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Der Schauspieler François  Cluzet (M) mit den Regisseuren Olivier Nakache (r) und Eric Toledano beim Beginn der 11. Französischen Filmwoche im Kino International in Berlin - "Ziemlich beste Freunde" war der Eröffnungsfilm.
Der Schauspieler François Cluzet (M) mit den Regisseuren Olivier Nakache (r) und Eric Toledano beim Beginn der 11. Französischen Filmwoche im Kino International in Berlin - "Ziemlich beste Freunde" war der Eröffnungsfilm.(Foto: dpa)

"Ziemlich beste Freunde": Keine Arme, keine Schokolade

von Andrea Beu

Dieser Film schafft ein Kunststück: Man kommt aus ihm zugleich lachend und weinend heraus. Und er ist viel besser, als das Kinoplakat vermuten lässt, mit reichlich politisch nicht korrektem Humor. Mit "Ohren-Sex" und Earth, Wind and Fire contra Klassik. In Frankreich sorgt er seit Wochen für Furore und schlägt (fast) alle Rekorde.

Wie im Märchen, aber aus dem Leben gegriffen. Zwei Männer aus zwei Welten, in unbeschwertem Lachen vereint.
Wie im Märchen, aber aus dem Leben gegriffen. Zwei Männer aus zwei Welten, in unbeschwertem Lachen vereint.(Foto: ©Senator Film)

Es gibt nicht viele Filme, aus denen man gleichzeitig tief bewegt und fröhlich grinsend herauskommt. "Ziemlich beste Freunde" schafft diese Balance – man ist berührt von der Geschichte, den Schicksalen, besonders dem des Hauptdarstellers, und gleichzeitig bringt der Film einen zum Lachen. In allen Facetten: Schenkelklopfen, vergnügtes Juchzen, verhaltenes Kichern und auch eher peinlich berührtes, wenn der Humor sehr schwarz wird.

Frechheit siegt

Und an schwarzem Humor wird nicht gespart. Die Ausgangssituation ist eher ungewöhnlich: Ein sehr reicher Franzose, Philippe (François Cluzet), heuert als seinen Pfleger einen aus dem Senegal stammenden jungen Mann namens Driss (Omar Sy) an. Der will sich eigentlich gar nicht wirklich um den Job bewerben, sondern, gerade aus dem Gefängnis entlassen, nur den erforderlichen Stempel fürs Arbeitsamt abholen. Gerade dessen ehrliche, direkte, rotzfreche Art imponiert Philippe, der nach einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt ist und dafür aber kein Mitleid will, sondern ganz einfach tägliche Hilfe braucht – und Abwechslung. So ein Faberge-Eier-Leben in einem Palais kann auch ganz schön unspannend sein ...

Kiffen und Ohren-Sex: Philippe hat sichtlich Spaß.
Kiffen und Ohren-Sex: Philippe hat sichtlich Spaß.(Foto: Senator Film)

Gerade diese Abwechslung bringt ihm Driss – Abwechslung, die der Rest der Angestellten und Vertrauten in Philippes Umgebung eher argwöhnisch und kritisch sieht. Schließlich weigert sich Driss, mit Philippe in einem behindertengerecht umgebauten Transporter umherzufahren – viel zu uncool, geradezu peinlich. Zudem, wo doch nebenan der Maserati langsam unter seiner Hülle verstaubt … also gibt es in "Ziemlich beste Freunde" sogar sehr vergnügliche, rasante Verfolgungsfahrten mit der Polizei, die dank "Bullenverarsche" und Behindertenbonus ohne Strafe, aber mit viel Spaß enden. Ebenso wie das gemeinsame Kiffen und die Prostituierten, die Driss ranorganisiert.

Böser Scherz

Driss wundert sich über den hohen Preis für die "Farbkleckse" - das kann er auch, wie er später beweist. In der Hand hat er die  verweigerte Schokolade.
Driss wundert sich über den hohen Preis für die "Farbkleckse" - das kann er auch, wie er später beweist. In der Hand hat er die verweigerte Schokolade.

