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Überleben - darum geht es den meisten Menschen.
Überleben - darum geht es den meisten Menschen.(Foto: Avant-Verlag 2013)

Eine Kindheit im libanesischen Bürgerkrieg: Wie man den Heckenschützen entkommt

Von Markus Lippold

Als Zeina Abirached geboren wird, tobt im Libanon der Bürgerkrieg. Es ist eine Zeit der Gefahr und des Mangels, vor allem aber der Enge. "Wir lebten in zwei, drei Straßen, das war's", erzählt sie n-tv.de. Nun hat sie ihre Kindheit in einem grandiosen Comic verarbeitet. Er handelt von Heckenschützen, dem sichersten Ort im Bombenhagel und ganz persönlichen Schicksalen.

Zeina Abirached wurde in Beirut geboren. Seit 2005 lebt sie in Paris - nicht aus politischen Gründen, sondern weil es im Libanon keinen Comicverlag gibt.
Zeina Abirached wurde in Beirut geboren. Seit 2005 lebt sie in Paris - nicht aus politischen Gründen, sondern weil es im Libanon keinen Comicverlag gibt.(Foto: privat)

Beirut in den 1980er Jahren. Das ist kein Ort, an dem man aufwachsen will. Seit 1975 tobt der libanesische Bürgerkrieg, zerteilt die Stadt in Herrschaftsgebiete verschiedener muslimischer und christlicher Milizen. Normale Straßen werden zu Grenzen, ehemalige Nachbarn zu Todfeinden. Die Stadt ist ein Trümmerfeld, viele Häuser sind zerschossen. In einem dieser Häuser wohnte Zeina Abirached. Sie wird Anfang der 80er Jahre mitten hineingeboren in diesen Krieg, der erst zehn Jahre später enden wird.

In ihrem meisterhaften Comic "Das Spiel der Schwalben", der nun auf Deutsch im Avant-Verlag erscheint, schildert sie ihre Kindheit im kriegszerrütteten Beirut. Sie erzählt darin von Heckenschützen, die jeden Gang nach draußen zum Hindernislauf machen. Von Bombardements, die die Nachbarschaft erschüttern. Von Wassermangel und fehlender Infrastruktur. Aber sie schildert auch die kleinen Freuden des Alltags und den Humor, den die Menschen dem Krieg entgegensetzen.

"Mehr oder weniger in Sicherheit"

Dass der Comic überhaupt entstand, verdankt Abirached, die seit 2005 in Paris lebt, in gewisser Weise ihrer Großmutter. Denn 2006 machte sie bei Recherchen eine erstaunliche Entdeckung: "Damals sah ich im Internet eine Bürgerkriegs-Dokumentation von 1984, die in meiner Nachbarschaft in Beirut gedreht wurde", erzählt sie im Gespräch mit n-tv.de. "In der Doku entdeckte ich meine Großmutter." Es war ein Schock. Zwar habe ihre Mutter einmal erzählt, dass die Großmutter von einem französischen Team gefilmt worden sei. Doch als Kind hatte Abirached die Vorstellung, dass ihre Großmutter ein Filmstar mit Kostüm und Make-Up sei. Erst die Doku öffnete ihr die Augen.

Klettern, springen, rennen - um den Heckenschützen zu entkommen.
Klettern, springen, rennen - um den Heckenschützen zu entkommen.(Foto: Avant-Verlag 2013)

Plötzlich tauchten unzählige Erinnerungen an ihre Kindheit auf: das zerstörte Beirut, die Anspannung, der Krieg, den man fühlen und hören konnte. "Meine Großmutter sagt in der Dokumentation einen wunderschönen Satz: 'Wissen Sie, ich glaube, wir sind hier mehr oder weniger in Sicherheit.' Aber man konnte spüren, dass sie nicht sicher war. Sie versuchte nur, es sich selbst einzureden", erzählt Abirached. Dies war für sie ein sehr emotionaler Moment. Und es war der Moment, in dem sie beschloss, einen Comic über ihre Kindheit zu zeichnen, über das Haus, in dem sie damals lebte.

