Plädoyer zum Welttag des BuchesLesen ist das pure Glück
Bücher öffnen den Blick auf die Welt. Sie lassen Zeitreisen zu und verbinden uns nicht nur mit den erfundenen Figuren, sondern auch mit den realen Menschen ganz nah bei uns. Lesen mag vielleicht anstrengender sein als Fernsehen, aber es macht auch viel glücklicher.
Lesen, das ist weit mehr als nur ein paar Buchstaben aneinanderzureihen. Wir begegnen Figuren und Menschen, deren Leben ein ganz anderes als das unsere ist. Wir lesen von Freundschaft, Liebe, Verrat, von Eigennutz, Hilfsbereitschaft oder Manipulation, von Mord und Totschlag, von Ruhm und Untergang, vom Scheitern und Überleben.
Während wir lesen, werden wir berührt. Wer je bei einem besonders spannenden Krimi seine Wohnungstür abschließen musste, weiß, wovon die Rede ist. Manchmal brauchen wir ein Taschentuch und müssen laut lachen, was mitten in der U-Bahn peinlich sein kann. Oft bekommen wir Lust, etwas vorzulesen.
Deutlicher kann man kaum spüren, dass Lesen uns in den Austausch mit anderen und uns selbst bringt. Wer das Vorlesen als reinen Unterhaltungsvorgang zwischen Eltern und Kindern abtut, sieht nur einen winzigen Teil davon. Es geht um weit mehr, als nur leseunfähigen kleinen Menschen den Zugang zu einem Medium zu ermöglichen, das ihnen (noch) verschlossen ist. Vorlesen heißt: zusammen unterwegs zu sein. Die geschriebenen Worte auszusprechen, macht sie lebendig, übrigens nicht nur gegenüber Kindern, sondern auch dem Liebsten oder den alternden Eltern gegenüber. Und wenn man am Ende der Geschichte ist, fängt das eigene Leben erst an.
Lesen bis zum Morgengrauen
Selbst ein Buch, das nicht begeistert oder restlos überzeugt, erzeugt einen Moment der Nachdenklichkeit oder macht einen neuen Aspekt von einem Thema sichtbar. Seltener versinken wir in einer Geschichte so sehr, dass wir darüber Raum und Zeit vergessen. Aber es kommt noch immer und immer wieder vor. Wir müssen weiterlesen und weiterlesen, es wird Nacht und manchmal sogar wieder Tag. Und dann erreichen wir die letzte Seite einer wirklich gut erzählten Geschichte und sind traurig und glücklich zugleich.
Traurig, weil das Buch zu Ende ist und glücklich über diesen Ausflug in ein Leben, das sich von unserem oft radikal unterscheidet und in dem wir trotzdem irgendwie zu Besuch sein konnten. Oder auch glücklich über das Stromern durch die Gedankenwelt eines anderen, mit dem wir uns ausgetauscht haben über seine und unsere Sicht. Denn indem wir lesen, wohnen wir den erfundenen Ereignissen von irgendwo nicht einfach nur bei.
Die Buchstaben werden lebendig und mit ihnen die starken Bilder, Figuren und Empfindungen. Vielleicht schleicht sich eine Formulierung ein, die besonders präzise etwas beschreibt, was wir selbst hätten nicht benennen können. Das alles macht das Lesen, deshalb ist es ein so großer Zauber, wenn Kinder zum ersten Mal aus Buchstaben den Namen ihres Supermarktes bilden können oder den ihrer Straße. Deshalb ist es wunderbar, wenn irgendwo jemand sitzt und versunken liest. Deshalb ist es so wichtig vorzulesen und selbst zu lesen oder wieder anzufangen zu lesen. Weil Bücher, übrigens auch die aus der Bibliothek oder die von einem Freund geliehenen, Reichtum schenken, Fantasie, Kreativität und Glück.