Diese Erlebnisse und die fast distanzlose Art, mit der sich Driss Philippe nähert, ihn ausfragt, seine (häufig unqualifizierte) Meinung äußert – sei es in der Oper, beim Sichten moderner, natürlich äußerst kostspieliger Kunst oder bei der Frage nach dem Sexleben Philippes – schweißt das ungleiche Paar zusammen. Er erlaubt sich gar derbe Späße mit ihm – wenn Philippe um Schokolade bittet und zur Antwort bekommt "Keine Arme, keine Schokolade", ist er erst geschockt ob dieses Spruches, kann sich aber dem unwiderstehlichen Charme seines ungleichen Freundes nicht verschließen und muss endlich doch mitlachen (bekommt dann natürlich auch noch, was er wollte). Ebenso bei Philipps Geburtstag, an dem dieser vergeblich versucht, Driss klassische Musik näherzubringen - der hat nur witzige Kommentare parat und setzt ein souliges Stück Earth, Wind and Fire dagegen. Und er tanzt für Philippe, ganz umwerfend - danach tanzt die ganze (zuvor steife) Geburtstagsgesellschaft.

Schick genug für ein Date? Philippe mit seinen Vertrauten - und Styleberatern - Yvonne (Anne Le Ny) und Driss.
Schick genug für ein Date? Philippe mit seinen Vertrauten - und Styleberatern - Yvonne (Anne Le Ny) und Driss.(Foto: ©Senator Film)

Driss wird immer mehr zu Philippes Vertrautem, auf den er nicht mehr verzichten kann – und doch irgendwann muss. Driss muss sich um seinen (ebenso wie er früher) in die Kriminalität abrutschenden kleinen Bruder kümmern – zudem kann er nicht sein ganzes Leben lang rund um die Uhr "den Krüppel" versorgen. Der vermisst ihn und die geradezu schwerelose Unbekümmertheit schon sehr bald, den Ersatz-Pfleger – pflichtbewusst, aber komplett spaßfrei - lässt er nicht an sich ran, er verwahrlost geradezu. Auch Driss vermisst die Zeit bei Philippe, auch wenn sie viele äußerst unangenehme und anstrengende Arbeiten (wie Darmentleerung per Hand oder Thrombosestrümpfe anziehen) mit sich brachte. So kehrt er nochmal zurück und der Spaß geht von vorne los - Philippe revanchiert sich gar bei Driss und verschafft ihm ein aufregendes, ganz besonderes Erlebnis. Und Driss kümmert sich mit Nachdruck und Überraschungseffekt um Philippes Liebesleben …

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben

Zugegeben: der arme schwarze Einwanderer aus dem Neubaugetto und der schwerreiche Kranke, die Freundschaft zwischen beiden, das klingt schwer nach Kitsch und Sozialromantik. Aber: der Film basiert auf einer wahren Geschichte, der "echte Philippe" heißt Philippe Pozzo di Borgo und sein Helfer aus der Vorstadt Abdel Sellou, ein damals (1993) 20-jähriger, gerade aus dem Gefängnis entlassener Franzosen algerischer Herkunft. Die Regisseure von "Ziemlich beste Freunde", Olivier Nakache und Eric Toledano, hatten einen Dokumentarfilm ("A la vie, a la mort") über beide gesehen, der sie so beeindruckte, dass er sie "einfach nicht mehr losließ", erinnert sich Nakache. Sie kamen zu dem Schluss, "dass es vielleicht an der Zeit wäre, diese Geschichte in Angriff zu nehmen", da sie erkannt hatten, "dass diese Geschichte alles enthielt, wonach wir suchten: eine unglaubliche Handlung, ein starkes Thema, viel Humor".

