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Nach dem Unfall in Tokaimura wird ein Verletzer abtransportiert.
Nach dem Unfall in Tokaimura wird ein Verletzer abtransportiert.(Foto: picture-alliance / dpa)

Inneres Verglühen: Herr Ouchi stirbt den Strahlentod

von Solveig Bach

Eine leichte Schwellung der Hand, eine geringe Rötung. Mit diesen Symptomen wird Hisahi Ouchi am 30. September 1999 ins Krankenhaus eingeliefert. Er hat in der Wiederaufbereitungsanlage Tokaimura Neutronenstrahlung abbekommen. Herr Ouchi ist dem Tod geweiht und wird elendig sterben. Der erste zivile Strahlentote in Japan, lange vor Fukushima.

Schon vor der Atomkatastrophe von Fukushima hat es in Japan Zwischenfälle mit atomarer Technik gegeben. Am 30. September 1999 wird in einer Fabrik für Uranaufbereitung in Tukaimura beim Befüllen eines Salpetersäure-Tanks mit circa 16 Kilogramm hoch angereichertem Uranoxid die Kritikalität überschritten. Es kommt zu einer nuklearen Kettenreaktion. Auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse wird der Unfall auf der Stufe vier eingeordnet.

Die Anlage in Tokaimura.
Die Anlage in Tokaimura.(Foto: picture-alliance / dpa)

Hisahi Ouchi hält in der Wiederaufbereitungsanlage den Trichter, mit dem die radioaktive Flüssigkeit umgefüllt wird. Er ist 35 Jahre alt, verheiratet und hat einen Sohn. Sein Körper wird von Neutronenstrahlen massiv getroffen. Er sucht Zuflucht in der Umkleidekabine, wo er sich kurz darauf erbricht und wenig später bewusstlos zusammenbricht. Als Ouchi ins Krankenhaus kommt, hat er schlechte Lymphozytenwerte, sonst deutet aber kaum etwas darauf hin, dass er schwer verstrahlt ist.  Er hat Schmerzen unterhalb des Ohrs, die rechte Hand, mit der er den Trichter gehalten hatte, ist geschwollen. Ansonsten wirkt er fast unverletzt. Für einen Moment glauben die Ärzte, sein Leben retten zu können.

Wettlauf mit dem Tod

Doch schon am dritten Tag nach der Verstrahlung muss er ins Universitätsklinikum nach Tokio verlegt werden. Dort kommt er noch immer in guter Verfassung an, er spricht mit Ärzten und Schwestern, mit seiner Familie, Ouchi ist tapfer. Doch die Chromosomen seiner Knochenmarkszellen sind längst irreparabel geschädigt. Sie bilden nicht mehr die bekannten Muster, sondern sind zerstückelt und zum Teil regelrecht miteinander verschmolzen. Damit ist klar, Ouchis Körper ist nicht mehr in der Lage, neue Zellen zu produzieren. Sein Schicksal ist besiegelt.

Ein Journalist begleitet Ouchis Sterben. Sein preisgekrönter Film liegt nun auch als Buch vor. Darin wird die Wirkung der radioaktiven Strahlung auf den Menschen auf grausame Weise erlebbar. Die Ärzte legen ihren todgeweihten Patienten in einen komplett abgeschotteten Raum, um Bakterien, Keime und Pilzsporen von ihm fernzuhalten. Doch nach elf Tagen hat Ouchis Atemaussetzer und muss intubiert werden. Er kann nicht mehr sprechen. Seine Haut beginnt sich abzulösen, er bekommt starke Schmerzmittel und wird intravenös ernährt.

Das Buch ist im Redline-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.
Das Buch ist im Redline-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.

Seine Familie faltet vor der Tür Papierkraniche. Ouchi bekommt schweren Durchfall, ständig verliert er große Mengen an Flüssigkeit. Seine Darmschleimhaut ist komplett zerstört, sein Herz bleibt stehen. Doch die Wiederbelebung gelingt. Am 21. Dezember, 83 Tage nach dem Vorfall in Tokaimura, stirbt Herr Ouchi schließlich. Die Familie lässt ihn gehen, die Ärzte verzichten auf weitere lebensverlängernde Maßnahmen.

Er ist der erste zivile Strahlentote Japans, und er muss sterben, weil die Prozedur, bei der es zu der Kritikalität kam, illegal durchgeführt wurde. Auch Ouchis Kollege Masato Shinohara, wird kurz nach ihm sterben, am Tag 211 nach der Verstrahlung. Die Ärzte versuchen alles, den langsamen Strahlendtod der Männer aufzuhalten. Doch sie sind machtlos und haben der zerstörerischen Kraft der Radioaktivität nichts entgegenzusetzen.

"83 Tage" ist ein dürrer Bericht voller medizinischer Details gespickt mit Augenzeugenberichten und Erinnerungen des medizinischen Personals. Das ist nicht schön zu lesen und manchmal kaum auszuhalten und gerade wegen dieser Authentizität furchtbar fesselnd und aktuell.

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Quelle: n-tv.de

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