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Franz Kafka.
Franz Kafka.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Klassiker, Sprachmagier, Unglücksmensch: "Achtet auf Kafkas Humor!"

Vor 130 Jahren wurde einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller geboren: Franz Kafka. Er ist Pflichtlektüre in Schulen, doch der Zugang zu seinen Werken gilt als schwer. Zu Unrecht, betont Biograf Reiner Stach. Mit n-tv.de spricht er über Kafkas Humor, Slapstick-Szenen im "Prozess" und die Begeisterung, die das Lesen von Briefen bereiten kann.

n-tv.de: Ist der Geburtstag Kafkas für Sie als Biografen ein ganz normaler Tag, oder hat dieser Tag für Sie etwas durchaus Besonderes?

Reiner Stach: Ich denke natürlich daran, bereits wenn ich am Morgen aufwache. Aber dieses Datum hat für mich nicht dieselbe Bedeutung wie beispielsweise für Verlage oder für Journalisten. Dennoch: Wenn man sich so lange mit Kafka beschäftigt hat wie ich, dann erhebt man am Abend ein Glas Wein.

Kafkas Werke gelten als düster und hoffnungslos, der Zugang zu ihnen als schwierig. Dennoch sind T-Shirts mit seinem Porträt nicht nur bei Prag-Touristen beliebt. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Reiner Stach.
Reiner Stach.(Foto: picture-alliance/ ZB)

Kafka ist eine Pop-Figur, er ist eine sehr originelle Figur. Es gibt zahlreiche Anekdoten über ihn, er hatte merkwürdige Charaktereigenschaften, man sagt ihm nach, er habe endlose Probleme mit Frauen gehabt. Zudem hat sein Porträt einen hohen Wiedererkennungswert, selbst einen Schattenriss von ihm erkennt man sofort.

Außerdem hat sich der Zugang zu seinem Werk deutlich vereinfacht, seitdem man nicht mehr versucht, mit bestimmten Methoden den definitiven Kafka-Schlüssel zu finden. Das befreit die Leser. Ich war an vielen Gymnasien und habe mit vielen Schülern gesprochen, denn Kafka ist ja Abitur-Thema. Dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass es unter den Schülern regelrechte Fans gibt.

Es gibt allerdings auch Menschen – und zwar in allen Generationen – denen es schwerfällt, die richtige Wellenlänge zu finden. Wenn ich beispielsweise erwähne, dass es sich lohnt, auf Kafkas Humor zu achten, stelle ich immer wieder fest, dass dieser Humor manchen völlig verschlossen bleibt. Dann wird es natürlich schwierig, sich Kafka zu nähern.

Beim Vorlesen des ersten Kapitels aus dem "Prozess" hat Kafka gelacht. Das entspricht zwar nicht unbedingt der gängigen Sichtweise, doch Kafka wird seine eigenen Texte gewiss verstanden haben. Warum wird sein Humor so häufig übersehen? Haben wir zu viel Respekt vor seinen Werken?

Um diesen Humor zu verstehen, muss man eine gewisse Distanz zum Text haben. Wer in einer Diktatur lebt und das erste Kapitel aus dem "Prozess" liest, der denkt natürlich sofort daran, dass Kafka den modernen Staatsterror vorhergesehen hat. Wer jedoch einen freieren Blick darauf hat, der sieht, dass Kafka ungeheuer viele humoristische Elemente in seine Texte eingebaut hat. Die Verhaftung, mit der der "Prozess" beginnt, ist nicht realistisch. Sie hat komische Züge. Vor allem wie sich der Verhaftete verhält, das ist komisch. Er erkennt nicht, was da auf ihn zurollt – und macht deshalb Dinge, die kindisch sind. So überlegt sich der Verhaftete allen Ernstes, ob er nicht seinen Radfahrerausweis vorweisen solle, um in Ruhe gelassen zu werden. Das ist eine vollkommen irrsinnige Idee, und man merkt sofort, dass dieser Mensch nicht begriffen hat, womit er konfrontiert ist. Verhalten sich Menschen inadäquat, so ist das immer komisch. Und das ist bei Kafka ein Generalthema: Dass Menschen die Situation nicht begreifen, in der sie sich befinden.

Es tut aber auch weh, Kafka zu lesen …

Das liegt vor allem daran, dass die Themen wehtun. Es geht um Schuld, um Selbstrechtfertigung, um die vergebliche Suche nach einem letzten Sinn. Es geht auch darum, dass Menschen untergehen. Es geht um Situationen, in denen Menschen immer wieder Hoffnung aufbauen – und immer wieder enttäuscht werden. Das ist schmerzlich. Aber Kafka hat eine zweite Ebene eingezogen, das Spielerische, Atmosphärische. Auf dieser Ebene findet das Humoristische, das Komische statt.

