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Die Ironie des Alltags – mit seinen Büchern verrät Guy Delisle mehr über ein Land, als die meisten Reportagen.
Die Ironie des Alltags – mit seinen Büchern verrät Guy Delisle mehr über ein Land, als die meisten Reportagen.

Guy Delisle auf Reisen: "Sind wir hier in Israel?"

von Samira Lazarovic

"Gehört Ost-Jerusalem eigentlich zu Israel?", fragt Guy Delisle, als er in der Heiligen Stadt ankommt. "Kommt drauf an, für wen." Ein Jahr lang stößt der preisgekrönte Comic-Zeichner auf solche und andere verwirrende Antworten. Und hält das in seinen "Aufzeichnungen aus Jerusalem" höchst unterhaltsam fest. Mit n-tv.de spricht Delisle über seine Reisebücher, seine "Postkarten".

Wenn seine Frau Nadège dem Ruf der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" folgt, dann folgt Guy Delisle ihr mitsamt den beiden Kindern und seinem Zeichenblock. Und manchmal bringt der Comic-Zeichner von seinen Reisen ein neues Buch mit. Beispielsweise die jetzt erschienenen "Aufzeichnungen aus Jerusalem" über sein Jahr in Israel.

"Die 'Aufzeichnungen aus Jerusalem' sind ein wenig wie das vierte Kapitel aus meinem großen Reisebuch", erklärt Delisle gegenüber n-tv.de. Als Projektmanager für ein Animationsstudio war Delisle einst nach China und Nordkorea gereist, denn viele Arbeitsschritte zur Herstellung eines Trickfilms werden in Asien in Auftrag gegeben. Damals entstanden die Graphic Novels "Shenzhen" und "Pjöngjang". Seine "Elternzeit" brachte dann 2007 die "Aufzeichnungen aus Birma" hervor.

Erzählenswerte Momente

Nicht jede Reise eignet sich jedoch gleichermaßen für ein neues Kapitel: "Ich weiß vorher nie, ob dabei ein Buch rauskommt, ich war schon in vielen Ländern, und habe nichts darüber gemacht, weil ich nichts zu erzählen hatte", berichtet der gebürtige Kanadier, der seit 1991 in Montpellier lebt und arbeitet. "Ich suche Momente, die erzählenswert sind. Ansonsten könnte ich auch eine schöne Zeit mit den Kindern haben."

Erzählenswerte Momente hat Delisle in Jerusalem offenbar jede Menge gefunden, diese "Aufzeichnungen" sind mit 336 Seiten bislang die umfangreichsten. Delisle berichtet neugierig und unvoreingenommen von seinem Alltag in Israel, vom ersten Blick auf die neue Nachbarschaft in Ost-Jerusalem, in der es ganz anders aussieht, als auf den Hochglanzfotos aus den Reiseführern, über seine Ausflüge mit Skizzenbuch, die er unternimmt, sobald die Kinderpflege ihm Zeit dazu lässt, bis hin zu Vorträgen in Ramallah oder Nablus, wo er Jugendlichen, die kaum mal von "Tim und Struppi" gehört haben, etwas über Comics beibringen soll.

Delisle_2.jpgIn schlichten, in Schwarz-Weiß oder Blau-Grau gehaltenen Bildern nimmt Delisle die Leser mit auf seine Spaziergänge und zeigt, dass auch in Israel die Wirklichkeit komplexer und viel absurder ist, als die Medien es abbilden. So drängen tiefverschleierte arabische Frauen an ihn vorbei in den riesigen Supermarkt der Siedler, während Delisle sich die leckeren Frühstücksflocken politisch korrekt noch verkneifen will, um die Siedlungspolitik nicht zu unterstützen. In der arabischen Werkstatt bietet man ihn an, sein zerbrochenes Autofenster durch eine Plastik-Scheibe zu ersetzen - wegen der Steinwürfe. Das Modell sei besonders bei den israelischen Siedlern beliebt, die deswegen extra vorbeikämen, außerdem sei man günstig und habe auch am Samstag geöffnet, erklärt ihm der Besitzer.

Ob die verbarrikadierten Straßen, die es ihm am jüdischen Feiertag Jom Kippur unmöglich machen, sein Stadtviertel zu verlassen oder die unzähligen Journalisten, Friedensaktivisten und NGO-Mitarbeiter, die sich gegenseitig und mit den jungen Soldaten an den Checkpoints fotografieren, Delisle berichtet lakonisch und humorvoll von alldem und ruht sich zwischendurch im (fast) normalen Tel Aviv davon aus. "Es war alles sehr fremd für uns. Aber gerade über die Absurdität eines solchen Alltags spreche ich gerne - es gibt außerhalb von Israel nur wenige Länder, in denen man ähnliches erleben kann."

