Unterhaltung

Freiheit. Verantwortung. Toleranz: Die Botschaften des Joachim Gauck

von Solveig Bach

Pünktlich zur Nominierung zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten erscheint ein neues Buch von Joachim Gauck und erobert gleich Platz 1 der Bestsellerliste. In "Freiheit. Ein Plädoyer" fasst Gauck zusammen, wie er denkt und warum. Deutlich wird, Gauck ist kein Zweifler, aber auch noch nicht am Ende seiner Überlegungen.

Gaucks Buch ist im Kösel-Verlag erschienen und kostet 10 Euro.
Gaucks Buch ist im Kösel-Verlag erschienen und kostet 10 Euro.(Foto: picture alliance / dpa)

Für zehn Euro kann jeder nachlesen, was der künftige Bundespräsident Joachim Gauck seit Jahren den Menschen gesagt hat, die zu seinen zahlreichen Veranstaltungen strömten. Sein gerade erschienenes Buch heißt "Freiheit. Ein Plädoyer". Es könnte auch "Freiheit. Eine Predigt" heißen, aber eigentlich ist es "Freiheit. Ein Vortrag", den Gauck im Januar 2001 in der evangelischen Akademie Tutzing gehalten hat.

In dem 64 Seiten schmalen Bändchen konzentriert sich Gauck auf seine Kernbotschaften: Freiheit, Verantwortung, Toleranz. Er will dabei nicht als Prophet oder Weisheitslehrer gesehen werden, sondern als "Liebhaber der Freiheit". Denn Gauck fühlt sich mit seiner tiefen Überzeugung, "dass die Freiheit das Allerwichtigste im Zusammenleben" ist, allzuoft in der Minderheit. Die Deutschen liebten die Freiheit nicht mit der gleichen Leidenschaft wie andere Völker, beklagt er.

Das kann man Gauck wirklich nicht nachsagen, er schaut begeistert in das "anarchische Antlitz der Freiheit", wie man es bei jungen Leuten in der Pubertät ebenso erleben kann wie bei Revolutionen. Und er sieht sich nach einer Variante der Freiheit um, die "man nicht fürchten muss", einer Freiheit "für" oder "zu" etwas. Diese Freiheit bleibt jedoch, trotz des Zitats aus "Die Gedanken sind frei…" und einer Erinnerung daran, wie wenig DDR-Insassen DDR-Bürger waren, seltsam blutleer.

Verantwortung – Freiheit der Erwachsenen

Denn Gauck ist schon bei seinem nächsten Stichwort – der Verantwortung. Aus der Sehnsucht nach Freiheit leitet Gauck die Pflicht zur Gestaltung der Freiheit ab, die er nahtlos verbindet mit der Bereitschaft Macht auszuüben. Gauck beschreibt die Möglichkeit als Verlockung, die "Bezogenheit auf das eigene Selbst hintanzustellen", um "Ja zu sagen zu den vorfindlichen Möglichkeiten der Gestaltung und Mitgestaltung".

Den Prozess, sich diese Ansicht zu eigen zu machen, vergleicht Gauck mit der Situation, wenn das erste Kind kommt. Die völlig neue Lebenswirklichkeit bewirke vielleicht kein Erweckungserlebnis, aber jeder könne hineinwachsen in eine "Lebensform der Ermächtigung". Denn Glück finde man nicht im Schlaraffenland, sondern dann, wenn man "durch ermächtigendes Handeln als Bürger zu existieren" beginnt.

Toleranz, nicht Gleichgültigkeit

Die Duldsamkeit und Weitherzigkeit der Toleranz möchte Gauck nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt wissen. Gleichgültigkeit sei vielmehr ein anderer Name für Verantwortungslosigkeit. Wirkliche Toleranz erwachse aus eigener Wertegewissheit, ist sich Gauck sicher. Deshalb sei es unterlässlich, sich zu fragen, "welche Werte für unsere Gesellschaft heilsam und wichtig sind, und sie neu zu schätzen lernen".

