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"Auf geht's!" - vor 25 Jahren legte "Akira" den Grundstein für den Manga-Boom in Deutschland.
"Auf geht's!" - vor 25 Jahren legte "Akira" den Grundstein für den Manga-Boom in Deutschland.(Foto: 2004 Mash · Room. Kodansha Ltd., Tokyo)
Dienstag, 20. Dezember 2016

"Akira" und "Ghost in the Shell": Die Manga-Helden der Zukunft sind zurück

Von Markus Lippold

Heute findet man sie in allen Buchhandlungen: Mangas. Losgetreten wurde der anhaltende Boom vor 25 Jahren mit der Veröffentlichung von "Akira". Nun kann man das bahnbrechende Werk neu entdecken - genau wie einen weiteren Klassiker.

2030 ist gar nicht mehr so weit weg. Wie die Welt dann wohl aussieht? Gibt es Krieg oder Frieden? Fliegen die Menschen zum Mars - oder haben sie sich ins Mittelalter zurückgebombt? Gibt es noch Autos, die mit Benzin fahren? Tragen Menschen künstliche Implantate?

Otomos dynamischer Stil in "Akira" beeinflusste unzählige Zeichner auch im Westen.
Otomos dynamischer Stil in "Akira" beeinflusste unzählige Zeichner auch im Westen.(Foto: 2004 Mash · Room. Kodansha Ltd., Tokyo)

Ja, Benziner zumindest gibt es noch. Und Motorräder. Und Implantate sind der letzte Schrei. Zumindest, wenn es nach Katsuhiro Otomo und Masamune Shirow geht. Die beiden Mangazeichner haben ihre Visionen des Jahres 2030 zu Papier gebracht. Ihre Werke "Akira" und "Ghost in the Shell" gelten als Comicklassiker, die viele andere Zeichner inspiriert haben. Und sie machten mit ihren zu Kult avancierten Verfilmungen das Genre der Animes, japanischer Zeichentrickfilme, weltweit bekannt.

Derzeit erleben beide Mangaserien ein Revival in Deutschland. Der Verlag Carlsen feiert das 25-jährige Jubiläum der deutschen Erstausgabe von "Akira" mit einer opulenten, limitierten Box der inzwischen seltenen Farbausgabe. "Ghost in the Shell" erscheint derweil bei Egmont Manga ebenfalls in einer Neuedition - auch im Hinblick auf die Real-Verfilmung mit Scarlett Johansson, die im kommenden Frühjahr startet. Fans und Neueinsteiger können also beide Werke (wieder)entdecken.

Die Idee kam beim Bier

Wer "Akira" schon lange kennt, erinnert sich vielleicht auch daran: Die Veröffentlichung vor 25 Jahren gilt als Startschuss für den Manga-Boom in Deutschland. Zwar dauerte es noch ein paar Jahre, bis die Bücher und Hefte zum Massenphänomen wurden - dafür sorgte dann "Dragonball" -, aber "Akira" legte den Grundstein für eine Entwicklung, die bis heute anhält: Hunderte Neuerscheinungen im Jahr, Millionenumsätze und zweistellige Zuwachsraten - während die Buchbranche insgesamt schwächelt.

2015 erhielt Katsuhiro Otomo als erster Mangaka den Großen Preis des größten europäischen Comicfestivals in Angoulême. In diesem Jahr war er deshalb Jury-Präsident.
2015 erhielt Katsuhiro Otomo als erster Mangaka den Großen Preis des größten europäischen Comicfestivals in Angoulême. In diesem Jahr war er deshalb Jury-Präsident.(Foto: imago/PanoramiC)

Dabei mussten sich Mangas von Beginn an gegen Vorurteile durchsetzen. Nicht jeder konnte oder kann sich mit Zeichenstil oder Inhalten der Bücher anfreunden, die trotzdem in nahezu jeder Buchhandlung und in jedem Kiosk zu finden sind. Selbst Comicfans, gewöhnt an frankobelgische Alben, haderten mit den Taschenbüchern und der umgekehrtem japanischen Leserichtung, in denen die meisten Mangas inzwischen erscheinen. Dafür sind sie vor allem bei jungen Leserinnen und Leserinnen anhaltend beliebt.

Anfang der 90er war das freilich noch etwas anders. Dem "Tagesspiegel" erzählte der damalige Carlsen-Cheflektor Andreas C. Knigge jüngst, wie ihn ein befreundeter Zeichner bei ein paar Bier "Akira" zeigte und er sofort darauf ansprang. 1991 erschien die Serie dann bei dem Hamburger Verlag - allerdings noch angepasst an das Publikum: Für die Erstveröffentlichung wurde die kolorierte US-Version übernommen, nicht das schwarz-weiße Original aus Japan. Auch die Leserichtung wurde für westliche Gewohnheiten geändert, indem man die Seiten spiegelte. Ein Erfolg wurde "Akira" trotzdem und - zusammen mit dem Mitte der 90er erschienenen "Ghost in the Shell" - zum stilbildenden Vorbild.

"Buddabuddabudda"

Die "Akira"-Box enthält alle sechs Bände in der Farbausgabe. Erschienen bei Carlsen, insgesamt 2208 Seiten in Klappenbroschur, 199,10 Euro.
Die "Akira"-Box enthält alle sechs Bände in der Farbausgabe. Erschienen bei Carlsen, insgesamt 2208 Seiten in Klappenbroschur, 199,10 Euro.(Foto: Carlsen Verlag Hamburg)

"Akira" handelt von einer Gruppe Jugendlicher, die im Tokio des Jahres 2030 leben. Die Menschheit hat bereits einen Dritten Weltkrieg erlebt, der durch die Explosion einer Superbombe im Jahr 1992 in Tokio ausgelöst wurde. Das Leben in der japanischen Metropole funktioniert inzwischen wieder einigermaßen. Dann jedoch dringt eine Motorradgang in die verbotene Zone ein, der Fahrer Tetsuo baut einen Unfall - und besitzt plötzlich übernatürliche Fähigkeiten. Sowohl Tetsuo als auch sein Freund Kaneda werden daraufhin mit einem geheimen Militärprojekt konfrontiert, das mit übermenschlichen Kräften experimentiert. Sie geraten zwischen die Fronten von Militär und dem Widerstand einer Untergrundgruppe, zu der auch die junge Kei gehört. Alles dreht sich um den Jungen Akira, den das Militär eingefroren hat, weil er über unberechenbare Kräfte verfügt, die schon einmal eine Atomexplosion ausgelöst haben. Die Jugendlichen wollen ihn befreien.

Egmont Ehapa bringt nicht nur die Originalgeschichte von "Ghost in the Shell" in einem Band heraus (352 Seiten, gebunden, 25 Euro), sondern auch zwei Fortsetzungen.
Egmont Ehapa bringt nicht nur die Originalgeschichte von "Ghost in the Shell" in einem Band heraus (352 Seiten, gebunden, 25 Euro), sondern auch zwei Fortsetzungen.

Wer Otomos "Akira" das erste Mal liest, wird den Begriff Speedlines anschließend neu interpretieren. Es gibt sie zuhauf in diesem Action-Meisterwerk. Otomos Manga ist äußerst filmisch inszeniert - kein Wunder, dass der Zeichner später beim Anime selbst Regie führte. Die Anordnung der Bilder, die stark geometrische Konstruktion der Zeichnungen, die Perspektivwechsel - alles ist auf Dynamik ausgerichtet. Hinzu kommen starke Kontraste, die freilich in der Schwarz-Weiß-Ausgabe noch mehr herausstechen, und legendäre Soundwörter wie das "Buddabuddabudda" der Hubschrauber.