Unvoreingenommen oder naiv?

Kritiker werfen Delisle vor, teilweise einen zu naiven Blick auf das Land zu werfen, so zeige er etwa nur die Checkpoints und die Mauer, ohne die Gründe für den Bau zu benennen - die Serie von Selbstmordanschlägen, die das Israel vor einigen Jahren überzogen hatte. "Ich berichte nur, was ich gesehen habe. Und als wir nach Israel kamen, stand die Mauer schon", erklärte Delisle auf einer Lesung in Berlin. Was die Naivität angehe, sei er im Vorfeld tatsächlich nicht besonders gut auf Israel vorbereitet gewesen: "Ich wusste aber, dass ich eine Menge Journalisten und andere Experten treffen würde, die ich befragen könnte - das war in Nordkorea natürlich anders."

Tatsächlich gehört zu den größten Stärken des Buches, dass Delisle keine Partei ergreift. Er sieht das Leid der Menschen in den besetzten Gebieten ebenso, wie die Angst der Israelis vor Selbstmordattentaten oder die Schärfe, mit der die israelische Presse das Vorgehen der Regierung kommentiert - "das wäre in dieser Form in Frankreich nicht denkbar". Über die Seiten wird das Buch dann politischer und ernsthafter: In das Aufenthaltsjahr seiner Familie von August 2008 bis Juli 2009 fällt auch die "Operation gegossenes Blei", die israelische Militäroffensive auf Hamas-Einrichtungen im Gaza-Streifen. Delisle macht das unwirkliche Gefühl sichtbar, das ihn überkommt, als er durch die ruhigen Straßen von Jerusalem läuft, während der Krieg nur anderthalb Autostunden entfernt ist - "gleichzeitig schrecklich und ungehörig".

Lustig macht er sich, wenn überhaupt, nur über die zahlreichen, verzückten Gläubigen, die in die Grabeskirche strömen oder sich schon mal vom ansässigen arabischen Verleih ein Kreuz ausleihen, um die Leiden Christis auf den Straßen Jerusalems nachzufühlen. "Da ich selbst auch Christ bin, kann ich darüber scherzen - das würde ich mit Juden und Moslems nicht tun."

Zu ernsthaft für einen Comic?

Nachdem er all das erlebt hatte, erschien es ihm zunächst insgesamt als zu ernsthaft, um es in einem Comic-Buch zu verarbeiten. "Ich hatte viele Journalisten getroffen und erhielt all diese Informationen über den Konflikt - danach hatte ich das Gefühl, viel zu viel erklären zu müssen."

Zurück in Frankreich habe er nach einigen Monaten seine Skizzen durchgeschaut. "Erst dann konnte ich das alles besser filtern", so Delisle gegenüber n-tv.de. "Die Herausforderung bestand darin, genügend Informationen zu geben, um etwas zu lernen, aber nicht zu überfordern. Es gibt bereits sehr, sehr viele Informationen über Israel und ich wollte eine neue Facette zeigen. " Grundsätzlich brauche er auch die Distanz, um ein Buch zu entwickeln. So habe er das komplette "Pjöngjang"-Buch in Addis Abbeba, Äthiopien, gezeichnet

Kein Joe Sacco

Delisle, der einst in Berlin an dem Zeichentrickfilm "Werner" mitarbeitete, wird zu der neuen Generation von Comic-Buchautoren gezählt, deren Bücher mehr Reportagen, als fiktiven Erzählungen ähneln. Seine Arbeiten seien eher Postkarten als Reportagen, meint der 46-Jährige dazu. Er fühle sich nicht als Journalist. "Ich kann in diesem Zusammenhang nur an einen denken, auf den diese Beschreibung passt: Joe Sacco. Er will den Dingen auf den Grund gehen, er will über die Situation in Krisengebieten reden. Ich mag seine Arbeiten, aber ich glaube, wir gehören verschiedenen Bereichen des Spektrums an."

Dennoch schätze er die Vorteile, die das Comic-Format ihm etwa gegenüber anderen Medien verschaffen: "Da ich mich selber in die Bücher reinzeichne, weiß jeder, dass es ein sehr subjektiver Text ist. Ich präsentiere mich nicht als Experte für irgendetwas, sondern bin einfach nur ein Comic-Zeichner, der in den Straßen spaziert."

