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Bernie Sanders ist Umfragen zufolge mittlerweile der beliebteste Politiker in den USA. Das dürfte einiges mit seiner knorrigen Kompromisslosigkeit zu tun haben.
Bernie Sanders ist Umfragen zufolge mittlerweile der beliebteste Politiker in den USA. Das dürfte einiges mit seiner knorrigen Kompromisslosigkeit zu tun haben.(Foto: AP)
Samstag, 15. Juli 2017

Bernie Sanders' "Revolution": Die guten alten USA sind in höchster Gefahr

Von Volker Petersen

Donald Trump hat in den USA viele Fans und viele Gegner. Einer der prominentesten Gegner ist Bernie Sanders. Der Widerstand von links munitioniert sich mit seiner Streitschrift "Unsere Revolution". Wer die Debatte in den USA verstehen will, sollte sie lesen.

Denkt man ans vergangene Wahljahr in den USA zurück, überstrahlt Donald Trump alle anderen. Doch der Erfolg des New Yorker Milliardärs und Fernsehstars war nicht die einzige Überraschung des Wahlkampfs - da gab es noch diesen grimmigen alten Senator aus Vermont namens Bernie Sanders. Dem trauten Beobachter zwar zu, größere Chancen gegen den New Yorker Immobilienmilliardär zu haben, doch entschieden sich die demokratischen Wähler dennoch mehrheitlich für Hillary Clinton.

Sanders war trotzdem auf seine Art ein Gewinner. Er zog mit einer Botschaft durchs Land, die Millionen junger Menschen elektrisierte. In Scharen strömten die sogenannten Millennials zu seinen Reden und bejubelten seine Forderungen. Krankenversicherung für alle und kostenlose staatliche Universitäten - sein Programm verfing. Das klang für US-amerikanische Ohren revolutionär, insofern ergab es Sinn, dass Sanders auch von einer Revolution sprach. "Unsere Revolution" ist auch der Titel seines Buches, das im vergangenen Jahr in den USA erschien und seit ein paar Wochen auch in Deutschland auf dem Markt ist.

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Das Buch ist Autobiografie, Anklageschrift und politisches Programm zugleich. Sanders schreibt mit der Empörung und dem Faktenwissen jahrzehntelanger Erfahrung in Washington. Dabei zeigt sein Finger immer wieder nach ganz oben: Auf das obere 0,1 Prozent der US-amerikanischen Gesellschaft, das unfassbaren Reichtum anhäufe, während sich der Rest mit Hungerlöhnen, teuren Colleges und miserabler Infrastruktur herumschlagen muss. Sanders überspitzt wie im Wahlkampf und legt seinen Finger in die vielen Wunden der US-amerikanischen Gesellschaft: Entkoppelung des Geldadels vom Rest der Gesellschaft, legale Steuertricks der Konzerne, niedrige Löhne, lückenhafte Krankenversicherung und marode Infrastruktur, um nur einige zu nennen. Dieses Buch könnte Bibel und Nachschlagewerk für alle Kritiker des US-Establishments werden.

Sanders: Geld ist genug da

Seine These: Die USA sind so reich wie nie, das Geld ist da, es müsste nur umverteilt werden. Das klingt für europäische Ohren vielleicht wie ein alter SPD-Hut der 70er-Jahre. In den USA hat es aber höchstaktuelle Brisanz. Nach vielen Steuergeschenken an die Reichen und der Entfesselung der Wall Street unter den Regierungen Reagan, Bush Senior, Clinton und Bush Junior schmilzt die Mittelschicht ab, kaum ein Tellerwäscher braucht noch vom Millionärsdasein zu träumen. Die guten alten Vereinigten Staaten, die jedem hart arbeitenden Bürger ein Auskommen versprachen, sind in größter Gefahr, warnt Sanders.

Großen Raum nimmt die Kritik an den Brüdern Charles und David Koch ein, superreiche Milliardäre aus Kansas, die seit den 80er-Jahren politisch aktiv sind. Sanders zeichnet nach, wie diese durch gigantische Spenden Teile der republikanischen Partei unter ihre Kontrolle brachten. Ihre Agenda lässt sich mit "Steuern runter für die Reichen" auf den Punkt bringen. Ein schlimmer Fehler war daher laut Sanders, unbegrenzte Spenden im Wahlkampf zu ermöglichen, das Leuten wie den Kochs den roten Teppich ausrollte. Die "Citizens United"-Entscheidung des Obersten Gerichtshof ist für Sanders eine der politischen Todsünden der vergangenen Jahre. Von da war der Weg zu Donald Trump gar nicht mehr so weit - seine Botschaft lautete: Ich bin der Einzige, den die Superreichen nicht in der Hand haben - weil ich selbst genug Geld habe.

Beim Thema Freihandel stößt Sanders in ein ähnliches Horn wie Trump. Freihandelsabkommen sind ihm ein Graus - die Abschaffung von Zollschranken mit Mexiko und Kanada durch das "Nordamerikanische Freihandelsabkommen" (Nafta) ist in seinen Augen lediglich ein Instrument gewesen, um Jobs aus den USA nach Mexiko zu verlagern und Löhne zu drücken. Dass auch die Automatisierung zu Jobverlusten beitrug, dass Autokonzerne, etwa VW und BMW neue Werke im Süden der USA errichteten, kommt bei Sanders nicht vor.

Kindheit in Brooklyn

Das alles war bereits im vergangenen Jahr zu hören – im ersten Teil seines Buches erzählt Sanders aber nun auch, wie er zu dem wurde, der er ist. So schreibt er über seine Kindheit im New Yorker Bezirk Brooklyn in einer jüdischen Nachbarschaft mit vielen Holocaustüberlebenden, seine Leidenschaft für Baseball und wie er schließlich zum Bücherwurm an der Uni von Chicago wurde.

Beeindruckend ist besonders seine Zähigkeit im Kampf um öffentliche Ämter, so um den Bürgermeisterposten in seinen Wohnort Burlington und die Sitze erst im Repräsentantenhaus, dann im Senat für Vermont - er gewann stets als Außenseiter, nach mehreren Anläufen, ohne Mitglied bei Demokraten oder Republikanern zu sein. So gesehen wirkte seine Kampf um die Kandidatur bei der Präsidentenwahl gar nicht so überraschend. Sie war typisch Sanders.

Typisch für ihn wäre es ebenso, es noch einmal zu versuchen. Ob der heute 75-jährige Politiker das wirklich anstrebt, hat er bislang offengelassen. Vielleicht muss er das aber gar nicht - es ist damit zu rechnen, dass er genug Nachwuchsleute inspiriert hat. An seinem Programm kommen zumindest die Demokraten nicht mehr so einfach vorbei. Und das ist dem grimmigen alten Mann aus Brooklyn das Wichtigste.

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Quelle: n-tv.de

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