Doch auch inhaltlich hat das Werk wenig von seiner Aktualität verloren - nicht nur weil es die für Japan identitätsstiftende Gefahr atomarer Bedrohungen aufgreift. Otomo erschafft auch eine deprimierende Welt voller Hi-Tech und Gewalt. Zudem fasziniert die Entwicklung der Figuren: das von Rivalität geprägte Verhältnis zwischen Gangchef Kaneda und Tetsuo, der plötzlich Superkräfte hat oder die zarten Bande, die Kei und Kaneda knüpfen. Ohne Frage ist "Akira" auch 25 Jahre nach seiner deutschen Erstveröffentlichung ein Meisterwerk, das viele klassisch-schöne Zeichnungen hervorgebracht hat. Wer sich die schön aufgemachte Box mit der Farbausgabe nicht leisten kann oder mag, ist übrigens auch mit den sechs Einzelbänden der Schwarz-Weiß-Ausgabe ziemlich gut bedient.

Jedes Körperteil ersetzt

Scarlett Johansson spielt die Hauptrolle der Realverfilmung von "Ghost in the Shell".
Scarlett Johansson spielt die Hauptrolle der Realverfilmung von "Ghost in the Shell".(Foto: imago/ZUMA Press)

Und "Ghost in the Shell", das interessanterweise auch um das Jahr 2030 spielt? Shirows Werk weist inhaltlich durchaus Ähnlichkeiten zu "Akira" auf: Es geht um die Erhöhung menschlicher Fähigkeiten. Hier freilich geschieht dies freiwillig in Form von künstlichen Implantaten - Menschen werden zu Cyborgs. Jedes Körperteil kann so ersetzt werden, bis auf wenige Gehirnzellen (genannt Ghost), die versteckt in einer Kapsel (der Shell) die Identität der Person ausmachen. Umso schlimmer, als der Hacker Puppetmaster auftaucht, in jene Kapseln von Menschen eindringt und sie zu seinen willigen Werkzeugen macht. Die Spezialeinheit Sektion 9 soll ihn stoppen.

Shirows Buch, dessen Originalgeschichte Egmont Ehapa nun in einem Band herausbringt, ist weniger apokalyptisch als "Akira". Rosig sieht diese Cyborg-Zukunft aber auch nicht aus. Die Frage nach der Identität steht im Mittelpunkt, gerade die Hauptfigur Major Motoko Kusanagi - ein Cyborg und Chefin von Sektion 9 - fühlt sich nicht mehr als Mensch. Obwohl Shirow ihr sehr menschliche Formen verpasst hat: Die sexualisierten Darstellungen von Frauen, vor allem zwei nun erstmals in Deutschland eingefügte pornografische Seiten, wirken reichlich deplatziert.

Shirows Stil ist sehr schwungvoll und detailverliebt. Wo Otomo durch klassisch-klare Zeichnungen glänzt, liefert Shirow sehenswerte technische Details und ausladende Optik. Allerdings wirken die Seiten dadurch stellenweise etwas unübersichtlich, zumal die Neuausgabe Anmerkungen des Zeichners eingefügt hat, die den Lesefluss hemmen, wenn man sie sofort mitlesen will. Dafür wird die actionreiche Handlung mit Humor aufgelockert. Auch Inhaltlich mag es Shirow etwas komplizierter als Otomo - das Grundthema des Buches berührt menschliche Grundfragen. Kein Wunder, dass die Mischung aus Technikbegeisterung und Philosophie zum Vorbild für "Matrix" wurde. Ob die Real-Verfilmung von "Ghost in the Shell" an dessen Erfolg heranreicht? Kritik gab es zumindest bereits an Hauptdarstellerin Scarlett Johansson. Nicht wegen ihrer erotischen Ausstrahlung, sondern weil sie laut Vorlage eine Japanerin darstellt.

"Akira" bei Amazon bestellen: die limitierte Box, Band 1 der Schwarz-Weiß-Ausgabe oder den Anime. "Ghost in the Shell" bei Amazon bestellen: Band 1 der Neuauflage oder den Anime.

Quelle: n-tv.de

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