Unterhaltung
Dienstag, 07. Februar 2012

"Der Held des eigenen Lebens": Dickens ist noch immer erstaunlich

Am 7. Februar 1812 wurde Charles Dickens in in Landport bei Portsmouth geboren.
Am 7. Februar 1812 wurde Charles Dickens in in Landport bei Portsmouth geboren.

Der Schriftsteller Charles Dickens ist schon zu Lebzeiten ein Superstar. Sein universelles Thema, verbunden mit dem außerordentlichen Talent für Charakterisierungen und einer unterhaltsamen Art zu schreiben, sorgen dafür, dass er auch 200 Jahre nach seinem Geburtstag seine Leser fesselt, sagt der Übersetzer Alexander Pechmann im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Was macht Charles Dickens noch immer so spannend, dass die Menschen ihn gern lesen?

Alexander Pechmann: In Deutschland wird Charles Dickens noch immer als Kinderbuchautor betrachtet. Dass er in diese Schublade geraten ist, liegt sicher an "Oliver Twist" und den zahlreichen Verfilmungen der "Weihnachtserzählung". Aber was ihn wirklich lesenswert macht, ist, dass er in seinen Romanen Probleme anspricht, die in jeder Epoche gültig sind und die uns immer noch bewegen können.

Vielleicht können Sie dafür ein Beispiel nennen.

Es geht in jedem seiner Romane darum, wie sich der Einzelne in der Gesellschaft behaupten kann.  In "David Copperfield" schreibt er diesen berühmten Satz: "Ob ich der Held meines eigenen Lebens werde oder jemand anders diese Stelle ausfüllen wird, wird sich zeigen." Das ist eigentlich das Thema all seiner großen Romane. Mit dieser Frage nach Selbst- oder Fremdbestimmung beschäftigt sich wohl jeder von uns irgendwann und das kann man in Dickens’ Geschichten und Figuren wiederfinden.

"Oliver Twist" ist eines seiner bekanntesten Werke.
"Oliver Twist" ist eines seiner bekanntesten Werke.(Foto: dpa)

Vor allem im englischsprachigen Raum wird Dickens schon lange in einer Reihe mit Franz Kafka und James Joyce genannt. Hierzulande ändert sich das gerade erst. Woran liegt das?

Joyce oder Kafka sind sehr eigenwillige Autoren, die nie versuchten, große Erfolge beim Publikum zu erzielen, während Dickens immer ein großes Publikum vor Augen hatte, das er unterhalten und amüsieren wollte – nicht zuletzt aus kommerziellen Gründen. Dickens war und ist auch heute noch ein Unterhaltungsschriftsteller, er war einer der besten seiner Zeit und ist immer noch lesens- und liebenswert. Aber darüber kann man eben auch die inhaltliche Tiefe und literarische Kunstfertigkeit seines Schreibens übersehen.

Was zeichnet Dickens' Schreiben aus?

Leider wirken die älteren Dickens'-Übersetzungen etwas angestaubt und weisen manchmal auch drastische Kürzungen und Ungenauigkeiten auf. Die vielen Stimmen, die Dickens gerade in den Dialogen der verschiedensten Figuren zu Wort kommen lässt, gehen dabei oft verloren. Es gibt jetzt eine sehr schöne Neuübersetzung der "Großen Erwartungen" von Melanie Walz, die sehr viel näher an den wahren Dickens herankommt. Er hatte eine ungeheuer große Vielfalt an Sprache, an Dialekten und ganz spezifischen Redeweisen, in denen sich seine Leser, die aus allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen kamen, wiederfinden konnten. Jede Figur macht er durch ihre  Sprache lebendig. Sein Erzählstil ist oft pathetisch, aber ebensooft feinsinnig und pointiert.

Inwiefern ist Charles Dickens' Schreiben von der traumatischen Erfahrung geprägt, dass er als 12-Jähriger die ganze Familie ernähren muss, weil sein Vater im Schuldturm sitzt?

Neue Bücher über Dickens
  • Hans-Dieter Gelfert: "Charles Dickens – Der Unnachahmliche" (Verlag C.H.Beck, 29,95 Euro) - Eine Biografie geschrieben mit dem Ziel, Dickens dem deutschen Leser ans Herz zu legen.
  • In "Unser Vater Charles Dickens" berichten dessen Kinder Mary und Charlie über ihr Leben mit dem berühmten Vater (Aufbau Verlag, 14,99 Euro).
  • Dickens' Roman "Große Erwartungen" über einen Waisenjungen, der plötzlich zu Geld kommt, gehört zu seinen beliebtesten Büchern. Melanie Walz hat den Klassiker neu übersetzt und mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen (Hanser Verlag, 34,90 Euro).

