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Ein Drogendealer und sein Schüler - Szene aus "Moonlight".
Ein Drogendealer und sein Schüler - Szene aus "Moonlight".(Foto: A24 / DCM)

Selbstfindung in drei Akten: "Moonlight" - der beste Film des Jahres

Von Anna Meinecke

Chiron muss erst schwimmen lernen - und so einiges andere auch. "Moonlight" ist die Coming-of-Age-Story eines schwarzen Jungen. Weil er seinen Figuren unvoreingenommen begegnet und sie mit Würde scheitern wie triumphieren lässt, ist der Film grandios.

"Moonlight" ist der beste Film des Jahres, sagt die Academy - und sie hat Recht. Man kommt wohl nicht drum herum, zu sagen, dass es ein Film über einen schwulen schwarzen Mann ist. Man sollte es sogar erwähnen, weil er als herausragendes Beispiel dafür herhält, dass homosexuelle Identitäten abseits des pastellpullundrigen besten Freundes existieren und dass ihre Geschichten erzählt werden müssen. Allerdings ist "Moonlight" nicht nur ein Film über Hautfarbe und sexuelle Orientierung, sondern auch einer über Drogensucht, Gewalt an Schulen und den Schmerz des Erwachsenwerdens.

Chiron, die Hauptfigur des Films, begegnet dem Zuschauer auf der Flucht. Er ist noch ein kleiner Junge und er muss entkommen. Von Gleichaltrigen wird er gehänselt. Sie nennen ihn "Little". Wenigstens versteht er das. Was eine Schwuchtel ist, muss er erst erfragen. Der Junge hat sich noch lange nicht selbst gefunden, aber er stößt sich bereits an dem, was die Welt von ihm erwartet. Bilder von Männlichkeit werden ihn begleiten: Wie viel Härte muss ein echter Mann zeigen? Wie viel Mut muss er beweisen? Und welche Gefühle sind ihm erlaubt?

Wer willst du sein?

Regisseur Barry Jenkins erzählt "Moonlight" in drei Akten mit drei verschiedenen Hauptdarstellern. Alex Hibbert spielt das Kind, Ashton Sanders übernimmt als Teenager, Trevante Rhodes als Erwachsener  - alle machen ihre Sache fabelhaft. Unter Miamis gleißender Sonne oder dem Licht orange-grüner Neon-Röhren lassen sie stumme Gesichter sprechen. Chiron verliert wirklich nur so viele Worte wie nötig, eigentlich nicht mal das. In die Seele gucken kann man ihm nicht, aber man will.

Damit hat "Moonlight" bereits geleistet, was nicht wenigen Filmen überhaupt nur deswegen gelingt, weil ihre Protagonisten sich geradezu anbiedern mit ihren Emotionen, ihrer scheinbaren Vielschichtigkeit. Letztere scheint bei "Moonlight" immer vorausgesetzt und das obgleich Chiron den Zuschauer doch eigentlich auf Abstand hält. Er verhält sich nämlich wie jemand der tatsächlich sein Innerstes vor der Welt verschlossen hat und deswegen auch nicht bereit ist, es einfach so zu teilen - nicht mit seiner Mutter (verstörend wie fesselnd gespielt von Naomi Harris), nicht mit dem Ersatzvater (Mahershala Ali, der für die Rolle den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt) und auch nicht mit dem Kino-Besucher. Das ist schon sehr clever gemacht.

Was "Moonlight" so nachhaltig wirken lässt, ist nicht der Cast, sind nicht die Bilder, nicht mal die wirklich gute Filmmusik. Das alles ist stimmig. Was die Geschichte außergewöhnlich macht, ist, wie es ihr gelingt, Klischees zu behandeln, ohne sich ihrer Figuren symbolhaft zu bedienen. Wenn ein Drogendealer einem kleinen einsamen Jungen das Schwimmen beibringt, kann seine Rolle nicht länger stereotyp gelesen werden - auch wenn er aussieht, als sei er einem Gangster-Film entsprungen. "An einem bestimmten Punkt musst du dich entscheiden, wer du sein willst", sagt dieser Drogendealer. Und "Moonlight" zeigt, dass die Antwort komplex ausfallen darf.

"Moonlight" startet am 9. März in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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