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Das Bild des glühenden Stahlgerippes des Nordturms wird Spiegelman nicht mehr los.
Das Bild des glühenden Stahlgerippes des Nordturms wird Spiegelman nicht mehr los.(Foto: Art Spiegelman / Atrium-Verlag 2011)

Art Spiegelman lebt "Im Schatten keiner Türme": Panik, Krieg, Verschwörung, Auschwitz

von Markus Lippold

Da ist es wieder, das Desaster – die Muse für Art Spiegelman. In "Maus" hat er das Überleben seiner Eltern in Auschwitz verarbeitet. Nun steht er vor seinem eigenen Trauma. Am 11. September irrt er durch New York, auf der Suche nach seinen Kindern. Er erlebt Hysterie, Patriotismus und bald auch Kriegsgeheul. Es ist der lange "Schatten keiner Türme".

"Ich bin leicht erregbar", schreibt Art Spiegelman. Das ist keine gute Voraussetzung, um am 11. September 2001 in New York zu leben. Vor allem, wenn man, wie der Zeichner, nicht weit von Ground Zero wohnt. Wenn die eigenen Kinder in der Nähe des World Trade Centre zur Schule gehen. Wenn man vor der Giftwolke eines zusammenbrechenden Wolkenkratzern fliehen muss. Wenn die Luft nach Tod riecht, ganz so, wie es die Eltern von Auschwitz berichtet haben. Für Art Spiegelman kreuzen sich am 11. September 2001 persönliche und Weltgeschichte: "Das war die Kreuzung, vor der meine Eltern, Überlebende von Auschwitz, mich immer gewarnt hatten", schreibt er im Vorwort.

Die "Maus" gerät zwischen die Fronten.
Die "Maus" gerät zwischen die Fronten.(Foto: Art Spiegelman / Atrium-Verlag 2011)

Diese Kreuzung hat Spiegelman bereits einmal zu Papier gebracht. "Maus" schildert den Holocaust als Graphic Novel und verarbeitet dabei die Geschichte seiner Eltern. Zu Recht wurde das Comic-Buch als bahnbrechendes Werk gefeiert. Danach jedoch hat Spiegelman wenig "Comix", wie er sie nennt, gezeichnet. Doch nun ist es wieder da, das Desaster, seine Muse. Und so entschließt sich Spiegelman nach langem Zögern, den Zeichenstift wieder zur Hand zu nehmen und sein eigenes Trauma zu verarbeiten. Das Ergebnis sind zehn großformatige Seiten, die nun als "Im Schatten keiner Türme" im Atrium-Verlag erstmals gesammelt auf Deutsch erscheinen.

Erstveröffentlichung in Deutschland

Eine erste künstlerische Auseinandersetzung mit den Anschlägen erscheint freilich bereits kurz nach 9/11: Spiegelman zeichnet ein Cover für den "New Yorker". Die schwarz-in-schwarz gehaltenen Türme werden zum Symbol für die Trauer einer Weltstadt und bilden auch – leicht verändert – das Cover für "Im Schatten keiner Türme". Doch mehr schafft Spiegelman vorerst nicht – stattdessen kündigt er seine langjährige Zusammenarbeit mit dem "New Yorker" auf. Er wirft der Zeitschrift Kritiklosigkeit gegenüber der US-Regierung und ihrem "War on terror" vor. Spiegelman leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er hat wiederkehrende Albträume vom glühenden Gerippe des Nordturms. Er phantasiert von Verschwörungstheorien, die eine Beteiligung der eigenen Regierung an den Anschlägen sehen. Und er wird mit antisemitischen Angriffen konfrontiert, die die Katastrophe "den Juden" in die Schuhe schieben wollen.

Art Spiegelman in seinem New Yorker Atelier.
Art Spiegelman in seinem New Yorker Atelier.

