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Viel zu viel Lebenmittel wandern in den Müll.
Viel zu viel Lebenmittel wandern in den Müll.(Foto: picture alliance / dpa)

"Die Finger in die Wunde gelegt": Nahrungsmittel sind nichts mehr wert

In vielen Regionen der Erde werden Lebensmittel weggeworfen, die weder schlecht noch ungenießbar sind. Sie entsprechen nur nicht den vom Handel vorgegebenen Normen. Wie groß der dabei entstehende Müllberg ist und warum es sich lohnt, "Die Essensvernichter" zu lesen, obowohl man den Film "Taste the Waste" im Kino gesehen hat, erklärt der Autor und Journalist Stefan Kreutzberger im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Kreutzberger, gab es denn einen Schlüsselmoment für Sie, an dem Sie sich entschieden haben, zusammen mit Valentin Thurn "Die Essensvernichter" zu schreiben oder war es eher die Fülle an Material, die Sie dazu bewogen hat?

Stefan Kreutzberger: Ich beschäftige mich ja schon lange mit dem Thema Ernährung und so war es bei mir eher die Fülle und die Brisanz des Materials, die dazu geführt haben, "Die Essensvernichter" zu schreiben. Ich habe eine solche Menge an unglaublichem Material gefunden, dass ich gar nicht anders konnte, als dieses der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das ergänzte sich unglaublich gut mit den Recherchen und Bildern von Valentin Thurn, so dass wir entschieden haben, die extremen Zahlen gemeinsam in einem Buch zu verarbeiten. Um Ihnen nur ein Beispiel zu geben, wovon ich spreche: Für jeden Meeresfisch, den wir auf unserem Teller haben, muss ein zweiter Fisch als Beifang sterben und wird als Abfall tot zurück ins Meer geworfen.

Das Buch "Die Essensvernichter" haben Sie zusammen mit Valentin Thurn der "Taste the Waste" in die Kinos gebracht hat, geschrieben. Ist es eher das Buch zum Film oder der Film zum Buch?

Jeder Deutsche wirft im Jahr durchschnittlich Lebensmittel im Wert von 310 Euro weg.
Jeder Deutsche wirft im Jahr durchschnittlich Lebensmittel im Wert von 310 Euro weg.(Foto: picture alliance / dpa)

Ich verstehe "Die Essensvernichter" eher als Buch zum Film. Valentin Thurn hat in seinem Film beeindruckende Bilder eingefangen und verarbeitet. Dennoch konnte er nicht das gesamte, überaus interessante Material im Film verarbeiten, so dass wir uns überlegt haben, ein zum Film ergänzendes Buch zu veröffentlichen. Im Buch können wir viel tiefer in die Hintergründe hineingehen und bestimmte Problematiken viel besser beschreiben als im Film, der immer nur Augenblicke wiedergeben kann.

Sind Sie im Vergleich zu Valentin Thurn mehr der Mann für die Fakten?

Das würde ich schon sagen. Valentin Thurn arbeitet und recherchiert mehr aus dem Blickwinkel eines Filmemachers, der mit Bildern und Emotionen eine bestimmte Atmosphäre schafft. Meine Arbeit als Sachbuchautor und schreibender Journalist ist wesentlich nüchterner. Aus diesem Grund hat sich unsere Arbeit auch so hervorragend ergänzt.

Würden Sie ihre Arbeit, die Sie für "Die Essensvernichter" geleistet haben als Pionierarbeit einschätzen?

Eigentlich nicht, denn es gibt schon reichlich Untersuchungen und Daten, die sich mit dem Thema Ernährung und Lebensmittelmüll beschäftigen. Gerade in Großbritannien und in den USA wird das Thema Ernährung schon viele Jahre bearbeitet. Leider gibt es diese Auseinandersetzung nicht oder kaum in Deutschland. Im Nachbarland Österreich hingegen setzt man sich intensiv seit Jahren mit dem Thema Lebensmittelmüll auseinander. Wir haben die vorhandenen Ideen und Ansätze von hervorragenden Wissenschaftlern und tollen Autoren zusammengetragen und mit unseren eigenen Rechercheergebnissen, die aus vielen Ländern der Welt stammen, ergänzt. Herausgekommen ist eine einmalige Zusammenstellung von Fakten und genau das ist das Neue daran.

Warum sollte man das Buch lesen, wenn man doch schon den Film gesehen hat?

Das Buch ist auch für Schüler gut geeignet.
Das Buch ist auch für Schüler gut geeignet.

