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Das 1444 erbaute gotische Krantor in der Altstadt Danzigs ist eines der Wahrzeichen der Stadt - und erstrahlt auf diesem Bild in Bernstein-farbenem Licht.
Das 1444 erbaute gotische Krantor in der Altstadt Danzigs ist eines der Wahrzeichen der Stadt - und erstrahlt auf diesem Bild in Bernstein-farbenem Licht.(Foto: picture alliance / dpa)

"Ambra" und das Geheimnis des Bernsteins: Kinga taucht in Danzig ab

Von Markus Lippold

Ein Bernstein zieht Kinga in einen verstörenden Strudel aus Erinnerungen. Fetzen des Irakkriegs tauchen auf, aber auch die Geschichte ihrer Familie. Im Mittelpunkt steht Danzig. Sabrina Janesch beschreibt in "Ambra" die Lebenswirklichkeit der Stadt. Eine sinnliche Erfahrung, wie sie n-tv.de erzählt.

"Heil Hitler" ist keine sehr nette Begrüßung. Das hatte sich Kinga Mischa irgendwie anders vorgestellt, als sie nach Polen kam, in die Stadt am Meer. Der sie da begrüßt, das ist immerhin ihr Cousin Bartosz Mysza. Von ihrer polnischen Verwandtschaft hatte die junge Deutsche erst nach dem Tod ihres Vaters erfahren. Der kam aus jener Stadt am Meer, war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland geflohen und hatte alle Brücken in die alte Heimat abgerissen. Fast alle Brücken. Denn Kinga erfährt auch von der Wohnung in der Stadt, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Zum Erbe gehört außerdem ein geheimnisvoller alter Bernstein-Anhänger, in den eine Spinne eingeschlossen ist.

Sabrina Janesch erforscht in ihrem zweiten Roman die Geschichte Danzigs.
Sabrina Janesch erforscht in ihrem zweiten Roman die Geschichte Danzigs.(Foto: Milena Schlösser)

Kinga macht sich auf nach Polen, nicht nur um ihre Verwandten - die letzten, die ihr bleiben - und die Wohnung zu sehen, sondern auch, um das Geheimnis des Bernsteins zu entschlüsseln. Doch die Begrüßung ist distanziert. Der polnische Teil der Familie fürchtet, die Wohnung zu verlieren, deren Miete zum Einkommen beiträgt. Kinga landet zwischen den Stühlen und mehr noch: Die Stadt droht sie zu verschlingen, zumal der Bernstein an seinem Ursprungsort seine ganze magische Kraft entfaltet.

Nie wird sie namentlich genannt, jene Stadt am Meer, die die Hauptrolle in "Ambra" spielt, dem neuen Roman von Sabrina Janesch. Und doch weiß man schnell, dass es um Danzig geht. Die Stadt ist ein großes literarisches Thema, denn übermächtig erscheint der Danzig-Roman der deutschen Literatur: "Die Blechtrommel" von Günter Grass. Und tatsächlich hat sich Janesch im Vorfeld intensiv mit Grass' Danziger Trilogie (zu der auch "Katz und Maus" und "Hundejahre" gehören) auseinandergesetzt, wie sie im Gespräch mit n-tv.de erzählt.

Geräusche und Gerüche

"Ich habe geschaut, welche Motive, welche Elemente immer wieder in der Danziger Literatur auftauchen", sagt die 27-jährige Schriftstellerin, die selbst deutsch-polnische Wurzeln hat. "Diese habe ich aufgegriffen, zitiert und in das Buch einfließen lassen." Wobei Janesch betont, dass für sie die Danzig-Literatur über Grass hinausgehe. Gerade auf polnischer Seite gebe es weit mehr Werke über die Stadt, die sie gelesen habe. "Für mich war das ein ganzer Literaturkanon, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe, nicht nur mit Grass", so Janesch.

Jahrelang trug Janesch, die in Münster wohnt, die Idee für einen Danzig-Roman mit sich herum. Die endgültige Form erhielt das Werk aber erst 2009, als sie die erste Stadtschreiberin von Danzig wurde. Da hatte sie ihren inzwischen mehrfach ausgezeichneten Debütroman "Katzenberge" gerade beendet. Das halbe Jahr in Polen nutzte die Autorin, um Impressionen und Erzählstimmen zu sammeln. "Ich habe mit sehr vielen Leuten gesprochen, habe sehr viele Stadtteile kennengelernt", sagt Janesch. Diese Eroberung der Stadt greift sie auch im Roman immer wieder auf. Es ist eine sinnliche Erfahrung. "Ich finde, Danzig ist manchmal eine sehr raue Stadt, die mit den Sinnen erfahrbar ist." Im Winter würde man riechen, dass geheizt wird, erzählt Janesch, zudem seien die Straßenbahn alt und sehr laut. "Das sind Dinge, die mich fasziniert haben, weil ich diese Stadt nicht nur visuell wahrgenommen habe. Ich konnte die Augen schließen und hatte sehr viele Sinnesreize. Das fand ich großartig, das ist etwas, was ich sehr mag." Das spürt man bereits im großartigen Prolog des Buches, in dem der Wind von der Ostsee kommend die Stadt durchstreift und sie gleichsam dem Leser vorstellt.

Je mehr Janesch die Stadt kennenlernte, desto klarer wurde ihr aber auch, dass Danzig die eigentliche Hauptrolle spielt. So entstand die Erzählstruktur des Romans: Drei Stimmen berichten abwechselnd von der Geschichte der Familie Mysza, deren einer Teil sich später eingedeutscht Mischa nennt. Es ist zunächst die Spinne in Kingas Bernstein, die aus der Vergangenheit berichtet. Sie erzählt von Kingas Urgroßeltern, die es nach Danzig verschlug und von deren Kindern Konrad und Marian. Die Brüder stehen für die deutschen und polnischen Wurzeln Danzigs. Beide haben dieselbe Herkunft, doch sie zerstreiten sich und trennen sich schließlich, als Konrad nach dem Krieg nach Deutschland geht.

Vergangenheit und Gegenwart

Die zweite Stimme, die die Geschichte erzählt, gehört Kinga. Sie wird nach dem frostigen Empfang in der Familie aufgenommen, auch wenn die Vergangenheit immer wieder zur Belastung wird. Zumal sich Kinga bewusst wird, dass der Bernstein ihr seherische Fähigkeiten verleiht. "Wer einen Bernstein trägt, […] der wähnt sich selber ausgezeichnet, der hält sich für ein Glied, das die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet", heißt es im Roman. Und diese Verbindung wird für Kinga immer mehr zur Belastung, als sie Dinge erfährt, die sie verstören und die zunehmend ihr Verhältnis zu Cousin Bartosz belasten.

"Ambra" ist im Aufbau-Verlag erschienen. Die gebundene Ausgabe hat 372 Seiten und kostet 22,99 Euro (D). Das E-Book kostet 17,99 Euro.
"Ambra" ist im Aufbau-Verlag erschienen. Die gebundene Ausgabe hat 372 Seiten und kostet 22,99 Euro (D). Das E-Book kostet 17,99 Euro.

Die dritte Stimme schließlich gehört dem Schriftsteller Tilman Kroeger, der Kinga immer wieder beobachtet und seine Treffen mit ihr literarisch verarbeitet. Hier schließt sich der Kreis, denn die Idee für Kroeger bekam Janesch, als sie selbst Stadtschreiberin in Danzig war. "Ihm fällt die Beschreibung der Stadt zu", sagt sie. Er reflektiert aber auch Janeschs Erfahrungen als Autorin: "Alles, was Kroeger am Rande erlebt, etwa im Literaturbetrieb, habe ich ansatzweise auch so kennengelernt." Es ist diese Reflexion der Realität, die den Roman auszeichnet. Und natürlich kam Janesch dabei entgegen, dass sie als Deutschpolin beide Sprachen spricht. So konnte sie viel mehr über die Stadt, ihre Bewohner und deren Alltag erfahren. "Das Danzig der Touristen und der schönen Fassaden hat mich eigentlich weniger interessiert." Dies könne jeder kennenlernen, der sich in der Stadt aufhalte, erzählt die Autorin. "Was mich interessiert hat, war die Lebenswirklichkeit in Danzig. Das hat mich fasziniert und ich habe versucht, das abzubilden."

