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Auch ein schöner Rücken kann entzücken: Das aktuelle Alligatoah-Album heißt "Triebwerke".
Auch ein schöner Rücken kann entzücken: Das aktuelle Alligatoah-Album heißt "Triebwerke".(Foto: Trailerpark)

"Willst du mit mir Drogen nehmen?": Die Triebwerke des Alligatoah

An seinem nackten Hintern auf dem Cover allein liegt es sicher nicht, dass Alligatoah mit dem Album "Triebwerke" Platz 1 der Charts erobert hat. Schon eher an seinem Ohrwurm-Hip-Hop mit viel Humor. Mit n-tv.de spricht der Durchstarter, der im wahren Leben Lukas Strobel heißt, nicht nur über seinen Po, sondern auch seinen Hoden, Penis-Malen, Aggro, Sido, Bushido und den Sinn von Provokation.

n-tv.de: Du nennst dich Alligatoah. Aber zugleich hast du in der Vergangenheit behauptet, hinter diesem Pseudonym würden sich zwei Personen verbergen - der Rapper Kaliba 69 und der Produzent DJ Deagle. Bist du schizophren?

Alligatoah: (lacht) Zumindest war ich es eine gute Zeit lang. Eine Band, eine Crew - das war die anfängliche Darstellungsweise von Alligatoah. Ich habe den unterschiedlichen Aspekten meiner Musik eigene Namen und Gesichter gegeben, so dass der Rapper und der Beatproduzent ihre jeweils eigene Figur und Maske hatten. Mittlerweile weiß man aber, dass diese Figuren nur in mir schlummern und eigentlich meine Vielfältigkeit als Musiker zum Ausdruck bringen.

An sich verkörperst du ja auch mehr als nur zwei Personen. In deinen Songs nimmst du jedenfalls eine ganze Reihe von Rollen ein …

Stimmt. Es sind noch viele weitere Charaktere dazugekommen.

Wie viel von dir steckt denn wirklich in deinen Texten? Oder ist das alles Fiktion?

Ich bemühe mich immer, nichts aus meinem privaten Leben einfließen zu lassen. Aber natürlich bleibt es nicht aus, dass man bestimmte Inspirationen aus dem eigenen Leben zieht. Das ist ja nun mal der Ort, an dem man die Ideen pflückt. Wenn es nun zum Beispiel in einem Song wie "Amnesie" darum geht, dass jemand Liebe mit materiellen Gütern erkauft, habe ich das zwar nicht selbst erlebt. Aber ich habe das im Freundeskreis gesehen.

Wenn du in einem Song wie "Willst du" die Frage stellst "Willst du mit mir Drogen nehmen?", dann ist das also auch nur Fantasie. Du selbst würdest natürlich nie Drogen nehmen …

Genau. (lacht) Aber man sollte auch betonen: "Willst du" ist eigentlich kein Drogen-Song. In der nächsten Zeile heißt es ja bereits: "Komm, wir gehen zusammen den Bach runter." Es geht vielmehr um die Mentalität in der heutigen Zeit, die Romantik im Zugrundegehen zu finden. Drogen sind dafür nur das Beispiel der Jugend.

Wenn wir mal nicht über Alligatoah sprechen, sondern über Lukas Strobel, dann ist der irgendwo in einem Kaff in Niedersachsen aufgewachsen. Wie ist er denn zum Rap gekommen?

Damit in Berührung gekommen bin ich durch das Internet. Sonst gab es das dort, wo ich aufgewachsen bin, nicht wirklich. Rap war eher verschrien - es gab keine Rap-Szene oder Jugendzentren, in denen gefreestylt wurde. Für die meisten meiner Freunde - und mich auch - war eher Metal oder Rockmusik angesagt. Trotzdem habe ich den deutschen Rap irgendwann zusätzlich für mich entdeckt. Und ich musste mir eingestehen, dass ich ihn cool finde.

