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Doppelseite aus "Reise zum Kerguelen-Archipel" von Emmanuel Lepage.
Doppelseite aus "Reise zum Kerguelen-Archipel" von Emmanuel Lepage.(Foto: Splitter Verlag 2012)

Hinter dem Horizont wartet das Abenteuer: Aufs Meer, aufs Eis, aufs Geratewohl

Von Markus Lippold

Sie haben es sich grad gemütlich gemacht? Nichts, aber auch gar nichts kann Sie nach draußen locken? Dann sind Sie hier genau richtig! Denn man kann auch in Büchern Grenzen überwinden und in neue Welten aufbrechen, bevölkert von Pinguinen, Indianern, Inuit oder Monstern.

Weihnachten in Familie. Ach, wie schön das ist. Omas Strickpulli auf dem Leib und Kekse von Muttern auf dem Tisch. Nicht wenige Menschen nehmen beschwerliche Reisen in die deutsche Provinz auf sich, um an dieser Idylle teilhaben zu dürfen. Andere dagegen zieht es in die weite Welt hinaus. Orte hinter dem Horizont, jenseits der Grenzen sind ihr Ziel. Vier Comics erzählen von den Abenteuern solcher Menschen.

Frankreich in der Antarktis

Der Band wirkt durch die vielen Skizzen lebendig und dynamisch.
Der Band wirkt durch die vielen Skizzen lebendig und dynamisch.(Foto: Splitter Verlag 2012)

Fangen wir mit einer freiwilligen Reise an, in der Gegenwart. Der 1966 geborene Emmanuel Lepage ist ein renommierter französischer Comic-Zeichner. In Deutschland sorgte er zuletzt mit "Muchacho" (Carlsen) für Aufsehen, einer farbenprächtigen Geschichte, die im lateinamerikanischen Dschungel spielt. 2010 nahm sich Lepage jedoch einer ganz anderen Welt an: Er ging für mehrere Wochen an Bord des Schiffs "Marion Dufresne", das die französischen Süd- und Antarktisgebiete (TAAF) versorgt.

Herausgekommen ist der Reportagecomic "Reise zum Kerguelen-Archipel", erschienen bei Splitter. Es ist die zeichnerische Dokumentation der Reise zu dem französischen Überseegebiet, das mehrere Inseln umfasst, die verstreut im Indischen Ozean liegen. Lepage schildert Leben und Arbeit an Bord des Schiffs und porträtiert einzelne Mitglieder der Besatzung. Daneben beschreibt er aber auch Tier- und Pflanzenwelt der Eilande, die in sub-antarktischen und antarktischen Klimazonen liegen. Sofern man von Pflanzenwelt sprechen kann, denn die kleinen Vulkaninseln sind karg und unbewohnt, sieht man von den französischen Forschern ab, die dort arbeiten.

"Reise zum Kerguelen-Archipel" ist bei Splitter erschienen, die gebundene Ausgabe im Großformat hat 160 Seiten und kostet 29,80 Euro (D).
"Reise zum Kerguelen-Archipel" ist bei Splitter erschienen, die gebundene Ausgabe im Großformat hat 160 Seiten und kostet 29,80 Euro (D).(Foto: Splitter Verlag 2012)

Das umfangreiche und schön aufgemachte Buch hat keine durchgehende Handlung. Es sammelt stattdessen die Eindrücke, die Lepage auf seiner Reise festhielt. Entsprechend stehen schwarz-weiße und kolorierte Entwürfe und Skizzen im  Vordergrund. Ergänzt werden sie durch kurze Comics und Panel-Folgen, die bestimmte Ereignisse festhalten. Besonders beeindruckend sind aber ganz- oder doppelseitige aquarellartige Zeichnungen, die stimmungsvoll das Leben auf dem Meer und auf den Eilanden einfangen, bis hin zu den Pinguin-Kolonien. "Reise zum Kerguelen-Archipel" ist ein überzeugender Reisebericht aus einem unwirtlichen Gebiet, der seinen Charme aus den spontanen Skizzen gewinnt. Die großen, kolorierten Zeichnungen machen derweil Lust, selbst aufs Meer hinauszufahren und diese unbekannte Welt zu entdecken, die doch Teil Frankreichs ist.

