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Ein Buch wie eine Bibel.
Ein Buch wie eine Bibel.(Foto: Gagosian)
Donnerstag, 29. März 2012

James Freys neuer Roman: F***ing Jesus kehrt zurück

von Samira Lazarovic

Der Messias ist zurück. In New York. Er lebt mit Pennern und Junkies, schläft mit Männern und Frauen. Er verbreitet Liebe und wird verfolgt. Auch das neue Buch des umstrittenen US-Bestsellerautors James Frey hat Skandalpotenzial. Mit der US-Presse redet er gar nicht erst darüber. Mit n-tv.de redet er über Kontroversen, Kunst und Gott.

Das "Enfant Terrible" der US-amerikanischen Literaturszene sieht auf den zweiten Blick ganz friedlich aus. Die Schuhe ausgezogen, versinkt James Frey bequem im Schneidersitz auf einem großen, weichen, grünen Sofa in der Club Bar des Berliner Soho-Hauses. Und verlässt diese Haltung nur gelegentlich, um den einen oder anderen Punkt zu verdeutlichen oder einen weiteren Double Macchiato zu bestellen – gegen den Jetlag. Er sei ein wenig müde, entschuldigt er sich gleich zur Begrüßung höflich.

James Frey

Das letzte Testament der Heiligen Schrift

Er war das, wofür die Leute Tausende von Jahren gebetet und gewartet haben. Der wahre Sohn Gottes. Doch er kam nicht, sie zu erlösen, sondern vom Ende zu künden. Und ihnen zu sagen, dass die Götter, die sie verehrten, nicht existierten und sie ihnen gleichgültig waren. Es kam nur auf sie an. Gott bedeute jeden, den man trifft, mit Liebe zu behandeln. War er wirklich der wiedergeborene Jesus Christus? Oder war er ein geisteskranker Epileptiker? Ein Krimineller? Gefährlich?

Basierend auf der Struktur der biblischen Geschichte um Jesus von Nazaret erzählt James Frey von einem neuzeitlichen Messias in New York. 13 Zeugen seiner Wiederkehr berichten von ihren Erlebnissen mit Ben Zion Avrohom, auch genannt Ben Jones oder der Prophet. Zu diesen modernen Evangelisten gehören unter anderem eine puerto-ricanische Stripperin, eine Trauma-Chirurgin und ein Obdachloser aus den Tiefen des New Yorker U-Bahnsystems. Freys Messias predigt Liebe, auch im praktischen Sinn. Er schläft mit Männern und Frauen, traut homosexuelle Pärchen, befürwortet Abtreibungen und hält die Bibel für einen veralteten Roman. Das Leben im Jenseits ist für ihn ein Märchen, ebenso wie der bärtige Gott auf dem goldenen Stuhl im Himmel. Doch niemand predigt ungestraft von freier Liebe und entzieht sich der Kirche und dem Staat. Schon gar nicht Jesus Christus.

Am Abend zuvor, bei der Deutschland-Premiere seines neuen Buches "Das letzte Testament der Heiligen Schrift" im Berliner Kino Babylon Mitte, hatte Frey einen deutlich unnahbareren Eindruck gemacht. Mit starkem amerikanischem Akzent las er schnell, grollend und ohne Betonungspausen Auszüge aus seinem Buch vor. Konnte da jemand folgen, der das Buch nicht kannte? Oder hatte das etwa mit dem Twitter-Eintrag von Schriftstellerkollege Bret Easton Ellis zu tun, wonach sie beide Lesetouren durch Deutschland gleichermaßen "furchteinflößend" fänden? Er wisse nicht, ob er das Wort "furchteinflößend" benutzt hätte, sagt der 42-Jährige bedächtig. "Als wir neulich zusammen in Los Angeles gegessen haben, haben wir über lange, anstrengende Lesetouren geredet, danach ist wohl das Posting entstanden. Als ich letztes Mal in Deutschland war, habe ich zehn Städte in zehn Tagen besucht."

Aber sind gerade für ihn nicht Lesungen in den USA beängstigender als in Deutschland? Er mache in den USA keine Lesungen mehr, unterbricht Frey. Und es seien auch keine geplant, um das neue Buch vorzustellen? Frey schüttelt den Kopf. Wegen des großen Skandals, den sein Buch "Tausend kleine Scherben" verursacht hat? "Ich habe einfach keine Lust mehr dazu."

Frey antwortet kurz, gerne mit ja, nein oder nur einem Nicken. Manchmal fügt er nach einer Gedankenpause noch ein, zwei Sätze hinzu. Alles mit einer leisen, tiefen Stimme, die sich kaum über das Klappern der Kaffeetassen ringsherum erhebt. Dieser Mann hat US-Talk-Queen Oprah Winfrey so aus der Fassung gebracht?