Das Regieduo: Eric Toledano und Olivier Nakache (v.l.).
Das Regieduo: Eric Toledano und Olivier Nakache (v.l.).(Foto: Senator Film)

Obwohl sie nicht die ersten Regisseure waren, die Pozzo di Borgo Drehbücher zu dem Thema angeboten hatten, schafften sie es, ihn von sich zu überzeugen. Und dass der Film nicht kitschig geworden ist, ist sicher zu eine großen Teil der Tatsache geschuldet, dass das Regieduo seinem Rat - oder seiner Bedingung - gefolgt ist: "Wenn Sie diesen Film drehen, muss er witzig ausfallen. Diese Geschichte kann man nur mit Humor erzählen!" Und er fügte hinzu: "Wenn Abdel nicht gewesen wäre, wäre ich gestorben." So ist es ein Film geworden, den man wie in der Redensart "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" sieht.

Lachanfall als Wehenauslöser

Passend zu dem lachenden Auge war "Ziemlich beste Freunde" in Frankreich kürzlich auch wegen eines recht außergewöhnlichen Vorfalls in den Nachrichten: Eine im achten Monat schwangere Französin hatte im Kino bei dem Film so einen heftigen Lachanfall, dass sofort starke Wehen einsetzten. Die Frau wurde von Rettungskräften ins Krankenhaus gebracht, erst dort beruhigte sie sich wieder (übrigens, ohne vorzeitig zu entbinden).

Neben solchen kleinen Anekdoten am Rande sorgt der Film derzeit in ganz Frankreich für Furore und Gesprächsstoff: Er ist dort megaerfolgreich, hatte in den ersten vier Wochen bereits etwa zehn Millionen (!) Zuschauer und ist bislang der meistgesehene Film des Jahres und einer der drei erfolgreichsten Filme in Frankreich seit 100 Jahren. Nun wird viel diskutiert darüber, woher dieser Erfolg rührt. Gute oder auch überpräsente Werbung allein kann es nicht sein. Und auch nur an den schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller François Cluzet (in Deutschland zuletzt zu sehen in "Kleine wahre Lügen") und Omar Sy kann es nicht liegen - obwohl die wirklich herausragend gut sind. Vor allem François Cluzet beeindruckt - er hat ja nur die Mimik zur Verfügung, kann sich nur mit dem Kopf und Hals ausdrücken. Omar Sy hingegen kann aus dem Vollen schöpfen – was er auch tut.

Mit Klassik hat er es nicht so - Driss tanzt für Philippe an dessen Geburtstag zu Earth, Wind and Fire.
Mit Klassik hat er es nicht so - Driss tanzt für Philippe an dessen Geburtstag zu Earth, Wind and Fire.(Foto: Senator Film)

Das Thema von "Ziemlich beste Freunde" berührt wohl, ähnlich wie die Komödie "Der Name der Leute" mit seiner Einwandererproblematik, die aktuelle Gefühlslage und Empfindlichkeit der Gesellschaft, in der die Wirtschaftskrise und daraus folgenden Zukunftsängste auch dazu geführt haben, dass große Teile der Gesellschaft sich weniger solidarisch mit ärmeren, bedürftigen Schichten verhalten, der Graben zwischen Arm und Reich, Franzosen und Einwanderern größer geworden ist. So ist es denn auch – gleich an dritter Stelle hinter dem schrägen Humor und dem Optimismus des Films - die Solidarität, die die Franzosen einer Umfrage zufolge an "Ziemlich gute Freunde" besonders mögen.

Der Streifen bietet keine Sozialkritik und obwohl er auf einer wahren Geschichte beruht, ist er nicht wirklich realistisch – dennoch zeigt er, dass es mit Toleranz und Offenheit statt Engstirnigkeit auch anders geht, wie viel man gewinnen und erleben kann, wenn man seine Vorurteile über Bord wirft – und das alles mit umwerfendem Witz, Charme und einer großen Lockerheit. Eine warme Wohltat im grauen Krisenwinter.

"Ziemlich beste Freunde" startet am 5. Januar 2012 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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