Hier gibt es eine Leseprobe. "Reise zum Kerguelen-Archipel" von Emmanuel Lepage direkt bei Amazon bestellen.

Schwarz und Eis

Ebenfalls in kalte Gebiete, aber hundert Jahre früher, entführt "Packeis" des deutschen Zeichners Simon Schwartz. Der Band aus dem Avant-Verlag erzählt das Leben des amerikanischen Polarforschers Matthew Henson. Er gehörte 1909 zu der Expedition von Robert Edwin Peary, die für sich beanspruchte, als erste den Nordpol erreicht zu haben. Dies ist allerdings bis heute höchst umstritten, da es keine Beweise aber viele Widersprüche gibt. Dass Henson zu Lebzeiten der Ruhm verwehrt blieb und er 1955 in Armut starb, liegt allerdings nicht daran - es liegt an seiner Hautfarbe: Henson war schwarz.

Henson und Peary - ob die beiden 1909 wirklich den Nordpol erreicht haben, lässt sich nicht belegen.
Henson und Peary - ob die beiden 1909 wirklich den Nordpol erreicht haben, lässt sich nicht belegen.(Foto: Avant-Verlag 2012)

In geschickt montierten Rückblenden schildert Schwartz die Stationen in Hensons Leben: Er arbeitet als Schiffsjunge und bereist  die Welt, wird jedoch als Schwarzer immer wieder diskriminiert. Sein Kapitän gibt ihm einen Rat: "Du kämpfst gegen Hass und Ignoranz, aber mit Intelligenz und Wissen kannst du dem etwas entgegensetzen." Das nimmt sich Henson zu Herzen - er lernt und wird zum erfahrenen Seemann. Einsetzen kann er sein Wissen als persönlicher Assistent von Peary, der Hensons Vielseitigkeit schätzt. So begleitet er Peary nach Nicaragua und auf mehreren Arktisexpeditionen, wo Henson nicht nur die Sprache der Inuit erlernt, sondern auch zum Hundeschlitten-Experten wird - er macht sich unentbehrlich für Peary. Nach der Expedition von 1909 stellt Peary schließlich die Behauptung auf, mit Henson und vier Inuit den Nordpol erreicht zu haben. Henson wird später sogar behaupten, Minuten vor Peary am Nordpol gewesen zu sein. Doch egal, ob die Behauptungen stimmen oder nicht - Henson bleibt als Schwarzer der Ruhm versagt.

Simon Schwartz tut gut daran, in seiner Biographie keine unbewiesenen Behauptungen leichtfertig zu übernehmen. Er arbeitet stattdessen geschickt mit Andeutungen, die es dem Leser überlassen, wie viel er Peary und Henson glauben möchte. Das passt zum narrativen Aufbau von "Packeis", der eine ungeheure Spannung erzeugt und die große Stärke des Buches ist. Rückblenden und Auslassungen sind geschickt gesetzt und lassen genug Raum für Anspielungen und Interpretationen. Hinzu kommen Verweise auf die Sagenwelt der Inuit, in der Henson als "Mahri Pahluk" auftritt.