Und wie wurdest du vom Rap-Hörer zu Alligatoah?

Als ich mich entschieden habe, mich selbst daran zu versuchen, habe ich mich gefragt: Was gibt es noch nicht? Was fehlt? Wie kann ich die Lücke füllen? Also habe ich damit angefangen, diese humorvolle und satirische Rap-Musik als Schauspieler zu machen. Das gab es zu dieser Zeit noch nicht wirklich. Oder zumindest habe ich es nicht gesehen.

Du bist jetzt gerade mal 23. Deine ersten Songs hast du schon vor sieben Jahren, also mit 16, herausgebracht. Hast du eigentlich je in einem "normalen" Beruf gearbeitet?

Ich habe eine Ausbildung als Mediengestalter Bild und Ton gemacht und abgeschlossen. Und ich habe viele kleine Jobs gemacht - Zeitungen austragen, Kinokarten abreißen, Komparse in Kinofilmen ...

Tatsächlich? In welchem denn zum Beispiel?

Bei Roland Emmerichs "Anonymous" war ich ein Soldat. Aber ich glaube, ich bin nicht zu sehen.

Als wesentliche Inspiration für deinen Weg in die Musik nennst du die Veröffentlichungen von Aggro Berlin. Sido ist gerade Vater geworden. Hast du ihm schon gratuliert oder einen Strampelanzug als Baby-Geschenk geschickt?

Nö, ich kenne ihn ja nicht. Aber herzlichen Glückwunsch von mir an dieser Stelle. Vater zu werden ist eine wunderbare Sache.

Dein neues Album heißt "Triebwerke". Auf dem regulären Albumcover bist du in Maler-Pose vor diversen Bildern von hinten nackt zu sehen. Was will uns der Künstler damit sagen? Oder wolltest du damit nur einen Nacktskandal auslösen?

(lacht) Der Vorwurf, man hätte das nur gemacht, um einen "Skandal" zu provozieren, kommt natürlich schnell - für mich ist das kein wirklicher Skandal. Aber meine Antwort auf die Frage, warum ich das gemacht habe, lautet einfach: Weil ich es eine coole Idee fand, es mochte und machen wollte. Wenn das dann womöglich als anstößig empfunden wird, kümmert mich das nicht. Mir war bei dem Cover die Umsetzung des Wortes "Triebwerke" wichtig. Die Bilder, die dort an der Wand hängen, sind die "Werke". Und der Trieb wird durch die Nacktheit des Malers ausgedrückt.

Und das auf dem Bild bist auch wirklich du - oder hattest du ein Po-Double?

Nein, das bin ich. Es gab kein Po-Double - und auch kein Hoden-Double. Das ist alles zu hundert Prozent authentisch.

Facebook hat ja tatsächlich das Cover gesperrt, weil man angeblich Teile des Hodensacks darauf erkennen kann …

Ja, Facebook ist da ein bisschen pingelig gewesen. Ich war darüber, ehrlich gesagt, etwas überrascht. Es gibt doch Albencover von anderen Bands, zum Beispiel den Scorpions, von vor 20 oder 30 Jahren, die wesentlich anstößigere Sachen zeigen.

Dass du auf dem Cover nackt zu sehen bist, ist das eine. Das andere ist, dass du so tust, als ob du malen könntest. Aber du kannst es gar nicht …

Stimmt, ich bin ein Dilettant am Pinsel. Aber ich male trotzdem - um des Malens willen und um mich selbst zu befreien.

Er ist "ein Dilettant am Pinsel".
Er ist "ein Dilettant am Pinsel".(Foto: Trailerpark)

Vielleicht gäbe es noch eine andere Option. Beim "Supertalent" gab es doch mal diesen Penis-Maler …

Den wir als Trailerpark (gemeinsames Projekt von Alligatoah mit Kollegen des gleichnamigen Labels, Anm. d. Red.) auch mal getroffen haben! Er hat mich und meine Bandkollegen auf der "Venus" mit seinem Penis gemalt. Aber ich glaube, er hat einen anderen Ansatz. Der Herr hat andere Motive als Kunst.

Dein Album "Triebwerke" hat tatsächlich auf Anhieb Platz 1 der deutschen Album-Charts erobert. Wie erstaunt bist du selbst darüber?

Es ist noch etwas unwirklich. In den Wochen vor Bekanntgabe der Charts hatte es sich schon angedeutet, dass es weit nach oben gehen könnte. Deswegen konnte ich mich langsam mit dem Gedanken anfreunden. Aber dennoch war das natürlich eine Riesenüberraschung. Bevor das "Willst du"-Video herauskam, hätte das keiner für möglich gehalten.

Mit dem Album hast du Hansi Hinterseer vom Charts-Thron gestoßen. Nur etwas früher und es wäre der von Bushido protegierte Shindy gewesen, dem du den ersten Platz weggenommen hättest. Wie froh bist du, dass du dieser Konfrontation aus dem Weg gegangen bist?

(lacht) Je größer die Entfernung zu den Menschen ist, mit denen man sich da misst, umso heroischer fühlt man sich dabei natürlich. Wenn man einen Hansi Hinterseer oder die Backstreet Boys hinter sich lässt, kann man sich darauf natürlich großartig etwas einbilden. Aber letztlich ist es ja nur eine Zahl. Und in einer anderen Woche hätte es ja vielleicht auch anders ausgesehen. Aber wenigstens für einen Abend, einen Moment, eine Sekunde kann man sich schon mal ein bisschen geil fühlen.

Um die Frage nach Bushido kommst du - zumal als alter Aggro-Fan - natürlich nicht herum. Sein Song "Stress ohne Grund" mit Shindy und sein anschließendes Auftreten hat ja doch einige Kontroversen ausgelöst. Wie siehst du das?

Wie jeder Mensch, der einen Fernseher hat oder Zeitung liest, habe ich das natürlich auch mitbekommen. Ich sehe das gelassen. Das Album von Shindy ist wirklich cool, das gefällt mir sehr gut. Und ich finde, das ist eine legitime Marketing-Strategie. Da wird wieder mal alles heißer gekocht, als es gegessen wird. Wer wie ich in der Hip-Hop-Szene ist und sich damit auskennt, weiß, wie da geredet und in Songs übereinander gesprochen wird. Wenn es zu großartigen Diskussionen darüber kommt, ist das eine Aufbauschung der Medien. Da halte ich schon die Rap-Fahne hoch.

Bei Humor kennt er keine Grenzen.
Bei Humor kennt er keine Grenzen.(Foto: Trailerpark)

Du hast selbst bereits einige Erfahrungen mit Indizierungen gemacht. Von dem Album "Crackstreetboys 2", das du mit deinen Label-Kumpanen von Trailerpark vergangenes Jahr veröffentlicht hast, stufte die Bundesprüfstelle sage und schreibe 9 von 13 Tracks als jugendgefährdend ein. Ist das ein Rekord?

Das weiß ich gar nicht. Es ist in jedem Fall schade um die Lieder. Wir haben schon getrauert, aber müssen jetzt weiter in die Zukunft schauen.

Stellt sich die Frage: Ist Provokation das Ziel? Oder ist sie ein Mittel zum Zweck? Und wenn ja, zu welchem?

Bei Alligatoah-Songs ist Provokation in erster Linie ein Werkzeug und Stilmittel, um eine Geschichte zu erzählen. Die rohe, grobe Sprache entspricht in dem Fall der Art, wie ich das Bild malen und das Ganze ausdrücken möchte. Bei Trailerpark wird öfter provoziert, um dafür einzustehen, dass Humor keine Grenzen haben darf. Natürlich ist das, was wir mit Trailerpark machen, Satire. Da gehen wir eben auch an Grenzen, hauen mit der Faust auf den Tisch und lassen die Fetzen fliegen.

