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Der schwache Freddie ist verführbar - und "The Master" weiß das.
Der schwache Freddie ist verführbar - und "The Master" weiß das.(Foto: AP)

Oscar-Männer Seymour-Hoffman und Phoenix: Im Bann des Masters

Von Sabine Oelmann

Egal, wo Philip Seymour-Hofman und Joaquin Phoenix mitspielen - sie sind immer hervorragend. Auch wenn die Geschichte nicht immer hält, was sie verspricht, ist "The Master" ein äußerst interessanter Film, denn er trägt eine wichtige Botschaft.

Die Zeiten sind hart, damals wie heute. Deswegen sind die Lehren, die man aus Paul Thomas Andersons Geschichte ziehen kann, auch aktuell. Es geht um Verführung, es geht um das Böse, um die Schwäche im Menschen und darum, dass er sich eigentlich nur nach Nähe und Verständnis sehnt. Zur Not lässt er sich verleiten, führen, bestimmen.

Als bester Hauptdarsteller für einen Oscar nominiert: Joaquin Phoenix.
Als bester Hauptdarsteller für einen Oscar nominiert: Joaquin Phoenix.(Foto: dpa)

Zu den verlorenen Seelen gehört eindeutig Freddie Quell: Der Ex-Soldat irrt durch sein Leben und durch die USA, bis ihm eines Tages der charismatische Lancaster Dodd, der Einfachheit halber "Master" genannt, über den Weg läuft. Das stimmt nicht so ganz, denn eigentlich läuft ihm Freddie nicht einfach über den Weg, sondern tapert in volltrunkenem Zustand auf das Schiff des "Autors, Doktors, Nuklearphysikers und Philosophen", der sich selbst zwar so vorstellt,  sich "in erster Linie aber als Mann" betrachtet.

Der Zweite Weltkrieg ist vorüber und die einen verdienen Geld und tanzen, die anderen hungern und sind verwirrt. Wie Freddie, der seinen Kummer und sein verkorkstes Leben in selbst gebranntem Alkohol ertränkt. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, doch nirgends kann er lange bleiben, immer wieder wird er auffällig. Körperlich einigermaßen unversehrt ist er aus dem Krieg zurückgekehrt und auch ein psychologisches Gutachten bescheinigt ihm eine gewisse Normalität, die sich im Alltag jedoch nicht durchzusetzen vermag. Eines Tages, er ist mal wieder weggerannt, landet er auf einem Schiff in  San Francisco. Eine Kapelle spielt Musik, die Menschen feiern, Freddie jedoch ist nicht auf der Suche nach Leben, er will nur schlafen.

"The Cause" - ein "Spaß" für die ganze Familie?
"The Cause" - ein "Spaß" für die ganze Familie?(Foto: AP)

Erstaunlich freundlich wird der Eindringling am nächsten Tag geweckt, zur an Bord stattfindenden Hochzeit eingeladen, eingekleidet, in eine Gemeinschaft aufgenommen. Nur was für ein Verein ist das, in den er da geraten ist? Er ist bei "The Cause" gelandet, einer schnell wachsenden Glaubensgemeinschaft, die ihrem Master folgt, der sie in Hypnose versetzt und glauben macht, dass der Mensch so in sein früheres Leben zurückkehren, Krankheiten heilen und traumatische Erlebnisse verarbeiten kann.  Dort fühlt Freddie nach langer Zeit mal wieder so etwas wie eine Heimat. Der "Master" wird zu seinem Protégé und scheint seit langer Zeit der erste Mensch zu sein, der sich für den verstörten Kriegsveteran wirklich interessiert. Niemand stellt Fragen, die ihn bloßstellen könnten - aber als der Master anfängt, Freddie in einer Sitzung gezielt Fragen zu seiner Person und seinem Innersten zu stellen, fühlt er, wie seine harte Schale aufbricht. Er wird dem Master folgen, er wird ihm zur Seite stehen und zur Not wird er ihn gegen alle, die etwas gegen ihn haben, verteidigen.

Lady Macbeth ist überall

Als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert: Philip Seymour-Hoffman.
Als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert: Philip Seymour-Hoffman.(Foto: dpa)

Die Figur des Lancaster Dodd ist eindeutig inspiriert von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard, und sie zeigt, mit welch vermeintlich sanften Methoden, psychologischen Fallen, aber auch mit welcher Härte es gelingt, Menschen, die kein Ziel haben, gefügig zu machen. Perfekt besetzt sind die beiden Rollen mit den Herren Seymour-Hoffman und Phoenix. Beide sind bereits mit Oscars ausgezeichnet, und beide sind nun wieder Oscar-nominiert. Joaquin Phoenix ("Walk The Line", "Gladiator") muss 20 Kilo für diese Rolle abgenommen haben. Regisseur Anderson ("Magnolia", "Boogie Nights", "There Will Be Blood") ist überglücklich, Phoenix in seinem Film zu haben: "Während ich am Drehbuch arbeitete, sah ich immer wieder Joaquin als Freddie vor mir. Seit 12 Jahren bitte ich ihn, in einem meiner Filme mit zu wirken, doch er fand immer einen Grund, abzulehnen. Ich bin dankbar, dass er dieses Mal ja gesagt hat", erzählt der Regisseur, der auch der Drehbuchschreiber ist und ein Händchen für den Cast bewiesen hat.

Bei Seymour-Hoffman war es leichter: "Phil und ich suchen immer Wege, zusammen zu arbeiten. Er hat einen großen Teil zum Drehbuch beigetragen." Seymour-Hoffman sollte von Anfang an die Rolle des "Masters" spielen - hinter jedem erfolgreichen Mann jedoch steht eine noch erfolgreichere Frau. In diesem Fall ist es Amy Adams ("Catch Me If You Can", "The Fighter"), die zuerst so reizend, nett, aber auch prüde anmutet, dass man ihr nicht zutraut, auch nur einer Fliege etwas zuleide zu tun. Im Hintergrund jedoch ist sie die treibende Kraft. "Mit Amy kann man nicht daneben liegen", so Anderson. Produzentin Joanne Sellar bringt es auf den Punkt: "Amy spielt Peggy Dodd als eine Art Lady Macbeth. Sie ist in dieser Geschichte die wahre Gläubige."

"The Master" ist eine glaubhafte, ruhig erzählte Geschichte aus den USA, die sich am Ende der 1940er Jahre im Umbruch befinden. Aufbruch, Aufschwung, Hoffnung - wer diese Worte damals nicht umsetzen konnte, blieb ein Suchender, und einer, der anfällig war für die Lehren eines "Masters", der Glück, Frieden und eine Ersatzfamilie versprach. Ein paar Längen, die eine oder andere überflüssige Prügelei werden damit wettgemacht, dass der Sog, den "The Cause" ausübt, so glaubhaft ist, dass man Verständnis entwickeln kann für eine Sache, die man ansonsten ablehnt. Wir fühlen mit dem "Loser", dem Ex-Marinesoldaten, der seine neue Rolle in der neuen Welt nicht finden kann, und wir erschauern, wenn der "Master" seine Macht ausspielt, so nachvollziehbar, dass man versteht, wie aus dem labilen Außenseiter der Günstling wird, der Freund und dann doch wieder ein Feind.

"The Master" startet am 21. Februar in den deutschen Kinos

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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