutschen Vorentscheid zum "Grand Prix der Volksmusik" im ZDF teilnahm, begegnete sie Kritikern mit der Feststellung: "Ich will mit meiner Teilnahme ein Zeichen setzen, dass Menschen auch im Alter noch aktiv sein können." Der Titel, den sie zusammen mit Tochter Margot sang, umschreibt auch ihr Lebensmotto: "Unser tägliches Brot ist Musik".
Populär wurde Maria Hellwig in den 1970-er Jahren mit der Fernsehsendung "Die Musik kommt". Nach der Wiedervereinigung gewann sie in den ostdeutschen Bundesländern viele Fans hinzu. Den Sachsen oder Brandenburgern macht die ausgebildete Operettensängerin denn auch große Komplimente. "Die können wenigstens noch zuhören", sagte sie etwa bei den Proben zum "Grand Prix der Volksmusik".
"Gut gestorben" mit fünf Jahren
Weltweit bekannt wurde Maria Hellwig mit ihrer ganz besonderen Technik des Jodelns. Zum ersten Mal stand sie mit fünf Jahren auf der Bühne des heimatlichen Bauerntheaters - als Mädchen, das sterben musste. "Die Leute haben geweint. Da dachte ich mir, du musst gut gestorben sein", erzählt sie noch heute schmunzelnd. Während Tochter Margot bei der Großmutter in der oberbayerischen Heimat aufwuchs, sammelte Maria Hellwig nach Ende des Zweiten Weltkrieges an der Hamburger Volksoper Erfahrungen im Operettenfach. "Ich war auf der Akademie der Tonkunst, hatte ein Stipendium und kam per Zufall, weil die Soubrette krank wurde, zu einer Rolle in 'Land des Lächelns'."
Ihrer Tochter zuliebe kehrte sie zusammen mit ihrem zweiten Mann nach Reit im Winkl zurück. Daheim entdeckte der Jodelsänger Franzl Lang die Künstlerin für die berühmte Münchner Volksbühne "Platzl", wo ihre zweite Karriere begann. Durch Schallplattenaufnahmen, Gastspiele und Tourneen wurde sie schnell als Volksmusikantin berühmt. Sie spielte in zwei Heimatfilmen mit, ging 1959 mit Max Greger auf eine Tournee durch Russland und wurde in Amerika, Kanada und Japan als Botschafterin deutscher Volksmusik gefeiert.
Für ihre Verdienste um die Volksmusik erhielt Maria Hellwig viele Auszeichnungen. Auch Goldene Schallplatten gehören dazu. Doch vielmehr freut sie eine Ehrung ihrer Heimatgemeinde Reit im Winkl: Demnächst heißt der Weg an ihrem Gästehaus "Maria-Hellwig-Weg".