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(Foto: dpa)

Lesestoff naschen: Bücher im Osternest

Solange das Wetter noch so durchwachsen ist, lockt die Couch noch mit Wolldecke und einem guten Buch. Wir haben ein paar Vorschläge für Comic- und Italienfans, Schwimmer und Camper. Und für alle diejenigen, die auch jenseits der 40 noch Punk sind.

Auf den Hund gekommen

Aufbau-Verlag, 303 Seiten, 19,95 Euro.
Aufbau-Verlag, 303 Seiten, 19,95 Euro.

Ernesto heißt Ernesto, weil seine Eltern Südamerika-Fans sind. Die Kombination Ernesto Schmitt wirkt dann aber doch etwas merkwürdig. In einem Roman funktioniert sie aber wunderbar. Glück für Ernesto, denn er ist der Erzähler von "Tango für einen Hund" von Sabrina Janesch. Da es aber alleine langweilig ist, spendiert ihm Janesch zwei Gefährten: Onkel Alfonso, einen Verwandten der argentinischen Linie der Familie, und Astor Garcilaso de la Luz y Parra - ein Hund, der den Beschreibungen Ernestos folgend ungefähr Pferdegröße erreicht. Alle drei machen sich auf den Weg zu einer Hundeschau, damit Astor mal eben den Hauptpreis entgegennehmen kann. Ernesto ist das auch recht, er muss nämlich eigentlich Sozialstunden in einem Altenheim ableisten. Aber wie heißt es im Roman: "Aus großem Leid entstehen große Geschichten." Und der Roadtrip beginnt.

Zwei Romane hat Janesch bisher vorgelegt. Beide ergründen auf eher ernste Weise die deutsch-polnische Geschichte. Nach Schlesien und Danzig wählt sie nun einen weiteren schillernden Handlungsort: "Das hier, haltet euch fest, ist die Lüneburger Heide." Der Satz beschreibt schon ganz gut den ironischen, lockeren Ton des Buches. Denn es ist eine Komödie, die Janesch mit einigen skurrilen Hintergrundgeschichten und Seitensträngen erzählt. Dazu verpasst sie ihrem Protagonisten eine Sprache, in der Sachen wie "Biologie ist eine Bitch" und "Autogenes Blitzkriegtraining" vorkommen - jugendlich, aber mit Hintergedanken. Das liest sich ganz flott und die Geschichte ist ohnehin schön absurd, so dass "Tango für einen Hund" zur perfekten Frühlingslektüre wird. Auch für Katzenfans. (mli)

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Wenn der Vater mit der Tochter

Covadonga Verlag, 224 Seiten, 12,80 Euro
Covadonga Verlag, 224 Seiten, 12,80 Euro

Als frischgebackener Vater verändern sich die Prioritäten. Man liest ganz andere Bücher: "Schwimmen für alle" von Terry Laughlin beispielsweise. Der Untertitel "Jeder kann richtig gut schwimmen" verleitet dazu. Man selbst hat zu DDR-Zeiten Schwimmen gelernt, es aber nur bis Stufe 1 gebracht. Das ist so ein Mittelding zwischen bleierner Ente und Schwimmen können. Und da man ja bekanntlich all das, was man selbst nicht erreicht hat im Leben, auf seine Kinder projiziert, wird die Kleine alles besser machen.

Das nötige Rüstzeug liefert das Buch aus dem Verlag Covadonga. Ob Brust, Freistil, Rücken oder Schmetterling: Laughlins Schwimmtechnik-Ratgeber befasst sich mit allen. Mühelos ausdauernd schneller schwimmen, das glaubt der Leser dem Autor sofort, mit mehr als vier Jahrzehnten Schwimmlehrer-Expertise auf dem Buckel: Schwimmen sei etwas für alle Menschen, egal wie alt sie sind, heißt es da. Wir werden es sehen, ob seine Tipps und Methoden, leicht verständlich beschrieben und passend bebildert, wirklich funktionieren. (tba)

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Aus Liebe zur frischen Luft

Haffmans & Tolkemitt, 256 Seiten, 19,90 Euro
Haffmans & Tolkemitt, 256 Seiten, 19,90 Euro

