Unterhaltung
Donnerstag, 31. März 2011

Hank Williams' Tod als Graphic Novel: Schussfahrt ins Licht

von Markus Lippold

Als das Auto in Ohio ankommt, ist Countrystar Hank Williams tot. Ein Mysterium, das Fans bis heute beschäftigt. Ein Däne begibt sich auf die Spur des Musikers - und erzählt auf wundervolle Weise von einer mythischen Reise durch einen Schneesturm, die aus einem Sänger eine Legende machte.

Bereits zu Lebzeiten war Williams ein bekannter und erfolgreicher Sänger.
Bereits zu Lebzeiten war Williams ein bekannter und erfolgreicher Sänger.(Foto: Edition Moderne 2011)

"Are You Sure, Hank Done It That Way?", sang einst Waylon Jennings und sprach damit vielen aus der Seele. Denn vor der Frage, wie sich dieser Hank wohl entschieden hätte, standen sicher schon viele Musiker. Gemeint ist Hiram "Hank" King Williams, der für die Country-Musik das darstellt, was Robert Johnson für den Blues ist: eine Ikone, der Urknall eines Genres, ein Leitbild für Generationen nach ihm. Nicht nur schrieb und sang Williams in seinem kurzen Leben unzählige Klassiker des Country. Zur mythischen Legende wurde er nicht zuletzt, weil er in Hunderten Liedern auftaucht, die seine Nachfolger über ihn schrieben.

Dass ausgerechnet ein Däne nun auf die Idee kommt, Williams letzte Stunden in einer Graphic Novel zu verarbeiten, ist auf den ersten Blick verwunderlich. Doch Musikfan Søren Glosimodt Mosdal hört schon seit Jahren Country und mit Williams habe das angefangen, wie er im Gespräch mit n-tv.de erzählt. Schließlich sei er der bekannteste Vertreter des Genres. "Von Williams‘ Leben hatte ich aber keine Ahnung", fügt Mosdal hinzu. Erst bei einem Aufenthalt in Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee habe man ihm von Williams‘ Tod erzählt und seiner letzten Nacht in einem Hotel der Stadt. Ein Besuch in Williams' Heimatort und seinem Museum folgte.

Williams kommt man besser nicht zu nah.
Williams kommt man besser nicht zu nah.(Foto: Edition Moderne 2011)

Doch wie und wann genau der 29-Jährige starb, kann niemand sagen. Das ist die Story, die Mosdal faszinierte, und die er in "Hank Williams - Lost Highway" verarbeitete, erschienen im Schweizer Verlag Edition Moderne. Kein Zufall ist es, dass das kenntnisreiche Nachwort zu dem Buch von Franz Dobler stammt, dem Biographen einer weiteren Country-Legende - Johnny Cash.

Alkohol und Schmerztabletten

Am 31. Dezember 1952 verließ Williams sein Hotel und begab sich mit einem Fahrer auf die Reise nach Clanton in Ohio, wo er am Abend des 1. Januar auftreten sollte. Fest steht: Als sie ankamen, war Williams tot. Wann er auf der Fahrt starb ist dagegen völlig unklar. Oder wurde er bereits als Leiche in den Cadillac gehievt? Er soll nicht bei Bewusstsein gewesen sein, heißt es. Der Alkohol war wohl Schuld. Vielleicht war es auch die Mischung mit den Schmerzmitteln gegen die Rückenschmerzen. Der einzige Zeuge, der es wissen könnte, lebt noch. Doch der damals 19-jährige Fahrer schweigt beharrlich. Immerhin habe er ein Buch darüber angekündigt, erzählt Mosdal. Doch ob die Wahrheit je ans Licht kommt, darf bezweifelt werden.

