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Der diesjährige Confed-Cup in Brasilien wurde von heftigen Protesten gegen Korruption und soziale Missstände begleitet. Fußballerische Schönheit und gesellschaftlicher Abgrund lagen - und liegen - nah beieinander.
Der diesjährige Confed-Cup in Brasilien wurde von heftigen Protesten gegen Korruption und soziale Missstände begleitet. Fußballerische Schönheit und gesellschaftlicher Abgrund lagen - und liegen - nah beieinander.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Brasilien zwischen Abgrund und Schönheit: Auch der Fußball ist schuldig

Luiz Raffato sorgte zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse für einen Eklat. Kein Wunder, dass er eine Fußball-Anthologie vorlegt, die weh tut. Junge Autoren schreiben derweil über Wohnsilos und Hühnerherzen. Im Regenwald geht der wahre "Indiana Jones" verloren. Und der junge Pelé sorgt für einen bitteren Beigeschmack.

So brutal offen präsentiert sich das Gastland Brasilien bei der Frankfurter Buchmesse, dass einem fast schon peinlich ist, wie oberflächlich und falsch doch der eigene Blick auf dieses Land war. Karneval, Copacabana, Samba - und Fußball, natürlich. Alles falsch. "Wir sind eigentlich kein fröhliches Volk", sagte der Autor Paulo Lins. In seiner Eröffnungsrede erinnerte Luiz Raffato daran, dass Brasilien entstanden ist aus Raub, Mord und Vergewaltigung der indigenen Bevölkerung.

"Der schwarze Sohn Gottes", erschienen bei Assoziation A, 184 Seiten gebunden, 16,00 Euro (D).
"Der schwarze Sohn Gottes", erschienen bei Assoziation A, 184 Seiten gebunden, 16,00 Euro (D).

Man hätte also ahnen können, dass "Der schwarze Sohn Gottes", erschienen bei Assoziation A, nicht gerade als Erbauungslektüre durchgeht. Herausgegeben von eben jenem Luiz Ruffato, versammeln sich hier 16 Autorinnen und Autoren aus Brasilien zu einer Fußball-Anthologie, die weh tut. Nichts ist zu spüren vom "Jogo Bonito", vom "schönen Spiel". Geht es überhaupt einmal um den Fußball, den wir aus dem Fernehen kennen - die artistischen Ballkünstler und ihre fanatischen Anhänger - dann lauern stets Lug und Trug. "Casquinha war nicht der, für den wir ihn hielten", heißt eine solche Kurzgeschichte von Mário Araújo. Der Tod eines ehemaligen Fußballstars wirft ein Licht auf die dunklen Seiten seines Lebens. Die Fans erschrecken - vielleicht auch, weil sie erst jetzt glauben wollen, was sie längst hätten wissen müssen.

In "Raimundo und der Ball" erzählt Eliane Brum vom verzweifelten Kampf einer indigenen Familie gegen die Welt draußen, die sie bedroht, die ihr Land will, ihre Bäume, ihre Leben. Der Kampf ist verloren, als Raimundo die Büchse der Pandora öffnet: sie enthält einen Fußball. Der Ball lockt Raimundo ins Verderben, er kostet ihn seine Frau, sein Land, seinen Stolz, sein Leben. Auch der Fußball ist schuldig, ist Teil der Abgründe dieses Landes, mindestens so sehr, wie er ein Teil seiner Schönheit ist. (cba)

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Wohnsilos, Motorräder und Hühnerherzen

Noch eine Anthologie, nicht verbunden durch ein Thema, sondern die Autoren: 20 junge brasilianische Schriftsteller, geboren zwischen 1968 und 1981, versammeln sich in "Popcorn unterm Zuckerhut". 20 kurze Stücke, herausgegeben von Timo Berger, erschienen bei Wagenbach. Urbane Geschichten sind darunter und Liebesgeschichten, die gut und gerne auch in Berlin spielen könnten oder irgendwo auf der Welt. Andere erzählen vom Strand, von einem Geisterschiff, von Macao, wohin man flieht, wenn man Brasilien so weit wie möglich hinter sich lassen will. Es ist die andere Seite der Erde.

