Unterhaltung
Kurzweilig, witzig, sprachgewandt, anekdotenreich, kultverdächtig: "Ein Wessi auf Friedensfahrt", genau richtig zum 60. Jahrestag der Fiedensfahrt als Drei-Länder-Tour.
Kurzweilig, witzig, sprachgewandt, anekdotenreich, kultverdächtig: "Ein Wessi auf Friedensfahrt", genau richtig zum 60. Jahrestag der Fiedensfahrt als Drei-Länder-Tour.(Foto: Covadonga)

Hommage an die Tour de France des Ostens: "Ein Wessi auf Friedensfahrt"

von Thomas Badtke

Die Friedensfahrt: ein alljährlich wiederkehrendes Frühlingsmärchen zwischen Warschau, Berlin und Prag. Unglaubliche Zuschauermassen lockt das mehrwöchige Radrennen an. Viele Ossis verbinden mit ihm noch heute einige ihrer schönsten Kindheitserinnerungen. Erinnerungen, die auch ein Wessi gern haben möchte - als er sich auf den Course de la Paix begibt.

Rainer Sprehe fährt auch bei miesem Wetter Rad.
Rainer Sprehe fährt auch bei miesem Wetter Rad.(Foto: Rainer Sprehe)

Der ostwestfälische Winter? 2 Grad Celsius Außentemperatur, miese Sichtverhältnisse, Dauerregen, dessen Intensität sich dauernd ändert. Dazu noch die Straßen voller Rollsplitt und Streusalzlauge. "Bah, watt üsselich!", wie die Einheimischen zu sagen pflegen. Jeder normale Mensch würde nicht mal im Entferntesten auf die Idee kommen, Rennrad fahren zu wollen, so kurz vor Weihnachten. Zumal das Bett mit molliger Wärme gegen die übellaunige Melange von Aggregatzuständen vor der Haustür lockt. Rainer Sprehe fährt dennoch. Ein positiv Verrückter. Ein Rad-Enthusiast. Einer, der seinen Drahtesel nicht bei den ersten vom Winde verwehten und bunt gefärbten Herbstblättern - mitsamt der daraus folgenden seifig-schmierigen Straßenauflage - in den wohlverdienten Winterurlaub schickt und sich selbst der Jan-Ullrich-Gedächtnisdiät bestehend aus Weihnachtsplätzchen hingibt.

Sein erster Ausritt seit Wochen beinhaltet einen Sturz und ein Geplänkel mit einem Gleichgesinnten, der sich nicht nur klammheimlich an sein Hinterrad heftet, sondern auch noch die Frechheit besitzt, ihn problemlos zu überholen und dabei noch ohne jeden Ansatz eines Keuchers von seinem großen Frühjahrsplan erzählt: "Paris-Roubaix", sagt er. "Die Legende", sagt er. "Gibt’s zum ersten Mal auch als Challenge für Jedermänner", sagt er. "Anfang April, nur einen Tag vor dem Profirennen", sagt er. "Bienvenue en enfer. Willkommen in der Hölle des Nordens", sagt er - und fragt teuflisch: "Und? Was sind deine Saisonziele dies‘ Jahr?"

Sprehe denkt still über einen martialischen Konter nach. Vielleicht die Flandern-Rundfahrt, mit ihren mit Kinderköppen gepflasterten Zwanzig-Prozent-Rampen? Oder doch besser die 24 Stunden Rad am Ring - als Viererstaffel durch die Grüne Hölle? "Ach, ich mach dies‘ Jahr die Friedensfahrt!" "Oho. Wyscig Pokoju: Course de la Paix. Warschau-Berlin-Prag. Das waren noch Zeiten. La Paloma am Moldaustrand und Kettenklemmer in Katowice. Jedes Jahr im Mai. Ach ja, schade, dass es vorbei ist. Die weißen Tauben sind halt müde geworden …", sagt er wissend. Zwei Wochen, 2000 Kilometer, denkt Sprehe nur.

Radidol des Ostens: Täve Schur
Radidol des Ostens: Täve Schur(Foto: picture alliance / dpa)

Aus der Idee wird Wirklichkeit: Die Genehmigung der Ehefrau in einem strategisch günstigen Moment eingeholt ("Du Schatz, weißt du, was ich mir für dieses Frühjahr vorgenommen habe …?" "Ja, ja, mach mal ruhig."). Allen Freunden von dem Plan erzählt, damit ein Rückzieher unmöglich wird, ohne das Gesicht und die Radlerehre zu verlieren. Ein neues Rad, robust und geländetauglich, gekauft und das Cyclocross-Exemplar nach einem Esel in einem sozialistischen Kinderbuch "Legohr" getauft. Umfangreiche Erkundigungen direkt vor Ort und von oberster Stelle eingeholt: bei Täve Schur, dem ersten DDR-Etappensieger der Friedensfahrt, mit Kaffee, Kuchen und Tränen der Rührung beim Schwelgen in Erinnerungen an die gute alte Zeit. Perfekt vorbereitet also, die miesepetrigen schlechtredenden Teufelchen auf der Schulter ruhig gestellt, kann es endlich losgehen, nach dem Streckenplan der Original-Friedensfahrt von 1952, als sie erstmals zur Drei-Länder-Tour wird und über deutschen Boden rollt: Warszawa-Berlin-Praha. Sprehe kommt!

