Unterhaltung

Markt ohne Moral: Das Versagen der Finanzelite

Von Thomas Badtke

Manche Bücher sind wie guter Wein: Sie brauchen Zeit, man muss sie reifen lassen, erst dann können sie ihr volles Bouquet entfalten. Manche Bücher sind auch einfach zeitlos. "Markt ohne Moral" von Susanne Schmidt ist beides.

Josef Ackermann und die Deutsche Bank: Gewinner der Finanzkrise?
Josef Ackermann und die Deutsche Bank: Gewinner der Finanzkrise?(Foto: REUTERS)

"Markt ohne Moral" steht seit über einem Jahr bei mir im Regal. Gekauft habe ich es eigentlich damals nur, weil ich Susanne Schmidt persönlich kenne. Ich habe mit ihr im Jahr 2000 zusammengearbeitet. Wir waren Kollegen. Na ja, eigentlich habe ich nur ein Praktikum bei BloombergTV Germany in London gemacht und natürlich verklärt sich im Rückblick so einiges. Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, außer der Moderatorin Sandra Knispel, ist die ruhige und sachliche Art von Frau Schmidt, ihre Kompetenz und ihr Wissen rund um Finanzen und Politik, dass sie zudem gern geteilt hat. Gründe genug, mir das Buch zuzulegen.

Als Susanne Schmidt dann der diesjährige "Deutsche Wirtschaftsbuchpreis" verliehen wird - zum ersten Mal bekommt ihn eine Frau - hole ich "Markt ohne Moral" wieder aus dem Regal und lese den Klappentext: "Kein Risikobewusstsein, keine Kontrolle, keine Moral - Die Finanzkrise hat die Welt an den Rand des Abgrunds geführt …" Vor dem Hintergrund der jüngsten Verschärfung der Schuldenkrise der Euro-Staaten und der freizügigen Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve denke ich: "Stimmt", und fange an zu lesen.

Willkommen in der "City"

Susanne Schmidt (Bild: FinePic/Helmut Henkensiefken)
Susanne Schmidt (Bild: FinePic/Helmut Henkensiefken)

Es dauert nicht lange und "Markt ohne Moral" hat mich voll in den Bann gezogen. Es geht um die Londoner "City", wie der Bereich der englischen Hauptstadt genannt wird, in dem die Finanzwelt das Sagen hat. Ein Bereich, nicht sehr groß, aber dafür umso mächtiger. Ein Bereich, in dem nichts real produziert wird, aber wo es dennoch um Milliarden, ja Billionen-Summen, geht. Ein Bereich, in dem es hoch hergeht, das Leben pulsiert - aber nur von Montag bis Freitag, am Wochenende ist die "City" wie leer gefegt, bis auf ein paar Touristen nahezu ausgestorben.

In dieser "City" hat Susanne Schmidt 30 Jahre gearbeitet, angefangen im Großkundenkreditgeschäft bei der Deutschen Bank, später dann im Analysebereich einer japanischen Investmentbank und zuletzt beim Finanzsender Bloomberg, dessen Gründer mittlerweile Milliardär und heute Bürgermeister von New York ist. Schmidts Wissen über die "City" und das Gebaren derer, die in ihr arbeiten, stammt also aus "erster Hand".

"Markt ohne Moral" ist bei Droemer-Knaur erschienen. Neben dem Hardcover gibt es auch eine Taschenbuchausgabe.
"Markt ohne Moral" ist bei Droemer-Knaur erschienen. Neben dem Hardcover gibt es auch eine Taschenbuchausgabe.

Sie schildert, wie sich die "City" im Lauf der Zeit geändert hat, was Margaret Thatchers Gesetzgebung damit zu tun hat und wie dadurch ein neuer Schlag Bankmanager und Banker entstanden ist. Ein Schlag, dem es nicht um das Wohlergehen des eigenen Unternehmens geht, sondern lediglich um die Maximierung des eigenen Profits, um die Höhe der Boni. Sie prangert dabei genau diese Boni-Zahlungen an. Nicht den Bonus als Anreiz an sich, sondern die Höhe und vor allem die Zeit der Zahlungen: Der Banker bekommt den Bonus für ein Geschäft, das er gestern abgeschlossen hat, heute, selbst wenn das zugrundeliegende Risiko jahrelang bestehen bleibt. Die berühmte Kurzfrist-Denke, die auch bei realwirtschaftlichen Unternehmen vorherrschend ist, sobald sie Geld vom Kapitalmarkt brauchen. Quartalsberichte statt Jahresbilanzen, kurzfristige Gewinnoptimierung statt langfristiger Erfolgsstrategie.

Eine Frage der Moral

Aber nicht die Boni sind die Wurzel allen Übels, sondern der sogenannte Moral Hazard, das Moralische Risiko. Die Banken gehen für immer höhere Renditen immer höhere Risiken ein. Wer als Eigenkapitalrendite 25 Prozent verspricht, wie Josef Ackermann für die Deutsche Bank, muss sich ganz schön ins Zeug legen. Im Gegensatz zu realwirtschaftlichen Unternehmen, die kaum solche Renditen in dieser Höhe versprechen, können Banken das nötige Risiko eingehen, denn im Notfall können sie darauf zählen, dass der Staat und die Steuerzahler einspringen. "Implizite Staatsgarantie" nennt man das. Commerzbank, Hypo Real Estate, AIG, Fannie Mae und Freddie Mac, Citigroup, Royal Bank of Scotland, SachsenLB, WestLB, und und und - sind die Beispiele der jüngsten Zeit.

Ihr Fett bekommen auch die Ratingagenturen und die Notenbanken weg, egal "The Old Lady of Threedneadle Street", wie die Bank of Englang ob ihres Alters (gegründet 1694) und Standortes mitten in der City auch genannt wird, oder die Fed samt ihres langjährigen Präsidenten Alan Greenspan. Der sogenannte Greenspan-Put ist nicht ganz unschuldig an der Finanzkrise und deren Folgen: Nachdem die Fed in Krisenzeiten - wie dem Aktienmarkt-Crash 1987, dem Zweiten Golfkrieg, der mexikanischen Finanzmarktkrise Mitte der 90er (Tequila-Krise), der Beinahepleite des Hedgefonds LTCM sowie nach der Dot.com-Blase (2000) und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - jedes Mal die Zinsen niedrig hielt, sie in Aufschwungzeiten aber nicht erhöhte, kam es zu einer erheblichen Asymmetrie im Kursrisiko verschiedenster Anlageklassen. Die Zinspolitik Greenspans hatte einen vermeintlichen Boden gezogen. An den Finanzmärkten regierte daher der Glaube: Wenn es mal schlecht läuft, werde die Fed die Zinsen schon senken. Das führte dauerhaft zu einer zu hohen Liquidität am Markt und ermöglichte Blasenbildungen.

Was nun?

Solange alles gut lief, stellte keiner Fragen - weder am Finanzmarkt noch in der Politik. Laut Schmidt ist das vergleichbar mit dem "Autofahren auf abschüssiger Straße: Da nimmt das Tempo von ganz alleine zu, und irgendwann kommt die Kurve - Bremse leider defekt, Airbag nicht vorhanden, Sicherheitsgurt ausgeleiert." Sie ahnen, was passiert …  

Nun ist die Politik gefragt: Sie müsse dafür sorgen, dass der Finanzmarkt wieder auf den rechten Weg zurückfindet. Dass der "Moral Hazard" begrenzt wird, bezieht Schmidt dann klar Position. Das Thema Nachhaltigkeit muss ebenso wieder fester in allen Köpfen verankert werden. Und da wäre ja auch noch die Rolle der Ratingagenturen, das Bezahlungssystem der Banker und die systemischen Regularien an sich (Stichwort: Basel III): Es gibt eine Menge zu tun, um die nächste Krise abzuwenden. Ein simples „zurück zur Tagesordnung“ könne verheerend sein, warnt die promovierte Volkswirtin Schmidt auch vor dem nächsten großen Crash.

Die Schmidtsche Schreibe

Jetzt kann ich es verraten: Ich habe "Markt und Moral" in einem Zug durchgelesen. Quasi verschlungen. Das liegt natürlich am immer noch aktuellen Thema des Buches, es ist eben zeitlos. Aber auch an den anschaulichen Vergleichen, dem Hintergrundwissen der Autorin und der "Schreibe" Schmidts selbst. Sie versteht es, komplizierte Zusammenhänge aus dem Finanzwesen zu vereinfachen und verzichtet dabei nahezu ganz auf finanztechnisches Fachchinesisch. Zur Not hilft zudem ein Glossar am Ende des Buches.

Der verständliche Schreibstil, den sie wohl von ihrem Vater, Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt geerbt hat, macht das Buch für breite Leserschichten interessant. Zudem trägt es auch biografische Züge, denn Schmidt greift immer wieder auf Anekdoten aus ihrem Leben zurück und bietet dem Leser damit persönliche Einblicke. "Markt und Moral" ist rundum gelungen und auch als Taschenbuch erhältlich.      

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Quelle: n-tv.de

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