Mosdal lebte ein Jahr in Knoxville.
Mosdal lebte ein Jahr in Knoxville.(Foto: Edition Moderne)

Es ist gerade diese Ungewissheit, dieses Mythische, das Mosdal für seine Graphic Novel ausnutzt. Er nimmt den Leser mit auf eine Tour de Force, in der Williams auf der Rückbank des Cadillacs die Geister seiner Vergangenheit erscheinen. Da ist Tee-Tot, von dem Hank das Gitarrenspiel lernte. Der schwarze Straßenmusiker infizierte Williams mit dem Blues, den dieser in seine Musik einfließen ließ und damit das Vorurteil vom "weißen" Country widerlegte. Da taucht plötzlich der beängstigende Lum York auf, der nicht nur den Bass in Williams Band spielte, sondern auch als Spaßmacher auftrat. Und da ist "Kaw-Liga", ein Holzindianer aus einem Williams-Song.

"From Hank To Hendrix"

Bei all diesen Begegnungen bahnt sich der Cadillac, der heute übrigens in einem Museum steht, seinen Weg durch einen Schneesturm. "Das ist ein weiteres Mysterium", erklärt Mosdal. Zwar sagt der Fahrer, es habe damals einen Schneesturm gegeben, doch in alten Wetterberichten könne man davon nichts lesen, so Mosdal. Dabei passt diese Atmosphäre perfekt: Wie der Schnee die Landschaft verschwinden lässt und in helles Weiß taucht, dämmert Williams blass und zusammengefallen auf der Rückbank dahin, auch einem Licht entgegen. "I saw the Light, I saw the Light, no more Darkness, no more Night", heißt es in einem Williams-Song.

Tod mit 29: Hank Williams.
Tod mit 29: Hank Williams.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Für Mosdal führten viele Country-Musiker dieser Zeit ein schwieriges Leben. Doch Williams war eben auch einer der ersten Musiker, die für den berüchtigten "Live fast, die young"-Lebensstil stehen. Er war alkoholkrank, später auch morphinsüchtig. Bei allen Unterschieden war er also eine Art Vorreiter für Elvis Presley und Jimi Hendrix, Sid Vicious und Kurt Cobain. "From Hank To Hendrix" heißt es in einem Neil-Young-Song, den später Cobain in seinem Abschiedsbrief zitierte. Die Sache hat also Tradition. Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern hat Williams aber auch eine starke religiöse Seite, die Mosdal in den Comic einfließen lässt. "Williams war tiefgläubig", erklärt er, "wie auch viele heutige Country-Musiker". "Jesus ist unser Ersatzfahrer", sagt Williams im Comic.

Verrückte Südstaaten

Mit klarem Strich, aber ungewöhnlichen, kantigen, fast schon expressionistischen Formen erzählt Mosdal seine Geschichte. Die Farben sind meist gedämpft, was die mythische Atmosphäre geschickt unterstützt. Auch die Story hat trotz einiger Rückblenden eine klare Linie. Wobei man letztlich Realität und Halluzinationen nicht mehr unterscheiden kann.

Søren Glosimodt Mosdal: "Hank Williams - Lost Highway", Edition Moderne 2011, 72 Seiten im Hardcover, 19,80 Euro (D).
Søren Glosimodt Mosdal: "Hank Williams - Lost Highway", Edition Moderne 2011, 72 Seiten im Hardcover, 19,80 Euro (D).

Ursprünglich wollte er Williams‘ gesamtes Leben in einem Comic verarbeiten, sagt Mosdal. Doch dies sei zu viel gewesen. Und so macht er aus den letzten Stunden des begnadeten Musikers das faszinierende und kongeniale Resümee eines Lebens. Aus bekannten Fakten, aus dem Lebensstil der Südstaaten, dessen Verrücktheit Mosdal fasziniert, aber auch aus Mutmaßungen über die Geschehnisse mixt der Autor einen abgründigen Comic, der die Melodie eines guten Songs in sich trägt. "No Matter how I struggle and strive, I'll never get out of this world alive." Das war einer der letzten Songs von Williams. Nach seinem Tod stürmte er die Charts.

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Quelle: n-tv.de

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