"Popcorn unterm Zuckerhut", erschienen bei Wagenbach, 144 Seiten broschiert, 9,90 Euro (D).
"Popcorn unterm Zuckerhut", erschienen bei Wagenbach, 144 Seiten broschiert, 9,90 Euro (D).

Die andere Seite, das ist ein verbindendes Element vieler Beiträge. João Paulo Cuenca schreibt nicht über den Karneval, er schreibt über den Tag danach, über die, die bei "Kolumbinen, Indianerinnen, Teufelinnen und Tänzerinnen" abblitzten, die nichts abbekamen von den Versprechungen der tollen Tage. Ferréz schreibt nicht über das Leben am Strand, sondern über die Enge der Wohnsilos, denen er zu entkommen versucht, nur um dann vom Regen in die Traufe zu geraten. Veronica Stigger beschreibt nicht die Schönheiten der Copacabana, sondern wie ein Paar Kleinwüchsiger die schlimmsten Seiten der Menschen zum Vorschein bringt.

Aber nicht alles ist so dunkel. Fabrício Corsalettis Assoziationen wirken so leicht wie der Rauch, der seinen Zigaretten entsteigt. Adriana Lisboa erzählt von einer Großmutter, die ihrem Enkelkind ein letztes Geheimnis offenbart - ihre gemeinsame Zeit mit den Beatles in Rishikesh. Und bei Daniel Galera bringt Laila ihren Kindergartenfreund fast um den Verstand. Es wird Tango getanzt, Hühnerherzen werden gegessen, eine Motorradgang wird Monat für Monat dezimiert. 20 Geschichten, 20 Perspektiven, 20 junge Autoren - eine gelungene, lesenswerte Sammlung. (mli)

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Auf den Spuren des wahren "Indiana Jones"

Ein Klassiker dagegen ist dieses Buch von Antonio Callado: "Der Tote im See. Leben und Verschwinden des Colonel Fawcett im brasilianischen Regenwald". 1953 in Brasilien erschienen, bringt es der Berenberg-Verlag nun in schöner Aufmachung auf Deutsch heraus. Das Buch gilt in Brasilien als stilprägende journalistische Reportage. Es ist eine Spurensuche im Dickicht des Regenwaldes. Doch der, nach dem da gesucht wird, ist längst nicht mehr am Leben: Colonel Percy Fawcett war ein britischer Abenteurer aus dem Bilderbuch. Eines seiner Bücher diente Arthur Conan Doyle als Vorlage für "Die vergessene Welt", Fawcett selbst soll George Lucas als Vorbild für "Indiana Jones" gedient haben.

"Der Tote im See", erschienen bei Berenberg, 120 Seiten gebunden in Halbleinen, 20,00 Euro (D).
"Der Tote im See", erschienen bei Berenberg, 120 Seiten gebunden in Halbleinen, 20,00 Euro (D).

Mehrmals reiste Fawcett in den lateinamerikanischen Regenwald, um Flüsse und Grenzen zu vermessen. Spektakulär jedoch ist vor allem sein Ableben - er und seine Begleiter, darunter einer seiner Söhne, verschwanden 1925 während einer Expedition im Regenwald. Sie hatten nach einer legendären, versunkenen Stadt gesucht. Bis heute versuchten 13 Expeditionen, Fawcetts Schicksal zu klären - keine war erfolgreich, vielmehr starben dabei weitere 100 Menschen. Wurde Fawcett von Ureinwohnern ermordet? Fiel er wilden Tieren zum Opfer? Oder lebte er - wie Einige behaupten - weiter und zeugte etliche blauäugige Indios?

