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Oralsex - die jüngere Windy findet's eklig, Rose gibt sich schon abgeklärt.
Oralsex - die jüngere Windy findet's eklig, Rose gibt sich schon abgeklärt.(Foto: Reprodukt 2015 / Jillian und Mariko Tamaki)

Comics für den Sommer : Erwachsen werden - oder halt nicht

Von Markus Lippold

Jeder Sommer ist gleich. Bis man erwachsen wird und die Jungs entdeckt. Rose stellt dabei ihre Freundschaft zu Windy auf die Probe. Lyra riskiert ihr Leben. Und zwei glorreiche Halunken stecken noch in der Pubertät fest.

Bücher und Filme über das Erwachsenwerden sind längst zu einem eigenen Genre geworden. Unter dem Label "Young Adult" richten sie sich oft an die Altersgenossen der Protagonisten. Doch auch Erwachsene sollten manchmal einen Blick riskieren, etwa bei "Ein Sommer am See". Der großartige Comic der kanadischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki hat erst am Freitag mit dem Eisner-Award einen der wichtigsten Comicpreise der Welt erhalten. Passenderweise erscheint er nun auf Deutsch bei Reprodukt.

Die blonde Rose ist etwas fasziniert von dem knutschenden Kiosk-Verkäufer. Die jüngere Windy kann dem (noch) nichts abgewinnen.
Die blonde Rose ist etwas fasziniert von dem knutschenden Kiosk-Verkäufer. Die jüngere Windy kann dem (noch) nichts abgewinnen.(Foto: Reprodukt 2015 / Jillian und Mariko Tamaki)

Im Mittelpunkt steht Rose, die seit Jahren jeden Sommer mit ihren Eltern an einen See fährt. Jedes Jahr trifft sie dort ihre etwas jüngere Freundin Windy. In diesem einen Sommer - "This one summer" ist der Originaltitel - hat sich Rose jedoch verändert. Ihre Eltern streiten sich oft, die Ehe droht zu zerbrechen. Rose ist stiller geworden, zieht sich in sich selbst zurück, vor allem der Mutter begegnet sie mit Ablehnung und Aggressivität. Doch auch das Verhältnis zu Windy verändert sich, wie dieser Sommer zeigt. Deren kindlichen Spiele reizen Rose nur noch selten - viel faszinierender findet sie den halbstarken Verkäufer eines örtlichen Kiosks.

Erster Liebeskummer, Streit mit den Eltern, Aufbegehren und Melancholie - das gehört zum Erwachsenwerden dazu. In "Sommer am See" wirkt dies jedoch nie klischeehaft. Weil Texterin Mariko Takami auf genau beobachtete Gesten setzt und großen Respekt vor ihren Figuren hat. Diesen nähert sie sich durch die Aneinanderreihung kleiner Szenen: Rose und Windy spielen am Meer, sie leihen sich Horrorfilme für Erwachsene aus, sie tanzen unbefangen umher, diskutieren dann aber auch, ob der Ferienschwarm seine Freundin geschwängert hat und sie nicht besser anrufen sollte. Durch diese Schlaglichter fehlt es dem größeren Handlungsbogen zwar leider an Spannung, doch Roses Wanken zwischen verspielter Kindlichkeit und erwachsener Ernsthaftigkeit wird so gut eingefangen.

"Ein Sommer am See", Reprodukt, 320 Seiten, Klappenbroschur, 29 Euro.
"Ein Sommer am See", Reprodukt, 320 Seiten, Klappenbroschur, 29 Euro.

Was "Ein Sommer am See" aber zur großartigen Lektüre macht, sind die Zeichnungen von Jillian Tamaki. Mit minimalen Mitteln bringt sie die Gefühle der Protagonistinnen aufs Papier, so dass der Text stellenweise überflüssig wird. Die realistischen, in ein dunkles Blau getauchten Zeichnungen sind sehr dynamisch, auf Bewegung ausgerichtet, was die körperliche wie seelische Entwicklung in der Pubertät spiegelt. Vor allem aber gelingt es der Künstlerin, das sich verändernde Verhältnis zwischen Rose und Windy, die jünger und kindlicher ist, visuell umzusetzen. "Ein Sommer am See" erzählt deshalb nicht nur sensibel vom Erwachsenwerden und mit nostalgischem Ton von den Sommern der Kindheit. Es ist auch eine gelungene Geschichte über Freundschaft. Und die richtet sich an jedes Alter.

Der Band erscheint am 16. Juli.

Adaption eines Fantasy-Klassikers

Ausschnitt aus "Der Goldene Kompass": Heldin Lyra wird von ihrem Onkel wie ein Kind behandelt - doch sie will Abenteuer erleben.
Ausschnitt aus "Der Goldene Kompass": Heldin Lyra wird von ihrem Onkel wie ein Kind behandelt - doch sie will Abenteuer erleben.

Ziemlich schnell erwachsen werden muss dagegen Lyra. Sie ist die Heldin in Philip Pullmans Fantasy-Klassiker "His Dark Materials", der als "Der Goldene Kompass" von Stéphane Melchior (Szenario) und Clément Oubrerie (Zeichnungen) als Comic adaptiert wird. Lyra lebt in Oxford - einer Universitätsstadt, die zwar an das reale Vorbild erinnert, sich aber in einer magischen Welt befindet. So wird Lyra stets von ihrem Dæmon begleitet, einem Tier, das die Manifestation ihres Charakters ist. Während ihr Onkel Asriel im Norden die mysteriöse Materie "Staub" untersucht, kommt Lyra der Entführung unzähliger Kinder auf die Spur. Mit der zwielichtigen Mrs. Coulter reist sie nach Norden, wo die Kinder vermutet werden. Auf dem Weg dorthin begegnet sie vielen Gefahren, aber auch Verbündeten wie den umherziehenden Gyptern.

