Unterhaltung
Dieter Moor will Deutscher werden, denn auf seinem Bauernhof in Brandenburg ist er längst heimisch geworden.
Dieter Moor will Deutscher werden, denn auf seinem Bauernhof in Brandenburg ist er längst heimisch geworden.(Foto: picture alliance / dpa)

Dieter Moor will Deutscher werden: "Schweizer sind Idioten"

In Brandenburg kann man lernen, ehrlich zu sein, sagt Dieter Moor. Seit neun Jahren bewirtschaftet der Schweizer Moderator und Autor hier mit seiner Frau einen Bauernhof. Nun ist er so heimisch geworden, dass er Deutscher werden will, wie er n-tv.de erzählt. Außerdem spricht er über seine Landsleute, den Bio-Boom und die angebliche Landidylle.

Weite statt Berge, Brandenburg statt Schweiz. Dieter Moor hat gewagt - und gewonnen. Neun Jahre nach seinem Umzug in die neuen Bundesländer ist der TV-Moderator und Autor heimisch geworden. So heimisch, dass er in diesem Jahr die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen will, wie er im Gespräch mit n-tv.de verrät. "Ich muss es einfach tun", so Moor. Seine Eidgenossen hält er dagegen für Idioten. Dass sein Buch über den Umzug nach Brandenburg, "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht", ein so großer Erfolg wurde, verwundert ihn. Mit dem derzeit grassierenden Boom an Landidylle kann er aber ohnehin nicht viel anfangen. "Wenn man Ruhe will, muss man in der Stadt bleiben", so Moor gegenüber n-tv.de.

n-tv.de: Wie geht es Ihrem Hürlimann, dem Schweizer Traktor, den Sie sich in Brandenburg gekauft haben?

Dieter Moor: Dem geht's so gut wie lange nicht. Ein Fachmann verpasst ihm gerade eine neue Verkabelung, eine neue Bremse und auch ein bisschen neue Farbe.

Werden Sie noch oft darauf angesprochen, dass Sie vor neun Jahren aus der Schweiz auf einen brandenburgischen Bauernhof gezogen sind? Sind die Menschen immer noch überrascht?

Bilderserie

Überhaupt nicht, die Menschen vor Ort waren ja nie überrascht. Ich werde das aber oft gefragt. Ich sage dann immer: "Nein, ich bereue es überhaupt nicht, es ist total gut und ich werde da auch nie wieder weggehen."

Sie haben einmal erwähnt, dass Sie erwägen, die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen. Wann werden Sie Deutscher?

Ich hoffe, dieses Jahr. Ich muss es einfach tun.

Warum?

Das ist eine Frage der Mitbestimmung etwa bei Wahlen. Als Ausländer in Deutschland, zumal aus einem Nicht-EU-Land, hat man zwar alle Pflichten eines Bürgers, aber keine Rechte.

Können Sie den Schweizer Pass behalten?

Ich glaube, man muss ihn offiziell zurückgeben, aber in Wahrheit verliert man ihn nie. Schweizer sein ist wie Hochadel, das wird man nie los.

Wie kommt es, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Schweizern derzeit so angespannt ist?

Weil die Schweizer einfach Idioten sind. Sie haben kein Selbstbewusstsein und verfälschen permanent ihre Geschichte. Entgegen den Mythen war die Schweiz vor ein paar hundert Jahren das Afghanistan Europas: Es waren ärmste Leute, es waren härteste Bedingungen, es war eine Bildungsmisere, es gab Religionskriege mit tausenden Toten. Die Schweiz war nie demokratiefähig, bis Napoleon kam und sagte: "Ich zwinge euch jetzt dazu." Seither meinen die Schweizer, sie hätten die Demokratie erfunden. Die Schweiz war auch nie freiheitswillig, bis Herr Schiller den Wilhelm Tell erfand. Seither glauben die Schweizer, sie seien freiheitswillig. Und es ist hochumstritten, ob der Rütlischwur jemals stattgefunden hat. Die Schweiz hat also keine Geschichte. Deshalb igeln sich die Schweizer ein, sind neutral und wollen nicht mitmachen. Jeder, der von außen kommt, wird von den Schweizern als jemand empfunden, der etwas wegnehmen will.

Droht sich die Schweiz vom Rest Europas und der EU zu isolieren?