So habe es in Jerusalem viele skurrile Begebenheiten gegeben, die ein Journalist nicht hätte verwenden können, weil sie keine Geschichte im eigentlichen Sinne erzählten, sondern eine Situation wiedergaben. "Eines Tages lud mich ein Journalist ein, mit ihn zu einem Hügel zu fahren, von wo aus man das Bombardement auf Gaza hätte beobachten können. Ich hatte ihm erst zugesagt, dann fühlte ich mich aber seltsam damit, auf einem Hügel zwischen lauter Journalisten zuzuschauen, wie die Bomben fallen. Obwohl letztendlich nichts passiert ist, konnte ich diese Geschichte verwenden." Comicbücher könnten in diesem Sinne sehr effektiv sein.

Neue Comic-Leser-Generation

Diese Form der "Ächz, krach, bumm" wird erwachsen ist jedoch nicht nur in Deutschland, wo Comics traditionell eher in der Kinderecke zu finden sind, etwas neues, sondern auch in Frankreich: "Hier hat sich viel in den letzten 20 Jahren verändert", bestätigt Delisle. "Bücher wie meine Reisegeschichten waren nicht besonders präsent, so gab es bei "Shenzhen" keine Journalisten, die mich angerufen hätten. Aber dann gab es immer mehr Leser meines Alters, die, wie ich selbst auch, schon vor Jahren aufgehört hatten, Comics zu lesen, weil sie nichts mehr Interessantes für sich fanden." Heute würden ihn auch häufig Menschen ansprechen, die bislang gar keine Comics gelesen hätten, aber denen nun die Reisebücher gefielen.

Als er mit den Comicbüchern angefangen habe, sei das zunächst nur zu seinem Vergnügen neben seiner Arbeit als Animator für Zeichentrickfilme gewesen. Gemeinsam mit dem kleinen Verlag "L'Association" habe man quasi im Untergrund gearbeitet, heute gehörten seine Bücher zum Mainstream. Ob ihn das störe? "Überhaupt nicht", lächelt Delisle. Schließlich könne er davon nun seinen Lebensunterhalt bestreiten. In Frankreich wurden bislang allein von "Chroniques de Jérusalem" 75.000 Exemplare verkauft, beim französischen Comic-Buch-Festival in Angoulême wurde er mit dem begehrten Preis für das beste Album 2012 ausgezeichnet.

Kein Experte

Dass er aufgrund seiner Reisebücher rasch zum Experten für die jeweilige Region erklärt wird, amüsiert den Comiczeichner: "Als Kim Jong Il starb, wurde ich angerufen und um eine Einschätzung der Lage gebeten. Aber mein Aufenthalt dort ist schon zehn Jahre her." Auch zu Israel habe er keine spezielle Beziehung, auch wenn er die Nachrichten seit seinen Aufenthalt intensiver verfolge, wie bei allen anderen Orten, an denen er war. So fände er es auch sehr spannend, was derzeit in Birma passiere.

Welcher Aufenthalt ihm persönlich am besten gefallen habe? "Birma hat eine Menge Spaß gemacht – die Menschen dort waren sehr entspannt, trotz der Diktatur, in der sie damals lebten." Aber das ungewöhnlichste Reiseerlebnis sei sicherlich Nordkorea gewesen: "Es hat sich angefühlt, als ob man eine Zeitreise in die 70er Jahre macht, mitten in den Kalten Krieg hinein." Im Band zu Israel ist unschwer zu erkennen, was ihn am meisten fasziniert und beschäftigt hat: "Ja, ich habe viel Zeit damit verbracht, die Mauer zu zeichnen, und während ich das tat, ist immer etwas passiert, etwa mit den Soldaten an den Wachposten", gibt Delisle zu. "Die Mauer ist nicht überall wirklich eine Betonmauer, oft besteht sie aus einem elektronisch gesicherten Zaun. Aber in Jerusalem ist sie sehr präsent. Und sie ist sehr beeindruckend, wie sie sich ihren Weg durch die Täler sucht. Grafisch sehr interessant", sagt der Zeichner fast entschuldigend.

Auf weitere Reisebücher werden die Delisle-Fans wohl vorerst verzichten müssen: "Meine Frau hat mit der humanitäre Arbeit erst einmal aufgehört, die Kinder sind jetzt in einem Alter, wo das lange Umherreisen schwieriger wird." Zu seinen aktuellen Projekten gehören der "Guide du mauvais père", etwa: "Anleitung für einen schlechten Vater". "Da kann ich meine Figur all die Dinge tun und sagen lassen, die Du in der Realität nicht sagen darfst, wenn Du Vater bist, aber gerne sagen würdest!" Seine neuen, erwachsenen Leser werden sich darüber freuen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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