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Psychologe Raniero sieht ungewöhnliche Lichteffekte - sie werden sein Leben und das seiner Mitmenschen auf den Kopf stellen.
Psychologe Raniero sieht ungewöhnliche Lichteffekte - sie werden sein Leben und das seiner Mitmenschen auf den Kopf stellen.(Foto: Futuropolis / Avant-Verlag 2013)

Manuele Fior blickt in die Zukunft: Auf dem Weg in eine bessere Welt

Von Markus Lippold

Italien 2048: Unruhen haben das Land erschüttert, die Städte sind verwaist, die Jugend frönt der freien Liebe und am Himmel tauchen Lichterscheinungen auf. In seinem Comic "Die Übertragung" zeichnet Manuele Fior das Bild einer künftigen Gesellschaft und arbeitet auch die Ära Berlusconi auf.

Die Zukunft in Schwarz-Weiß? Großflächige Kohleflächen statt bunter, futuristischer Bilder? Außerirdische, die man kaum sieht, die aber trotzdem spürbar sind? Schwer vorstellbar, aber bei Manuele Fior funktioniert das prächtig. Mit seiner neuen Graphic Novel "Die Übertragung", erschienen bei Avant, legt er nicht nur ein künstlerisch anspruchsvolles Werk vor, er erweist sich darüber hinaus erneut als einer der besten Erzähler der europäischen Comicszene.

Dora erzählt von ihren übersinnlichen Erfahrungen - da wird Raniero stutzig.
Dora erzählt von ihren übersinnlichen Erfahrungen - da wird Raniero stutzig.(Foto: Futuropolis / Avant-Verlag 2013)

In welche Zeit es den Leser verschlägt, merkt dieser aber erst nach und nach. Ein Autounfall mitten auf dem Lande steht am Anfang. Fahrer Raniero, ein Psychologe, war abgelenkt, einerseits durch ein Gespräch am Handy, andererseits durch merkwürdige Lichterscheinungen am Himmel, die sich als außerirdische Kontaktaufnahmen entpuppen. Doch so alltäglich ein Unfall auch ist, er hat mehr Folgen als die Dellen am Auto. Er löst eine Ereigniskette aus, die Leben und Vorstellungen von Raniero zerbröseln lässt, langsam aber merklich.

Ein Auto und ein Unfall standen auch am Beginn der Entstehung von "Die Übertragung", wie Fior im Gespräch mit n-tv.de erzählt. Ganz am Ende seiner preisgekrönten Graphic Novel "5000 Kilometer in der Sekunde" gibt es ein futuristisches, selbstfahrendes Taxi. "Dieses brachte mich auf die Idee, eine Geschichte in der Zukunft zu erzählen", so Fior, schließlich sei er fasziniert von Science Fiction, von den Filmen Steven Spielbergs, den Büchern von James Graham Ballard und Philip K. Dick oder - wie viele Zeichner seiner Generation - den stilprägenden Comics von Moebius. Hinzu kam ein Unfall: "Ein Freund von mir hatte einen Autounfall auf dem Lande, den er mir genau beschrieb", erzählt Fior weiter. Diese Beschreibung habe ihn berührt.

Raniero und Dora fühlen sich zueinander hingezogen. Sind die Außerirdischen daran schuld?
Raniero und Dora fühlen sich zueinander hingezogen. Sind die Außerirdischen daran schuld?(Foto: Futuropolis / Avant-Verlag 2013)

Ausgehend von diesem Ereignis entspinnt sich die Geschichte um Raniero. Dass die Handlung in der nahen Zukunft spielt - 2048 - offenbart Fior den Lesern aber erst nach und nach. Dabei liegt ihm eine der heute so beliebten apokalyptischen Zukunftsvisionen fern. "Ich versuche, mir die Zukunft nicht zu dramatisch vorzustellen", sagt Fior. "Mir ging es um eine Zukunft, in der es zwar Fortschritt gibt und manche Dinge funktionieren, andere aber nicht. Eine Gesellschaft, in der einige Konflikte gelöst, aber neue entstanden sind." Das sei wie in der Gegenwart: "Wir haben Computer, aber auch Fahrräder, alte und neue Technologien, alte und neue Gedanken. Meine Idee war, diese Gleichzeitigkeit von Alt und Neu in die Zukunft zu übertragen."

