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"Jimmy" - Mutter ruft.
"Jimmy" - Mutter ruft.(Foto: Chris Ware / Reprodukt)

"Der klügste Junge der Welt": Der große Corrigan

Von Markus Lippold

Bücher können zum Lachen bringen und nachdenklich machen, sie können Betroffenheit erzeugen und verstören. Bücher können persönliche Schicksale aufgreifen und eine Gesellschaft sezieren. Im besten Fall machen sie all das zusammen. So wie "Jimmy Corrigan". Nun kommt der Comic auf Deutsch heraus.

Eine moderne Legende lässt im Kino derzeit wieder mal die Puppen tanzen: "Der große Gatsby", diesmal dargestellt von Leonardo DiCaprio, ist ein schwerreicher Lebemann, dessen Partys von halb New York bevölkert werden. Gatsby bewohnt eine riesige Villa, oder besser: ein Märchenschloss, er trägt extravagante Kleidung und fährt schnelle Autos. Und ihn umgibt eine geheimnisvolle Aura des Verruchten.

Sicher kein Held: Jimmy Corrigan.
Sicher kein Held: Jimmy Corrigan.(Foto: Chris Ware / Reprodukt)

Jimmy Corrigan hat kein Auto. Er wohnt in einem kleinen Appartement in Chicago, hat eine langweilige Arbeit und sitzt im Büro eingekeilt zwischen Trennwänden. Partys schmeißt Jimmy Corrigan nicht. Dafür telefoniert er jeden Tag mit seiner Mutter, das heißt: Seine Mutter ruft ihn an, sie ist so besorgt um Jimmy. Aber es ist ja nichts Verruchtes an ihm.

Gatsby und Corrigan haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Außer vielleicht dieses: Sie sind Protagonisten in literarischen Meisterwerken. "Der große Gatsby" von F. Scott Fitzgerald gilt als die "Great American Novel", als der große amerikanische Roman, der persönliches Schicksal und Gesellschaftsportrait auf geniale Weise verbindet. "Jimmy Corrigan - der klügste Junge der Welt" hat es noch nicht ganz so weit geschafft. Aber der Comic von Chris Ware gilt immerhin als einer der Meilensteine des Genres, sowohl was Inhalt als auch was formale Gestaltung angeht.

Knautschgesicht und Bauchansatz

Ganz neu ist "Jimmy Corrigan" allerdings nicht: Zwischen 1995 und 2000 veröffentliche Chris Ware den Comic als Serie in einer Zeitung und in seiner "Acme Novelty Library". Mit dem letzten Teil erschien das Werk dann auch in den USA in Buchform. Nun, 13 Jahre später, bringt der Berliner Verlag Reprodukt den Meilenstein auf Deutsch heraus und eröffnet dem Buch damit die Möglichkeit, noch einmal entdeckt zu werden.

Wie wohl sein Vater aussieht - Jimmy hat eine rege Phantasie.
Wie wohl sein Vater aussieht - Jimmy hat eine rege Phantasie.(Foto: Chris Ware / Reprodukt)

Die Geschichte, die Ware in "Jimmy Corrigan" erzählt, ist eigentlich nicht allzu umfangreich. Der Titelheld, ein Angestellter Mitte 30, der an einem Mutterkomplex leidet, erhält einen Brief von seinem Vater, den er noch nie gesehen hat. Er beschließt, seinen Erzeuger über Thanksgiving für ein paar Tage zu besuchen, freilich ohne seiner übervorsorglichen Mutter Bescheid zu sagen. Die Begegnung ist eher kühl, Vater und Sohn haben sich nicht viel zu erzählen, obwohl sie dann doch so ein paar Geheimnisse mit sich rumschleppen.

Eingebettet in diese Geschichte ist die Darstellung der Kindheit von Jimmy Corrigans Großvater. Dieser lebt Ende des 19. Jahrhunderts in Chicago als Halbwaise bei seinem abweisenden Vater. Es ist die Zeit der World's Columbian Exposition von 1893. Die Handlung des Buches wechselt zwischen beiden Geschichten hin und her. Dazwischen gibt es aber auch immer wieder Traumsequenzen und Rückblenden oder Phantasien von Jimmy Corrigan, der sich ein perfektes Leben vorstellt.

Der Architekt unter den Comickünstlern

Und das hat er irgendwie auch nötig, denn er ist alles andere als ein Held. Jimmy Corrigan hat ein Knautschgesicht, einen Bauchansatz und mit den Haaren ist es auch nicht so weit her. Seine Gestalt wirkt plump, sein Auftreten unsicher und man kann nicht behaupten, dass er ein brillanter Rhetoriker wäre. Jimmy Corrigan ist Durchschnitt, er ist wie wir alle, eine Art Anti-Gatsby.

Immer wieder spielt der Comic mit dem Panelaufbau und mit der Leserichtung.
Immer wieder spielt der Comic mit dem Panelaufbau und mit der Leserichtung.(Foto: Chris Ware / Reprodukt)

Was also macht "Jimmy Corrigan" - das Buch - zu einem Meisterwerk? Da wäre zunächst einmal die formale Gestaltung. Chris Ware baut die Geschichte sorgsam auf, ja geradezu langsam, stets verwirrt er den Leser mit neuen Darstellungen. Zwar sind die Panels nahezu durchgehend rechteckig, aber ihre Anordnung ist äußerst vielgestaltig, was auch die Leseführung betrifft. Die Bilder wirken aufeinandergestapelt wie Bausteine, die zusammengenommen die Geschichte ergeben: Chris Ware ist der Architekt unter den Comickünstlern. Allerdings ein Architekt mit Sinn für Humor.