Dieter Moor, hier im Kampf mit einem Käse-Fondue, wurde in Zürich geboren. Er ist Diplom-Schauspieler, Moderator ("titel, thesen, temperamente", "Bauer sucht Kultur"), Autor - und Bauer. Er lebt in Brandenburg.
Dieter Moor, hier im Kampf mit einem Käse-Fondue, wurde in Zürich geboren. Er ist Diplom-Schauspieler, Moderator ("titel, thesen, temperamente", "Bauer sucht Kultur"), Autor - und Bauer. Er lebt in Brandenburg.(Foto: picture alliance / dpa)

Wegen der Eurokrise haben die Schweizer Europagegner einen unglaublichen Auftrieb. Dabei verkennen sie, dass die Schweizer Regierung in Wahrheit schon zur EU gehört. Es wurden so viele bilaterale Verträge geschlossen, dass man eigentlich gleich beitreten könnte. Aber für den normalen Schweizer ist die Vorstellung, den Franken aufzugeben, nicht durchsetzbar. Man glaubt ja auch, man hätte den Franken erfunden, dabei wurde der auch von Napoleon aufgezwungen. "Franken" kommt ja nicht umsonst von "Franc".

Natalie Rickli von der Schweizerischen Volkspartei hat kürzlich gesagt: "Wir haben zu viele Deutsche im Land." Einzelne Deutsche würden sie nicht stören, aber die Masse, so Rickli.

Das ist auch typisch schweizerisch: Gegen den Deutschen an sich haben sie nichts, aber die Masse macht ihnen Angst. Es ist peinlich. Ich kann dazu nichts weiter sagen, außer dass ich mich dafür geniere.

Rickli hat auch vorgerechnet, dass die Anzahl der Deutschen in der Schweiz der Zahl von 2,7 Millionen Schweizern in Deutschland entsprechen würde. Mit welchen Argumenten würden Sie die Eidgenossen nach Brandenburg locken?

In Brandenburg ist man mit einer großen Ehrlichkeit konfrontiert. Man kann hier lernen, ehrlich zu sein: Wie es gesagt wird, so gilt es.

Sie haben in Ihrem Buch viele brandenburgische Machertypen beschrieben. Warum kommt die Wirtschaft in dem Land trotzdem nicht auf die Beine?

Das ist falsch, die Wirtschaft lahmt überhaupt nicht. Brandenburg hat von den deutschen Ländern die Finanzkrise am wenigsten schlecht überstanden. In den neun Jahren, die ich nun hier bin, hat sich das Land unglaublich verändert. Ich habe zum Beispiel Mühe, einen Handwerker zu finden, weil die Auftragsbücher voll sind. Ich halte die Wirtschaft in Brandenburg sogar für vorbildlich, weil sie meine Theorie unterstützt, dass die kleinteilige Wirtschaft, die auf Qualität und Ehrlichkeit beruht, sehr gesund ist. Es ist das Gegenteil von der Hochfinanz oder der Autoindustrie. Noch vor drei Jahren mussten wir die Autoindustrie mit Steuergeldern retten - jetzt scheffeln die schon wieder Milliarden.

Aber ist diese Mikroökonomie nicht eher etwas für den lokalen Bereich? Funktioniert das denn überhaupt noch für die Autoindustrie?

Bilderserie

Es würde funktionieren, wenn man es dezentralisiert. Man kann ein Auto auch bauen, indem man in vielen Regionen jeweils ein Ersatzteil baut. Mit dieser Mikroindustrie könnte man sehr viel erreichen. Aber Konzerne haben kein Interesse daran, dezentral zu arbeiten. Sie schauen weltweit, wo sie Arbeitskräfte noch ein bisschen effizienter ausbeuten können.

Diese Mikrowirtschaft ist auch Teil der Initiative für das "Modelldorf Hirschfelde", in dem sie leben …

Das ist eine Vision, die entwickelt wurde, um Arbeitsplätze zu schaffen. Das Problem der Provinz ist ja nicht der Wille der Menschen, sondern die Infrastruktur. Die Bahnlinie fährt eben irgendwann nicht mehr und wenn die jungen Leute keinen Job haben, gehen sie weg. In dem Modelldorf wollen wir mit Mikrowirtschaft und Mikrokrediten eine neue Lebendigkeit schaffen, zum gegenseitigen Vorteil und Nutzen.

Zusammen mit Ihrer Frau betreiben Sie dort einen Bauernhof nach den Demeter-Prinzipien. Was genau heißt das?

