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"Anständig essen": Bio-Schweine werden nicht totgestreichelt

Von Solveig Bach

Der Braten schmurgelt im Ofen, zum Frühstück gibt es Wurst und Milch und natürlich Eier. Woher kommt das alles eigentlich und würden wir das auch essen, wenn wir gesehen hätten, wie es zu dem geworden ist, was jetzt auf unserem Tisch liegt? Fragen für ein ganzes Buch.

Ein anständiges Essen, das sind Kartoffeln, Gemüse, Fleisch und Soße, eine ordentliche Portion natürlich, es will sich ja auch keiner lumpen lassen. Karen Duve definiert "anständiges Essen" anders. Bei ihr geht es vor allem um die Frage, ob das, was wir essen, auch mit Anstand erzeugt wurde. Das darf bei vielem, was wir im Supermarkt oder beim Discounter in unsere Körbe füllen, getrost bezweifelt werden. Diese Tatsachen blenden wir nur im allgemeinen Einkaufsstress gern aus.

Da ging es Duve nicht anders als den meisten von uns. Doch Duve bekam zunehmend Gewissensprobleme, mit der Stimme in ihrem Kopf, aber auch mit ihrer Mitbewohnerin, die sie im Buch "Anständig essen" liebevoll Jiminy Grille nennt, nach dem Gewissen von Pinocchio auf dessen Weg zur Menschwerdung.

Huhn Rudi wurde von Karen Duve gerettet.
Huhn Rudi wurde von Karen Duve gerettet.(Foto: picture alliance / dpa)

Also beschloss sie, aus der Auseinandersetzung mit ihrem Essen ein Buch zu machen. Jeweils zwei Monate lang wollte sie eine andere Art, sich zu ernähren, im Selbstversuch ausprobieren – zwei Monate nur Bio-Lebensmittel, zwei Monate vegetarisch essen, zwei Monate veganes Leben und schließlich zwei Monate Fruktariertum. Dazu muss man sagen, Duve war vor ihrem Selbstversuch die Meisterin des Fertiggerichts und des Mitnehmessens, mal ganz abgesehen von ihrer Liebe zu Cola light und großen Tüten voller Lakritz.

In der Bio-Phase nimmt sie erst einmal zu, auch Bio-Fleisch kann man durchaus in Mengen essen. Die Bio-Cola ist nicht so toll, aber es gibt jede Menge Süßigkeiten und Kekse, und so ändert sich Duves Leben noch nicht wirklich. Das ist in der vegetarischen Phase schon anders, ein Leben ohne Fleisch – das ist für Fleischfresser irgendwie unvorstellbar. Im Alltag bekommt Duve den Fleischverzicht ganz gut hin, aber es ist an der Zeit, die Lebensmittelpalette doch zu erweitern. Also werden Tofu-Schnitzel und Gemüse nach Hause geschleppt, das Leben ist durchaus schön.

Halbherzige Betäubungsversuche

Zur wirklichen Herausforderung wird die vegane Phase, keine Eier, keine Milch, kein Käse und vor allem, keine Daunendecke, keine Lederjacke, die meisten Schuhe sind natürlich auch nicht vegan. Duve verliert Gewicht und an manchen Tagen auch den Glauben an sich selbst. Wie hatte sie bisher ihre Mitgeschöpfe nur so gnadenlos ausbeuten können? Schließlich nähert sich die fruktarische Phase, das heißt, Duve darf nur essen, was die Pflanzen freiwillig geben oder was die Pflanze nicht umbringt und vegan natürlich sowieso. Also gibt es Bananen und Äpfel ohne Ende und jede Mengen warme Erbsen, weil nur die satt machen.

Das Buch ist bei Galiani erschienen und kostet 19,95 Euro.
Das Buch ist bei Galiani erschienen und kostet 19,95 Euro.

Duve konzentriert sich allerdings nicht nur auf die Nahrungsbeschaffung den jeweiligen Parametern entsprechend. Sie erkundet die Herkunft ihrer Lebensmittel und unseren Umgang mit dem, was wir essen. Wie sieht eigentlich industrielle Landwirtschaft aus? Was bedeutet sie für die Tiere? Duve schreibt von qualvoller Enge und allenfalls halbherzigen Betäubungsversuchen, bevor unser Fleisch getötet wird. Sie schreibt von Kälbchen, die nach ihren Müttern schreien, während wir die Milch trinken, die die Kuh eigentlich für ihr Kalb produziert. Sie schreibt von halbherzigen Verbesserungsversuchen, mit denen der Platz, den ein Huhn in einer Legebatterie hat, auf gigantisches A4-Format vergrößert wird.

Ein Buch, das nachwirkt

Das alles klingt nicht missionarisch und ist auch nicht neu. So wie Duve kann sich das jeder klar machen und daraus Konsequenzen für sein eigenes Kaufverhalten ziehen. Nur, die wenigsten tun das, diese Erfahrung macht auch Duve immer wieder bei Familienbesuchen. Immerhin hat die Autorin einen leibhaftigen Landwirtschaftsminister in der Familie und bekommt all jene Argumente zu hören, die für die extensive Agrarindustrie sprechen sollen.

Am Ende bleibt für Duve die Einsicht, dass Bio besser ist als herkömmlich Erzeugtes, dass die Eier von den eigenen Hühnern immer noch schmecken, dass verganes Leben gar nicht so schlecht ist, dass Dogmen nicht funktionieren, dass Cola light immer noch lecker ist und dass Bio-Schweine auch nicht totgestreichelt werden. Duve schreibt amüsant und liest sich sehr unterhaltsam. Aber man sollte die Nachwirkungen nicht unterschätzen.

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Quelle: n-tv.de

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