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Dienstag, 13. März 2007

"Russisches Tagebuch": Politkowskajas Abrechnung

Der 7. Oktober 2006 ist ein schwarzer Tag für die Meinungsfreiheit in Russland. Das Land verliert eine seiner wenigen kritischen Stimmen, die Journalistin Anna Politkowskaja wird in ihrem Wohnhaus in Moskau kaltblütig erschossen. Ihr jetzt auf Deutsch erschienenes "Russisches Tagebuch" ist eine letzte kritische und offene Abrechnung mit Putins Russland.

Anna Politkowskaja schrieb für eine der wenigen unabhängig geblieben Zeitungen in Russland, die "Nowaja Gaseta". In kritischen Reportagen berichtete sie über Korruption und Menschenrechtsverletzungen in ihrem Heimatland und Kriegsverbrechen in Tschetschenien. Ihr "Russisches Tagebuch" ist das düstere Porträt eines Landes, in dem die Suche nach der Wahrheit mit Verschleppung, Repressalien und manchmal sogar mit dem Tod bezahlt wird.

Detailliert berichtet sie über die Wahlen zur russischen Duma im Winter 2003/2004. Sie beschreibt ein System, welches auf der Abgestumpftheit seiner Bürger und der Korrumpierbarkeit seiner Staatsdiener gegründet ist. Im Westen nennt man es vorsichtig "Gelenkte Demokratie". Für Anna Politkowskaja ist es das uralte russische Problem: "Die Nähe zur Macht lässt einen Menschen ungern Nein sagen. (...) Der Kreml weiß das nur zu gut, hat er doch schon vielen in seiner Umarmung so lange die Luft abgedrückt, bis der gewünschte Grad an Schweigsamkeit erreicht war."

Eine Herzensangelegenheit war für sie der Krieg in Tschetschenien. Über 50 Mal reiste sie in die vom Krieg zerbombte Kaukasusrepublik, beschrieb Einzelschicksale und dokumentierte akribisch die eklatanten Menschenrechtsverletzungen. Auch über die Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater "Nord-Ost" sowie die Tragödie von Beslan wird berichtet und werden Fragen aufgeworfen. Stimmen Betroffener und Politiker werden mit Hintergrundfakten sowie eigenen Betrachtungen verflochten. Für Politikowskaja war der Tschetschenien-Konflikt allgegenwärtig. "Eine unübersehbare Palästinisierung allenthalben", schreibt sie über die Sperrung des Roten Platzes in Moskau.

Ihre Erzählstränge enden oftmals bei einer Person, seien es die Verhaftung des Oligarchen Michail Chodorkowski, ungeklärte Morde an Staatskritikern, die Behinderungen von Ermittlungen: Am Ende der Kommandokette steht immer wieder Wladimir Putin. Der russische Staatschef war einer ihrer größten Widersacher.

Wer tötete Anna Politkowskaja? Ihr Tod beschäftigt Kollegen weltweit. In einem weiteren Buch sind neben Interviews und Essays auch Reportagen zu dem Thema erschienen. Autoren wie der ehemalige Moskauer ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen, der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, untersuchen in "Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes" Ursachen und Folgen des vermutlich politisch motivierten Mordes.

Auch Putin kommt kurz zu Wort. In einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" vom 10. Oktober 2006 sagte er über ihren Tod: "In der Tat war die Journalistin Politkowskaja eine Kritikerin der jetzigen Machtverhältnisse. () Ihr politischer Einfluss im Lande war aber nicht sehr groß. Sie war eher bekannt in Menschenrechtskreisen und westlichen Massenmedien."

Anna Politkowskaja starb an einem 7. Oktober, an dem Geburtstag von Wladimir Putin. Vier Schüsse wurden auf sie abgefeuert, der letzte in den Kopf, ein so genannter Kontrollschuss. Das Attentat war nicht nur ein Mord auf eine mutige Journalistin. Es war ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit.

Von Verena Schurr, dpa

Anna Politkovkaja: Russisches Tagebuch, DuMont Verlag, Köln, Euro 24,90

Norbert Schreiber: Anna Politowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes, Wieser Verlag, Klagenfurt,
200 S., Euro 19,80

Quelle: n-tv.de

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