"Little Adults"Oligarchenkinder lächeln nicht
Was bedeutet es, reich, russisch und jung zu sein? Zwischen acht und zwölf Jahren sind die Mädchen und Jungen der Oberschicht, die Anna Skladmann fotografiert. Es entstehen sorgfältig inszenierte Porträts von kleinen Erwachsenen - im Abendkleid oder mit Gewehr.
Was bedeutet es, reich, russisch und jung zu sein? Zwischen acht und zwölf Jahren sind die Mädchen und Jungen der Oberschicht, die Anna Skladmann fotografiert. Es entstehen sorgfältig inszenierte Porträts von "Little Adults", kleinen Erwachsenen - im Abendkleid oder mit Gewehr.
n-tv.de: Wie sind Sie auf die Idee zu der Porträtserie gekommen?
Anna Skladmann: Ich bin im Jahre 2000 zum ersten Mal nach Russland gefahren. In Moskau fanden angesichts der Jahrtausendwende Feiern statt. Mit meinen Eltern bin ich auf einen Maskenball gegangen. Dort stand ein Tisch, an dem nur Kinder saßen.
Allerdings verhielten sie sich überhaupt nicht wie Kinder und waren auch nicht verkleidet wie Kinder. Es war ganz anders als beim Fasching oder bei Halloween. Es waren kleine Erwachsene auf einem Maskenball. Dieses Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Zunächst haben Sie allerdings in New York studiert …
Ja. Nach meinem Fotografiestudium bin ich 2008 zurück nach Moskau gekommen und habe Nastja kennengelernt. Sie ist sozusagen meine Muse. Nastja war damals acht Jahre alt. Sie lebt in einem Haus, das im Art-Deco-Stil eingerichtet ist. Es gibt außerdem ein marokkanisches Bad und ein englisches Teehaus.
Dort habe ich sie später fotografiert. Sie hatte mich vorher angerufen - und hatte ihre eigenen Ideen. Es war ein Dialog, der zu diesen Aufnahmen führte. Wenn Nastja sich etwas in den Kopf setzt, dann macht sie das auch. Sie hat mich inspiriert – künstlerisch aber auch in dem Sinne, dass nichts unmöglich ist.
Nastja hat auch gleich ihren Bruder ins Shooting geschleppt, der sehr schüchtern ist. Dann habe ich angefangen, ihre Freundinnen und ihre Mitschüler kennenzulernen. So bin ich in diese Welt hineingekommen.
Aber schottet diese Schicht nicht sich – und vor allem ihre Kinder – rigoros ab?
Ich hatte den Vorteil, dass ich damals gerade erst von der Uni gekommen bin. Die meisten Eltern haben mich als Studentin wahrgenommen. Und bei den Kindern hat mir mein Alter auch geholfen. Sie haben mich nicht als fremde Autorität gesehen, sondern eher als eine ältere Freundin, mit der es Spaß macht, sich etwas gemeinsam auszudenken.
Die Fotografien sind also das Resultat eines Dialogs. Die Arbeit, die hinter den Bildern steckt, teile ich mir mit den Kindern. Sie haben großen Anteil am Gelingen.
Kinder verkleiden sich gern. Haben die Kinder ihre Kostüme für die Fotosessions allein ausgesucht oder sind sie bereits von den Eltern so perfekt ausstaffiert erschienen?
Das unterscheidet sich von Familie zu Familie. Manche Kinder wussten von Beginn an, was sie tragen wollen – oder sollen. Zum Beispiel Eva. Sie war ohne Eltern zu Hause – aber mit britischer Gouvernante und russischem Kindermädchen. Alles war schon akkurat herausgesucht. Das Kleid hing an einem Bügel, die passende Strumpfhose war herausgelegt. Es war also alles klar. In anderen Fällen haben die Kinder die Sachen herausgesucht. Aber ich habe das nicht gemacht.
Und wie sieht das mit den Hintergründen und den Insignien aus? Haben die Kinder da auch mitbestimmt? Ein Junge hält ein Gewehr in der Hand …
Es war nicht bei allen Kindern gleich. Ich habe mich in der Regel immer mit den Kindern unterhalten, bevor ich sie fotografierte. Bei Jacob, das ist der Junge mit dem Gewehr, war es ganz anders. Es war ein kompletter Zufall, dass ich ihn fotografiert habe.