Dies gelingt Fior auf mehreren Ebenen. Einerseits gibt es futuristische Elemente, moderne Autos etwa, die er selbst entworfen hat, oder modern anmutende Gebäude, deren Vorlagen aber ironischerweise aus den 50ern stammen. Andererseits denkt der Italiener, der inzwischen in Frankreich lebt, auch gesellschaftliche Entwicklungen weiter. So ist im Buch von Unruhen die Rede, die Italien erschüttert haben. Fior knüpft damit an die Occupy-Proteste an, aber auch an die Folgen der Ära Berlusconi. "In Italien gab es sehr gewaltsame Proteste, vor allem 2012. Ich stellte mir vor, was wäre, wenn die Proteste eskalieren würden." Ein Szenario, das er durchaus für realistisch hält. "Die Übertragung" beginnt dann am Ende dieser Proteste, am Neubeginn der italienischen Gesellschaft. Die Zentren der Städte sind verwaist, doch die Jugend will von hier einen Neuanfang wagen. "Die Stadt ist die Metapher für die Wiederbesetzung des Zentrums, für die Wiedererlangung einer Stimme in Politik und Gesellschaft. In Italien müssen wir mit 20 Jahren kulturellen Niedergangs umgehen. Erst jetzt stellen wir fest, wie viel zerstört wurde."

"Die Gesellschaft verändert sich permanent"

"Die Übertragung" ist bei Avant erschienen, hat 176 Seiten im großformatigen Hardcover und kostet 24,95 Euro (D).
"Die Übertragung" ist bei Avant erschienen, hat 176 Seiten im großformatigen Hardcover und kostet 24,95 Euro (D).

Der Neubeginn der Jugend erfasst dabei auch das menschliche Miteinander. "Natürlich verändert sich die Gesellschaft permanent und in 50 Jahren werden Familien und Beziehungen, wie wir sie uns heute vorstellen, ganz anders aussehen", sagt der Zeichner. Im Buch gibt es eine "neue Konvention", die an die Idee der freien Liebe der 68er erinnert. Deren gute Seiten habe er hervorheben wollen, erklärt Fior, schließlich hätten viele Ideen der 68er die Gesellschaft verändert, wenn auch nicht immer in der gewünschten Richtung.

Naivität und Idealismus der freien Liebe werden im Buch von Dora verkörpert. Die sitzt eines Tages dem Psychologen Raniero gegenüber - ihre Eltern haben sie in die Psychiatrie gebracht, weil sie der "neuen Konvention" angehört. Der Arzt, der selbst noch unter dem Eindruck von Himmelserscheinungen und Autounfall steht, entdeckt, dass die Patientin das Gleiche gesehen hat. Zudem behauptet sie, in einem telepathischen Kontakt mit den außerirdischen Wesen zu stehen. Zwischen beiden entwickelt sich eine enge Verbindung. "Durch die Telepathie wird der Umgang mit anderen Menschen und mit den eigenen Gefühlen auf eine neue Ebene gehoben", erklärt Fior. Darin drückt sich seine optimistische Zukunftsvorstellung aus. "Wir sind auf dem Weg in eine bessere Welt", lässt er denn auch eine junge Protagonistin sagen. Es ist in gewisser Weise ein "Deus ex machina", den Fior hier einsetzt, ein Anstoß von außen, der die zwischenmenschlichen Konflikte löst.

Diese verschiedenen Handlungsfäden und Zukunftsvisionen verknüpft Fior auf unnachahmliche, suggestive Weise. Wenig wird direkt und ausführlich erklärt. Das Gesamtbild ergibt sich aus Bruchstücken, die immer wieder aufscheinen. Dadurch wird der Leser unweigerlich in die Geschichte hineingezogen, er wird von ihr erfasst wie die Menschen im Buch, die immer stärker unter den Einfluss der Außerirdischen geraten. Gekonnt zeichnet Fior dabei die psychologische Entwicklung seiner Protagonisten nach, vor allem die Ranieros, der sich von immer mehr gewohnten Denkmustern verabschieden muss.

Die zunächst ungewöhnliche Gestaltung in Schwarz-Weiß unterstreicht dabei das Nebeneinander von Alt und Neu. Anders als in "5000 Kilometer in der Sekunde", dessen Aquarellfarben dem Buch eine wunderbare Leichtigkeit verliehen, wirken die mit Kohle gestalteten Seiten anfangs schroff. Doch je mehr seelische Ebenen der Figuren entblättert werden, desto natürlicher und organischer wirken die Zeichnungen. Durch das leichte Verwischen der Kohle wachsen die Figuren, vor allem Dora, dabei noch über sich hinaus, was die übersinnlichen Gedankenspiele verstärkt. Wo nächtliche Szenen durch große, dunkle Flächen viel Atmosphäre erzeugen, loten die Tagszenen, etwa die Gespräche zwischen Raniero und Dora, durch dünne Strichführung und die gekonnte Darstellung der Mimik die Psyche der Figuren aus.

Fior, der sich mit jedem seiner Bücher neu zu erfinden scheint, legt mit "Die Übertragung" einen komplexen Comic vor. Das ist keine leichte Lektüre, aber erneut ein Meisterwerk.

"Die Übertragung" bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Quelle: n-tv.de

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