"Seltsamer und surrealer Skandal"

Auslöser für den Fernsehskandal im Jahr 2006 war sein Roman "Tausend kleine Scherben" ("A Million Little Pieces"), in dem Frey in drastischer Sprache von dem Kampf gegen seine Drogen- und Alkoholsucht berichtet. Frey will das Buch zunächst als fiktionales Werk verkaufen, doch erst als es 2003 als Autobiografie erscheint, stellt sich der Erfolg ein. Oprah Winfrey setzt dem Buch schließlich im September 2005 die Bestseller-Krone auf, indem sie es in ihrer Show lobt.

Anfang 2006 wird Frey nachgewiesen, dass es für viele Buch-Passagen keine Beweise gibt, so beschränkte sich der ausführlich beschriebene "Gefängnisaufenthalt" real offenbar auf nur fünf Stunden auf einer Polizeistation. Prompt lädt Oprah Winfrey ihn erneut in ihre Talk-Show vor. Statt in der angekündigten Gesprächsrunde sitzt er alleine der sich getäuscht fühlenden, wütenden Moderatorin gegenüber. Im Nachgang wird Frey von seiner Literaturagentin fallen gelassen, auch der Penguin-Verlag zieht sich aus einem Folgevertrag raus. Im Mai 2009 entschuldigt sich Oprah Winfrey bei Frey.

Das Ausmaß des Skandals habe ihn damals sehr überrascht, bestätigt Frey. "Es war ein wenig seltsam und surreal. Ich hatte nicht erwartet, dass 'Tausend kleine Scherben' sich so gut verkaufen würde und ich hatte diese große Kontroverse niemals erwartet." Hat sich das Buch zu gut verkauft? "Wer weiß schon, was das Problem war. Es kümmert mich auch nicht mehr", sagt der Schriftsteller achselzuckend und nimmt sich noch mehr von seinem offenbar unendlichen Vorrat an Nikotin-Kaugummis. Das Buch verkaufe sich immer noch gut in den USA, etwa 2000 bis 3000 Exemplare die Woche, fügt er kauend hinzu.

Der wahre Jesus

Die Lust auf provozierende Themen hat Frey durch den Vorfall nicht verloren: Sein neuer Romanheld in "Das letzte Testament der Heiligen Schrift" ist niemand Geringeres als der zurückgekehrte Jesus Christus. Aber sein Messias weicht von der üblichen Darstellung stark ab: Er verbreitet Liebe, in dem er mit Männern und Frauen schläft. Er glaubt weder an die Bibel noch an die Kirche, sondern kümmert sich lieber um die Vergessenen der Gesellschaft: Obdachlose, Junkies, Stripperinnen oder einsame, fettsüchtige Supermarktkassiererinnen.

Fürchtet keine Kritik - weil er sie nicht liest: James Frey.
Fürchtet keine Kritik - weil er sie nicht liest: James Frey.

In den USA sei es recht alltäglich, von der Rückkehr des Messias zu sprechen, erklärt Frey. Er wisse nicht genau, warum die USA so religiös seien, möglicherweise hinge das auch mit der Religionsfreiheit in den USA zusammen. Diese ermögliche schließlich auch religiösen Extremismus. "Ich habe mich einfach gefragt, was passieren würde, wenn Fuckin' Jesus heute erscheint und durch die Straße von Manhattan geht." Sein Jesus ähnele sogar mehr der biblischen Darstellung, als die meisten meinten: "Die meisten Menschen haben die Bibel nicht richtig gelesen. Jesus Christus war eine radikale, obdachlose Person. Radikal genug, um gekreuzigt zu werden. Er hing mit den Randgestalten der Gesellschaft herum und wurde für verrückt gehalten", sagt der Autor und nimmt sich kurz Zeit, die hübsche Kellnerin nach ihrem Tag zu fragen. Während sie zu einer längeren Antwort ansetzt, betrachtet er die Piercings, den asymmetrischen Haarschnitt. Weder flirtend noch überfreundlich. Dann beendet er seinen vorherigen Gedanken nahtlos: "Jesus predigte auch zu der Welt, er wanderte umher und predigte."

Er habe kein Manifest seines eigenen Glaubens geschrieben, betont Frey. "Das letzte Testament der Heiligen Schrift" sei ein Buch, eine Geschichte. "Ob Islam, Christentum, Judentum, Buddhismus - die Botschaft ist immer Liebe. Wir sollten uns gegenseitig lieben und akzeptieren. Denke ich, dass das realistisch ist? Nein." Zu 99 Prozent glaube er überhaupt nicht an Gott. Zu einem Prozent wünsche er allerdings, er würde an Gott glauben: "Es wäre schön, wenn es einen Gott gebe, der sich einen Dreck um uns schert. Oder wenn es einen Himmel gebe. Ich glaube, das wäre großartig."