Manche zelten aus Liebe. Ich mache es, weil es Spaß macht, draußen an der Natur zu sein, die frische Luft zu atmen, die Vögel zwitschern zu hören. Einige werden jetzt sagen: Der spinnt doch! Andere werden denken: Recht hat er. Für letztere ist der Ratgeber "Cool Camping". Und da jeder mal klein anfängt: Deutschland. Fast 60 Campingplätze werden in dem bei Haffmans & Tolkemitt erschienenen Buch vorgestellt. Es gibt jede Menge Tipps zu Anreise, für Ausflüge oder auch Rezeptideen. Egal, ob am Fluss, im Wald, auf der Wiese, am See oder Meer: Nach der Lektüre von "Cool Camping" will man eigentlich nur sein Zelt schnappen, Iso und Luftmatratze einpacken und losziehen! Von mir aus auch aus Liebe … (tba)

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Viel Testosteron und ein Bankrott

S.Fischer, 416 Seiten, 21,99 Euro
S.Fischer, 416 Seiten, 21,99 Euro

Es ist ein ganz spezieller Ton, den italienische Autoren manchmal anschlagen: Sie plaudern lässig vor sich hin, würfeln Worte durcheinander, jubeln dem Leser den einen oder anderen altklug-philosophischen Gedanken unter und lassen keine Pointe aus. Das kann nerven. Aber auch wunderbar funktionieren, wie der römische Autor Alessandro Piperno in seinem Buch "Hier sind die Unzertrennlichen" beweist. Der Roman um das Brüderpaar Filippo und Samuel Pontecorvo ist die Fortsetzung von "Die Verfolgung". Vorkenntnisse sind dennoch nicht nötig. Alles Wesentliche (Vater wird beschuldigt, die 13-jährige Freundin eines seiner Söhne missbraucht zu haben, verschanzt sich im Souterrain des Hauses und kommt dort ums Leben) wird in Rückblenden aufgegriffen und weitergesponnen.

In Pipernos neuem Buch sind die Brüder erwachsen geworden und zu gestandenen Neurotikern gereift. Filippo hadert mit seinem weltweiten Ruhm, den er mit der Verfilmung eines Comics über die armen Kinder dieser Welt erlangt. Einzig sein überbordender Testosteronspiegel frohlockt, denn die weiblichen Fans begnügen sich nicht damit, Filippo nur zu Füßen liegen zu wollen. Samuel hingegen hat ein riesiges monetäres Problem: Der Trader verspekuliert sich auf ganz üble Weise und schließt unbequeme Bekanntschaft mit einer Pistole. Und als ob das nicht genug wäre, wählt sein Bruder auch noch eine Bettgefährtin, von der er lieber die Finger gelassen hätte. Piperno ist ein scharfer Beobachter menschlicher Unzulänglichkeiten und hat mit "Hier sind die Unzertrennlichen" eine bissige Tragikomödie geschrieben, deren Lektüre Spaß macht. (kse)

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Punk is me

Haffmans & Tolkemitt, 380 Seiten, 21,95 Euro
Haffmans & Tolkemitt, 380 Seiten, 21,95 Euro

Ich habe keinen Punk gehört. Damals in den späten 80ern, frühen 1990ern. Ich dachte, Michael Jackson ist cool. Ich hatte kein Vinyl. Ich hatte alte Kassetten und exakt eine CD. Den "Bodyguard"-Soundtrack. Jetzt habe ich dieses Buch vor mir. "Punk is Dad". Von Roddy Doyle. Dem coolen Typen, der "The Commitments" erfunden hat. Steht zumindest auf dem Cover. "The Commitments"? Ein Buch? Eine Band? Ein Film? Aha, ein Buch über eine fiktive Band, das verfilmt wurde. Mit dem Zusatz "Kult". Hätte ich kennen müssen, wenn ich in der Raucherecke hätte mitreden wollen. Aber ich war ja mit Whitney Houston beschäftigt.

Jetzt lerne ich Jimmy Rabbitte, den ebenfalls fiktiven Gründer der "Commitments", kennen. Ihn, seinen alten Vater, seine pubertierenden Kinder, seine süße, sexy Frau, seine alte Flamme, seine von der Finanzkrise gebeutelten Nachbarn und seinen Darmkrebs. Und ich mag ihn. Nicht den Darmkrebs. Jimmy. Ich mag seinen trockenen Humor angesichts der Katastrophen, die ihm widerfahren. Seine verrückten Projekte, seinen Stolz auf seine Kinder, seine Liebe zu seiner Frau und schüttele nachsichtig den Kopf über all die Dummheiten, die er macht, weil er Angst vor dem Tod hat.