Abirached wuchs im christlichen Ostteil der Stadt auf. Das Haus, in dem sie wohnte, stand direkt an der Demarkationslinie, der Grenze zum muslimischen Westen. Hier wurde scharf geschossen. Schon zu Beginn des Comics sieht man die Einschusslöcher an den Häusern, erkennt man die Barrikaden aus Sandsäcken und Metallfässern davor. "In unserer Nachbarschaft konnten wir nicht einfach allein die Straße überqueren", sagt Abirached. "Wir lebten in zwei, drei Straßen, das war's." Weiter weg zu fahren war gefährlich, das Auto wurde nur für wichtige Sachen benutzt. Denn ringsum lauerten Heckenschützen. Auch das zeigt sie: Mit einer Art Choreographie, geschützt durch Container aus dem stillgelegten Hafen, entgehen die Passanten den tödlichen Schüssen. Hinzu kommen die Bombardements. Dann gibt es nur einen sicheren Raum im ganzen Haus: den Flur der Wohnung, in der Abiracheds Familie wohnt. Er ist von stabilen Mauern umgeben.

Die Bilanz eines Tages - den Menschen bleibt nichts, als abzuwarten.
Die Bilanz eines Tages - den Menschen bleibt nichts, als abzuwarten.(Foto: Avant-Verlag 2013)

Im Mittelpunkt des Comics steht ein solcher Tag, an dem Bomben über dem Viertel niedergehen. "Es gab diesen Abend, an dem meine Eltern bei meinen Großeltern waren und nicht zurückkonnten, während alle Nachbarn bei uns saßen", erzählt Abirached. Gleichzeitig aber, sagt sie, stehe dieser Abend für die zehn Jahre, die sie als Kind im Krieg erlebt habe. Während die Eltern also nur wenige Straßen entfernt festsitzen, füllt sich der Flur mit den Nachbarn. Er ist nicht groß, aber er wird zum Lebensmittelpunkt. "Eigentlich war dieser Flur unser Schutzraum. Wenn es keine Bombardements gab, konnten wir auch andere Räume der Wohnung nutzen. Aber wir nutzten den Flur sehr viel, für alles."

So sitzt man an diesem Abend zusammen, wartet auf die Eltern, trinkt Kaffee, hört im Radio die Berichte darüber, wo geschossen wird und hört die abgeschossenen und eingeschlagenen Bomben - "Abflug", "Ankunft" rufen alle. Daneben erzählt Abirached in geschickt montierten Rückblenden die Geschichten der versammelten Personen: Anhala, die Bedienstete eines Nachbarpaares, erinnert sich an einen Paris-Besuch, fühlt sich nun aber zu alt, um den Libanon zu verlassen. Chucri, dessen Vater an einem Checkpoint verschwand, weil er aus dem falschen Teil der Stadt kam, versucht, seine Familie durchzubringen. Farah und Ramzi wiederum versuchen seit längerer Zeit, Visa für Kanada zu ergattern.

Grenzenloser Ideenreichtum

Immer wieder lässt Abirached grafische oder typografische Elemente einfließen - jede Seite wird so zum kleinen Kunstwerk.
Immer wieder lässt Abirached grafische oder typografische Elemente einfließen - jede Seite wird so zum kleinen Kunstwerk.(Foto: Avant-Verlag 2013)

