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Wie sag' ich es ihm? Gar nicht, schreib's auf, Mädchen!
Wie sag' ich es ihm? Gar nicht, schreib's auf, Mädchen!(Foto: imago( "Shades of Grey"- Filmszene))
Mittwoch, 17. Juni 2015

"Das ist kein sexuelles Verhör!": "Think Love" - schreib mir, was DU willst

"Liebes Tagebuch, ich liebe ihn wirklich sehr, aber im Bett ist es etwas langweilig geworden, und wenn er wüsste, dass ich es am liebsten von ..." Naja, Sie wissen schon. Ganz privat und geheim denken viele an ihre sexuellen Vorlieben, schreiben sie höchstens in ihr verschließbares Tagebuch. Aber damit soll jetzt Schluss sein, denn so kommen wir ja nicht weiter! Der Autor und Sexualtherapeut Ulrich Clement hat sich etwas ausgedacht für Paare, die sich theoretisch eine Menge zu sagen hätten, es sich aber auch nach Jahren an der Seite des anderen nicht trauen. Es geht um die Wünsche, die man/frau sexuell schon lange hat. Oder auch erst neuerdings. Die Frage, ob das nach all den Jahren alles gewesen sein soll? Machen die anderen es besser? Öfter? Bin ich pervers oder langweilig? In seinem Buch "Think Love - Das indiskrete Fragebuch" stehen vor allem: Fragen. Und das soll helfen? Ganz bestimmt – denn der Autor hat Fragen zusammengetragen, die Paare ihm in den langen Jahren seiner sexualtherapeutischen Praxis immer wieder gestellt haben. Wir haben mit Ulrich Clement mal ganz offen gesprochen.

n-tv.de: Gar nicht so leicht, Ihre Fragen zu beantworten, man muss sich schon ein bisschen Zeit nehmen.

Ulrich Clement: Ja, das sind keine Fragen, die sofort abrufbar sind. Die hat man nicht so einfach auf Lager, man muss sie sich erarbeiten. Das ist ja kein Nachteil. Sicher gibt es Fragen, die man auch spontan beantworten kann, aber meist ist es doch eher so, dass man denkt: "Oh je, das hab' ich mich tatsächlich noch nie gefragt." Das ist aus meiner Sicht natürlich der Witz des Buches, dass man mal eine Runde in sich selbst drehen kann.

Wir sind doch so aufgeklärt, werden tagtäglich mit Sex konfrontiert und zugeballert … Woran hapert es denn bei uns?

Prof. Dr. Ulrich Clement gehört zu Deutschlands renommiertesten Sexualwissenschaftlern.
Prof. Dr. Ulrich Clement gehört zu Deutschlands renommiertesten Sexualwissenschaftlern.

Ja, wissen tun wir recht viel, das stimmt, aber wenn es um uns persönlich geht, dann tun wir uns schwer. Das Wissen ist etwas Altes und es geht ja hier auch um das Nichtwissen, um die Neugier. Wir sollten viel aufmerksamer in die Welt gucken und nicht so abgeklärt tun. Wissen ist ja eher etwas Langweiliges, mein Buch zielt daher auf das interessierte Nichtwissen. Für Paare, die schon lange zusammen sind, ist das besonders interessant. Denn auch wenn die es nicht schlecht miteinander haben, sich immer noch lieben und toll finden, ist es über die Jahre vielleicht doch etwas langweilig geworden. Die Frage: "Sitzen wir das aus? Oder was kommt jetzt eigentlich?" steht bei ganz vielen Menschen, mit denen ich in meiner Praxis zu tun habe, im Raum. Und dann können solche Fragen die Beziehung auch wieder beleben.

Glauben Sie, dass solche Fragen, wenn man sie für sich beantwortet, eine Beziehung bereichern, gar retten können?

Bereichern ja, retten nein. Darum soll es auch nicht gehen. Natürlich können die Unterschiede bei einem Paar so gravierend zu Tage treten, dass es sich am Ende auch trennen könnte. Manche meiner Kollegen sind ja der Meinung, dass sprechen immer hilft. Der Meinung bin ich nicht. Es kommt nämlich darauf an, was und wie man spricht. Das Buch birgt natürlich ein Risiko, man könnte auch Sachen erfahren, die man gar nicht wissen will.

Ist schreiben besser? Reden wir falsch miteinander?

Naja, wir reden oft sehr konfliktvermeidend. Gerade bei sexuellen Schwierigkeiten. Vor allem dann, wenn man sich noch mag, aber nicht mehr so richtig scharf aufeinander ist. Da ist es dann fast ein Tabu, zu sagen, was mir fehlt, sondern ich soll dem anderen doch bitte bestätigen, wie sehr er mir fehlt und was er mir bedeutet. Aber das allein induziert ja nun kein sexuelles Feuer. Feuer ist vielleicht auch ein bisschen dramatisch (lacht), Neugier würde schon reichen. 

Wie erhält man sich die?

Da erliegen viele Paare einem großen Irrtum. Am Anfang ist immer alles ganz toll und aufregend, dann gewöhnt man sich aneinander und wird älter. Alles wird angepasst. Nur der Sex nicht, der soll immer noch so aufregend sein wie am ersten Tag. Und wenn nicht, ist man frustriert. Dabei geht es nicht darum, immer super guten Sex zu haben, sondern altersangepassten Sex.