Kunst statt Kontroverse

Trotz des kontroversen Inhalts löste "Das letzte Testament der heiligen Schrift" keinen Sturm der Entrüstung in den USA aus. Denn Frey verzichtete komplett auf die Pressearbeit und machte es damit Kritikern schwer, überhaupt an den Text zu kommen. Keine Lesungen, keine Interviews, keine Bücher an die Rezensenten. Stattdessen beschloss der Kunstliebhaber, einen neuen Weg zu gehen und brachte das Buch zusammen mit Gagosian, der "fantastischsten Kunstgalerie der Welt", heraus. "Ich wollte etwas wirklich Cooles machen, ich wollte, dass das Buch ein Objekt wird", begeistert sich James Frey. Jedes Exemplar habe wie eine Bibel ausgesehen, in schwarzem Leder gebunden, mit versilbertem Aufdruck. Die kleine Auflage sei innerhalb eines Monats ausverkauft gewesen.

In Großbritannien dagegen, wo das Buch wie in Deutschland traditionell verlegt worden sei, habe der Verleger viele Hassmails gekriegt. "Er fand es großartig, er liebte es." In Israel habe sein dortiger Verleger bei diesem Romaninhalt dagegen abgewunken: "Er hatte keine Lust auf Brandbomben im Büro." Frey selbst interessiert sich nach eigener Aussage nicht wirklich für die Reaktionen auf seine Bücher: " Es gibt viele Schriftsteller, die öffentliche Meinung fürchten. Ich lese keine Blogs, keine Internetkommentare. Ich weiß, dass alle Bücher verkauft sind und ich hoffe einfach, sie haben den Lesern gefallen."

13 Autoren für 13 Zeugen

Der Autor (m.) und seine Übersetzer: Alexa Hennig von Lange (l), Tina Uebel (r) und Harry Rowohlt (außen r)
Der Autor (m.) und seine Übersetzer: Alexa Hennig von Lange (l), Tina Uebel (r) und Harry Rowohlt (außen r)

Auch für die Veröffentlichung in Deutschland entschied sich James Frey für ein ungewöhnliches Verlagsangebot: Haffmans & Tolkemitt ließ "Das letzte Testament der Heiligen Schrift" Kapitel für Kapitel von 13 deutschsprachigen Autoren übersetzen: Alexa Hennig von Lange, Clemens J. Setz, Tina Uebel, Zoë Jenny, Katja Scholtz, Kristof Magnusson, Charles Lewinsky, Harry Rowohlt, Gerd Haffmans, Steffen Jacobs, Klaus Modick, Juli Zeh und Sven Böttcher verliehen den neuzeitlichen Evangelisten verschiedene Stimmen. "Ich fand die Idee fantastisch, ich habe noch nie von 13 Übersetzern für ein Buch gehört", sagt Frey. Andere Verlage hätten ihm deutlich mehr Geld geboten, aber er habe sich für Haffmans & Tolkemitt entschieden, weil Till Tolkemitt das Buch so geliebt und er selbst die Idee so gemocht hätte. "Das Buch wurde nicht geschrieben, um viel Geld zu machen. Ich interessiere mich einen Scheiß für Geld. Es wurde geschrieben, damit es ist, wie ich es haben wollte."

Frey bezweifelt, dass es einfach für die Autoren war, die verschiedenen US-amerikanischen Dialekte, die er benutzt hatte, zu übersetzen. Das sei bei der Umsetzung seiner Romanidee auch für ihn das Schwierigste gewesen. "Die meisten Autoren brauchen Jahre, um eine einzige Stimme zu entwickeln. Und ich habe die Stimme, in der ich normalerweise schreibe, aufgegeben, um 13 neue Stimmen zu finden." Die Geschichte zu entwickeln, sei dagegen einfach gewesen, auch wenn sie weniger der biblischen Geschichte, als dem Heldenmythos um Jesus Christus gefolgt sei: "Jede Helden- oder Messias-Geschichte folgt mehr oder weniger derselben Struktur, nur die Details ändern sich."

Bei der Buchpremiere im Babylon konnte sich Frey dann die Stimmen der Übersetzer anhören: Alexa Hennig von Lange, Tina Uebel und Harry Rowohlt lasen aus den von ihnen übersetzten Kapiteln. Den deutschen Übersetzern zuzuhören sei interessant gewesen, auch wenn er nichts verstanden habe. Er habe jedoch bemerkt, dass es Änderungen gegeben habe, meint Frey. Das sei ja auch die Arbeit von Übersetzern, sie würden eine Arbeit interpretieren. Allerdings habe ihm nicht gefallen, dass einige Namen geändert worden seien – so sei aus Mariaangeles Maria Magdalena geworden. Er habe zwar für alle Figuren biblische Namen gewählt, die aber nicht zwangsläufig zur Jesus-Geschichte gehörten.

