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Wer gemeinsam kämpft, kann auch gemeinsam knutschen: Wolverine und Hercules.
Wer gemeinsam kämpft, kann auch gemeinsam knutschen: Wolverine und Hercules.(Foto: Promo /Marvel)
Mittwoch, 27. März 2013

Schwule Figuren erobern die Comics: Homo-Helden retten die Welt

Von Markus Lippold

Während der Oberste Gerichtshof der USA über die Homo-Ehe berät, gehen ein paar Superhelden schon mal vor: Wolverine knutscht mit Hercules, Green Lantern outet sich und Batwoman macht ihrer Freundin einen Heiratsantrag. Dass Comicverlage mittlerweile etliche homosexuelle Figuren auftreten lassen, wirkt progressiv. Wäre da nicht ein äußerst homophober Comicautor.

Barack Obama hat es schon letztes Jahr getan. Bill und Hillary Clinton machten es erst kürzlich. Clint Eastwood hat sich positiv dazu geäußert und selbst republikanische Schwergewichte wie der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney gehören mittlerweile dazu - sie unterstützen die Homo-Ehe. Immerhin, es ist eines der umstrittensten Themen der US-amerikanischen Innenpolitik und wird noch kontroverser diskutiert als in Deutschland.

Batwoman will's wissen: Sie macht ihrer Freundin einen Antrag.
Batwoman will's wissen: Sie macht ihrer Freundin einen Antrag.(Foto: Promo / DC)

Dabei hat sich in den letzten Jahren ein enormer Stimmungswandel vollzogen. Anders als noch vor zwei Jahren, ist laut einer aktuellen Umfrage von "Washington Post" und ABC News inzwischen eine knappe Mehrheit von 58 Prozent der US-Amerikaner für eine Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften. Selbst bei den Republikanern gibt es prominente Unterstützer: Nachdem sich die Kinder von Cheney und Senator Rob Portman geoutet hatten, änderten die Väter ihre Meinung. Doch die letzte Entscheidung liegt beim Obersten Gerichtshof. Der befasst sich in dieser Woche damit, ob das 1996 - ausgerechnet unter Bill Clinton - beschlossene Verbot der Homo-Ehe verfassungswidrig ist.

Auf einem ganz anderen Gebiet wird die Homo-Ehe aber bereits vollzogen: in Comics. Und zwar nicht nur in Untergrund- und Independent-Werken, die von jeher die gesellschaftlichen Realitäten besser abbilden, sondern in den uramerikanischen Superhelden-Comics. Gerüchte gibt es natürlich schon seit Jahrzehnten. Batman und Robin etwa, das dynamische Duo, sind längst zu Ikonen der Schwulenbewegung geworden. Ob die beiden mehr verbindet als die gemeinsame Verbrechensbekämpfung war allerdings schon in den 40er Jahren ein Thema. Die Gerüchte trugen ihren Teil dazu bei, dass sich die Verlage 1954 mit der Comic Code Authority eine Art Selbstzensur auferlegten. Homosexualität war in den bunten Heften fortan ebenso verboten wie Drogenkonsum, Flüche oder Scheidungen.

Der Haken mit dem Paralleluniversum

Erstaunlich ist, dass die beiden großen Superhelden-Verlage DC und Marvel bis ins neue Jahrtausend brauchten, um sich der Selbstzensur zu entledigen und sich der gesellschaftlichen Realität anzupassen. Das führte nicht zuletzt dazu, dass auch schwule Charaktere entwickelt wurden. Im Februar diesen Jahres gab es gleich zwei Ereignisse, die diesbezüglich für breite Aufmerksamkeit sorgten: Einerseits machte Batwoman ihrer Freundin einen Heiratsantrag, andererseits knutschte Wolverine, der bekannte Held von den X-Men, mit einem Mann. Wobei der Kuss zwischen Wolverine und dem bisexuellen Hercules in dem Alternativuniversum "X-Treme X-Men" stattfindet, also nicht die Figuren der Hauptserien betrifft. Dafür wurde das Coming-Out der Marvel-Helden recht martialisch inszeniert: Sie küssen sich auf dem gerade getöteten Körper eines Monsters. Es sei ein guter Moment, sich seine Liebe zu gestehen, heißt es da etwas pathetisch.