Im "Prozess" hat er Slapstick-Elemente übernommen. Es gibt beispielsweise eine Stelle, an der Rechtsanwälte reihenweise eine Treppe hinuntergeworfen werden. Das ist eine absolut irreale Szene, die aus dem Slapstick-Kino stammt. Vergleichbares gibt es auch in anderen Werken. Man darf wirklich nicht vergessen, dass Kafka jemand ist, der mit großer Lust erzählerische Ideen ausreizt bis zum Letzten. Er hat einen bestimmten Einfall und reizt ihn aus, er folgt den Assoziationen, die sich daraus ergeben. Er spinnt daraus eine Handlung mit allergrößter Lust. Wer sich die so genannte "Kritische Ausgabe" anschaut, in der die von ihm gestrichenen Passagen zu finden sind, wird das noch viel deutlicher sehen.

Liegt die reduzierte Sicht auf Kafkas Texte auch daran, dass man das eigene klischeehafte Bild von Kafkas Leben in den Schriften wiederfinden will?

Häufig wird übersehen, dass Kafka in eine Katastrophenzeit hineingeboren wurde. Er hat sehr viel Pech gehabt. Als er sich entschlossen hatte, Prag zu verlassen und nach Berlin zu gehen, um dort freier Schriftsteller zu werden, brach der Erste Weltkrieg aus. Er war dann in Prag für mehrere Jahre festgesetzt, und alle mühsam eingefädelten literarischen Kontakte brachen ab.

Am Ende des Krieges, die Freiheit vor Augen, erkrankte er an der Spanischen Grippe. Daran ist er fast gestorben. Die Tuberkulose hatte er sich wahrscheinlich in seinem Büro zugezogen, da er jahrelang mit Schwerkranken zu tun hatte. Das sind alles Dinge, für die er nichts konnte – die sein Leben und dann natürlich auch seine Werke prägten.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Kafka eine Frage zu stellen, was würden Sie ihn fragen?

Über seine Beziehung zu Max Brod bin ich mir nicht klar geworden. Die war für ihn offenbar lebenswichtig. Andererseits muss er gewusst haben, dass Brod nicht im Entferntesten eine literarische Qualität hatte wie er selbst. Es muss ihm klar geworden sein, dass er literarisch von Brod nichts lernen kann. Es ist schwierig einzuordnen, wie er das selbst gesehen hat. Kafka hat versucht, zu anderen Literaten Kontakt aufzunehmen. Vielleicht auch aus dem Grunde, weil er sich von diesem engen Prager Zirkel frei machen wollte – aber das hat ja nicht funktioniert. Es ist mir nicht ganz klar geworden, wie er wirklich zu diesem Freund stand, zumal er einmal ausdrücklich schreibt, dass Brod ihn im Grunde nicht versteht.

Und doch hat er Brod als Nachlassverwalter eingesetzt – mit dem ausdrücklichen Wunsch, die unfertigen Schriften zu vernichten. Diese Bitte hat Brod glücklicherweise nicht erfüllt. Wieso hat Kafka eigentlich gewollt, dass der "Prozess" und das "Schloss" zerstört werden?

Ein Brief Kafkas.
Ein Brief Kafkas.(Foto: picture alliance / dpa)

Damals hat man literarische Fragmente nicht ohne weiteres als Werke akzeptiert, und Kafkas drei Romane sind nun mal Fragmente geblieben. Für Kafka war das Unfertiges, Unpublizierbares — er kam sich vor wie ein Komponist, der keine einzige Symphonie zustande gebracht hat. Heute haben wir darauf natürlich einen ganz anderen Blick. Kafka wollte zudem, dass seine Tagebücher – wie seine privaten Briefe – verschwinden...

Obwohl er ja sehr gerne Tagebücher gelesen hat.

In der Tat. Gerade deshalb hat er gewollt, dass seine Tagebücher zerstört werden. Und nur Max Brod war in der Lage, Aufzeichnungen und  Briefe Kafkas einzusammeln. Brod kannte Milena Jesenska und andere Menschen, mit denen Kafka Umgang hatte. Er konnte dort hingehen und um die Herausgabe der Briefe bitten – und um die der Tagebücher, die bei Milena Jesenska lagen. Und sie hätte diese wohl keinem anderen Menschen anvertraut.

Wenn jemand Kafka noch nicht kennt und ihn kennenlernen will, womit sollte er anfangen?

Ich würde jedem empfehlen, der Schwierigkeiten hat, sich Kafka zu nähern, die Tagebücher und Briefe zu lesen. Die sind zum Teil so wunderbar witzig. Aus Briefen macht er kleine Erzählungen, die herrlich zu lesen sind. Das ist viel Lesestoff, aus dem man wählen kann. Es gibt etwa 800 Tagebuchseiten, etwa 1500 Briefe sind erhalten. Das ist eine wunderbare Lektüre.

Auch bei mir war es so, dass der Kick erst mit den Tagebüchern kam. Ich habe schon als Jugendlicher die drei Romane gelesen. Das hatte mich aber nicht so gefesselt, dass ich das Gefühl hatte, damit müsse ich mich länger beschäftigen. Nachdem ich jedoch die Tagebücher gelesen habe, begann eine regelrechte Fan-Phase. Ich war identifiziert mit diesem Mann, es hat mich psychisch aus den Angeln gehoben, für eine Weile. Die Tagebücher haben mich verändert. Und sie haben mich Kafkas Werke mit anderen Augen lesen lassen.

Mit Reiner Stach sprach Jan Gänger

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Quelle: n-tv.de

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