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Zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler, Zuwanderer und Flüchtlinge Unna-Massen: Auch Olas Familie machte hier Halt.
Zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler, Zuwanderer und Flüchtlinge Unna-Massen: Auch Olas Familie machte hier Halt.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Sonntag, 17. Juni 2012

"Sitzen vier Polen im Auto": Für alle, die sich fremd fühlen

Von Samira Lazarovic

Er ist sehr schön und riecht nach Kokosnuss und Tränen. So stellt Alexandra Tobor, besser bekannt als @Silenttiffy, ihren ersten Roman ihren 20.000 Followern bei Twitter vor. n-tv.de verrät sie, wer sich von der humorvollen Aussiedlergeschichte angesprochen fühlt und warum ihre Familie entsetzt war. Und dann hat Tobor noch einen verblüffenden Tipp für das EM-Finale.

Alexandra Tobor

"Sitzen vier Polen im Auto"

Alexandra, kurz Ola, hat die perfekte Methode gegen unangenehme Situationen gefunden: Sie stellt sich einfach tot. Doch leider lassen sich davon weder strenge polnische Krankenschwestern und schon gar nicht die resolute Oma Greta täuschen. Das Leben im tristen ländlichen Polen der 80er Jahre wird erst besser, als Ola im Keller ein goldenes Buch findet, in dem schöne Menschen bunte Kleider tragen und Kinder Spielzeug haben, von dem Ola noch nicht mal geträumt hat. Es soll eine Weile dauern, bevor sie den Zusammenhang zwischen dem Buch mit dem Aufdruck "Ouelle" und der lustigen kleinen Hand im "O" sowie den Begriffen "rausgefahren" und "BRD" begreift.

Und nur wenig später wird das Unglaubliche wahr: Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder fährt Ola kurz vor Mauerfall "raus" – der bunten Traumwelt entgegen. Doch die blickenden Lichter weichen schnell einer ernüchternden Realität: In der neuen Heimat gibt es zwar keine Schlaglöcher, sondern aalglatte Autobahnen, auf denen der klapprige Familien-Fiat plötzlich schnurrt und das Supermarktangebot ist so groß, dass selbst Mama in Ohnmacht fällt. Aber von Notunterkünften in Turnhallen, fiesen neuen Klassenkameraden und den Tücken der deutschen Sprache hatte Ola im goldenen Buch nichts gesehen. Ein Glück, dass schon bald am Horizont die rabenschwarze Turmfrisur von Oma Greta auftaucht.

Wie interviewt man eine Twitter-Königin, die gerade unterwegs ist, um ihr neues Buch vorzustellen und zwischen den Terminen wenig Zeit hat? Per Mail. "Das ist die mir liebste Form", kommt es sofort vergnügt von Alexandra Tobor zurück. Da könne man so schön die Zugfahrten für die Antworten nutzen.

Auf Twitter hat die junge Autorin mit ihrem "zwitschernden Zweitleib" @silenttiffy 20.000 Follower. Nun hat Tobor mit "Sitzen vier Polen im Auto" ihren ersten Roman vorgelegt: Die Geschichte ihrer Familie, die kurz vor dem Mauerfall beschließt, Polen zu verlassen, in einem winzigen Fiat "rauszufahren" und sich ein neues Leben in Westdeutschland aufzubauen. Liebevoll erzählt die 1981 geborene Tobor was ihr und ihrer Familie bei diesem Abenteuer alles widerfährt.

Vom Geistesblitz zur Romankomposition

Aber wie verläuft der Weg von Tweets zum gebundenen Buch? "Die unerwartete Popularität meiner Tweets mit Migrationshintergrund drängte mich dazu, sie zu längeren Texten auszubauen", erklärt Tobor, die außer ihrem Twitter-Alter Ego "Roser Eule" auch den Blog www.toborisrobotspelledbackwards.com betreibt. "Meine Geschichten trug ich auf Lesungen vor, die von Twitterern organisiert wurden. Einer davon war der Autor Jan-Uwe Fitz, der mich nach einigen erfolgreichen Auftritten seiner Literaturagentin vorstellte. Wenige Monate später hatte ich einen Vertrag mit Ullstein."

Doch kann es selbst für jemanden, für den "Schreiben eine Fortbewegungsart" ist, so einfach sein, das Medium zu wechseln? "Am Anfang dachte ich, es wäre damit getan, ein paar Tweets auszuwählen und ein bisschen drum herum zu schreiben. Das war ein Irrtum", so Tobor, die vor dem Studium der Soziologie und Kunstgeschichte Plattenkritiken für die Spex schrieb, als Kunstbetreuerin für den Boys & Girls Club of San Francisco und in der Redaktion von VIVA Polska in Köln arbeitete.