Der Film macht betroffen und rüttelt auf. Wenn man dazu die ganzen Fakten, die im Film angedeutet werden, genauer wissen und Hintergründe verstehen will, weitere Informationen braucht, zu unserem Konsum- und Wegwerfverhalten und wie diese im Zusammenhang mit dem Hunger in der Welt stehen, für den ist das Buch "Die Essensvernichter" genau das richtige. Im Film können nur Aspekte unserer Recherchen angerissen werden, im Buch werden die Rechercheergebnisse anschaulich verarbeitet. Man sollte die Betroffenheit, die der Film entstehen lässt, als Energie nutzen, um für sich selbst herauszubekommen, was man für eine Veränderung beitragen kann. Dabei kann das Buch gute Hilfe leisten. Unser Buch ist außerdem gedacht für Menschen, die sich in der Bildungsarbeit mit diesem Thema auseinandersetzen. Durch die Grafiken und die Aufarbeitung der Daten in einzeln lesbaren Kapiteln ist das Buch sowohl für die Schule als auch für die Erwachsenenbildung bestens geeignet.

Warum hat sich denn in Deutschland bisher niemand ernsthaft dieses Themas angenommen?

Das ist eine gute Frage über die ich hier nur spekulieren kann. Tatsächlich gibt es an den Universitäten in Stuttgart und Münster eigene Forschungsbereiche, die sich mit dem Thema beschäftigen. Leider wurden durch die zuständigen Ministerien bisher weder die richtigen Untersuchungen eingefordert, noch die vorhandenen Ergebnisse in die Öffentlichkeit gebracht. Deutschland ist ein Land, das noch immer im Überfluss dahinschwelgt. Das kommt historisch gesehen aus einer Zeit, in der Deutschland durch die ständige Systemauseinandersetzungen immer peinlich darauf bedacht war, besser als der Osten dazustehen. Damals mussten, um die Übermacht des Systems zu repräsentieren, alle Regale ständig - auch bis kurz vor Ladenschluss - gefüllt sein. Dieses Überflussgehabe scheint sich bis heute sowohl beim Verbraucher als auch beim Handel verinnerlicht zu haben. So ist auch das gegenwärtig typisch deutsche Verhältnis zu Nahrungsmitteln entstanden.

Was genau meinen Sie damit?

In anderen europäischen Ländern gibt es einfach eine höhere Wertschätzung des Essens als bei uns. In Frankreich zum Beispiel geben die Menschen durchschnittlich über 20 Prozent ihres Netto-Einkommens für Lebensmittel aus. In Deutschland dagegen nur rund elf Prozent. Viele Deutsche sind gar nicht bereit, ihr Geld für qualitativ hochwertige Lebensmittel auszugeben oder nach ihrer Herkunft zu fragen. Ihr Interesse gilt vielmehr der Anschaffung modernster Unterhaltungstechnik. Dazu kommt, dass Lebensmittel in Deutschland im europäischen Vergleich sehr billig sind und damit eben auch an Wert verlieren.

In letzter Zeit ist ein steigendes Interesse der Menschen an einem nachhaltigeren Lebensstil zu beobachten. Ist das Ihrer Meinung nach eher eine kurzweilige Modewelle oder geht es tatsächlich um Veränderungen?

Ich glaube, dass viele Menschen verstanden haben, dass wir langfristig keine Perspektive zum Leben auf der Erde haben, wenn wir genau so weitermachen wie bisher. Immer mehr Menschen gehen in die Auseinandersetzung mit der realen Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Bücher wie "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer werden sogar in Deutschland zu Bestsellern. Ich denke, dass sich immer mehr Menschen für diese Themen interessieren, liegt daran, dass jeder selbst schon mit relativ wenig Aufwand etwas für die Veränderungen tun kann. Jeder kann zum Beispiel bewusster einkaufen und so zur Vermeidung von Lebensmittelmüll seinen ganz persönlichen Beitrag leisten und dabei sogar noch sparen. Zudem lassen die Themen der Nachhaltigkeit auch die Parteien- und Politgrenzen verschwimmen. Sie sind partei- und ideologieübergreifend und das macht sie so spannend.

Ihr Buch betrachtet das ganze System der Herstellung von Lebensmitteln. War das auch Ihr Ansatz?