So dauert es Monate, ehe sich Spiegelman entschließt, die Katastrophe und deren Nachwirkungen in einer Comicserie zu verarbeiten. New York und die USA haben da bereits wieder zu einer "neuen Normalität" zurückgefunden, die Spiegelman nicht versteht. Hysterie und Panik sind dem Patriotismus gewichen, dem Kriegsgeheul in Afghanistan und Irak. Große amerikanische Blätter wollen Spiegelmans Serie nicht drucken. Da ist es kein Wunder, dass die Comicseiten zuerst in der deutschen "Zeit" erscheinen. Hier muss weniger Rücksicht auf patriotische Gefühle genommen werden. Vor allem aber kann Spiegelman auf großen, farbigen Zeitungsseiten seine komplexe Geschichte ausbreiten.

In den zehn Collagen verschwimmen Spiegelmans eigene Erinnerungen an diesen 11. September mit den weltweiten Auswirkungen. Da ist die Suche nach den Kindern im chaotischen New York. Da sind die wiederkehrenden Bilder des glühenden Nordturms und die Augenblicke, als die Türme schließlich einstürzen. Da ist die Flucht vor der Wolke aus Staub und Gift. Doch da sind auch die Verschwörungstheorien, der Patriotismus und die aufziehende Kriege, die die Trauer bald verdrängen. Da sind die Erinnerungen der Eltern an Auschwitz, die immer wieder aufblitzen. Spiegelman wird wieder zur "Maus", die sich von Al-Quaida und der eigenen Regierung gleichermaßen bedroht fühlt. Unzählige Gedanken und Assoziationen verwebt Spiegelman meisterhaft zu einem einzigartigen Panorama der USA nach dem 11. September. Das ist komplex, vielfältig, bunt, brutal, politisch und wirkt teilweise sarkastisch, ja geradezu zynisch: "Wenn es nicht diese Tragödie und die Toten gegeben hätte, könnte ich mir diesen Angriff als eine Art radikale Architekturkritik vorstellen", heißt es da über "diese arroganten Kisten" des World Trade Centre.

Loyalität statt Patriotismus

"Im Schatten keiner Türme" ist bei Atrium erschienen. Die 34 Seiten sind auf Pappe gedruckt und erscheinen im Überformat.
"Im Schatten keiner Türme" ist bei Atrium erschienen. Die 34 Seiten sind auf Pappe gedruckt und erscheinen im Überformat.

Auffallend sind auch die verschiedenen Zeichenstile, mit denen Spiegelman arbeitet. Sie nehmen immer wieder Bezug zu alten Zeitungsstrips, zu den ersten Comics. Diese wurden in New York geboren und sie erzählen auch die Geschichte dieser Stadt. Auf sieben Tafeln sind Beispiele dafür dem Buch angefügt. Es ist ein Wiedersehen mit Lyonel Feiningers "Kin-der-Kids", mit dem "Yellow Kid", den "Katzenjammer Kids" und "Little Nemo in Slumberland". Das ist Spiegelmans Art, New York seinen Tribut zu zollen. Denn die Anschläge machen ihm auch klar, dass er – der nie einen Platz als Heimat akzeptiert hat – doch eine Liebe zu dieser Stadt entwickelt hat, die freilich mehr einer Loyalität zu seinem Viertel als Patriotismus entspringt.

So ist "Im Schatten keiner Türme" eine sehr persönliche Tour de Force, unter dem unmittelbaren Eindruck der Anschläge. Das ist inhaltlich und gestalterisch so vielfältig wie nur wenige Dokumente über den 11. September. Dabei ist das Buch auch eine Anklage gegen jedweden Extremismus, der sich in islamistischen Anschlägen, aber auch in der Abschaffung demokratischer Werte im Zuge des Kampfes gegen den Terror äußern kann. Spiegelman beweist dabei eine im Rückblick erschreckend wirkende Hellsichtigkeit über die Nachwirkungen von 9/11. Ein Desaster, das den Lauf der Welt verändert hat.

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Quelle: n-tv.de

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