Tweet Roser Eule

Die Kakerlake knackte laszivunterm Schuh wie Vorderzähne gegen ein Magnum.

Ein Tweet könne nicht mehr sein als die Momentaufnahme eines Geistesblitzes, erklärt sie. Ein Roman erfordere eine ganz andere Herangehensweise: "Eine gute Erzählung wird von Charakteren getragen, vom Zusammenspiel ihrer widerstreitenden Empfindungen und prägenden Erlebnisse. Charakterentwicklung braucht sehr viel Zeit, Figuren entstehen nicht so spontan wie ein Zweizeiler. Ein witziger Einfall, der ohne großen Zusammenhang auf Twitter funktioniert, kann im Rahmen der Romankomposition vollkommen fehl am Platz sein. Mir war eine emotional und soziologisch authentische Darstellung der Charaktere wichtiger als eine Aneinanderreihung von Pointen."

Und die Charaktere sind ihr gelungen: Die kleine Alexandra, genannt Ola, die sich tapfer den hochnäsigsten Klassenkameraden, ob in Polen oder in Deutschland, stellt, die unsägliche "Nachbarin" im Aussiedlerwohnheim, Frau Ogórkowa, für die selbst der löchrigste Teppich vom Sperrmüll noch reinster "Lux" ist oder der verhaltensauffällige Dominik, der Ola erst den Marsriegel klaut, den sie gerade von der Lehrerin geschenkt gekriegt hat, um ihn dann zurückzugeben, als er den einzigen deutschen Satz hört, den das Mädchen kann: "Ich habe kein Geld". Sie alle wachsen einem so ans Herz, das man sich unwillkürlich fragt, was wohl aus ihnen geworden ist.

Keine Autobiographie

"Ola ist mit mir identisch": Alexandra Tobor
"Ola ist mit mir identisch": Alexandra Tobor(Foto: privat)

Doch das Nachwort verrät es schließlich: "Dieses Buch ist keine Autobiographie". Aber wie viel Alexandra steckt dann in der kleinen Ola? "Ola ist mit mir identisch", betont Tobor. Das bedeute aber nicht, dass alles, was Ola erlebt, ihr selbst wiederfahren sei. "Psychosozial stimmt die Figur mit meiner eigenen Entwicklung überein. Die Geschichten in meinem Roman sind aber durchweg konstruiert, auch wenn sie häufig von wahren Begebenheiten inspiriert wurden."

Aber wie reagieren Familie und Freunde angesichts solcher erzählerischen Freiheiten? Erfreut? Entsetzt? "Überwiegend entsetzt, mit meinen Figuren konnten sie sich häufig nicht identifizieren", berichtet Tobor. "In Wirklichkeit ist meine Familie ziemlich normal. Meine Mutter hatte nicht die größten Frauenfüße Polens, Oma Greta warf nicht mit Katzen um sich. Vieles, was ich meine Familienmitglieder als literarische Figuren habe tun lassen, wäre für sie undenkbar gewesen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie das alles mit sich haben machen lassen. Andererseits wollte ich mein Buch nie als Autobiografie verstanden wissen. Das interessiert doch niemanden, ich bin ja keine Berühmtheit. Obwohl sich im Spätaussiedleruniversum vieles genauso zugetragen haben könnte, bleibt es eine fiktionale Erzählung, die ihren eigenen Gesetzen folgt."

Eine kraftspendende Umarmung

Im Roman ist der kleinen Ola schon vor der Kommunion klar: Sie will nicht Jesus heiraten oder mit Kindern am Herd stehen, sondern sich Gedanken machen und kluge Bücher schreiben. Hat sich diese Mission mit "Sitzen vier Polen im Auto" erfüllt? "Ich bin kinderfrei und unverheiratet, für die meisten Polinnen meines Alters ein Albtraum, für mich die einzig denkbare Daseinsform", antwortet Tobor.

"Sitzen vier Polen im Auto" ist bei Ullstein erschienen und kostet 9,99 Euro.
"Sitzen vier Polen im Auto" ist bei Ullstein erschienen und kostet 9,99 Euro.

"Bücher sind meine Familie, aus dem geschriebenen Wort schöpfe ich alle Lebensenergie. Meine Mission geht weiter als die meiner kleinen Protagonistin, die von gesellschaftlichen Erwartungen in Ruhe gelassen und Bücher schreiben will. Ich will etwas verändern. Ich will Menschen erreichen, die nicht dazugehören. Meine Geschichten wollen eine kraftspendende Umarmung sein für alle, die sich anders, fremd oder getreten fühlen. Allen anderen möchte ich, ohne anzuklagen oder zu belehren, einen Einblick in die Gefühlswelten von Menschen geben, die nicht 'reinpassen'. Ich habe positives Feedback von Lehrern bekommen, die durch meine Texte auf unterhaltsame Weise zu einem besseren Verständnis ihrer Problemschüler gelangt sind. Das macht mich wirklich glücklich. Türen zu öffnen zum vermeintlich Fremden, das ist meine Mission als Schriftstellerin."