Normalerweise habe ich die Kinder getroffen und gemeinsam haben wir überlegt, wie wir die Fotografien machen. Aber nicht immer entsprach das Ergebnis diesen Überlegungen. So war das bei Wowa, den ich schließlich in einem Theater fotografierte.
Zunächst sagte er mir, dass er Archäologe werden möchte. Zwanzig Minuten später hat er sich dann doch lieber für Spiderman entschieden. Kurz darauf kam die Mutter ins Zimmer und verkündete: Am Freitag um 13 Uhr fotografieren wir dich im Theater Deines Großvaters. Damit war das entschieden.
Die Kinder blicken unglaublich ernst. Ungezwungene Heiterkeit, Ausgelassenheit oder gar Albernheit sucht man vergeblich. Woher kommt diese Ernsthaftigkeit?
Das ist mein Einfluss. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich dieses Projekt angehe. Ich habe mich dann von der Tradition der Hofmalerei inspirieren lassen – von Goya, von Velazquez. Auch die alten Zarenporträts haben mich beeinflusst. Deshalb der große Aufwand, die vielen Details.
Eine weitere Parallele zu der Malerei: Irgendwann wurde vielen Kindern die Zeit lang, sie wollten nicht mehr posieren. Ich habe ihnen dann gesagt, früher hätten die Kinder noch viel länger stillsitzen müssen – und zwar im Korsett. Daraufhin wurden sie kompromissbereit.
Ich habe den Eindruck, die Kinder brechen nicht aus. Sie wollen das verkörpern, was von ihnen erwartet wird …
Das kann man nicht verallgemeinern. Das ist von Familie zu Familie anders. Viele Kinder waren sehr heiter und richtig munter. Die musste ich dann ein bisschen bremsen. Mit den Erwartungen ist das so eine Sache. Viele Kinder sind doch noch sehr jung. Ich möchte alle Kinder in zehn Jahren noch einmal porträtieren. Ich denke, dann lässt sich mehr Aufschlussreiches darüber sagen.
In Deutschland sind neureiche Russen und Oligarchen ein beliebtes Klischee. Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Ihre Porträts als Bestätigung für dieses negative Bild von Protz und Maßlosigkeit herangezogen werden können?
Ich habe versucht, das Gegenteil zu erreichen. Ich bin zwar auch mit bestimmten Stereotypen in dieses Projekt gegangen. Doch die sind verschwunden. Für mich war es eine Entdeckungsreise in eine andere Welt. Es geht mir um die Kinder. Sie haben mich unglaublich inspiriert.
In den Porträts ist das Kind die Zukunft. Und die Kleidung, der Hintergrund, das Interieur sind die Gegenwart. Und darum wird es interessant sein, diese Kinder weiter zu begleiten – und in zehn Jahren wieder zu fotografieren.
Wie reagieren die Kinder, wenn sie Ihre Porträts sehen?
Manche fanden die Fotografien sehr schön. Manche fanden sie weniger schön. Mittlerweile haben sie ja alle ein Facebook-Profil. Manche verwenden eines meiner Bilder als Profilbild. Dann vergleichen sie, tauschen sich darüber aus. Das Bild der einen Freundin sei nicht so gut gelungen, aber dafür das Bild der anderen. Es ist interessant, das mitzubekommen.
Und wie reagieren die Eltern?
Ganz unterschiedlich. Manche lieben die Fotografien, andere haben mir nicht erlaubt, bestimmte Porträts zu verwenden. Da musste ich schon Kompromisse eingehen. Im Großen und Ganzen denke ich aber, dass sie gut angekommen sind.
Das Buch wird in Russland erst im Herbst auf den Tischen der Eltern liegen. Das wird für mich sehr interessant. Denn jeder hat natürlich die Bilder seines Kindes gesehen. Aber keiner kennt die komplette Serie. Ich bin gespannt auf die Reaktionen der Eltern.
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Mit Anna Skladmann sprach Jan Gänger