Das gilt zum Beispiel für die Darstellung von Bartosz, der von seinen Erinnerungen an den Kriegseinsatz im Irak und den Selbstmord eines Kameraden gequält wird. Für die Figur gibt es reale Vorbilder, denn immer wieder traf Janesch in Danzig ehemalige Soldaten. Wie der vom Krieg traumatisierte Bartosz um Verständnis für seine Situation kämpfen muss, erinnert dabei an den Umgang mit Afghanistan-Veteranen in Deutschland. "Ich glaube, dass den Veteranen in Polen mehr Respekt entgegengebracht wird", sagt Janesch. Vor allem, wenn sie für ihr Land kämpfen. Die Polen seien patriotischer und mehr dafür zu haben, wenn jemand "seinen Mann steht".

Fassaden und Windjacken

Es ist einer der großen Pluspunkte des Romans, dass Janesch nicht nur das touristische Danzig schildert, die "Gefälligkeit der Fassaden", wie es Bartosz an einer Stelle sagt. Nein, sie zeigt auch die Wirklichkeit der Stadt, die "traurigen alten Männer in grauen Windjacken". Janesch gräbt in der deutsch-polnischen Vergangenheit, erzählt aber gleichzeitig vom heutigen Polen, von Kriegsveteranen, Arbeitslosigkeit und Geldsorgen. Sie gibt damit Einblick in die Gesellschaft des großen deutschen Nachbarn, freilich ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit. Trotzdem ist dies ein Verdienst, weil Polen immer noch um die Wahrnehmung kämpfen muss, die seiner Größe und Bedeutung für Europa, aber auch seiner Geschichte entsprechen würde.

Daneben überzeugt "Ambra" aber auch durch seine sinnliche Sprache, die den Leser Danzig auf ganz verschiedenen Ebenen erleben lässt. Janesch gelingen poetische und immer wieder kluge Sätze, die die Danziger Geschichte auf den Punkt bringen. Für die Handlung gilt das leider nicht immer. Die verschiedenen Erzählstimmen erfordern Aufmerksamkeit vom Leser. Zudem hätte man sich nach der Jahrhunderte übergreifenden Handlung ein etwas runderes Ende gewünscht, das auch einen größeren Zusammenhang offenbart. Dass hier nicht alles zusammenpasst, hat seinen Grund vielleicht darin, dass Janesch in ihrem zweiten Roman bewusst eine "vertracktere Erzählweise" ausprobieren wollte, wie sie selbst sagt.

Dass "Ambra" trotzdem eine Empfehlung ist, liegt daran, dass die Geschichte immer noch genügend spannende Momente bereithält. Und es macht einfach Spaß, Danzig durch die Augen einer jungen Autorin zu entdecken. Allerdings verrät sie auch, dass sie sich in Danzig nie heimisch gefühlt hat, die Stadt sei immer eine Art Studienobjekt gewesen. Ihr Herz hat Janesch an Krakau verloren, wo sie auch ein Jahr lebte. Gleichwohl: Ihr nächster Roman wird keine deutsch-polnische Thematik haben. "Das nächste Buch wird ein ganz deutsches", sagt die frischgebackene Mutter. Die Arbeit daran beginnt im neuen Jahr.

Hier gibt es eine Leseprobe. "Ambra" direkt bei Amazon bestellen.

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Quelle: n-tv.de

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