"Packeis" ist im Avant-Verlag erschienen, hat 176 Seiten und kostet 19,95 Euro (D).
"Packeis" ist im Avant-Verlag erschienen, hat 176 Seiten und kostet 19,95 Euro (D).(Foto: Avant-Verlag 2012)

Zeichnerisch entwickelt Schwartz einen ganz eigenen, realistischen und klaren Stil, der durch die Farbgebung aus Schwarz, Grau- und Blautönen unterstrichen wird. So entwickeln die Bilder einen kalten, unwirklich scheinenden Sog, der die raue Welt der Arktis spiegelt. Sie raubt den Forschern die Sinne und führt zu trügerischen Bildern und Behauptungen. "Packeis" ist eine äußerst spannende, sehr empfehlenswerte Lektüre, die in diesem Jahr nicht umsonst mit dem Max-und-Moritz-Preis für das beste deutsche Comicalbum ausgezeichnet wurde.

Hier gibt es eine Leseprobe. "Packeis" von Simon Schwartz direkt bei Amazon bestellen.

Auf der Spur der Trapper

Gehen wir noch einmal hundert Jahre zurück, ins Jahr 1803. Die USA haben sich vor nicht allzu langer Zeit die Unabhängigkeit von Großbritannien erkämpft. Von Frankreich hat die junge Nation gerade Louisiana erworben und damit sein Gebiet beträchtlich vergrößert. Lewis und Clark schicken sich derweil an, im Auftrag von Präsident Jefferson den Westen des Kontinents zu erforschen. Und in einem kleinen französischen Dorf in der Normandie wird Alban Labiche durch den vermeintlichen Betrug seines adligen Freundes Louis in die Armee eingezogen und nach Amerika verschifft. Doch die Ankunft in der neuen Welt läuft aus dem Ruder: Alban hilft einem Sklaven, erschießt einen Amerikaner und soll hingerichtet werden. Nur durch die Hilfe des Trappers Toussaint gelingt ihm die Flucht Richtung Westen - in die Wildnis.

In der Wildnis müssen sich die Trapper vor wilden Tieren und Indianern auf dem Kriegspfad in Acht nehmen.
In der Wildnis müssen sich die Trapper vor wilden Tieren und Indianern auf dem Kriegspfad in Acht nehmen.(Foto: Splitter Verlag 2012)

Patrick Prugne strickt aus dieser Situation einen Comic, der in einer Zeit spielt, als noch Trapper und Fallensteller die Weiten des amerikanischen Westens durchstreiften, immer auf der Hut vor wilden Tieren und darauf bedacht, in Frieden mit den Indianern zu leben. Alban und Toussaint fliehen also nicht gerade in sicheres Gebiet. Zumal ihnen bald skrupellose Kopfgeldjäger folgen. Sie stehen für die gewaltsame Eroberung des Westens, die die Indianer nahezu ausrottet und sich die Wildnis untertan macht. Egal, wie weit Alban und sein Begleiter fliehen - die Gewalt, die vermeintliche Zivilisation folgen ihnen und rauben dem Land die Unschuld.

"Frenchman" ist bei Splitter erschienen, hat 104 Seiten im Großformat und kostet 22,80 Euro (D).
"Frenchman" ist bei Splitter erschienen, hat 104 Seiten im Großformat und kostet 22,80 Euro (D).(Foto: Splitter Verlag 2012)

Prugne kleidet das in farbenprächtige, detaillierte Bilder, die viel Wert auf stimmungsvolle Szenerie und Hintergründe legen. Das Grün der unberührten Wildnis wird dabei immer wieder durch Rottöne konterkariert, die die aufkommende Gewalt prophetisch vorwegnehmen. Die Geschichte ist allerdings nicht ganz frei von Wildwest-Klischees und auch das Ende kommt etwas überraschend - man könnte meinen, es sollte noch eine Fortsetzung folgen. Wer aber in den Pioniertagen Amerikas, in den unerforschten Weiten des amerikanischen Kontinents schwelgen will, ist bei "Frenchman" gut aufgehoben, zumal der Band über einen umfangreichen Anhang mit Skizzen, Entwürfen und teils ganzseitigen Illustrationen verfügt.

Hier gibt es eine Lesprobe. "Frenchman" von Patrick Prugne direkt bei Amazon bestellen.