Ich mag die wenigen Worte, die sein Erfinder Roddy Doyle braucht, um eine ganze Welt entstehen zu lassen. Google klärt mich auf: Auch wenn Jimmy mit mittlerweile 47 Jahren vor allem auf Punk steht, die "Commitments" haben Soulmusik gemacht. Die kenne ich auch, darauf haben sich Michael und Whitney auch bezogen, da kann ich mitsingen! Ich lerne, dass die flapsigen kurzen Dialoge Roddy Doyle zum wichtigsten irischen Vertreter des "Comic Reliefs" gemacht haben. Und das Jimmy Rabbitte nicht nur bei den "Commitments", sondern auch bei "The Snapper" und "Fish&Chips" eine Rolle in Buch und Film spielt. Ich habe also noch 3 Bücher und 3 Filme vor mir. Und jede Menge Punk-Soul-Pop-Zitate zum Nachhören. Voll Punk. (sla)

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Die eigene Wahrheit

Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, 15,00 Euro
Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, 15,00 Euro

"Hier gibt es eine palästinensische Vergangenheit, die ich nicht verleugnen kann, aber ich kann auch nicht verleugnen, dass ich gleichzeitig hundertprozentig Israeli bin und auf Hebräisch schreibe." Das schildert Ayman Sikseck - ein arabischer Israeli. Israel ist ein Land mit zwei Narrativen – die Geschichte wird aus jüdischer und aus palästinensischer Sichtweise erzählt. Die einen sprechen von der Staatsgründung von Eretz Israel, dem Land Israel. Die anderen, die Palästinenser, von der Nakba - wörtlich übersetzt "Katastrophe" - und meinen damit denselben Zeitpunkt. Wer wie der Berliner Autor und Fotograph Ali Ghandtschi als Außenstehender - als Deutscher, Perser, Nichtjude in dieses zerrissene Land kommt, der spürt, dass jeder seine eigene Wahrheit empfindet.

Der Autor spricht vor Ort mit Schriftstellern und Künstlern beider Bevölkerungsgruppen und bittet sie, eine Geschichte aus ihrer Kindheit zu erzählen. Das Ergebnis ist "Mein Israel": In diesen kurzen zahlreichen individuell abgeschlossenen Episoden aus Kindheitstagen spiegelt sich das Politische auch im Alltäglichen wider und der große Nahostkonflikt findet im kleinen Mikrokosmos jedes Einzelnen statt – aus der Sicht eines Kindes. Jede Geschichte ist ein Zeugnis dafür, wie selbst die Kindheit vom Dauerkampf um die Existenz von Israel und dem Traum von einem Palästinenserstaat geprägt ist. Dabei schlagen die Erzähler auch die Brücke bis in die Gegenwart.

Ob Siedler, orthodoxer Jude, arabischer Israelis, Holocaust-Überlebende, palästinensischer Flüchtling oder Zionist in "Mein Israel" kommen sie fast alle zu Wort. Die Geschichten handeln von Freund-Feind Schemen, von verletzten Freiheitsrechten und gesellschaftlichen Zwängen und persönlichen Schicksalen. Dieses Buch als Kaleidoskop der israelisch-palästinensischen Gesellschaft offenbart die große Zerrissenheit und die unterschiedlichen Perspektiven auf dieses kleine, aber politisch extrem aufgeladene Land. (sug)

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Tohuwabohu in der Stadt

Die Szenen mit dem cholerischen Förster gehören zu den witzigsten des Buches.
Die Szenen mit dem cholerischen Förster gehören zu den witzigsten des Buches.(Foto: Anke Kuhl / Reprodukt)

Es darf gesponnen werden. Was passiert zum Beispiel, wenn zwei Kinder am Fluss eine riesige Figur aus Lehm bauen und diese über Nacht zu Leben erwacht? Genau das geschieht in dem Comic "Lehmriese lebt!" von Anke Kuhl. Jener Lehmriese erwacht also und ist erst mal völlig ohne Plan. Notgedrungen läuft er los und trifft zuerst auf einen übergenauen Förster. Schnell wird jedoch klar, dass der gutmütige Riese dessen Anweisungen nicht versteht, also zieht er weiter in die Stadt. Auch dort eckt der Riese immer wieder an, stiftet Verwirrung, trifft aber auch seine beiden kleinen Schöpfer wieder. Und am Ende wird auch noch der Bogen zur Golem-Sage gespannt, die dem Lehmriesen als Vorbild dient.