Demeter ist eine Dachmarke für biologisch-dynamische Landwirtschaft, die auf der anthroposophischen Idee nach Rudolf Steiner basiert. Die dahinter stehende übersinnliche, ätherische Philosophie verstehe ich selbst nicht. Wir haben einfach geschaut, welches das strengste Siegel für Nachhaltigkeit ist, weil wir den natürlichen Kreisläufen folgen wollten. Deshalb arbeiten wir nach Demeter-Prinzipien. Unsere Tiere halten wir zum Beispiel sehr naturgerecht, wir sind einer der sehr wenigen Höfe in Deutschland, der seine Tiere ohne Transport schlachtet. Unsere Wasserbüffel sterben auf der Weide, wir transportieren den Schlachtkörper, nicht das lebende Tier. Auch unsere Böden werden immer fruchtbarer, weil wir ihnen die Chance geben, wieder Humus anzusetzen.

Ist der Bio-Boom in Deutschland auch nachhaltig?

Dieter und Sonja Moor bewirtschaften ihren Hof nach Demeter-Richtlinien.
Dieter und Sonja Moor bewirtschaften ihren Hof nach Demeter-Richtlinien.(Foto: picture alliance / dpa)

Eigentlich will ich unseren Hof schon gar nicht mehr "Bio" nennen, vielleicht eher traditionelle Landwirtschaft. Denn wenn selbst Konzerne mit umstrittenen Produktionsmethoden eine Bio-Linie haben, dann lehne ich diesen Boom ab. Diese Form von Bio ist katastrophal. Aber der Konsument wird letztlich merken, dass das mit Bio nichts zu tun hat, denn viele Menschen machen sich sehr wohl Gedanken darüber, woher ihr Essen kommt und in welcher Welt ihre Enkel einmal leben sollen. Ich etwa habe noch Kindheitserinnerungen an funktionierende Bauernhöfe und habe zum Beispiel auch beim Schlachten zugesehen. Heutige Kinder kennen das gar nicht mehr. Aber es gibt immer mehr Menschen, die darin ein Stück verschwindende Kultur sehen. Wenn Städter sagen, sie fahren aufs Land, ist das nicht Natur, sondern über Jahrhunderte gewachsene Kultur, die jetzt in wenigen Jahrzehnten ruiniert wird. Es gibt ja nur noch riesige Felder bis zum Horizont und voll automatisierte Schlachthäuser.

Haben Sie schon mal in eins dieser erfolgreichen Hochglanzmagazine geschaut, die das Landleben propagieren?

Natürlich habe ich da mal reingeschaut. Das ist für mich wie dieser Boom von Kochsendungen. Es gibt eine Untersuchung, dass Menschen Kochsendungen sehen, während sie ihre Fertigpizza aus der Mikrowelle essen. Deshalb denken sie, sie hätten ein kulinarisches Erlebnis. Aber sie kochen eben nicht. So ist das auch mit der Landliebe. Diese Zeitschriften bedienen eine Sehnsucht nach dem Echten, Ehrlichen, nach dem Original. Aber man ist weit davon entfernt, sich wirklich damit auseinanderzusetzen.

Sie leben eigentlich in zwei Welten. Einerseits ist da der Hof, andererseits Ihr Beruf als Moderator und Autor. Haben Sie Probleme, zwischen hektischer Medienwelt und Landleben zu wechseln?

Ich weiß nicht, woher das Klischee herkommt, dass auf dem Land Ruhe einkehrt. Meine Frau, die früher Filmproduzentin war, hatte nie mehr Arbeit und Stress als heute. Die Ruhe auf dem Land gibt es nicht, vor allem nicht auf einem Bauernhof. Wenn man Ruhe will, muss man in der Stadt bleiben.

In der Schweiz hatten Sie mit "Night Moor" die einzige europäische Late-Night-Show neben Harald Schmidt. Dessen Sendung wurde nun ebenso eingestellt wie die von Thomas Gottschalk. Haben Sie Lust, noch einmal solch eine Show zu machen?

Das würde mich schon reizen, Late-Night ist schließlich die Königsdisziplin. Ich habe nur selber noch kein Argument für mich gefunden, warum ich das könnte.

Wären Sie als Schweizer im deutschen Fernsehen schwerer zu vermitteln?

Ich weiß nicht, ob das wirklich eine Rolle spielt. Die Frage ist eher, wie massentauglich ich bin. Ich merke, je älter ich werde, desto massentauglicher bin ich. Mit 90 Jahren kann ich dann vielleicht eine erfolgreiche Late-Night-Show machen.

Mit Dieter Moor sprach Markus Lippold.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen