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Kein Geringerer als Musiker-Kollege Bryan Adams lichtete die beiden Herren ab.
Kein Geringerer als Musiker-Kollege Bryan Adams lichtete die beiden Herren ab.(Foto: Bryan Adams)

"Hurts" tun uns mit Absicht weh: Kann ein Video noch schockieren?

Von Sabine Oelmann

In welcher Welt wollen wir leben? Am liebsten doch in einer, in der wir sein können, wie wir wirklich sind. In der uns keiner vorschreibt, was schön ist oder richtig. "Hurts" sangen vom "Wonderful Life" - und schockieren jetzt mit "Beautiful Ones".

Wir erinnern uns gut an die beiden Synthie-Pop-Jungs von Hurts: Theo Hutchcraft und Adam Anderson. Der Sound: Achtzigerjahre mit viel Pet Shop Boys, Depeche Mode und Tears for Fears, aber auch Frankie Goes To Hollywood. Der Look: clean und ein bisschen arg gebügelt. Die Hits ihres Debütalbums "Happiness" - "Wonderful Life" und "Stay" - katapultieren sich in die Charts und in unsere Ohren. Jetzt kommen sie mit ihrem vierten Album zurück und präsentieren als Erstes den Track "Beautiful Ones", bei dem vor allem das Video auf großes Interesse stoßen dürfte. 

Von der Band als ein "Loblied auf die Individualität" beschrieben, sehen wir einen Film, der tatsächlich heraussticht aus anderen Musikvideos. Das Drehbuch stammt von Hurts-Sänger Theo Hutchcraft, außerdem übernahm er die Hauptrolle. Es geht um das Äußere, das Aussehen, den Sex, den Spaß, das Anderssein. Dinge, die in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft inzwischen normal beziehungsweise unkommentiert bleiben sollten. Wenn ein Mann sich gerne Frauenklamotten anzieht? So what, soll er doch. Und wenn ein Mensch feststellt, dass er im falschen Körper - mit dem falschen Geschlecht - geboren wurde, dann ist das sicher eine einschneidende Feststellung für die Person, aber sind wir anderen nicht so weit inzwischen, dass wir sagen: "Hey, dann sei doch was du willst? Wir mögen dich trotzdem!?" Anscheinend nicht, wie Hurts zeigen.

Unübersehbar ist die Stilsicherheit der Band in visuellen Dingen. Das Video zu "Beautiful Ones" ist von provokanter Eindringlichkeit. Die Story, die sowohl auf Intrigen als auch Empathie basiert, behandelt die Themen Hass, Liebe, Brutalität und Schönheit. Wir fragen uns ja ständig, was schön ist, sind auf dem Trip, dass Natürlichkeit wieder angesagt ist, dass auch das Alter seine schönen Seiten hat (im wahrsten Sinne des Wortes), dass auch das schön ist, was einem erstmal nicht sofort ins Auge springt. Auf der anderen Seite sind wir operiert, gestrafft und gespritzt wie noch nie.

Lieber operiert oder Photoshop?

Aber ist der ganze Natürlichkeitswahn nicht auch ein großer Schwindel? Zum Beispiel die aktuelle Ausstellung "From Fashion To Reality" in der Kunsthalle München von Starfotograf Peter Lindbergh. Er sagt: "Ich finde, Selfies sind eigentlich so ziemlich das Blödeste, was es überhaupt gibt. Wer beispielsweise ein Selfie mit einem Star machen will, soll sich klarmachen, was das über sein Selbstwertgefühl aussagt: Das bedeutet, dass man sich selbst als kleiner ansieht als diese Person." Was totaler Bullshit ist, denn wenn eine "normale" Person sich mit seinem Idol fotografiert, dann kann das einfach auch nur Ausdruck großer Freude und großen Respekts sein. Hat ja nicht jeder das Glück, täglich die Topmodels, Mega-Schauspieler und Musiker vor der Linse zu haben wie ein Peter Lindbergh. Und auch über die Bildbearbeitung lässt er sich aus: Fotos zu bearbeiten sei so ziemlich das Letzte, sagt er. Und das, obwohl einige der am meisten bearbeiteten Frauen - wie Nicole Kidman - für ihn posiert haben (siehe Pirelli-Kalender).

Entschuldigung - können die Leute denn nicht endlich aufhören, anderen zu diktieren, was gut ist und was schlecht? Was hässlich und was schön ist? Was echt und was künstlich ist? Das ist alles eine Geschmacksfrage, eine Einstellungssache. Kann bitte mal jeder so sein dürfen, wie er will? Wenn eine Frau nicht natürlich sein möchte, sondern geschminkt, weil sie sich dann besser fühlt (nicht alle Frauen haben wie die Ü50-Damen bei Peter Lindbergh keine Dellen, keine Falten und keine Pickel!), dann soll sie sich bitte schminken! Wenn eine Frau lieber ein Mann wäre und umgekehrt, dann sollte man den Menschen auf ihrem schwierigen Weg beistehen und sie nicht dumm anmachen. Und dann werden wir auch wieder versöhnlich mit Herrn Lindbergh, denn ihm geht es ja auch um das Gute: in seinem Fall um die Verantwortung eines Fotografen, Frauen und letztlich jedermann vom Terror des Jugend- und Perfektionswahns zu erlösen.

Hurts mit "Beautiful Ones" wollen sich stark machen für alle, die nicht sein können, wer und wie sie sind. Wo auch immer. Eine wunderbare Message, die aktueller nicht sein könnte. Es steht jedoch zu befürchten, dass die Botschaft des Videos den Song an sich fast übertrumpfen wird. Sei's drum. Man darf gespannt sein auf das Album. #WeAreTheBeautifulOnes

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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