Irgendetwas ist immer

"Ein Wessi auf Friedensfahrt" ist im Verlag Covadonga erschienen.
"Ein Wessi auf Friedensfahrt" ist im Verlag Covadonga erschienen.(Foto: Covadonga)

Verhalten allerdings. Statt sich ob der zwei freien Wochen auf dem Rad zu fühlen wie ein "Red-Bull-Männchen, das nicht nur Glukose und Taurin im Tank hat, sondern auch ausgiebig aus der Olympia-Apotheke der Universitätsklinik Freiburg naschen durfte", hat er schwere Beine und keinen Rhythmus in Warschau. Die deutsche Nazi-Vergangenheit, die in Polen aller Orten zu sehen ist, hemmt seinen Geist. Die Sonne und die pickepackevollen Straßen bremsen seinen Körper. Vor allem die Straße macht Sorgen: ein grober Asphaltteppich bestehend aus Schlaglöchern und Spurrillen. Radfahrer-Auge sei wachsam.

Aber irgendwann liegt der Großstadt-Moloch hinter Sprehe, es geht übers Land. Die Straßen sind leerer, aber nicht wirklich besser. Und dann gibt es statt Sonne plötzlich auch noch Schnee. Im Mai wohlgemerkt. Da ist die Freude groß, als Legohrs geplagte Gummihufe endlich deutschen Boden spüren. So mancher Radweg im Spreewald hat bessere Belagsqualität als die Straßen jenseits der Oder-Neiße-Friedensgrenze. Aber eben nicht alle: Und so lernen Sprehe und sein treues Gefährt auch die andere Seite des Spreewalds kennen: die "Grüne Hölle" - in Anlehnung an die Pflastersteinabschnitte bei der Königin der Klassiker, Paris-Roubaix.

Der Völkerverständigung auf der Spur

Nach und nach fährt Sprehe die Original-Route der Friedensfahrt 1952 ab. Von Warschau über Berlin bis Prag. Dabei erlebt er Abenteuer, die an Don Quichotes Kampf gegen die Windmühlen erinnern, sein treuer Gefährte Legohr in der Rolle Sancho Pansas immer an seiner Seite. Er findet den ein oder anderen Gleichgesinnten, lernt neue Orte und Menschen kennen, hört ihre Geschichten, trinkt Pilsner, isst Piroggen. Aber am Ende ist es wie am Anfang: Als er in Prag einfährt, fehlt wieder das gewisse Feeling. Statt Freude über das Geschaffte, überwiegt das Unverständnis darüber, wie die Tschechen mit ihrer Friedensfahrt-Vergangenheit umgehen. Was einzig zu zählen scheint, ist der Tourismus. Auf Teufel komm raus. Darauf erst einmal ein Guinness.

Ein Montagnachmittag mit Legohr auf niederschlesischen Straßen
Ein Montagnachmittag mit Legohr auf niederschlesischen Straßen(Foto: Rainer Sprehe)

Die Friedensfahrt wie es sie früher gab, mit ihrem Amateurcharakter von einst, gehört in die Geschichtsbücher. Zu sehr dominiert heute das Profitum den Radsport. Der Zweite ist der erste Verlierer. Marketing statt hehre Gedanken. Dabei sein ist nicht mehr alles. Die Zeiten, als es für eine "ganze Generation von Schülern zwischen Rostock und Riesa" für zwei Wochen im Mai nur ein Thema gab, um das sich das ganze Leben drehte: vorbei. Die Zeiten, als es bei den Rennen bei kalter Witterung "eine Mischung von Tee, Weinbrand, Eigelb und Zucker" zur Stärkung gab: vorbei. Die Zeiten, als die Arbeiter und Bauern auf den Rädern für hunderttausendfache Verzückung an den Straßenrändern sorgten: vorbei. Die Zeit hat sich weitergedreht. Friedensfahrt ruhe in Frieden: 1. Mai 1948 bis 20. Mai 2006.

Kultbuch für Radsportfans

Aber natürlich ließe sich eine neue Friedensfahrt ins Leben rufen. Für Jedermänner. Auf den Originalstrecken von einst beispielsweise. Mit ein paar Sponsoren sollte das kein Thema sein. Picassos Taube als Emblem der Friedensfahrt führen schließlich auch jede Menge Unternehmen als Markenlogo. Da könnte eine Hand die andere waschen - mit Dove beispielsweise. Sprehe wäre dabei. Ich auch.

"Ein Wessi auf Friedensfahrt" ist ein fantastisches Rad-Reise-Geschichtsbuch, das Spaß macht, vom Anfang bis zum Ende: kurzweilig, witzig, sprachgewandt, anekdoten- und detailreich. Schlicht und einfach: kultverdächtig. Geschrieben von einem Könner seines Fachs. (Sprehe gründete 2002 den Covadonga-Verlag, der seitdem vornehmlich Bücher über "übereifrige Radfahrer" herausbringt.) Ich für meinen Teil hoffe, dass Sprehe sich nach der Friedensfahrt vielleicht noch das ein oder andere traditionsreiche Ex-Radrennen mit Aufnahmegerät und in Radlerhosen vorknöpft. Der Eintagesklassiker "Rund um die Hainleite", 1896 erstmals ausgetragen, lange Zeit um die 350 Kilometer lang, mit der sagenumwobenen Arnstädter Hohle im Erfurter Steigerwald beispielsweise. Die Friedensfahrt-Mauer von Meerane lässt grüßen!

Bestellen Sie Rainer Sprehe "Ein Wessi auf Friedensfahrt" bei amazon.de

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen