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Ernst Mundt wird am 4. September 1962 bei einem Fluchtversuch erschossen - er wollte zu seiner Mutter im Westteil der Stadt.
Ernst Mundt wird am 4. September 1962 bei einem Fluchtversuch erschossen - er wollte zu seiner Mutter im Westteil der Stadt.(Foto: Buddenberg/Henseler/Avant-Verlag 2012)
Sonntag, 12. August 2012

"Berlin - Geteilte Stadt": Als die Mauer den Schulweg versperrte

Von Markus Lippold

Regina Zywietz will ihr Abitur machen. Doch am 13. August 1961 versperrt ihr die Mauer den Weg zur Schule. Wie Millionen andere Menschen wird sie eingesperrt in einem diktatorischen System. "Berlin - Geteilte Stadt" erzählt von solchen persönlichen Schicksalen und ermöglicht damit neue Blickwinkel auf den Mauerbau vor 51 Jahren.

Regina Zywietz hofft zunächst noch, dass die Grenzen wieder geöffnet werden.
Regina Zywietz hofft zunächst noch, dass die Grenzen wieder geöffnet werden.(Foto: Buddenberg/Henseler/Avant-Verlag 2012)

Was wäre, wenn heute noch einmal eine Mauer in Berlin gebaut würde, dort, wo jahrzehntelang die scharf bewachten Grenzanlagen zwischen Ost- und Westberlin waren? Welche Freunde, Verwandten, welche Geliebten würden plötzlich im anderen, unerreichbaren Teil der Stadt leben? Könnte man noch seine Schule besuchen, seine Universität? Würde das Büro nicht hinter der Mauer liegen, der eigene Arbeitsplatz über Nacht in einem anderen Land? Was wäre, wenn diese Mauer nicht Berlin zerteilen würde, sondern irgendeine Stadt in Deutschland? Völlig willkürlich.

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Genau diese Erfahrung von Willkür machen Millionen Menschen . Die noch durchlässige Berliner Grenze zwischen Ost und West ist plötzlich abgeriegelt und von bewaffneten Soldaten bewacht. Für Regina Zywietz ergibt sich daraus ein ganz praktisches Problem: Sie lebt im Osten, ihre Schule liegt im Westen. Sie steht kurz vor dem Abitur - aber wie soll sie ihre Prüfungen ablegen, wenn sie nicht mehr wie bisher die Grenze passieren kann? Unterstützt von ihren Lehrern plant sie die Flucht. Ein gefährliches Unterfangen, das viele Menschen das Leben kostet.

Die Mauer durchzog die ganz Stadt - fünf markante Orte werden in dem Comic vorgestellt.
Die Mauer durchzog die ganz Stadt - fünf markante Orte werden in dem Comic vorgestellt.(Foto: Buddenberg/Henseler/Avant-Verlag 2012)

Regina Zywietz ist eine von fünf realen Menschen, die in dem Buch "Berlin - Geteilte Stadt (Avant-Verlag) vorgestellt werden. Sie alle eint, dass sich ihr Leben mit dem Bau der Mauer grundlegend verändert. Ihre wahren Schicksale stehen damit exemplarisch für Millionen Menschen in ganz Deutschland. Susanne Buddenberg und Thomas Henseler haben jene fünf Zeitzeugen - darunter eine Familie - befragt und ihre Geschichten zu einem Comic verarbeitet. Nach "Grenzfall" ist es bereits ihr zweites Buch, das sich mit dem geteilten Deutschland beschäftigt. Erneut wurden sie dabei von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützt.

Tränenpalast und Brandenburger Tor

Erzählt wird etwa von Ursula Malchow, die im West-Berliner Lazarus-Krankenhaus an der Bernauer Straße arbeitet. Dort wird sie nicht nur Zeuge mehrerer Fluchtversuche, sondern auch von tödlichen Schüssen auf die Flüchtenden.

Familie Holzapfel flieht per Seilbahn in den Westen.
Familie Holzapfel flieht per Seilbahn in den Westen.(Foto: Buddenberg/Henseler/Avant-Verlag 2012)

Ein weiteres Kapitel schildert die abenteuerliche Flucht von Familie Holzapfel, die mit einer selbst gebauten Seilbahn die Mauer überwindet. Detlef Matthes erlebt in den 80er Jahren die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung, aber auch die Repressalien des Staates am eigenen Leib. Abschließend wird Jan Hildebrandt (den Sohn der Politikerin Regine Hildebrandt) an seinem 18. Geburtstag begleitet - es ist der 9. November 1989.

Die fünf Kapitel spielen nicht nur in verschiedenen Zeiträumen, die sich immer weiter vom Tag des Mauerbaus entfernen - Tage, Wochen, Monate, Jahre und Jahrzehnte. Gleichzeitig stellen sie verschieden Orte vor, die eng mit der Teilung der Stadt verbunden sind. Da ist etwa der Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße. Die Ausreisehalle wird für einige Menschen zum Tor in den Westen und in die Freiheit, gleichzeitig ist sie Ort des Abschieds von Freunden und Verwandten.

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An der Bernauer Straße direkt an der Mauer versuchen viele Menschen vor allem in den 60er Jahren, in den Westen zu gelangen. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem , das zum Symbol der geteilten Stadt wird. Schließlich rückt der Grenzübergang an der Bornholmer Straße in den Mittelpunkt, wo am 9. November 1989 Hunderte Menschen die Grenze passierten und in den Westen gelangten.

Am 9. November 1989 wird die Mauer geöffnet - zumindest zeitweise.
Am 9. November 1989 wird die Mauer geöffnet - zumindest zeitweise.(Foto: Buddenberg/Henseler/Avant-Verlag 2012)

Der Wechsel der Zeiträume und Handlungsorte erlaubt es, das Thema aus ganz verschiedenen Perspektiven zu erleben. Denn die Konfrontation mit der Mauer ist 1961 natürlich eine ganz andere als in den 80er Jahren, als die deutsche Teilung für viele Menschen zur sicheren Gewissheit geworden war. Die Stärke des Buches ist dabei, dass es den großen Schrecken der Mauer in ganz persönlichen Geschichten wieder ins Bewusstsein ruft. Dieses Betonband, das eine Stadt zerschnitt, war kein "antifaschistischer Schutzwall", sondern die Außenmauer eines Gefängnisses. Durch den Mauerbau wurden Lebensläufe von einem auf den anderen Tag zerstört, Familien und Freundschaften wurden zerrissen, Menschen wurden erschossen, weil sie in die Freiheit fliehen wollten.

"Berlin - Geteilte Stadt" ist im Avant-Verlag erschienen, hat 96 Seiten s/w im Softcover und kostet 14,95 Euro (D). Das Buch ist im gleichen Verlag, zum gleichen Preis auch auf Englisch erhältlich.
"Berlin - Geteilte Stadt" ist im Avant-Verlag erschienen, hat 96 Seiten s/w im Softcover und kostet 14,95 Euro (D). Das Buch ist im gleichen Verlag, zum gleichen Preis auch auf Englisch erhältlich.

Ein weiterer Pluspunkt des Buches ist, dass auch Menschen gezeigt werden, die den Mut aufbrachten, dem Regime die Stirn zu bieten. Sei es, weil sie in den Westen flohen. Sei es, weil sie am Brandenburger Tor der Musik eines Open-Air-Konzerts im Westteil der Stadt lauschten. Sei es, weil sie Repressalien gegen Demonstranten dokumentierten. Das Buch bietet hier einen kleinen Einblick in das Leben der DDR mit all seinen Widersprüchen.

Interessante Details und neue Perspektiven

Zeichnerisch kann das Buch dagegen nicht ganz überzeugen. Figuren und Hintergründe sind mit klarer Linie gezeichnet und vermitteln so einen authentischen und historisch korrekten Eindruck. Gleichzeitig wirkt das aber steril und zu sachbuchartig, was durch die Schwarz-Weiß-Zeichnungen verstärkt wird. Zudem sind die Figuren überwiegend starr, unbeweglich und wenig dynamisch dargestellt, was den emotional aufwühlenden Situationen, in denen sie sich befinden, die Spannung und den Realismus nimmt. Zudem wirken die Gesichter oft gleich, was auf Dauer eher langweilt. Auch bei der Panelaufteilung, dem Layout der Seiten, hätten die Macher etwas mehr Mut beweisen können.

Wem also ist das Buch zu empfehlen? In erster Linie wendet es sich wohl an Schüler und Jugendliche, die das geteilte Deutschland nicht mehr bewusst selbst erlebt haben. Das erkennt man einerseits an den vielen Erklärungen in den Comicteilen, aber auch an den historischen Texten, die jedes Kapitel abschließen und Hintergründe vom Mauerbau bis zum 9. November 1989 noch einmal vertiefen. Zudem werden hier Hinweise auf heutige Gedenkstätten entlang der Mauer gegeben. Doch auch für diejenigen, die das geteilte Deutschland und die Mauer selbst erlebt haben, lohnt ein Blick in das Buch. Denn in den persönlichen Erinnerungen von Betroffenen verstecken sich manch interessantes Detail und neue Perspektiven.

Für Spontane: An diesem Montag, 13. August, ab 20.30 Uhr stellen die Autoren von "Berlin - Geteilte Stadt" ihr Buch bei einer Lesung in der Buchhandlung Ocelot in der Berliner Brunnenstraße 181 (Mitte) vor. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Mehr Infos auf der Webseite der Buchhandlung.

"Berlin - Geteilte Stadt" bei Amazon bestellen.

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Quelle: n-tv.de

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