Siehst du das tatsächlich so, dass Humor keine Grenzen haben darf?

Ja, sonst ist es kein Humor mehr. Humor muss immer anecken.

Wenn man "Triebwerke" mit früheren Songs von dir vergleicht, ist das Album ausgesprochen melodisch und von Gesang getragen. Einige werden sagen, das sei gar kein Hip-Hop mehr …

Ja, die gibt es immer. Aber für mich ist es auf jeden Fall Hip-Hop. Ich habe nicht den Bezug zu Hip-Hop, den jemand hat, der mit dem Ami-Rap der 90er Jahre groß geworden ist. Für mich ist Hip-Hop das, was ich als solchen kennengelernt habe. Ich habe das so verstanden, dass man sich aus allen möglichen Musikrichtungen das, was man möchte, nimmt und mischt. Mit dem Sampeln fing es ja an. Man hat sich Platten genommen, die gescratcht und Beats darauf gebaut. Dieser Mischgedanke steckt für mich immer noch in meiner Musik. Und ich rappe ja auch. Das ist immer noch Sprechgesang, nur mit melodischen Aspekten.

Statt wie früher Themen wie Religion oder Terrorismus stehen auf "Triebwerke" nun Beziehungsfragen im Vordergrund. Was ist passiert?

Bei einem Album gibt es für mich immer ein Konzept. Ich brauche dafür immer ein großes Thema. "Religiöser Fanatismus" war das große Thema des Albums "In Gottes Namen". Das habe ich damit für mich erst einmal abgehandelt. Dann war die Frage, was das nächste große Thema sein könnte. Eines, das genauso viele Unterthemen hat, über die man Geschichten erzählen kann. Und eines, das Menschen genauso leiden wie sich freuen lässt. Wofür werden Tempel errichtet und Kriege geführt? Natürlich für das Herz einer Frau. Liebe ist überall - deshalb war es für mich Zeit, mich damit mal auseinanderzusetzen.

Du hast gesagt, du wolltest mit deiner Musik eine Lücke im Rap füllen. Aber du bist ja nun nicht der Einzige in dem Genre, der mittlerweile stark auf Humor setzt. K.I.Z. bist du definitiv näher als Bushido. Trotzdem laufen deine Videos bei YouTube im Chanel von Aggro TV. Hat sich der Gangsta-Rap überlebt? Oder anders gefragt: Liegt die Zukunft des Genres in der Selbstironie?

Ich glaube, dass die Rap-Szene stärker zusammengewachsen ist und man inzwischen eine größere Bandbreite hat. Es gibt nicht mehr nur ernsten oder spaßigen Rap - das hat alles voneinander gelernt. Auch im Gangsta-Rap-Genre ist durchaus Selbstironie zu finden. Und umgekehrt würde ich auch über meine Musik nicht sagen, dass das komplette Humor-Musik ist. Das sind ja schon ernsthafte Themen, die mir wichtig sind. Ich bereite sie nur humoristisch auf, denn so wie ich das Leben verstehe, muss man alles mit Humor nehmen.

Den Abschluss deines Albums bildet das "Trauerfeier Lied". Bei dir ist es bis zur Beisetzung hoffentlich noch lange hin. Aber welcher Song sollte nach jetzigem Stand denn mal bei deiner Trauerfeier erklingen?

Erst einmal: Dass mein "Trauerfeier Lied" da nicht laufen sollte, ist natürlich klar. Er ist ja nicht aus meiner Sicht geschrieben, sondern aus der eines verbissenen Menschen, der wahrscheinlich nicht viele Freunde hatte. So wünscht sich sicher keiner seine Beerdigung. Über die Frage, was ich mir für ein Lied wünschen würde, habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber um mir gerecht zu werden, müsste es definitiv etwas Fröhliches sein.

Mit Alligatoah sprach Volker Probst

Das Album "Triebwerke" von Alligatoah bestellen

Quelle: n-tv.de

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