Die Erzählungen von den Kriegserlebnissen, die Opfermeldungen aus dem Radio werden immer wieder gebrochen durch humorvolle Passagen. Da ist etwa Nachbar Ernest, ein ehemaliger Französisch-Lehrer, der den Kindern aus "Cyrano de Bergerac" vorliest. Dieser Humor, diese gelöste Stimmung, die das Buch prägen, hatten für Abirached eine Schutzfunktion. "Ich denke, Humor ist wichtig, um zu widerstehen und fähig zu sein, in dieser Situation zu leben", erklärt sie. Sie seien aber auch eine Art des passiven Widerstand gegen den Krieg. "Diese Menschen entschieden sich, nicht zur Waffe zu greifen. Sie leisteten mit anderen Dingen Widerstand, mit kleinen Dingen im Alltag." So sieht man etwa, wie Ernest trotz Wassermangels nicht aufhört, seine Pflanzen zu gießen. Der Humor helfe ihr aber auch, die Geschichte zu erzählen, sagt die Autorin. Schließlich könne man die Angst und die Härte des Alltags so nicht wiedergeben.

Dabei findet Abirached unzählige grafische Möglichkeiten, den Krieg und seine Folgen darzustellen. Auf den ersten Blick erinnern ihre kontrastreichen Schwarzweiß-Zeichnungen an den berühmten Iran-Comic "Persepolis" von Marjane Satrapi. Abirached erzählt jedoch, dass sie deren Bücher gar nicht kannte, als sie anfing zu zeichnen und ihren Stil entwickelte. Die Ähnlichkeiten führt sie eher auf den gemeinsamen großen Einfluss durch den französischen Zeichner David B. zurück. Dessen autobiografischer Comic "Die heilige Krankheit" habe sie stark beeinflusst, sagt sie.

Doch Abirached geht noch weiter, weiter auch als Satrapi, deren Stil sie mit dem ihren nicht gleichsetzen möchte. Tatsächlich hat ihr Grafikdesign-Studium seine Spuren hinterlassen: im kunstvollen Seitenaufbau, in der Verwendung von Schwarz und Weiß, in Symbolen und zeichnerischen Wiederholungen, im Spiel mit Nuancen, die oft erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Jede Seite ist sorgsam choreografiert und bietet Raum für Entdeckungen. Wenn Abirached etwa schildert, wie die Familie wegen des Kugelhagels von der Straße Zimmer für Zimmer aufgeben muss, spielt sie mit schwarzen und weißen Rechtecken. Das ist einfach gestaltet, wirkt aber gerade deshalb lange nach. Dem Ideenreichtum scheinen dabei keine Grenzen gesetzt. Abirached lässt typografsche Darstellungen ebenso einfließen wie Muster von Teppichen und Tapeten, die sie aus ihrer Kindheit kennt.

"Das Spiel der Schwalben" ist bei Avant erschienen, hat 182 Seiten im Softcover und kostet 19,95 Euro.
"Das Spiel der Schwalben" ist bei Avant erschienen, hat 182 Seiten im Softcover und kostet 19,95 Euro.

Die Geschichte, die die gegenwärtige Bedrohung der Bombennacht mit den verschiedenen Schicksalen der Nachbarn verbindet, wird durch die Bilder auf eine neue Ebene gehoben. Nie werden dabei Soldaten oder direkte Kämpfe gezeigt. Stattdessen schildert Abirached, wie der Krieg auf die Menschen wirkt, wie er ihnen zusetzt, was er aus ihnen macht. Sie sitzen zusammen, warten und hoffen: auf das Ende des Bombardements, auf die Rückkehr der Eltern, auf die Bestätigung der Visa. Ganz subtil, durch kleine Andeutungen und die verschiedenen Perspektiven der Nachbarn entsteht so eine Chronik, die nicht nur von Abiracheds Kindheit berichtet, sondern eine Allgemeingültigkeit erhält. Das macht "Das Spiel der Schwalben" zu einem großen Meisterwerk, dessen Bilder sich ins Gedächtnis einbrennen.

