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Ob Apokalypse, Naher Osten oder ein Road Trip: Oft genug muss man ums Überleben kämpfen. (Abbildung aus "Unterwegs mit Hector", siehe unten)
Ob Apokalypse, Naher Osten oder ein Road Trip: Oft genug muss man ums Überleben kämpfen. (Abbildung aus "Unterwegs mit Hector", siehe unten)(Foto: Álvaro Ortiz / 2014 Egmont Graphic Novel)

Neuheiten vom Comic-Salon: Auf dem Sprung

Von Markus Lippold

Schnell schießt man übers Ziel hinaus, lehnt sich gegen Autoritäten auf, wird zum Verbrecher, gar zum Terroristen. Das ist abenteuerlich, aber auch kreuzgefährlich. Die Protagonisten dieser Bücher können ein Lied davon singen.

Die Siedler müssen aufmerksam sein: Jeden Moment könnte das Fort angegriffen und die Bewohner in den Tod gerissen werden.
Die Siedler müssen aufmerksam sein: Jeden Moment könnte das Fort angegriffen und die Bewohner in den Tod gerissen werden.(Foto: Benjamin von Eckartsberg, Thomas von Kummant / Cross Cult)

Derzeit findet in Erlangen mit dem Internationalen Comic-Salon das größte Festival der neunten Kunst im deutschsprachigen Raum statt. Wir stellen einige Neuerscheinungen vor, die auf der Messe präsentiert werden.

Apokalypse und Coming of Age

"Gung Ho" bedeutet so viel wie enthusiastisch oder engagiert, kann aber auch dafür stehen, dass Menschen zusammenarbeiten. In der postapokalyptischen Welt, die der gleichnamige Comic entwirft, ist diese Zusammenarbeit überlebenswichtig. Denn eine Weiße Plage hat die Menschheit im Würgegriff. Diejenigen, die ihr noch nicht erlegen sind, haben sich in geschützte Forts zurückgezogen und kämpfen dort ums Überleben. Das gilt vor allem für die Siedlung Nr. 16, die sich inmitten der europäischen Gefahrenzone befindet. Hierher kommen die beiden Teenager Zack und Archer - als Strafe für ihr aufsässiges Verhalten. Sollten sie erneut aus der Reihe tanzen, droht ihnen die Verbannung in den ungeschützten Bereich, in dem schon viele Menschen den Tod gefunden haben.

"Gung Ho 1: Schwarze Schafe", Cross Cult, 80 Seiten im Alben-Hardcover, 22 Euro. Vorzugsausgabe: 128 Seiten, 35 Euro.
"Gung Ho 1: Schwarze Schafe", Cross Cult, 80 Seiten im Alben-Hardcover, 22 Euro. Vorzugsausgabe: 128 Seiten, 35 Euro.

"Gung Ho" - eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und apokalyptischer Action - ist ein auf fünf Bände angelegtes Projekt der beiden bayerischen Künstler Thomas von Kummant (Zeichnungen) und Benjamin von Eckartsberg (Text). Es erschien allerdings zunächst in Frankreich und wurde dort bereits prämiert. Nun können sich auch die deutschen Leser von den äußerst realistischen Zeichnungen beeindrucken lassen, die zusammen mit der Kolorierung ein farbenprächtiges und glänzendes Panorama ergeben. Die hellen, sonnendurchfluteten Bilder sollten aber nicht über die Gefahr hinwegtäuschen, die allgegenwärtig ist. Ein Gesicht, eine Gestalt bekommt sie allerdings erst zum Ende des ersten Bandes.

Zunächst geht es den Autoren darum, die sozialen Beziehungen in der Siedlung zu entwickeln. Dabei kommt dem älteren Archer eine besondere Rolle zu. Der Teenager erweist sich nicht nur als besonders renitent gegenüber Anweisungen, auch sein Hormonspiegel bringt die Siedler schnell gegen ihn auf. Diese Konstellation verspricht Spannung für die folgenden Teile. Während die Zeichnungen von Anfang an überzeugen können, muss sich aber erst noch zeigen, ob auch die Geschichte ihr volles Potenzial - das in Band 1 bereits angedeutet wird - entfalten kann. Wer Gefallen an Geschichten wie "World War Z" oder "Herr der Fliegen" hat, sollte dieses Wagnis allerdings eingehen.

"Gung Ho 1" in der Standardausgabe oder in der erweiterten Vorzugsausgabe bei Amazon bestellen.

Staatsgründung und Terrorismus

1938: Yehoshua Cohen schließt sich der Lechi an - er wird einer ihrer loyalsten Mitglieder.
1938: Yehoshua Cohen schließt sich der Lechi an - er wird einer ihrer loyalsten Mitglieder.(Foto: Luca Enoch, Claudio Stassi / 2014 Panini Verlags-GmbH)

Der Nahe Osten ist ein Pulverfass. Das beweist derzeit der Vormarsch der islamistischen Isis im Irak. Der Comic "Die Stern-Bande" erzählt ein spannendes, aber wenig bekanntes Kapitel aus dieser unendlichen Geschichte von Gewalt und Mord. Es geht um die Lechi, eine paramilitärische, radikal-zionistische Untergrundorganisation, die in Palästina während des britischen Mandats agierte. Die Gruppe, nach ihrem Gründer Avraham Stern auch Stern-Bande genannt, bekämpfte aber nicht nur die Briten, sondern verübte auch Anschläge auf die arabische Bevölkerung und auf internationale Diplomaten.

Im Mittelpunkt steht Yehoshua Cohen, der sich 1938 der Gruppe anschließt und 1948 den UN-Gesandten Folke Bernadotte ermordet. Beide Jahreszahlen geben den Rahmen der Handlung vor, in der vom Kampf gegen die britischen Besatzer, von der Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung und schließlich von der diplomatisch wie militärisch vorangetriebenen Gründung Israels erzählt wird. Einen Schwerpunkt setzt Autor Luca Enoch, der die Ereignisse penibel recherchierte, auf die ideologischen Auseinandersetzungen in der Gruppe, die sich von den gemäßigteren Organisationen Igurn und Hagana abzugrenzen versuchte.

"Die Stern-Bande", Panini, 124 Seiten im Hardcover, 19,99 Euro.
"Die Stern-Bande", Panini, 124 Seiten im Hardcover, 19,99 Euro.

Zeichner Claudio Stassi fängt das in schonungslosen, aber nie voyeuristischen oder reißerischen Bildern auf (sieht man vom Cover ab). Die in Grautönen gehaltenen Bilder stehen dabei symbolisch für die Zwiespältigkeit und die Brisanz des Themas. Die Lechi gehörte schließlich zu den militantesten und brutalsten Verfechtern des Staates Israel, die Abtrünnige aus den eigenen Reihen gnadenlos hinrichtete - ihre Mitglieder wurden später jedoch vom Staat Israel geehrt. Dieser Aspekt - dass terroristische Gruppen die Gründung Israels entscheidend beeinflussten - macht das Buch zu einer spannenden und empfehlenswerten Lektüre für Geschichtsinteressierte.

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Die Urne im Gepäck

Polly, Moho und Piter haben sich lange nicht gesehen - nun müssen sie gemeinsam einen Auftrag erfüllen.
Polly, Moho und Piter haben sich lange nicht gesehen - nun müssen sie gemeinsam einen Auftrag erfüllen.(Foto: Álvaro Ortiz / 2014 Egmont Graphic Novel)

Hector ist tot und wo die Asche hinsoll, hat er auf einer Landkarte markiert, mit einem Kreuz. Also machen sich Polly, Moho und Piter auf den Weg, die Urne im Gepäck. Doch es gibt Probleme: Die drei Freunde haben sich ewig nicht gesehen und wissen gar nicht mehr so richtig, ob sie überhaupt noch Freunde sind. Außerdem hat Moho einen Affen dabei und im Rucksack jede Menge dunkle Geheimnisse. So verwundert es wenig, dass der Road-Trip dramatische, skurrile und blutige Überraschungen bereithält - nicht zuletzt die beiden bärtigen Killer Smirnov und Smirnov. "Unterwegs mit Hector" von Álvaro Ortiz ist eine atemlos erzählte Geschichte um Freundschaft und die wichtigen Dinge des Lebens. So weit, so kitschig.

"Unterwegs mit Hector", Egmont Graphic Novel, 184 Seiten in Klappenbroschur, 14,99 Euro.
"Unterwegs mit Hector", Egmont Graphic Novel, 184 Seiten in Klappenbroschur, 14,99 Euro.

Ortiz kippt allerdings eine Kanne schwarzen Humor drüber, gibt etwas Lakonie hinzu und lässt seine Protagonisten nicht nur in Fettnäpfchen, sondern auch mal in eine Blutlache treten. Der Verlag zieht deshalb den Vergleich zu Tarantino und den Coen-Brüdern. Tatsächlich steckt hier aber - so man bei Filmreferenzen bleiben will - viel Jim Jarmusch drin. Die mit wenigen Strichen gezeichneten Hauptpersonen (bei denen man sich zweimal überlegt, ob man selbst mit ihnen befreundet sein will) und die in kleine Bilder zerlegten Seiten entsprechen dabei der schnell erzählten Geschichte. Bemerkenswert sind die Panels aber vor allem dann, wenn sie in der Gesamtsicht ein neues, größeres Bild ergeben - das soll ja manchmal auch bei alten Freundschaften der Fall sein.

