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Roberto Saviano: Bestellerautor und das Gewissen einer ganzen Nation.
Roberto Saviano: Bestellerautor und das Gewissen einer ganzen Nation.(Foto: © ALESSIO COSER)
Mittwoch, 08. Februar 2012

Italiens Gewissen meldet sich zurück: Savianos Kampf geht weiter

von Thomas Badtke

"Um nicht Opfer der Umstände zu werden, muss man sie erzählen, wie sie sind", sagt Roberto Saviano. Sein neues Buch ist der Beweis. Er erzählt darin von korrupten Politikern, den Strukturen der Ndrangheta, dem wirtschaftlichen Erfolg der Mafia, von Mördern und Aussteigern. Er schreibt über ein verkommenes politisches System - und einen Traum.

"Zwei Dinge stehen für einen italienischen Boss fest: Der Mensch hängt am Geld und am Leben. Hängt man weder am einen noch am anderen oder macht zumindest den Eindruck, es nicht zu tun, ist man bereits auf dem besten Weg zum Anführer. Man lernt, vor nichts mehr Angst zu haben." So beschreibt Roberto Saviano einen Mafiaboss. Er muss es wissen, denn er ist mehreren begegnet. Seit seinem Erstlingswerk "Gomorrha", das weltweit für Aufsehen sorgte und zum Dauergast auf den Bestsellerlisten avancierte, hat sich das Leben des Neapolitaners gravierend verändert. Er wird von Politikern angefeindet, von der Mafia bedroht, aber vom Großteil der Italiener geliebt und stillschweigend bewundert.

Das beweist seine Fernsehsendung im Staatsfernsehen Rai. "Vieni via con me" (Komm mit mir mit) heißt die erfolgreiche Show, in der sich Saviano direkt an das Publikum wendet. Was keiner, nicht einmal er selbst, erwartet hat, tritt ein: Die Sendung wird ein durchschlagender Erfolg. Die Einschaltquoten übertreffen Champions-League-Übertragungen wie die von Inter Mailand gegen den FC Barcelona. Aber ihr Erfolg ist auch ihre Crux. Die zweite Staffel wird es bei Rai nicht geben. Sie wird aus dem Programm verbannt. Das Aufsehen ist den Fernsehmachern und der herrschenden politischen Klasse wohl zu groß. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Italiens ehemaliger Ministerpräsident Silvio Berlusconi nicht gut auf Roberto Saviano zu sprechen ist.

Saviano liefert dafür auch jede Menge Gründe. Einige davon sind in seinem neuen Buch "Der Kampf geht weiter" zusammengefasst. Er beleuchtet etwa die Geschichte und Kultur der kalabresischen 'Ndrangheta. Die Mafiaorganisation hat sich längst zu einem "wirtschaftlichen System" entwickelt. Ihr Erfolg basiert auf "archaischen Regeln, Aufnahmeritualen und dem Blutspakt" und er reicht längst über die italienischen Grenzen hinaus. Die Mafiamorde von Duisburg beweisen laut Saviano, dass die "Mafiaorganisationen in Deutschland erfolgreich sind" und zwar deshalb, "weil die deutsche Wirtschaft und Politik, ja die deutsche Kultur davon profitieren".

Es stinkt zum Himmel

"Der Kampf geht weiter" ist im Carl Hanser Verlag erschienen.
"Der Kampf geht weiter" ist im Carl Hanser Verlag erschienen.(Foto: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG)

Überall, wo viel Geld zu verdienen ist, sind Italiens Mafiaorganisationen aktiv. Nächstes Beispiel: Müllwirtschaft. Neapel kann seit 16 Jahren ein Lied davon singen. Die Stadt, die ganze Region Kampanien, erstickt in stinkenden Müllbergen. "An dem Missstand hat ganz besonders ein Unternehmen verdient, das in Kampanien den größten Umsatz macht: die Camorra". Müll ist für die Ökomafia ein krisensicheres Geschäft: "Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Legambiente erwirtschaftete die Ökomafia allein im Jahr 2009 illegal mehr als 20 Milliarden Euro." Damit liegt der Erlös der Ökomafia auf einer Stufe mit dem des größten italienischen Telekommunikationsunternehmens Telecom Italia.

Die Ökomafia kauft auch aus dem Norden des Landes den Müll an, egal ob Giftmüll, Asbest, Krankenhausabfälle, und "deponiert" ihn irgendwo in der Region Kampanien. Oft werden den Bauern ihre Felder, mit denen sie sich und ihre Familien versorgen, unter Druck zu Spottpreisen abgekauft und der hochgiftige Müll dort nur knapp unter der Erdoberfläche verbuddelt - mit nicht absehbaren Folgen für Umwelt und Menschen. Saviano berichtet auch von einer gebauten und mittlerweile wieder gesperrten Schnellstraße, die auf mehreren Kilometern Länge fast ausschließlich aus Asbest besteht.

Die Politik mittendrin

Der Norden will zwar von den mafiösen Strukturen nichts wissen. Mafia, die gebe es doch nur im Süden, sagen die Bürger dort. Aber dem ist längst nicht mehr so. "Mailand ist die Hauptstadt der kriminellen Geschäfte geworden. Die Lombardei ist die Region Europas mit dem höchsten Prozentsatz an kriminellen Investitionen." Und im Norden gehen die Mafiaorganisationen auch am deutlichsten Bündnisse mit den Parteien ein.

Der Name Lega Nord fällt mehrmals in Savianos Buch. Auch deshalb, weil die rechtspopulistische Partei für eine Abspaltung des wohlhabenden Nordens vom "armen" Süden eintritt - und mit Hilfe der Mafiaclans auf Stimmenfang geht. Stimmenfang ist nicht ganz richtig, Stimmenkauf passt besser. Die Preise reichen von nicht einmal 1 Euro bis hin zu 50 Euro, wie Saviano schreibt. Ein Nachweis ist natürlich schwierig, auch bei anderen Parteien wie Berlusconis Popolo della Liberta. Aber Saviano zitiert einen ehemaligen Clanchef, der ausgestiegen ist, eine neue Identität bekommen hat und nun mit den ermittelnden Behörden zusammenarbeitet: der "Deserteur".

Erzählungen von den Umständen

Diese Fakten rund um die italienischen Mafiaorganisationen sind es, die "Der Kampf geht weiter" für den Leser interessant machen. Es sind kleine Bonmots, verpackt in fesselnde Geschichten. Neun Kapitel umfasst das Buch, spannende rund 170 Seiten. Man merkt, dass Saviano, 1979 in Neapel geboren, sein Land über alles liebt, trotz Mafia, Korruption und Unrecht. Auch mehrere Morddrohungen können ihn davon nicht abhalten, auch das Leben unter ständigem Personenschutz nicht.

Mit "Der Kampf geht weiter" liefert Saviano einen kämpferischen Aufruf, nicht nur an Italiener oder Deutsche, sondern an alle Europäer. Denn in diesem nahezu grenzenlosen Wirtschaftsraum ist die organisierte Kriminalität längst überall heimisch - und muss deshalb immerwährend bekämpft werden. Aufklären, wachrütteln, inspirieren. Das ist Savianos Ziel. Er ist das nicht ruhende Gewissen einer ganzen Nation. Einer Nation, die wie er - da ist sich Saviano sicher - einen Traum hat, den Traum eines von Mafia und Korruption befreiten Landes. Alle hoffen, dass er in Erfüllung geht, aber noch wird zuwenig dafür getan: "Der Kampf geht weiter".

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Quelle: n-tv.de

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