Green Lantern outete sich im vergangenen Jahr.
Green Lantern outete sich im vergangenen Jahr.(Foto: AP)

Während Wolverines Liebesgeständnis einigermaßen überraschend kam, war Batwomans Antrag an ihre Freundin eigentlich nicht so sensationell. Schon bei ihrer Reaktivierung 2006 wurde verkündet, dass sie lesbisch sei. In älteren Heften hatte Batwoman, die erstmals 1956 erschien, noch eine romantische Schwäche für Batman. Doch 1979 verschwand sie von der Bildfläche. Ihre Neugeburt nutzte der Verlag DC, um sie strategisch neu aufzustellen. Man wolle die firmeneigenen Heldinnen und Helden an die gesellschaftliche Realität anpassen, hieß es damals. Weshalb Batwoman nicht nur lesbisch wurde, sondern auch noch eine jüdische Identität verpasst bekam - so kann man schließlich gleich mehrere Minderheiten auf einmal ansprechen.

Eine Neuaufstellung erlebte 2012 auch einer der ältesten Superhelden von DC: Alan Scott, der originale Green Lantern von 1940, wurde kurzerhand für schwul erklärt. In dem Heft, das im Juni vergangenen Jahres in den USA als Teil der Serie "Earth 2" erschien (in Deutschland wird diese von Panini herausgegeben), wollte er seinem Freund auch einen Heiratsantrag machen. Doch dieser kam kurz davor ums Leben. Ganz so mutig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist der Verlag mit diesem Vorstoß trotzdem nicht gewesen. Denn Alan Scott ist nur einer der Superhelden mit dem Namen Green Lantern. Dessen Kraft ist nicht - wie etwa bei Superman - an eine Person gebunden, sondern an einen Ring. Wer auch immer den Ring trägt, verfügt über dessen Macht. Der schwule Green Lantern trat in einer Parallelwelt auf, während in der regulären Heftreihe ein anderer heterosexueller Green Lantern weiterexistiert. Diese sexuelle Zweigleisigkeit gilt auch für Wolverine und Hercules bei Marvel.

Northstar macht seinem Freund einen Antrag.
Northstar macht seinem Freund einen Antrag.(Foto: Promo /Marvel)

Bei Marvel erscheint auch der wohl älteste schwule Superheld: Northstar sollte nach dem Willen seines Schöpfers John Byrne schon bei seinem ersten Auftritt 1979 schwul sein. Doch Restriktionen des Verlages und der allmächtige Comic Code verhinderten dies. So blieb es bei Andeutungen, bis Northstar 1992 endlich öffentlich zugeben durfte: "Ich bin schwul." Der entsprechende Comic war umgehend ausverkauft. Allerdings dauerte es weitere 20 Jahre, bis er im Juni 2012 seinem Freund das Ja-Wort geben konnte. Dabei war dies nicht mal die erste schwule Superhelden-Hochzeit: Bei DC heirateten bereits 2002 die weniger bekannten Helden Apollo und Midnighter.

Ein schwuler Vampirjäger

Doch nicht nur die Superhelden-Verlage entdecken homosexuelle Charaktere für sich. In den altehrwürdigen Archie-Comics tauchte bereits 2010 mit Kevin Keller eine homosexuelle Figur auf, die mittlerweile sogar eine eigene Comic-Reihe hat. Auch hier verkündete der Verlag, mit der Zeit gehen zu wollen. Inzwischen hat Keller im Comic auch geheiratet. Sein Schöpfer Dan Parent wies übrigens darauf hin, dass die Reaktionen auf die Figur zu 98 Prozent positiv ausgefallen seien. Ebenfalls im vergangenen Jahr bekam Vampirjägerin Buffy vom Verlag Dark Horse Comics den schwulen Mitstreiter Billy an die Seite gestellt. Und die Autoren des Comics "Judge Dredd" (der bereist mit Sylvester Stallone verfilmt wurde) spekulierten kürzlich, dass die Figur schwul sein könnte. Die Fans waren davon allerdings nicht so sehr begeistert.