Eine universelle Geschichte

Die persönliche Ebene hat Abirached sehr bewusst gewählt. Sie verzichtet - auch das ein Unterschied zu Satrapis "Persepolis" - auf die Darstellung des großen Ganzen. Sie will weder politisch werden, noch will sie für eine Seite Partei ergreifen - nur an Details merkt man, dass es um eine christliche Familie geht. "Das Buch ist zwar sehr persönlich, aber es ist auch universell", sagt sie. Dies habe sie auch bei Buchvorstellungen erlebt. "Viele Menschen sagten mir, dass sie genau das gleiche erlebt hätten, nur eben auf der anderen Seite." Vielleicht deshalb gibt es im Libanon auch eine französische Schulausgabe des Buches, mit Lehrmitteln im Anhang, anhand derer die Kinder erstmals Fragen über den Krieg stellen können. Denn in den offiziellen Schulbüchern findet der Bürgerkrieg nicht statt. "Es wurde keine Lesart gefunden, die jede Seite zufriedenstellte. Also schreibt man gar nichts darüber", erklärt sie. "Es ist, als ob nichts passiert wäre."

Diese fehlende Vergangenheitsbewältigung erlebte Abirached bereits als Jugendliche. "Als nach 15 Jahren der Bürgerkrieg endete, taten alle so, als wäre nichts passiert. Man sprach nicht darüber." Es sei wie eine offizielle Amnesie gewesen. "Das Zentrum Beiruts, das im Krieg eine Art Niemandsland war, wollte man exakt wieder so aufbauen, wie es vor dem Krieg war", erzählt sie weiter. Für ihre Generation sei gerade dies aber ein Problem gewesen. Während ihre Eltern noch vom alten, großen Beirut erzählten, hätte sie nur die zerstörte Stadt gekannt. Und nicht nur das: Als sie nach dem Krieg erstmals im muslimischen Westbeirut war, fühlte sie sich wie im Ausland, dieser Teil war ihr völlig unbekannt. "Ich hatte Schwierigkeiten, den Zusammenhang zwischen der Stadt meiner Kindheit und der Gegenwart herzustellen", sagt sie und hofft, dass es ihrer Generation gelingt, diesen Widerspruch zu überwinden. "Aber natürlich braucht das Zeit."

Abirached jedenfalls reagierte auf ganz eigene Weise auf die Veränderungen in Beirut: Um 2002 begann sie, zu zeichnen. "Ich hatte den Drang, die Stadt zu zeichnen, die damals verschwand", erzählt sie. So habe sie sich an ihre Kindheit erinnert, an Begebenheiten und Dinge des Alltags. Es war eine ganz persönliche Vergangenheitsbewältigung und der Beginn ihrer Leidenschaft für Comics. Damals begann sie auch, ihren Eltern viele Fragen zu stellen. Diese antworteten auch - im Gegensatz zur Großmutter. Sie, der vermeintliche Filmstar, wollte nicht über den Bürgerkrieg sprechen.

Dass Abirached nun schon seit acht Jahren in Paris lebt, hat übrigens keine politischen Gründe. Im Libanon gibt es einfach keinen Verlag, der ihre Comics herausbringen könnte - bis heute sind sie nicht auf Arabisch erschienen, auch wenn ein ägyptischer Verleger Interesse bekundet hat. Eine Rückkehr in den Libanon kann sie sich derzeit ohnehin nicht vorstellen. "Ich brauche die Distanz", sagt sie. Zwar reise sie zwei- bis dreimal im Jahr in den Libanon, wo es sehr viele Inspirationen gebe, aber arbeiten könne sie da nicht. "Also nehme ich die Inspirationen und arbeite aus der Entfernung." Gefährlich findet sie es in Beirut derzeit nicht. Trotz des Syrien-Konflikts, der immer wieder auf den Libanon übergreift. "Derzeit kann man dort ganz normal leben." Allerdings gebe es viele Spannungen. "Die Schwierigkeit ist, kaum für die Zukunft planen zu können. Die Menschen leben in der Gegenwart. Sie wissen nicht, wann die Lage explodiert."

"Das Spiel der Schwalben" direkt bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es auf der Verlagsseite.

Quelle: n-tv.de

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