Dieses Ereignis hatte zur Folge, dass er lebenslang Angst vor sozialem Abstieg hatte. Darauf basiert wahrscheinlich auch seine ungeheure Energie und Arbeitsleistung, weil er eben immer fürchtete, dass er unter das Niveau fällt, das er schon in sehr jungen Jahren erreicht hatte. Dieses Trauma hat er auch seinen Kindern hinterlassen. Er hat immer versucht, ihnen ihre Zukunft möglichst früh zu sichern. Darin war er ziemlich bestimmend, vielleicht sogar tyrannisch. Er hat versucht, den Kindern ihre Zukunft vorzuzeichnen, damit sie nicht in den sozialen Abgrund geraten, wie es seinem Vater passiert ist und wie es ihm auch beinahe widerfahren wäre.

Was war Charles Dickens für ein Vater?

Man muss zunächst mal sagen, dass er die Erziehung ganz seiner Frau und später der Schwester seiner Frau überlassen hat. Aber gerade zu den kleinen Kindern hatte er eine sehr enge Beziehung. Er hatte Kinder einfach ungeheuer gern. Es gibt eine Geschichte über ihn, dass er eines Tages durch die Slums von London gewandert ist. Dabei hat er eine dreckige Bude besucht mit einer Frau, die sehr heruntergekommen war. Diese Frau hatte ein weinendes Kind dabei, und das Kind hat er auf den Arm genommen und getröstet. Dieses große Mitgefühl für Kinder spiegelt sich auch in den Romanen und Erzählungen wider.

Dickens hatte zehn Kinder, von denen neun überlebten. Hat er seine Geschichten denn für seine eigenen Kinder geschrieben?

Er hat seinen Kindern gern Szenen aus seinen Büchern vorgelesen und geguckt, wie sie reagieren. Und er hat auch Geschichten ausschließlich für seine Kinder geschrieben. Das sind dann allerdings kindgerechte Nacherzählungen des Neue Testaments oder der Geschichte Englands. Mit diesen privaten Texten hat er versucht, pädagogisch auf seine Kinder einzuwirken, wollte sie aber nicht veröffentlicht sehen. Seine Romane und Erzählungen waren eher für das große Publikum geschrieben, dessen Reaktionen zuweilen auch zu Änderungen am Text führten.

Sie haben für "Unser Vater Charles Dickens" Texte von Dickens' Kindern übersetzt, in denen sie den Vater beschreiben. Welches Gefühl haben sie über das Leben der Familie dabei gewonnen?

Alexander Pechmann hat die Erinnerungen der Dickens-Kinder übersetzt und mit Briefen und Notizen des Dichters zu einem lebendigen Porträt verbunden.
Alexander Pechmann hat die Erinnerungen der Dickens-Kinder übersetzt und mit Briefen und Notizen des Dichters zu einem lebendigen Porträt verbunden.(Foto: Privat)

Gerade bei den Erinnerungen von Mamie Dickens spürt man die starke Zuneigung zum Vater. Wenn man es allerdings genau betrachtet, geht das schon fast ins Obsessive. Mamie hat in späteren Jahren gesagt, sie habe niemals geheiratet, weil sie nie einen Mann gefunden habe, der ihrem Vater gleichgekommen wäre. Da hat das Ganze auch eine tragische Note. Dieser Übervater hat in ihrem Leben auch alle anderen Gestalten überschattet und überragt. Das war sicher auch eine schwierige Situation für die Kinder, dem großen Charles Dickens gerecht zu werden. Lediglich Kate Dickens hat früh geheiratet, ist Malerin geworden und hat sich aus dem Schatten des Vaters gelöst und ein eigenständiges Leben gefunden.

Dieses sehr innige Familienleben wird empfindlich gestört, als Dickens seine Frau für die erheblich jüngere Schauspielerin Ellen Ternan verlässt. Was hat ihn da getrieben?

Man kann das sicher auf verschiedene Weisen deuten, aber ich glaube, er hat sich einfach wirklich verliebt. Er hat alles versucht, diese Situation in den Griff zu bekommen, ohne dass es zum großen Skandal kommt. Das ist natürlich eine schreckliche Geschichte, die eigene Frau abzuschieben und ihr die Kinder wegzunehmen. Aber er hat in Ellen Ternan ein Frauenideal gesehen, das er eben in seiner eigenen Frau nicht mehr gefunden hat. Ich weiß nicht, ob man ihm das zum Vorwurf machen kann. Was zählt, sind die Bücher, die er geschrieben hat. Die werden auch nicht dadurch schlechter, dass er kein perfekter Mensch war.

Was sollte man von Dickens lesen?

Ich finde immer noch "Große Erwartungen" am schönsten. Das ist ein großartiger Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Dickens hat darin auch nicht mehr diese klischeehaften Frauenfiguren, die wir aus "David Copperfield" kennen, sondern er zeichnet überraschend komplexe Figuren und eine wirklich erstaunliche Geschichte. Wer das Buch noch nicht gelesen hat, kann damit gut in das Werk von Dickens einsteigen und wird wahrscheinlich wünschen, sofort zum nächsten Dickens-Roman zu greifen.

Mit Alexander Pechmann sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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