Bei der Lesung trifft die deutsche "Maria Magdalena" Alexa Hennig von Lange die Stimmlage eines jungen Mädchens, das sich dem Messias gegenüber sieht. Ihr habe beim Übersetzen besonders die Idee gut gefallen, wie jemand durch sein Dasein die Menschen berühren kann, sagt sie, bevor sie sich wieder zwei aufgeregten "Alexa!"-Fans widmet.

"Lesen ist für Mädchen"

Heldenmythos Jesus, auf heute übertragen.
Heldenmythos Jesus, auf heute übertragen.

Harry Rowohlt zeigte sich charakteristischerweise weniger enthusiastisch: Er habe wenig Arbeit mit der Übersetzung des obdachlosen Matthäus gehabt, da gebe es ja nur lauter "Shits" und "Fucks", meint die Übersetzerlegende. Verschiedene Stimmen habe er da nicht rausgehört. Allerdings habe er auch nur sein Kapitel gelesen: "Lesen ist doch für Mädchen." Im Übrigen würde er das an diesem Abend nur zur Hälfte gefüllte Babylon mit seinen Lesungen jederzeit alleine füllen, schönen Dank auch! Eines interessierte ihn aber doch: Ob man Frey vielleicht fragen könne, wie viele Menschen an diesem Buch und der Recherche mitgewirkt hätte? 100 Autoren? Er könne nun mal die Kritik am Raubtierkapitalismus nicht lassen, schon gar nicht, wenn er auf dem Rosa-Luxemburg-Platz stehe, lacht Rowohlt, rückt seine dunkelblaue Strickmütze zurecht und zieht von dannen.

Er habe alles alleine geschrieben, ist einen Tag später Freys unbewegte Antwort. "Insgesamt war ich etwa 18 Monate beschäftigt, was länger ist, als alles andere, was ich bisher getan hatte." Für die Recherche habe er sich den Rat von Experten eingeholt: "Ich hatte einen Trauma-Chirurgen, der alle Abschnitte im Zusammenhang mit dem erlittenen Trauma von Ben, gelesen hatte. Ich hatte einen Rabbiner, der alle religiösen, kulturellen Aspekte des Judentums gegengelesen hatte, ich hatte einen Anwalt, der das ganze rechtliche Zeug gelesen hat und sichergestellt hat, dass das alles richtig war."

Deutsche Effizienz

In der Tat liest sich ein Kapitel wie eine Folge aus "Emergency Room", während das nächste sich in sehr ausführlichen Erklärungen eines Rabbiners zu den messianischen Zeichen ergeht. "Ich wünschte, es wäre kürzer", räumt Frey freimütig ein. "Ich wollte es so haben wie 'Siddharta' von Herman Hesse. Es ist aber hart, so effizient zu sein wie Hesse. Das ist vermutlich deutsche Effizienz." Jetzt plant Frey die Verfilmung des Romans. "Ich sollte jetzt eigentlich gerade an dem Skript arbeiten. Ich weiß zwar noch nicht, wie der Film aussehen wird, aber es wäre eine ziemlich geradlinige Version des Buches."

Das "Enfant Terrible" rutscht auf dem Sofa wieder nach vorne, schlüpft in seine Schuhe und verabschiedet sich höflich. Ist sein neuer Roman wirklich skandalträchtig? Die Sprache ist drastisch, aber nicht wirklich schockierend, die Botschaft nach mehr Liebe und weniger Waffen einfach. Vor allem ist das Buch ein Gedankenspiel - was wäre denn, wenn der Messias wiederkommt? Ist die Welt mehr als 2000 Jahre später eher bereit, daran zu glauben? Wahrscheinlich nur zu einem Prozent. Und zu 99 Prozent würde ein moderner Messias genauso enden wie Freys’ Ben Jones.

"The Final Testament of the Holy Bible" als Hörbuch bei audible.de

"Das letzte Testament der Heiligen Schrift" bestellen

Haffmans & Tolkemitt bietet "Das letzte Testament der Heiligen Schrift" als "HardcoverPlus" an, d.h. inklusive E-Book. Mit dem Buch erhält der Käufer einen Code, mit dem das E-Book von der Internetseite des Verlages heruntergeladen werden kann, ohne das sich der Preis des Buches ändert. "Von allen dämlichen Verwendungen des Wortes plus ist die in "HardCoverPlus" die bislang dämlichste" (Harry Rowohlt)

Quelle: n-tv.de

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