"Lehmriese lebt!", Reprodukt, 96 Seiten im Hardcover, 18 Euro.
"Lehmriese lebt!", Reprodukt, 96 Seiten im Hardcover, 18 Euro.

Die preisgekrönte Illustratorin Kuhl hat sich mit etlichen Kinder- und Bilderbücher einen Namen gemacht. "Lehmriese lebt!" ist nun ihr erster Comic, der sich vor allem an Kinder richtet, aber natürlich auch an erwachsene Mit- und Vorleser. Besonders faszinierend ist, wie spielend leicht Kuhl eine kleinstädtische Welt erschafft, die der Lehmriese entdeckt und durcheinander bringt. Sie fügt zwar immer wieder auch Seiten ein, auf denen man Alltäglichkeiten lernen kann, doch in dieser Stadt darf es auch mal wild zugehen - und fantasievoll, wie eine eisverkaufende Kuh und ein vermenschlichter Käfer zeigen. Dazu passen die zugespitzten Charaktere, die Kuhl mit leichtem Strich und wunderbaren Farben gestaltet. "Lehmriese lebt!" mischt alle Zutaten, die ein gutes Kinderbuch ausmachen: Fantasiereichtum, Witz und etwas Durcheinander. (mli)

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Mehr als nur Schüsse in Sarajevo

Jacoby & Stuart, 224 Seiten, 28,00 Euro
Jacoby & Stuart, 224 Seiten, 28,00 Euro

Noch ein sehr lesenswerter Nachklapp zum großen Weltkriegs-Gedenkjahr: Der Däne Henrik Rehr befasst sich in seinem umfangreichen Comic "Der Attentäter" mit jenem Mann, dessen Mord den Ersten Weltkrieg auslöste. "Die Welt des Gavrilo Princip" (so der Untertitel) erzählt penibel recherchiert dessen Leben nach: seine ärmliche Kindheit, die Übersiedlung nach Sarajevo, schließlich die Radikalisierung gegen Österreich und die Vorbereitungen auf das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand. Rehr verzichtet auf eine einfache Verurteilung, sondern schildert die sozialen und historischen Umstände, die Princip für die eine Seite zum Attentäter, für die andere zum Nationalhelden werden ließen. Die ausdrucksstarken, realistischen Schwarz-Weiß-Bilder vermitteln dabei eine Düsternis und Hoffnungslosigkeit, die in gewisser Weise die Kriegsschrecken vorwegnehmen. Der Lesegenuss wird einzig dadurch gestört, dass Rehr Princips Leben stellenweise von seinem Ende her erzählt und seine Vorgeschichte symbolisch auflädt - als sei es sein vorherbestimmtes Schicksal gewesen, die Schüsse von Sarajevo abzufeuern. (mli)

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Dylan finden - oder auch nicht

"Catfish", Metrolit, 260 Seiten, 22 Euro.
"Catfish", Metrolit, 260 Seiten, 22 Euro.

Bob Dylan ist ein Mysterium: Folkie, Protestsänger, Judas mit E-Gitarre, Vaudeville-Darsteller, wiedergeborener Christ und Bewahrer der traditionell-amerikanischen Musik - er hat viele Rollen gespielt und niemand kann wirklich sagen, ob dahinter nicht noch ein ganz anderer Dylan steckt. Ob Maik Brüggemeyer Rat weiß? Er hat sich intensiv mit dem Musiker auseinandergesetzt. Und er hat "Catfish" geschrieben, einen "Bob Dylan Roman", wie er im Untertitel heißt. Kann man machen, zumindest wenn man wie Brüggemeyer einen originellen Ansatz findet. Denn er erzählt nicht nur von seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Musiker, wie dem ersten Konzertbesuch.

Der Autor reist auch in die USA, um Dylan zu suchen. Und er findet ihn: als Obdachlosen auf einer Parkbank, als Philosoph in einer Bar, als Clown in einem Varieté. Die Gespräche, die sich dabei entspinnen, sind nicht real, aber auch nicht erfunden. Der Autor nutzt Dylan-Zitate aus Songs, Büchern und Interviews, um den großen Unbekannten zu Wort kommen zu lassen. Fans werden mit Freude entschlüsseln, welches Zitat aus welchem Lied stammt. Wenn man das nicht schafft, ist der Spaß etwas eingetrübt, doch es bleiben immernoch einige schöne Episoden. "Catfish" ist eben ungewöhnlich und herausfordernd. Das kennt man ja von Dylan. (mli)

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Quelle: n-tv.de

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