Dass sie mit einer solchen Geschichte automatisch zu einer Expertin für die Themenbereiche Polen, Migration oder Identität wird, stört sie nicht. "Ich habe vorerst kein Problem damit, auf diesen Themenkomplex reduziert zu werden", betont sie. "Mir missfällt der Diskurs, wie er in Deutschland geführt wird. Es gibt nicht viel zwischen dem rassistischen Schwachsinn von Thilo Sarrazin und dem linken Bestreben, Migranten beharrlich als chancenlos zu stigmatisieren. Ich möchte meine eigene Sichtweise anbieten, die nicht von einer Identität zwischen den Stühlen, sondern von einem dritten Stuhl ausgeht; eine Position, der ungeheures Potenzial innewohnt."

Und so spreche ihr Buch auch jeden an, der einmal die Erfahrung gemacht hat, fremd zu sein: "Menschen unterschiedlichster Herkunft haben sich in Ola wiedererkannt." Aber die Geschichte handele auch von Deutschen aus allen Schichten der Gesellschaft. Und nicht zuletzt spreche sie jeden an, der in den Achtziger und Neunziger Jahren aufgewachsen sei. "Es gibt zahlreiche popkulturelle Referenzen, die naturgemäß Spaß machen."

Humor statt Zeigefinger

Tatsächlich finden sich im Buch jede Menge Schnittstellen, um sich mit der kleinen Ola zu identifizieren. Sei es der Quelle-Katalog, der ihr eine wunderbare ferne Welt zeigt oder die schöne Sklavin Isaura, die ihr aus dem Fernseher entgegen lächelt. Aber auch das mulmige Gefühl, vor einer neuen Klasse zu stehen, werden viele kennen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Mit Humor und Selbstironie werden Klischees liebevoll bestätigt oder verworfen, in Tobors bunten Kosmos kommt keiner per se besser oder schlechter weg als der andere: Die Polen nicht, die Russen nicht und die Deutschen – seien sie übertrieben interessiert an den neuen Mitbürgern oder nicht, auch nicht. Schon alleine deswegen hätte das Buch einen anderen Titel verdient, als der bestenfalls an alberne Polen-Witze erinnernde Titel, der vom Ullstein-Taschenbuchverlag ausgewählt wurde.

Vielleicht gelingt das ja bei der Fortsetzung von "Sitzen vier Polen im Auto" besser, denn Alexandra Tobor plant weitere Geschichten mit Ola, Oma Greta und einem geheimnisvollen Dritten. "Die Handlung wird diesmal in Polen spielen", verrät sie. "Spannend, denn es ist 1995 und die Transformation ist in vollem Gange. Konservative Katholiken rebellieren gegen Freiheit und Pornografie, während zwischen eingefallenen Bauernhütten McDonalds-Filialen aus dem Boden schießen. Ola ist jetzt im rebellischen Teenageralter, der Humor dürfte diesmal schwärzer ausfallen."

"Nationalstolz befremdet mich"

Bis dahin ist "Sitzen vier Polen im Auto" auch eine amüsante Begleitlektüre für die Fußball-Europameisterschaft – denn auch wenn von Fußball nicht die Rede ist, kann "der Länderinteressierte viel über die polnische Geschichte, Kultur und Mentalität erfahren", verspricht Tobor, die jetzt aber "hoffentlich nicht als Fußball-Expertin" gesehen wird.

Immerhin weiß sie zu berichten, das bereits vor zwei Jahren, als sie das letzte Mal in Polen war, die Aufregung angesichts dieses Sportereignisses groß war: "Da haben alle noch die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Die Polen sind fantastische Gastgeber, das gehört zu ihrer Identität. In den eigenen vier Wänden wird alles auf Hochglanz poliert, selbst wenn nur der Nachbar auf einen Kaffee vorbeikommt. Aber wie bringt man die katastrophalen Straßen in Ordnung, bevor Europa zu Besuch kommt? Wer entsorgt die ganzen hässlichen Betonzäune, läutert das Land von seinen Architektursünden? Mission impossible! Das hat manchen Polen in die Krise gestürzt."

Auf den EM-Auftritt von Lukas Podolski und Miroslav Klose, den beiden deutschen Nationalspielern mit polnischen Wurzeln, freuen sich vor allem die in Deutschland lebenden Polen, glaubt Tobor. Und ihr Traumfinale? Da hat @silenttiffy einen ganz besonderen Tipp: Barbie gegen Hulk. Mit Fußball könne sie nichts anfangen: "Nationalstolz befremdet mich."

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Quelle: n-tv.de

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