Jonas gegen die Monster

Eine ganz andere Grenze in eine unerforschte, wilde Welt überschreitet Jonas: Der Schüler besucht in den Sommerferien seine Großmutter auf dem Lande. Tagsüber stromert die verträumte Halbwaise durch Wiesen und Wälder, abends muss Jonas lernen. Viel lieber kriecht er jedoch auf den Dachboden, wo er sich ein Versteck eingerichtet hat, in dem er zeichnet. Eines Tages entdeckt er dort ein Bild, das ihn auf magische Weise anzieht. Es ist das Tor in eine andere Welt. Als Jonas sie betritt wird der Faden, den er als Verbindung zum Dachboden hinter sich hergezogen hatte, durchtrennt - er ist in der ihm unbekannten Welt gefangen. Und dort lauern eine Menge Gefahren. Jonas wäre verloren, würde er nicht auf Raya stoßen.

Voller Verwunderung betritt Jonas eine ihm unbekannte Welt.
Voller Verwunderung betritt Jonas eine ihm unbekannte Welt.(Foto: Tokyopop 2012)

Das ist der Beginn der "Wormworld Saga" von Daniel Lieske. Dass sie überhaupt als Buch vorliegt, verdankt der 1977 in Bad Rothenfelde geborene Comiczeichner einem Phänomen. Denn eigentlich entstand die Fantasy-Geschichte als kostenloser Online-Comic. Mehr als Hobby begann Lieske, der damals für eine Computerspielfirma arbeitete, die Abenteuer von Jonas zu zeichnen und im Internet zu veröffentlichen. Doch schnell fand er Fans und die Online-Welt wuchs. Inzwischen verfolgen mehr als eine Million Anhänger weltweit Jonas' Abenteuer, die Geschichten liegen in teils mehr als 20 Sprachen vor, darunter Chinesisch und Hindi. Schließlich wurde auch eine über Crowdfunding finanzierte App zum Hit.

Kein Wunder also, dass Lieskes Anhänger die Geschichten bald auch gedruckt lesen wollten. Der Verlag Tokypop kommt dem nun nach, er bringt die ersten drei der insgesamt etwa 60 geplanten Kapitel als Buch heraus - empfohlen für Kinder ab zehn Jahren. Die Geschichten, die auch online gelesen werden können, werden dabei mit reichlich Zusatzmaterial, Skizzen und Bildern von Fans angereichert.

"Die Wormworld Saga" ist bei Tokyopop erschienen, hat 128 Seiten in der gebundenen Ausgabe und kostet 12 Euro (D).
"Die Wormworld Saga" ist bei Tokyopop erschienen, hat 128 Seiten in der gebundenen Ausgabe und kostet 12 Euro (D).(Foto: Tokyopop 2012)

Man sieht den Zeichnungen den digitalen Ursprung durchaus an. Vor allem die Bilder aus der Phantasie-Welt entwickeln aber gerade dadurch eine beeindruckende Farbenpracht. Die Geschichte selbst erinnert derweil stellenweise an andere Fantasy-Werke. So kennt man das Motiv der Parallelwelt bereits aus Werken wie "Alice im Wunderland" oder "Narnia". Und auch die Figurenwelt aus Monstern, Zauberern und feenartigen Wesen ist nicht ganz unbekannt. Zur großen Stärke wird jedoch Lieskes Darstellung von Jonas, die von einem guten Gespür für die Ängste und Sorgen eines Kindes zeugt, von seiner Einsamkeit und Verlassenheit. "Die Wormworld Saga" erfindet das Rad des Fantasy-Comics nicht neu. Doch Kinder und Jugendliche haben sicher großen Spaß daran, mit Jonas durch die zauberhafte "Wormworld" zu streifen.

Hier gibt es eine Leseprobe. "Die Wormworld Saga - Die Reise beginnt" von Daniel Lieske direkt bei Amazon bestellen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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