Antonio Callado (1917 - 1997) folgte Anfang der 50er Jahre der Spur Fawcetts, zusammen mit dessen anderem Sohn Brian, und berichtete davon in "Der Tote am See". Doch er beschreibt nicht nur die Reise. Er verfolgt auch den Mythos jener Stadt, nach der Fawcett gesucht hatte. Und er beschreibt eine Gegend, deren Bewohner nichts wussten von einem Staat namens Brasilien und auch keinen Respekt kannten vor einem britischen Offizier. Hier und da ist Callados Bericht etwas verworren, wenn er all die Gerüchte und Spuren beschreibt, die Fawcetts Schicksal zu ergründen suchen. Aber er zeigt ein ganz anderes Brasilien, das heute immer mehr bedroht ist von Raubbau und Umweltverschmutzung. (mli)

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Pelé mit bitterem Beigeschmack

"Pelezinho", erschienen bei Rieder, 96 Seiten gebunden, 12,95 Euro (D).
"Pelezinho", erschienen bei Rieder, 96 Seiten gebunden, 12,95 Euro (D).

Ebenfalls ein Klassiker, aber ein ganz anderer, ist Mauricio de Sousa. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde er als "Walt Disney Brasiliens" vorgestellt, nicht zu Unrecht, denn in seiner Heimat ist er eine Institution. In den 50er Jahren schuf der Comiczeichner den Strip "Monica und ihre Freunde" - Hunderte Zeitungen weltweit haben ihn abgedruckt, es gibt Bücher, Filme und Videospiele, nur der Themenpark wurde inzwischen geschlossen. Doch de Sousa verantwortete noch etliche weitere Serien. Eine davon erscheint nun auch auf Deutsch - de Sousas erste Publikation hierzulande.

"Pelezinho", erschienen im Rieder-Verlag, versammelt mehrere Comicstrips der gleichnamigen Serie. Der Titel heißt "kleiner Pelé" - da ist klar, dass es um Fußball geht. Der Jahrhundertspieler und mehrfache Weltmeister selbst schlug de Sousa einst vor, sein Leben in einem Comic zu verarbeiten. Doch de Sousa ging einen anderen Weg - er schuf mit Pelezinho eine Art Fußball-Superheld. Mit scharfen Schüssen und schnellen Dribblings übertrumpft er nicht nur neidische Mitspieler, er schaltet damit auch Einbrecher aus und erwehrt sich gieriger Wissenschaftler, die mit Hilfe kniffliger Maschinen sein Talent stehlen wollen. Die ein- bis zehnseitigen Strips sind kindgerecht, sie beziehen ihren Witz aus überdrehtem Klamauk und Slapstick. Es gibt hier keine erhobenen Zeigefinger, vielmehr wird der Spaß am Fußball zelebriert.

Doch obwohl diese Geschichten sicher auch jungen Fußballfans hierzulande gefallen, bleibt ein bitterer Beigeschmack: Die Darstellung Pelezinhos bedient sich stereotyper Vorstellungen von Schwarzen, wie schon auf dem Cover zu sehen ist. Seine und auch die Lippen seiner schwarzen Freunde sind äußerst dick gezeichnet, während die weißen Mitspieler ganz normale Münder haben. Freilich sind auch andere - schwarze wie weiße - Figuren überzeichnet, wie es in Cartoons üblich ist: Es gibt lange Nasen, dicke Bäuche und krumme Beine. Zudem ist Pelezinho der uneingeschränkte Held, sein weißer, dümmlicher Erzfeind ist ihm klar unterlegen. Und doch ist diese Darstellung der Hauptfigur ärgerlich, weil sie alte Stereotype wieder aufwärmt. Ein 2005 von de Sousas Verlag entwickelter Comic über Ronaldinho macht seine Sache da schon besser, nur gibt es den nicht auf Deutsch, was auch für die jüngste Fußballserie über Neymar gilt. (mli)

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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