Unterhaltung

Respekt, Herr Rach!Vom Gastrokritiker zum Streetworker

31.08.2010, 14:02 Uhr
imageSabine Oelmann
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Es wird heiß. Und anstrengend. (Foto: picture-alliance/ dpa)

"Ich hab' da mal was vorbereitet" war gestern! Heute muss ein Fernseh-Koch mehr können als Rezepte für gestresste Mütter oder einfallslose Hobbyköche anzupreisen. Heute muss ein TV-Koch Arbeitsmarkt-Härtefälle ausbilden.

Eines vorneweg: Ich hasse Koch-Shows! Und ich stehe nicht gerne in der Küche. Ich esse allerdings sehr gerne. Deswegen gehe ich auch lieber zum Sport, wenn Koch-Sendungen im Fernsehen laufen als mir diese anzusehen. Aber gestern habe ich mal eine Ausnahme gemacht.

Wahrscheinlich sehe ich mir bald sogar mal "Dr. House" an, aber ich muss ja nicht gleich übertreiben. Erstmal also Christian Rach. Der ehemalige RTL-Restaurant-Tester, der seine Belastbarkeit schon in etlichen, von Bratfett verklebten Küchen "Bei der dicken Moni" oder im "Gemütlichen Eckchen" unter Beweis gestellt hat, braucht mal wieder Nerven wie Drahtseile. Denn unter seiner Anleitung will er innerhalb von zwei Monaten aus Leuten, die "irgendwie einen Job in der Gastonomie" suchen, Restaurant-Profis machen.

Die Teilnehmer in "Rachs Restaurant-Schule" auf RTL sind 17 bis 44 Jahre alt, sie sind entweder Hartz-IV-Empfänger, obdachlos, Schulabbrecher, Singlefrau mit Hang zum Kuscheltier, reiches Bübchen oder überschminkte Tussi - und allen will er eine Chance geben.

Chapeau!

Man kann nicht anders als den Hut bzw. die Kochmütze vor dem Küchen-Profi ziehen, denn mit welcher Stärke er nonchalant über stundenlanges Zuspätkommen, leere Gesichtsausdrücke oder die Verwechslungen zwischen Basilikum und "Stau-Salat" (gemeint ist Staudensellerie) hinwegsieht, verdient einen Friedensnobelpreis. Wir wissen natürlich nicht, wie fürstlich Herr Rach für seine Sozialarbeitertätigkeit entlohnt wird, es ist aber auch egal, denn alles Geld der Welt macht es nicht leichter, aus zwölf Menschen mit Null Vorkenntnissen ein Team zu bilden, in dem das Besteck am richtigen Platz liegt, das Weißweinglas kein Rotweinglas ist oder die Suppe - hoffentlich nicht versalzen - nicht schon auf dem Weg von der Küche zum Gast verkleckert wird.

Das hat was, denen bei der Arbeit zuzugucken. Wer die ganzen Schwiegertöchter, Bauern, Supernannys, Schuldnerberater, Einrichtungsexpertinnen oder all die lustigen Köche nicht mehr sehen kann, dem sei Rach empfohlen. Der handfeste Gourmet-Guru ist als eine Art Kadettenanstaltsleiter zu betrachten, der seine Kompagnie schleift, bis sie weiß, dass "Grüner Veltliner" kein anderes Wort für Polizist ist oder bis die Truppe verinnerlicht hat, dass Tournedos in Zwiebelconfit nicht die nächste Kaltfront mit Regen ankündigen, sondern Rinderfiletscheiben an gedünsteter Bolle bedeuten.

Wenn die Restaurant-Schule Schule macht ...

Sterne-Koch Rach macht den Eindruck, als würde es ihm tatsächlich am Herzen liegen, aus dem bunten Kandidatenhaufen eine Truppe zu bilden, denen ein Ausbildungs- oder gar Anstellungsvertrag winkt. Und tatsächlich hat der Hamburger auch etwas zu verlieren - seinen guten Ruf zum Beispiel.

Erstmal hat der "Tafelhaus"-Betreiber aber einen hervorragenden Start hingelegt am Montagabend um 20.15 Uhr: Die neue Reihe wurde von 4,54 Millionen Zuschauern verfolgt, in der wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer betrug der Marktanteil stolze 19,6 Prozent. Der Quoten-verwöhnte Mittfünfziger wird so vielleicht in vielen anderen deutschen Städten nach Vorbild des Hamburger Ausbildungsrestaurants "Slowman" im altehrwürdigen Chilehaus den Chefkoch machen. Zu wünschen wäre es!