Das große Mick-Jagger-FotobuchThe Singer Not The Song

Vor 50 Jahren wurden die Rolling Stones gegründet. Eine der erfolgreichsten Bands der Welt. Doch im Zentrum des Interesses steht immer nur einer: Mick Jagger. Neben Paparazzi sind ihm aber auch die renommiertesten Fotografen der Welt auf den Fersen. Aus deren Aufnahmen ist jetzt eine Zeitreise durch fünf Jahrzehnte Rockgeschichte entstanden.
Mick Jagger? Mick Jagger? Da war mal was. Richtig, der Mann ist Sänger bei den Rolling Stones und das seit nunmehr 50 Jahren. Herrschaften, noch mal in Worten: fünfzig Jahre. Jagger selbst wird im kommenden Jahr 70. Insofern scheint es nicht falsch, wenn man sagt: "Ein Leben für den Rock’n’Roll". Doch gehen wir ganz kurz auf Anfang, damit auch die Generation Facebook mitkommt.
Andrew Loog Oldham, ein gescheiterter Popsänger, entdeckt am 23. April 1963 die Rolling Stones. Schon beim ersten Zusammentreffen erkennt er die sensationelle Rockalternative zu den vergleichsweise braven Beatles. Im Mittelpunkt Michael Philip Jagger, der am 26. Juli 1943 im englischen Kent geboren wird. Der relativ klein gewachsene Sänger mit den sinnlichen Lippen wird mit seiner hinreißend-sexy Show vom ersten Moment zum Markenzeichen der Band.
Lustobjekt der Fotografen
Insofern wundert es nicht, dass er auch zum Lustobjekt der Fotografen avanciert. Über 50 Jahre haben Meister ihres Fachs wie Cecil Beaton, Annie Leibovitz, Herb Ritts, Anton Corbijn, Karl Lagerfeld und Andy Warhol, um nur einige zu nennen, den Star immer wieder fotografiert. Dabei sind mittels ihres eigenen künstlerischen Stils einzigartige Zeitzeugnisse entstanden, die jetzt, im bei Schirmer/Mosel erschienenen, Mick-Jagger-Fotobuch gebündelt wurden.
In chronologischer Reihenfolge erzählen die Bilder die Geschichte von Mick Jagger, der nicht nur Sänger, Tänzer, Schauspieler und Unternehmer, sondern auch eines der begabtesten Fotomodels der Welt war und ist. Doch was das Buch auszeichnet, sind vor allem die privaten, die intimen Momente einzelner Aufnahmen. Einer, der gerade solche Augenblicke festgehalten hat, ist Cecil Beaton. Die Freundschaft mit Mick Jagger ermöglichte ihm eine unglaubliche Nähe zu dem Künstler.
Kreative Obsession
Faszinierend sind seine Bilder, die 1969 am Set zum Film "Performance" entstanden sind. Jagger mimt in dem Streifen einen abgehalfterten Rockstar, der einen professionellen Mörder in seinem Haus verbirgt. Die Rolle war vermutlich nah an dem Bild, das Jagger zu dieser Zeit von sich selbst hat: ein Außenseiter mit deutlicher Affinität zum ursprünglich verachteten Establishment. Die Bilder von Cecil Beaton scheinen genau diesen Zwiespalt in der Person Jagger aufzudecken.
Ebenso dicht durfte Annie Leibovitz an Jagger heran. Sie selbst sagt: "Als Mick mich bat, die 75er Tournee zu begleiten, rüstete ich mich wie ein Fotograf im Kriegseinsatz … Das Symbolbild der Tour schlechthin ist für mich das von Mick im Aufzug … er war auf einem Höhenflug. Ein Wesen aus einer anderen Welt. Wie ein Schmetterling. Ätherisch … Ich wusste immer, wo er gerade war, und mich in der Nähe zu wissen, beruhigte ihn. Eine ziemlich obsessive Beziehung zwischen Model und Fotograf."
Doch diese Obsession hat angehalten. Egal, in welchem Jahrzehnt man den Bildern von Annie Leibovitz im Fotoband begegnet, sind sie unglaublich nah an der Privatperson Jagger dran, ohne jemals voyeuristisch zu wirken. Im Jahr 1980 gelingt Leibovitz ein beeindruckendes Bild. Es zeigt Jagger mit Vollbart und freiem Oberkörper. Auf dem Foto ist der Superstar näher an einem Clochard als einem Multimillionär. (Die Stones hatten allein 1978 einen Jahresumsatz von umgerechnet 250 Millionen Euro gemacht.)
Doch nicht immer ist es die Nähe, die intensive Bilder entstehen lässt. Dem französischen Fotografen Claude Gassian gelingt 1985 ein beachtlicher Schnappschuss in Paris. Er erwischt den nachdenklich in einer Tasse rührenden Rockstar im Foyer des Hotels Crillon.
"Diabolisches" Porträt
Doch nicht alle Bilder können berühren. Die Fotos von Pierre Terrasson und Deborah Feingold wirken entsetzlich aufgesetzt und leblos. Terry O’Neill war zwar nach eigenen Angaben mit Jagger in den gleichen Lokalen, wirklich kennengelernt hat er ihn wohl nicht. Immerhin behauptet er, bei den Frauen gefragter gewesen zu sein als der Star. Das sei dahingestellt und soll auch gar nicht kommentiert werden. Seine Fotos scheinen aber verzweifelt auf der Suche zu sein. Sie kratzen nicht mal an der Oberfläche seines Modells. Dabei ist es egal, ob er ihn in den 80er- oder 90er-Jahren ablichtet.
Auf drei außergewöhnlich gelungene Fotos von Anton Corbijn soll hier noch hingewiesen werden. In den 90er Jahren mutierte Jagger zum Geschäftsmann. Seine Rock-Attitüden lebt er nur noch auf der Bühne aus. Dementsprechend stellen sich auch die Fotos dieses Jahrzehnts dar. Einzig die Bilder von Annie Leibovitz und Corbijn zeigen in dieser Zeit einen anderen Jagger. Dem Niederländer gelingt es, ein wahrlich "diabolisches" Porträt des Künstlers zu machen. Jagger posiert mit freiem Oberkörper, Maske und herausgestreckter Zunge.
Nicht nur für Stones Fans
Alles in allem ist "Mick Jagger – Das Fotobuch" eine gelungene Retrospektive auf das Leben eines Rockstars und ein Muss für alle Stones-Fans. Über 140 Seiten und 72 Tafeln darf der Betrachter durch das Leben eines Mannes schreiten, dessen Präsenz man sich nur schwer entziehen kann. Aber selbst wer Jagger noch nie als Mastermind der Rolling Stones wahrgenommen hat, wird dieses Buch lieben.
Denn es zeigt auch, wie sich die Porträtfotografie, wie sich die Mode und unser Verhältnis zu Stars verändert hat. Aber es präsentiert ebenso einfach nur fünfzig Jahre im Leben eines Menschen. Seine Wandlungsfähigkeit, seine Unsicherheit, die Extrovertiertheit und Momente der Ruhe. Eben das, was das Leben ausmacht. Nicht nur das eines Stars.