"Altersangepasster Sex" - das klingt etwas lahm, oder?

Wollen wir mal was anderes ausprobieren?
Wollen wir mal was anderes ausprobieren?(Foto: imago/ZUMA Press)

Nein. Nach einigen Jahren Beziehung möchte ich vielleicht andere Dinge als am Anfang, das ist gar nicht wertend. Ein Beispiel: Die meisten Menschen legen mehr Wert auf Qualität, nicht mehr auf die Quantität.

Aber das Spontane, der geliebte Quickie, der verschwindet?

Also, wenn man mal ehrlich ist, dann sind Dinge wie Verbundenheit zum Beispiel doch höher anzusiedeln als Leidenschaft. Auch wenn das keiner gerne sagt.

Die Fragen in Ihrem Buch - haben Sie sich die alle selbst ausgedacht?

Ich rede seit Jahrzehnten mit Menschen über ihre Sexualität, da habe ich ehrlich gesagt unendlich Material. Auch wenn ich die Fragen im Buch nicht unbedingt meinen Patienten im Gespräch stellen würde. Es geht um die Konfliktfelder, die Spannungsfelder, aus denen ich die Fragen hole.

Welche Fragen stellen Sie sich eigentlich persönlich?

Oh je, Sie stellen ja Fragen! Ich stell' mir die natürlich alle. Aber es sind nicht alle gleich wichtig. Ich stelle mir zum Beispiel keine Fragen mehr, die die Vergangenheit betreffen. Mir geht es um die Gegenwart, wo ich jetzt stehe. Ich muss natürlich aufpassen, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mit denen der Klienten vermische, deswegen muss ich mir gegenüber immer schonungslos sein.

An welche Altersgruppe richtet sich Ihr Buch?

Man muss schon einige Erfahrungen gemacht haben. Das ist kein Buch für Anfänger. Ich denke mal, für Leute 30 plus. Oder besser gesagt vielleicht: zehn Beziehungsjahre plus. Für Leute, die schon die eine oder andere Enttäuschung erlebt haben, die schon Umwege gegangen sind, die wahrscheinlich mehr als eine Beziehung hatten, für die ist das Buch ideal. Auch für Leute, bei denen nicht alles geradlinig läuft. Diejenigen, die es gut haben in ihrem Sex-Leben, die stellen sich von allein solche Fragen eher nicht. Aber wenn sie darauf gebracht werden, dann ist das sicher auch für die, die zufrieden sind, interessant. Dann kann man die Fragen in meinem Buch als Spiel, als "belebendes Element" betrachten.

Man muss ja auch nicht alle Fragen beantworten …

Nein, denn nicht alle spielen für jeden eine Rolle. Wenn jemand auch nur 12 bis 15 Fragen beantwortet, dann hat mein Buch schon seinen Dienst getan. Es ist ja kein sexuelles Verhör! Mein Wunsch ist, dass die Fragen eine Inspiration sind.

Haben die Menschen zwischen 40 bis 60 heutzutage eigentlich eine ganz andere sexuelle Formel im Kopf als die jungen Leute?

Ja, die jungen Leute heute sind eher vorsichtig und zurückhaltender. Im echten Leben. Denn sie haben etwas, was die heute um die 40- bis 50-Jährigen in ihrer Jugend nicht so hatten: Sie haben immer und überall Zugang zu Pornosituationen. In dieser Ausführlichkeit hatten, ich sag' mal "wir", das sicher nicht. Und nicht in dieser prägenden Lebensphase als Teenager oder sexueller Anfänger. Die wissen ganz viel, sie sehen ganz viel, aber sie können es nicht einordnen. Die Älteren heute habe sich das früher alles eher selbst erarbeiten müssen.

Eigentlich schlimm, man will sich das nicht wirklich vorstellen. Oder ist es vielleicht gar kein Problem, dass es heute anders ist als damals?

Das ist eine Sache, wie man lernt, damit umzugehen. Ich bin eher optimistisch: Die Kids können das regulieren. Das passiert nicht über die Eltern, aber untereinander. Sie finden manche Dinge doof, manche spannend. Jungs geben untereinander sicher an mit scharfen Clips. Die Mädchen sehen das auch, aber sie finden es eher gruselig und kichern. Aber: der Einfluss von Medien ist wahrscheinlich gar nicht so invasiv, wie man sich das immer vorstellt. Alle Menschen, auch Teenager, haben einen Filter, einen Puffer.

Das klingt beruhigend.

Ja, für Menschen, die sicher aufwachsen, ist das alles kein so großes Problem. Gefährdet sind wie immer diejenigen, die einsam sind und keine Bezugsperson haben.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich schreibe gerade an einem Fachbuch und versuche, ein paar neue Nuancen in die Sexualtherapie zu integrieren. "Think Love" ist ja eher für den Endverbraucher. 

Das ist doch ein Geschenkebuch, oder?

Ja, unter Partnern oder Freundinnen könnte das ganz gut ankommen (lacht). Unter Partnern kann man sich dann ja immer schön abwechseln: "Von dir hätte ich gerne die Fragen x, y, und z beantwortet, ich beantworte dir auch was du willst." Dann ist das ein schönes Hin und Her. Aber man darf natürlich auch mal nein sagen!

Mit Ulrich Clement sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de

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