Zwischen Zensur und KommerzLiteratur in China
Den rasanten Wandel ihres Landes beschreiben chinesische Autoren in vielen Facetten, nicht aber die politischen Probleme. Zensur und Selbstzensur setzen ihnen klare Grenzen.
Das Interesse an schöner Literatur in China lässt nach. Der typische chinesische Leser liest heute vielmehr für Beruf und Karriere, vertreibt sich die Zeit mit Unterhaltungsromanen und flüchtet in Fantasie-Geschichten. Markt und Konsum sind der Trend im Wirtschaftswunderland. Zig-Millionen Chinesen lesen am Computer oder auf ihrem Handy, sind damit anderen Ländern weit voraus. Zwar besitzen chinesische Schriftsteller heute mehr kreative Freiheit und beschreiben den rasanten Wandel in China in vielen persönlichen Facetten, aber nicht die Probleme durch das kommunistische System dahinter. Zensur und Selbstzensur setzen klare Grenzen für Autoren, wenn sie ihre Bücher in ihrem Heimatland veröffentlichen möchten.
Der Auftritt als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse - sie wird am 13. Oktober mit einem Festakt eröffnet und dauert bis zum 18 Oktober - ist eines der bisher wichtigsten Projekte Chinas, sich in der Welt nicht mehr nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell mit "Softpower" sichtbar zu machen. Der moderne Ansatz kollidiert allerdings mit vorgestrigen Propaganda-Methoden, da in China keine Industrie stärker kontrolliert wird als das ideologisch befrachtete Verlagswesen. Partner der Frankfurter Buchmesse ist ausgerechnet die staatliche Verwaltung für Presse und Publikationen (GAPP), die als oberste Zensurbehörde entscheidet, was in China veröffentlicht und damit auch, was jetzt in Frankfurt im offiziellen chinesischen Programm präsentiert werden darf.
Show- statt Kulturprodukt
Obwohl Gastländer sonst Übersetzung und Marketing in die Hände deutscher Verlage geben, ließ GAPP mit großem finanziellem Aufwand im eigenen Land rund 80 Bücher ins Deutsche übersetzen. "Das ist nicht klug, weil es ein Showprodukt wird und nicht wirklich ein Kulturprodukt", sagt Jing Bartz von dem von Deutschland finanzierten Deutschen Buchinformationszentrum (BIZ) in Peking, das als Schnittstelle zwei Jahre lang den Auftritt Chinas mitvorbereitet hat. GAPP konnte lediglich überzeugt werden, knapp 25 weitere chinesische Titel in deutschen Verlagen zu fördern. Trotzdem sind Bücher von regimekritischen oder exilchinesischen Autoren, die Chinas Zensoren ungerne sehen, auf der Messe in Frankfurt zu finden - zumindest im inoffiziellen Programm.
"GAPP kann in Deutschland nicht zensieren", sagt Bartz. Das sei in den Verhandlungen von Anfang an klar gemacht worden. Auf der Schwarzen Liste der Zensoren stehen die in China verbotene Kultbewegung Falun Gong, die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tibeter und Uiguren sowie die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989. Schriftsteller, die engagiert die Kommunistische Partei kritisieren und Demokratie einfordern, werden als Staatsfeinde verfolgt. So sitzt der Vorsitzende des unabhängigen PEN-Clubs in China, Liu Xiaobo, seit Dezember in Haft und wartet auf seinen Prozess wegen "Untergrabung der Staatsgewalt".
Eher lebensnahe, weniger politische Inhalte
Durch Internet und Blogs sind neue Freiheiten entstanden, die sich gleichwohl nicht in der Literatur niederschlagen. Zwar wächst die Meinungsvielfalt, lässt aber "eher lebensnahe und weniger politische Inhalte entstehen", berichtet Bartz, selbst gebürtige Chinesin mit deutschem Pass. Ein starker Trend ist vielmehr Individualisierung. Bestes Beispiel ist der heute reichste chinesische Autor Guo Jingming, dessen Bestseller von jungen Leuten verschlungen werden. In ihrer Sprache schreibt der erst 26-Jährige über die Lebensphase seiner jungen Leser, ihr schwieriges Erwachsenwerden, die Ignoranz der Eltern und den Prüfungsdruck in Schule und Universität.
Auch wirtschaftlich ist viel in Bewegung. Die subventionierten, staatlichen Verlage sollen zunehmend selber Geld verdienen. Private Verlage, die oft als Kulturunternehmen firmieren müssen, dürfen in diesem Jahr erstmals aus dem Schattendasein hervortreten, obwohl sie längst 60 Prozent der Bestseller produzieren. ISBN-Nummern müssen sie aber weiter von staatlichen Verlagen kaufen. Staatliche und private Verlage kooperieren zunehmend. Mehr Kapital kommt von außen. Als Folge wächst die Macht des Marktes und die Kommerzialisierung, steigt die Überlegenheit der Kassenschlager gegenüber schöner Literatur.
Wir leben in einer Konsumkultur
"Der Zuwachs kommerzieller Literatur ist kein exklusives Phänomen in China", sagt der einflussreiche Literaturkritiker Li Jingze, Chefredakteur des Magazins "Renmin Wenxue" (Volksliteratur). "Wir können wenig daran ändern, weil wir jetzt in einer Konsumkultur leben." Heute würden leicht zu konsumierende Bücher bevorzugt. Die ernsthafte Literatur stehe "vor einer schweren Prüfung", müsse Leser von ihrer kreativen Kraft überzeugen, sagt Li Jingze. Die radikalen Veränderungen der vergangenen 30 Jahre in China böten zwar immense Möglichkeiten, seien aber auch eine Überforderung für Schriftsteller: "Ich meine damit, dass sie es nicht schaffen, das Leben und die Welt zu begreifen."