Kevin Keller hat inzwischen eine eigene Heftreihe.
Kevin Keller hat inzwischen eine eigene Heftreihe.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Gleichwohl: Bei DC und Marvel kamen angesichts der homosexuellen Figuren keine Kontroversen unter den Lesern auf. Vor einigen Jahren hätte das sicher noch ganz anders ausgesehen. Allerdings gab es scharfe Proteste von der ultrakonservativen, homophoben Gruppe "One Million Moms". Sie warf den Verlagen vor, "formbare junge Gemüter beeinflussen" zu wollen. Das Medienecho auf Coming-Outs und Homo-Ehen war und ist trotzdem überwiegend positiv. Auch schwul-lesbische Interessenverbände in den USA begrüßen die Entwicklung. Mehrere Hefte wurden im Januar von der Gay & Lesbian Alliance Against Defamation für deren Medienpreis nominiert, darunter Batwoman, Green Lantern sowie die küssenden Wolverine und Hercules.

Wie ernst es die Verlage mit ihren strategisch platzierten Figuren meinen, bleibt aber abzuwarten. Das gilt vor allem für jene homosexuellen Charaktere, die lediglich in Paralleluniversen auftreten. In den Hauptserien sind sie weiterhin heterosexuell, was durchaus einen schizophrenen Zug hat. Auch die Verfilmungen von Green Lantern und Wolverine setzen auf die heterosexuellen Inkarnationen der Figuren. Hugh Jackman wird also auch im neuen Wolverine-Film, der im Juli in den deutschen Kinos anläuft, keinen Mann küssen. So zweischneidig diese doppelte Sexualität der Figuren ist, für die Verlage ist sie sehr praktisch: Sie können mit parallelen und alternativen Universen ihre Figurenpalette verbreitern und neue Leserschichten ansprechen, ohne aber mit den Stammlesern brechen zu müssen. Marvel folgte dieser Masche schon bei Spiderman, dessen weißer Alter Ego Peter Parker in einer alternativen Reihe starb und durch den Latino Miles Morales ersetzt wurde.

Proteststurm gegen homophoben Autor

Einen großen Schatten auf die Öffnung der Comicverlage gegenüber homosexuellen Figuren warf zuletzt allerdings DC selbst. Der Verlag sorgte für einen Proteststurm, als er den offen homophoben Autor Orson Scott Card für die Reihe "Adventures of Superman" verpflichtete. Mehrfach hatte sich der Mormone heftig gegen Homosexualität ausgesprochen, sie als unnormal bezeichnet und mit sexuellen Störungen wie Pädophilie in Verbindung gebracht. Zudem rief er zu einem Aufstand gegen die Regierung auf, sollte diese die Homo-Ehe gesetzlich erlauben.

Leser dagegen riefen zum Boykott der Reihe auf und sammelten mehr als 16.000 Unterschriften gegen die Verpflichtung von Card. Auch mehrere Buchhändler wollten die Reihe boykottieren. Chris Sprouse, der die Superman-Story von Card zeichnen sollte, sagte seine Beteiligung an dem Projekt ab. DC dagegen betonte, es unterstütze die Meinungsfreiheit. Zudem sei Card nur für zwei Episoden engagiert worden. Vor dem gleichen Imageproblem dürfte demnächst übrigens die Filmfirma Summit Entertainent stehen. Die will im November Cards bekanntesten Science-Fiction-Roman "Ender's Game" in die Kinos bringen - und fürchtet bereits jetzt die Kritik an der homophoben Einstellung des Autors.

An Card zeigt sich allerdings, welchen Wandel die US-amerikanische Gesellschaft in den vergangenen Jahren in ihrem Umgang mit Homosexualität und Homo-Ehe durchgemacht hat: Zwischen 2005 und 2008 schrieb dieser für Marvel den Band "Ultimate Iron Man". Proteste blieben damals größtenteils aus. Das hat sich nun zum Glück geändert. Superhelden dürfen mittlerweile nicht nur die Welt retten. Sie dürfen auch schwul sein.

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Quelle: n-tv.de

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