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Zauber und Magie

Hilda will die Stadt erkunden, ihrer Mutter macht das Sorgen.
Hilda will die Stadt erkunden, ihrer Mutter macht das Sorgen.(Foto: Luke Pearson / Reprodukt 2014)

"Hilda", gezeichnet von Luke Pearson, gehört derzeit zu den schönsten europäischen Alben-Serien. Mit Fantasie, Witz und zauberhaften Zeichnungen, die europäische und asiatische Elemente kombinieren, hat der Brite eine Figur geschaffen, die Jung und Alt begeistert. Gerade angesichts des dritten Bandes, "Hilda und die Vogelparade", der nun auf Deutsch erscheint, kann man beruhigt feststellen, dass Pearson das Niveau halten kann - und im Vergleich zum Vorgänger sogar noch eine Schippe drauflegt. Hilda und ihre Mutter hat es inzwischen in die Stadt verschlagen. So richtig wohl fühlt sich das Mädchen mit den bunten Haaren (ist das Cyan oder Petrol?) dort aber nicht. Das ändert sich, als sie bei ihren Erkundungen einen verletzten Vogel aufliest, der - und das ist in Hildas Welt ganz verständlich - sprechen kann.

"Hilda und die Vogelparade", Reprodukt, 44 Seiten im Alben-Hardcover, 18 Euro.
"Hilda und die Vogelparade", Reprodukt, 44 Seiten im Alben-Hardcover, 18 Euro.

Aus dieser Ausgangssituation entwickelt Pearson eine Geschichte, die mehrere Handlungsstränge miteinander verknüpft. Da ist einerseits Hilda mit dem stolzen Vogel, der seine Fähigkeit zu fliegen und sein Gedächtnis verloren hat. Andererseits aber ist Hildas Mutter in ständiger Sorge, ihrer Tochter könnte in der neuen Stadt etwas zustoßen. Dass Hilda das ganz anders sieht, ist die Stärke der Figur, die so fantasiebegabt wie neugierig und abenteuerlustig veranlagt ist und den Geschichten eine tiefe Wärme verleiht. Es mag innovativere und dramaturgisch ausgefeiltere Comics geben. Aber nur wenige erschaffen eine Welt, in der Zauber und Magie so selbstverständlich sind wie hier.

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Eine Kindheit im Bürgerkrieg

Nach dem Bürgerkrieg: Das Zentrum von Beirut ist vollkommen zerstört.
Nach dem Bürgerkrieg: Das Zentrum von Beirut ist vollkommen zerstört.(Foto: Zeina Abirached / avant-verlag 2014)

Noch einmal in den Nahen Osten: Zeina Abirached wurde 1981 in Beirut geboren. Ihre Kindheit war geprägt vom libanesischen Bürgerkrieg, der im wahrsten Sinne des Wortes vor ihrer Haustür wütete. Diese Thematik hat sie bereits in ihrer Graphic Novel "Das Spiel der Schwalben" auf beeindruckende Weise aufgegriffen. Mit "Ich erinnere mich" legt sie nun noch einmal nach und erzählt in sehr persönlichem Ton von den Menschen und Ereignissen, die ihre Kindheit prägten. Mit Lakonie und viel Humor beschreibt sie all die Absurditäten des Alltags, etwa den R12 ihrer Mutter, dessen Karosserie von Kugeln durchlöchert ist, oder die abendliche Diskussion um das Fernsehprogramm, die sich durch die ständigen Stromausfälle oft von selbst erledigt.

"Ich erinnere ich mich", Avant-Verlag, 96 Seiten im Softcover, 14,95 Euro.
"Ich erinnere ich mich", Avant-Verlag, 96 Seiten im Softcover, 14,95 Euro.

Hinter anderen Geschichten, die Abirached in wundervolle, stilisierte Schwarz-Weiß-Bilder packt, verbergen sich ganze Tragödien. So geht sie etwa kurz nach Kriegsende mit ihrer Familie ins Zentrum Beiruts, wo der Vater auf einzelne Trümmer zeigt und erklärt, welcher Marktstand dort vor dem Krieg gestanden hat. Einige der angeschnittenen Themen und Bilder hat Abirached bereits in "Das Spiel der Schwalben" verwendet. Direkte Wiederholungen gibt es aber nicht, weil der neue Band andere Akzente setzt. Er erreicht deshalb zwar nicht die dramaturgische Stringenz des Vorgängers, "Ich erinnere mich" ist aber dennoch ein bedrückendes, lesenswertes Erinnerungsalbum.

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Quelle: n-tv.de

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