"Der Goldene Kompass Band 1", Carlsen, 80 Seiten Softcover, 12,99 Euro.
"Der Goldene Kompass Band 1", Carlsen, 80 Seiten Softcover, 12,99 Euro.

Die Adaption ist als Trilogie angelegt und orientiert sich damit an der Romanvorlage von Pullman, der sich bereits begeistert von dem Comic gezeigt hat. Schaut man sich Oubreries Zeichnungen an, weiß man auch schnell warum: Stärker als in der Verfilmung mit Nicole Kidman und Daniel Craig arbeitet er die Intentionen der Figuren heraus. Sein kantiger und skizzenhafter Stil verleiht ihnen Charakter, was man besonders an der Hauptheldin sehen kann. Anders als im Film steht Lyra klar im Mittelpunkt der Handlung, auch das ist eine Stärke der Comicadaption. Die Heldin wird in ihrer kindlichen Abenteuerlust plötzlich mit brutalen und geheimnisvollen Ereignissen konfrontiert und wächst daran. Das mag eine typische Coming-of-Age-Situation sein, wie man sie schon etliche Male gelesen hat - die Zeichnungen Oubreries verleihen dieser jedoch einen ganz besonderen Charme.

"Der goldene Kompass" bei Amazon bestellen.

Zwei glorreiche Halunken

Gold - Horodamus und Berkan bekommen von Tara einen Vorgeschmack auf den Reichtum, den sie sich erhoffen.
Gold - Horodamus und Berkan bekommen von Tara einen Vorgeschmack auf den Reichtum, den sie sich erhoffen.(Foto: Avant-Verlag 2015 / Appollo, Tanquerelle)

Irgendwie in der Pubertät stecken geblieben scheinen dagegen die Helden aus "Die Diebe von Karthago": Horodamus und Berkan. Die beiden Wegelagerer haben kein Ziel vor Augen, sie leben in den Tag hinein. Bis ihnen eines Tages Tara in die Hände fällt. Im Auftrag eines Verbrecherclans soll sie zur Priesterin im großen Tempel von Karthago werden - um dann dessen Goldschatz zu rauben. Horodamus und Berkan wittern fette Beute. Die Jagd auf den unermesslichen Schatz hat begonnen. Würden nur nicht die Römer vor den Toren der Stadt stehen, um sie dem Erboden gleich zu machen. Eile ist geboten, aber die Verwicklungen nehmen erst noch zu.

Die erste Assoziation, die einem bei diesem Gaunerstück einfällt ist "Zwei glorreiche Halunken" von Sergio Leone: Historisches Setting, Goldschatz, Krieg, Ränkespiele - alles hat dieser Comic im Überfluss zu bieten. Autor Appollo orientiert sich dabei aber weniger an den antiken Kollegen von "Asterix". Seine Geschichte ist viel sarkastischer und blutiger, mischt die ausgeklügelte Gaunerei mit den historischen punischen Kriegen und der Darstellung der untergehenden karthagischen Kultur.

Links: "Die Diebe von Karthago", Avant, 112 Seiten im gebundenen Großformat, 24,95 Euro. 
Rechts: "Lucky Luke Band 93: Meine Onkel, die Daltons", Ehapa, 48 Seiten, Gebunden 12 Euro, Softcover 6,50 Euro.
Links: "Die Diebe von Karthago", Avant, 112 Seiten im gebundenen Großformat, 24,95 Euro. Rechts: "Lucky Luke Band 93: Meine Onkel, die Daltons", Ehapa, 48 Seiten, Gebunden 12 Euro, Softcover 6,50 Euro.

Auch Zeichner Tanquerelle verzichtet auf den Funny-Stil der berühmten Gallier, setzt stattdessen auf realistische, sehr detailreiche Zeichnungen. Durch Schraffuren und Schattierungen entsteht eine dreckige und grimmige Antike, in der Kehlen durchgeschlitzt und Gegner gekreuzigt werden. Tanquerelle beherrscht sowohl die Figurendarstellung als auch monumentale Schlachtenbilder in Perfektion, mischt diese mit Panoramablicken und Erotik - und kann dann auch noch auf die exzellente Kolorierung von Isabelle Merlet vertrauen. "Die Diebe von Karthago" ist ein so spannender wie unterhaltsamer Abenteuercomic und Tanquerelle erweist sich hier als Meister des modernen frankobelgischen Stils.

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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Nun noch zu einem frankobelgischen Comicklassiker: Lucky Luke. Die Serie wird bereits seit einigen Jahren von Achdé gezeichnet. Zum Glück hat er für Band 93 auf die Hilfe zweier Szenaristen zurückgegriffen. Denn so sehr er auch zeichnerisch überzeugt, waren seine Bände erzählerisch eher enttäuschend. "Meine Onkel, die Daltons" reicht nun zwar auch nicht an die großen, von René Goscinny geschriebenen Bände heran, aber das Wiedersehen mit den vier glücklosen Revolvermännern macht doch Spaß. Sie werden in den offenen Vollzug versetzt, weil sie sich um ihren Neffen kümmern sollen. Und wer soll auf sie aufpassen? Richtig, der Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten. Lucky Luke hat alle Hände voll zu tun, denn nicht nur planen die vier Gangster wieder ein krummes Ding, zu allem Überfluss erweist sich auch der Junior als wahrer Dalton, der es faustdick hinter den Ohren hat. Dass dann auch noch Rantanplan und Ma Dalton mitmischen, macht das Chaos perfekt. Diese bekannten wie liebgewonnenen Charaktere sind es, die den Band zum Muss für Lucky-Luke-Fans machen.

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Quelle: n-tv.de

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