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Shin engagiert sich heute für südkoreanische Menschenrechtsgruppen.
Shin engagiert sich heute für südkoreanische Menschenrechtsgruppen.(Foto: AP)

"Flucht aus Lager 14": Den Gulag in der Seele

Von Solveig Bach

Aus kaum einem Land sind so wenig verlässliche Informationen zu bekommen wie aus Nordkorea. Doch die Welt weiß, dass es dort Straflager gibt, in denen Menschen mit unglaublicher Brutalität ausgebeutet und unterdrückt werden. Eines dieser Lager ist 23 Jahre lang die Welt von Shin Dong-hyuk.

Die Lager sind im ganzen Land verteilt.
Die Lager sind im ganzen Land verteilt.

"Shin war ein abgemagertes, in sich gekehrtes und die meiste Zeit einsames Kind ohne Freunde, dessen einzige Quelle der Gewissheit die Ermahnungen der Wärter waren, sie könnten sich von ihrer Sünde dadurch befreien, dass sie ihre Eltern denunzierten." Es sind Sätze wie dieser im Buch von Blaine Harden, die die Lektüre zu einer zutiefst verstörenden Angelegenheit machen.

Harden beschreibt das Schicksal von Shin Dong-hyuk, der in einem nordkoreanischen Straflager zur Welt kam. Shin gilt als der einzige Mensch, dem je die Flucht aus einem der vollkommen von der Außenwelt isolierten Lager gelungen ist. Was Isolation im Fall Nordkoreas bedeutet, wird deutlich, wenn Harden beschreibt, wie Shins Kindheit aussah. Dafür wählt er den Vergleich mit den Insassen der deutschen Konzentrationslager. Im Gegensatz zu ihnen sei Shin nicht aus einem zivilisierten Leben herausgerissen worden. "Er wurde bereits in der Hölle geboren und aufgezogen. Für ihn war sie sein zuhause."

Ein System der Unmenschlichkeit

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Shin kam im Lager Nummer 14 als Kind politischer Häftlinge zur Welt. Lager Nummer 14 gehört zu den schlimmsten, es ist ein "Bezirk unter besonderer Kontrolle". Hierher werden Häftlinge gebracht, die "als nicht verbesserungsfähig" angesehen werden und die sich hier zu Tode arbeiten sollen. Hier, in Geachon in der Provinz Hamgyeong, leben  15.000 Häftlinge auf einer Fläche von 280 Quadratkilometern. Es gibt landwirtschaftliche Betriebe, Bergwerke und Fabriken.

Jedes Jahr werden Häftlinge hingerichtet, natürlich vor den Augen der übrigen Unglücklichen.  Misshandlungen, Vergewaltigungen, Morde, Schwerstarbeit, Hunger, Dreck und Krankheiten – das Leben der Häftlinge ist grausam. "Ein- oder zweimal im Jahr erhalten sie Kleidung, sie arbeiten und schlafen in schmutzigen Lumpen, leben ohne Seife, Socken, Handschuhe, Unterwäsche oder Toilettenpapier. Tag für Tag müssen sie zwölf bis fünfzehn Stunden arbeiten, bis sie sterben, gewöhnlich an den Folgen der Unterernährung und noch bevor sie fünfzig Jahre alt sind."

Auf Satellitenbildern sind diese Lager deutlich zu sehen, westliche Regierungen und Menschenrechtsgruppen gehen davon aus, dass dort Hunderttausende Menschen umgekommen sind. Shin wird in diese Welt hinein geboren, er beherrscht ihre Regeln perfekt. Er stiehlt seiner Mutter das Essen, er bekommt nur ein Minimum an Bildung, er schlägt Schwächere und wird von Stärkeren misshandelt, er denunziert Mitschüler und er hungert jeden Tag. Er lebt außerhalb jeder moralischen Kategorie, der außerhalb Nordkoreas eine gewisse Allgemeingültigkeit zugebilligt wird.

Ein furchtbares Geheimnis

Das Buch ist bei DVA erschienen.
Das Buch ist bei DVA erschienen.

Harden beschreibt Shin als einen zutiefst verstörten Menschen, den seine Erinnerungen  quälen und den es doch auf unfassbare Weise in das Lager zurückzuziehen scheint. Doch im Lauf der vielen Gespräche, die Harden mit Shin führt, entwickelt sich zwischen den beiden Vertrauen, eine Fähigkeit, die Shin bisher weder hatte noch brauchte. Schließlich offenbart ihm Shin sein schlimmstes Geheimnis. Er hat die Fluchtpläne seiner Mutter und seines Bruder verraten. Und für Fluchtpläne gibt es im Lager 14 nur eine Konsequenz - die Hinrichtung. Auch Shin und sein Vater werden zusehen, als die Mutter gehängt und der Bruder schließlich erschossen werden.

Doch weder die Hinrichtung noch die Tatsache, dass auch er selbst gefoltert und gequält wird, hätten Shin zur Flucht bewegt. Es ist vielmehr die Begegnung mit zwei Mitgefangenen, die in ihm so etwas wie Menschlichkeit wecken. Und es ist der Hunger, Shin will einmal Reis essen, bis er satt ist. Am Ende kriecht er über die Leiche des Mithäftlings, der mit ihm fliehen wollte, durch den Starkstromzaun. Er läuft einfach los, durchquert Nordkorea, ein ihm komplett fremdes Land. Er stiehlt und hungert noch immer, aber er ist frei. Freier als er je war. So frei, dass er es kaum aushalten kann.  Er erreicht tatsächlich Südkorea, aber die ersten 23 Jahre seines Lebens und das Lager kann er nicht hinter sich lassen.

Berührendes Dokument

Harden lässt Shin Raum für seine Erzählungen und macht doch immer wieder deutlich, dass es so gewesen sein kann, aber nicht sein muss. Wo es andere Quellen gibt, sucht Harden Bestätigungen, doch manche Dinge müssen im Ungefähren bleiben. Einige Beschreibungen sind unglaublich, andere ungeheuerlich. Deutlich wird, dass das nordkoreanische Regime nicht nur seine eigene Bevölkerung systematisch aushungert und unterdrückt, sondern auch auf dem Weltmarkt von Geldfälscherei, Drogenhandel und Cyberterrorismus kräftig mitmischt.

Shins Leben jenseits von Lager 14 ist schwierig. "Ich entwickle mich aus einem Leben als Tier. Aber es passiert sehr, sehr langsam. Manchmal möchte ich unbedingt weinen oder lachen wie andere Menschen, einfach um festzustellen, ob es sich nach etwas anfühlt. Aber es kommen keine Tränen. Es kommt kein Lachen."  Das gleiche Muster beobachten Forscher auch bei den Überlebenden von Konzentrationslagern. Shin konnte die Hölle verlassen, doch sie ist noch immer in ihm.

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Quelle: n-tv.de

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