Wir sind als Journalisten zunächst nur Beobachter. Valentin Thurn und ich stellten zum Beispiel im Bereich der Bananenherstellung fest, dass es die gleichen Dinge zu beschreiben gab. Er war in Kamerun und ich in Costa Rica und wir haben beide sehen müssen, dass 20 bis 25 Prozent aller Bananen weggeworfen wurden, weil sie nicht den vom Handel vorgegebenen Normen wie Form und Größe entsprachen. Im besten Falle wurde aus den unverkäuflichen Bananen noch Muss gemacht, aber das war nur selten der Fall. Unabhängig voneinander sind wir also zu ähnlichen erschreckenden Ergebnissen gekommen und die haben wir abgeglichen und schließlich in dem Buch zueinandergebracht. Sicherlich haben die Ergebnisse auch immer mit unserem subjektiven Blick zu tun. Aber wir wollten auch nicht wissenschaftliche Studien betreiben, sondern generell auf das Problem aufmerksam machen. Das ist auch die Aufgabe von Journalisten, die Finger in die Wunde zu legen.

Täglich erreichen uns Meldungen zur Erderwärmung und zum Klimawandel. Bisher jedoch gab es keine, die sich mit den Auswirkungen von Lebensmittelmüll auf das Klima beschäftigten. Warum?

Das Thema scheint nicht im Fokus zu stehen, obwohl oder gerade weil es so brisant ist. Es gibt sogar Studien in Deutschland dazu, die irgendwie keine Beachtung gefunden haben. Es gibt beispielsweise Berechnungen aus Österreich vom Forschungsinstitut FIBL, die zu noch viel brisanteren Zahlen gekommen sind. Der Wissenschaftler dort hat in seine Berechnungen die gesamten Landnutzungsänderungen durch die Tiermast mit in die Fleischproduktion einberechnet. Er geht davon aus, dass Sojaproduktion den Regenwald verdrängt und dadurch enorme CO2-Kompensation verloren geht. Diese Art der Berechnungen ist meines Erachtens völlig legitim und führt natürlich zu erschreckenden Ergebnissen. Wissenschaftler mit solchen Ergebnissen werden einfach nicht gehört. Sie passen nicht in den Mainstream rein. Ergebnisse dieser Art werden natürlich nur ungern den Verbrauchern präsentiert.

Nicht nur Industrie und Handel werfen jede Menge Lebensmittel weg, sondern auch die Verbraucher selbst. Das war vor fünfzig Jahren noch ein Tabu. Was hat sich denn verändert?

Jedes fünfte Brot landet in der Tonne.
Jedes fünfte Brot landet in der Tonne.(Foto: picture alliance / dpa)

Vor 50 Jahren, in der Nachkriegszeit, gab es keinen Überfluss in Deutschland - im Gegenteil, es herrschte großer Mangel. Lebensmittel waren knapp und damit wertvoll. Kaum etwas wurde weggeworfen. Erst durch das Wirtschaftswunder, unterstützt durch die USA, kam der Aufschwung und der Überfluss, und damit entstand auch das Problem, mit dem wir es heute zu tun haben. In Tante-Emma-Läden beispielsweise hatte der Verkäufer noch einen direkten Kontakt zu seinen Kunden und zu seinen Produkten. Die Ware wurde vom Verkäufer über den Ladentisch gereicht. Für Qualität und Frische war der Händler selbst zuständig. Durch die Amerikanisierung unserer Ernährungswelt, zum Beispiel mit der Entstehung von Supermärkten, änderte sich das vollständig.

Worin sehen Sie die konkreten Gründe?

Mit der Einführung von Tiefkühlkost 1961 beispielsweise wurden die Lebensmittel strukturell verändert und so wesentlich haltbarer gemacht als vorher. Doch diese Veränderungen haben dann schließlich dazu geführt, dass die Lebensmittel billiger wurden und damit natürlich auch an Wert verloren. Die Lebensmittel sind zu Produkten geworden und waren nicht mehr das, was sie mal waren, nämlich Mittel zum Leben. Auch die Eröffnung der ersten McDonalds-Filiale in München 1971 hat zu einer nachhaltigen Veränderung des Konsum- und Essensverhalten und natürlich der Beziehung zu unseren Nahrungsmitteln geführt. Es ist in den letzten Jahren zu einer Entfremdung zwischen Verbrauchern und ihrer Nahrung gekommen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es Ihnen nicht um Verzicht geht, sondern um …?

Es geht in erster Linie um Auseinandersetzung mit dem, was wir essen und um ein neues, oder vielmehr um ein altes und ursprünglicheres Verhältnis zu unseren Lebensmitteln. Es geht darum, Nahrungsmittel wieder mehr Wert zu schätzen.

Mit Stefan Kreutzberger sprach Jana Zeh

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Quelle: n-tv.de

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