Unterstrichen wird dies durch den äußerst akribischen Zeichenstil. Die Linienführung ist so klar, die Gestaltung von Hausfassaden und Hintergründen so penibel, dass man sich kaum vorstellen kann, dass diese Zeichnungen nicht am Computer entstanden sind. Doch es ist tatsächlich die jahrelange Handarbeit von Ware, mit Stift und Tusche. Zwischendurch wird der Leser freilich immer wieder überrascht. Da versteckt sich etwa zwischen den Seiten plötzlich eine Bastelanleitung. Der Schutzumschlag wiederum ist ein gefaltetes Poster, das neben Zeichnungen auch Leseanleitungen, Korrekturen und weitere kleine Texte enthält.

In einer großartigen zweiseitigen Sequenz schildert Ware die Entwicklung eines Verbandsplatzes im Bürgerkrieg zum Hospital und zur bunkerartigen Medlife-Klinik. Auch das ist ein gesellschaftlicher Kommentar.
In einer großartigen zweiseitigen Sequenz schildert Ware die Entwicklung eines Verbandsplatzes im Bürgerkrieg zum Hospital und zur bunkerartigen Medlife-Klinik. Auch das ist ein gesellschaftlicher Kommentar.(Foto: Chris Ware / Reprodukt)

Das alles ist auf den ersten Blick - gerade im Vergleich zu anderen aktuellen Comics, die Panelstrukturen rigoros aufbrechen - unprätentiös und unauffällig, in der Farbwahl blass (Reprodukt scheute auch keine Mühen, die Farben möglichst originalgetreu zu reproduzieren). Die strenge Struktur verweist dabei aber eben auch auf die Isolation des Titelhelden, auf seine Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Und darum geht es in der Graphic Novel. Jimmy Corrigan steht vor dem Scherbenhaufen gescheiterter Beziehungen. Die Kontrollsucht der Mutter ist erdrückend, auf Arbeit stößt er auf Ablehnung, wirkt selbst aber auch abweisend. Das Verhältnis zum Vater, den er gerade erst kennenlernt, ist ebenfalls nicht das Beste - auch wenn Ware sein Buch nicht als autobiographisch versteht, hat er hier durchaus eigene Erfahrungen einfließen lassen, denn auch er traf seinen Vater erst im Erwachsenenalter. Und mit Hänseleien von Mitschülern hat er auch so seine Erfahrungen.

Ein großer Anti-Gatsby

"Jimmy Corrigan" ist bei Reprodukt erschienen. Der Hardcover-Band mit Schutzumschlag hat 384 Seiten und kostet 39 Euro (D).
"Jimmy Corrigan" ist bei Reprodukt erschienen. Der Hardcover-Band mit Schutzumschlag hat 384 Seiten und kostet 39 Euro (D).

Das alles erzählt Ware in eher spärlichen Dialogen. Hinzu kommen innere Monologe und Vorstellungen von Corrigan beziehungsweise in der älteren Geschichte von seinem Großvater. Aber natürlich sprechen auch die Bilder, sprechen die Details Bände. Gerade hier geht "Jimmy Corrigan" über die Geschichte einer Familie hinaus und wird zum Gesellschaftsportrait.

Da wäre etwa ein Superheld, das Symbol der Stärke Amerikas, der sich in Jimmys Phantasie vom Hochhaus stürzt. Da wäre Jimmys schwarze Halbschwester, die mit Rassismus konfrontiert wird. Die Themen, die Ware dabei anreißt, sind vielfältig. Es geht um die Rassenfrage in den USA, um gesellschaftliche Degeneration und um die Verlassenheit des Individuums. Es geht um das Ende des amerikanischen Traums - ein Thema, dass das Buch mit "Der große Gatsby" gemein hat. Es sind Momente, in denen sich "Jimmy Corrigan" zur "Great American Graphic Novel" aufschwingt.

Chris Ware wäre diese Bezeichnung aber sicher unangenehm. Das konnte man kürzlich erleben. Man kann dem Internationalen Literaturfestival Berlin nur danken, dass es den Zeichner zur Präsentation des Buches nach Berlin einlud. Bei der Veranstaltung im Martin-Gropius-Bau konnte man nicht nur sehen, dass Chris Ware und seine Titelfigur auch äußerlich die eine oder andere Gemeinsamkeit haben. Man entdeckte auch Wares Bescheidenheit. Als er über seine Arbeit sprach, erwähnte der Zeichner, dass er im Nachhinein in "Jimmy Corrigan" viele Fehler entdecke. Da saß nicht der Autor eines Meisterwerks auf dem Podium, sondern ein schüchterner Mensch. Er ist eben irgendwie auch ein Jimmy Corrigan, ein ganz normaler Typ. Aber trotzdem ein Großer.

PS: Chris Wares neues Werk ist übrigens kürzlich in den USA erschienen - und reizt erneut die Möglichkeiten von Comics aus. "Building Stories" ist in einer Pappschachtel verpackt, die an ein Gesellschaftsspiel erinnert. Darin befinden sich 14 verschiedene Druckwerke mit Comics: vom gebundenen Buch und der Broschüre über mehrere Hefte in verschiedenen Größen und einer Art Tageszeitung bis zu etlichen gefalteten Bögen und einem großen Spielbrett. Der Leser kann sich aussuchen, wo er die Lektüre beginnt - am Ende ergibt sich ein Panorama über die Bewohner eines Hauses. Ob das Buch jemals in Deutschland erscheint, ist völlig unklar.

"Jimmy Corrigan" direkt bei Amazon bestellen. Eine kleine Leseprobe gibt es auf der Seite des Verlages.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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