Vor allem die universellen Menschenrechte seien ein gemeinsames Gut der Menschheit. "Und wir dürfen und müssen gegenüber kommunistischen, fanatisch-islamistischen oder despotischen Staaten über ihre Verletzung sprechen; denn als Menschen sind wir verpflichtet, die Menschenrechte unserer Mitmenschen zu verteidigen."

An dieser Stelle schließt sich für Gauck der Kreis zur Freiheit. Er fragt: "Sind wir zu vornehm und satt geworden, um für die Werte zu streiten, die für den Westen Deutschlands seit 60 Jahren selbstverständlich geworden sind?" Wenn man politische Freiheit gestalten wolle, gebe es "nicht allzu viele Varianten". Gauck bestreitet, dass Menschen in erster Linie durch ihre Rolle im Wirtschaftsleben bestimmt werden. Entscheidend sei für ihn die "Teilhabe an der Macht oder die Unterwerfung unter die Macht, die uns zu Bürgern oder Nichtbürgern macht."

Enge thematische Ausrichtung

Gauck hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg.
Gauck hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg.(Foto: picture alliance / dpa)

Gerade diese Haltung ist es, die Gauck vor allem von den Linken vorgeworfen wird. Und in der Tat ist Gaucks Deutschland ein Schlaraffenland, in dem jeder reichlich zu essen und zu trinken hat und nur zu oft nach einem Verfassungsgrundsatz zu handeln scheine, der lauten könnte: "Die Besitzstandswahrung ist unantastbar". Die Bevölkerungsschicht, die nur mit großer Mühe ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sichern kann, scheint in Gaucks Gedankengerüst zu fehlen. Vielleicht ist sie aber auch nicht Thema dieses Buchs.

Zu anderen Themen lässt sich zumindest eine Verbindung herstellen. So beschreibt Gauck ein Motto aus seiner Zeit als Kirchentagsorganisator in der DDR. Es lautete "Entfeindet Euch" und war die logische Fortsetzung der Entspannungsbemühungen in den 1980er Jahren. Gauck zieht den gerade verstorbenen tschechischen Präsidenten und früheren Dissidenten Vaclav Havel als Zeugen heran, der diese Art der Appeasement-Politik zutiefst enttäuscht aufgenommen habe. Frieden sei sicher eines der großen politischen Ziele, aber: "In konkreten Situationen kann Verzicht auf Gewalt auch bedeuten, der Gewalt von Unterdrückern und Aggressoren den Weg zu ebnen oder ihren Terror zu dulden."  Die Menschen in Syrien werden diese Überlegungen jedenfalls mit Interesse lesen.

Die Präsidentschaft seines Vorgängers Christian Wulff stand unter dem Leitmotiv Integration und schon nach der Nennung Gaucks als einen möglichen Nachfolgekandidaten stand für viele fest, dass der evangelische Pastor zu diesem Thema kaum etwas beitragen werde.  Das könnte sich als Irrtum erweisen. Denn unter der Überschrift Toleranz vertritt Gauck die Idee, dass Menschen, die "ihrer eigenen Werte sicher sind, die Werte von Fremden zu würdigen bereit sind, weil sie das Fremde weniger fürchten und in den Anderen Menschenkinder erkennen, die zusammen mit uns überleben und in Würde leben wollen." Die Achtung des Anderen, ohne Fristen zu setzen, innerhalb deren das Andere das Gleiche geworden sein soll, könnte Gaucks durchaus kluger Beitrag zu diesem Thema sein.

Am Ende wünscht sich Gauck, dass sich "unsere Gesellschaft tolerant, wertbewusst und vor allen Dingen in Liebe zur Freiheit entwickelt und nicht vergisst, dass die Freiheit der Erwachsenen Verantwortung heißt". So oder so ähnlich werden es die Deutschen wohl auch künftig von ihrem Bundespräsidenten zu hören bekommen.

"Freiheit. Ein Plädoyer" im n-tv shop bestellen

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen