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Dieses Mal nicht Charlotte, sondern Dorothea.
Dieses Mal nicht Charlotte, sondern Dorothea.

Das Wetter in geschlossenen Räumen: Schöner helfen mit Maria Furtwängler

Von Sabine Oelmann

Wenn der Blauhelm die Suppe serviert, die Lockenwickler sitzen aber der Kleiderträger rutscht, wenn der Champagner fließt obwohl das Konto leer ist - dann befinden wir uns wohl in einem Krisengebiet. Aber mit Stil.

Ich würde korrekt zitieren, wenn ich wüsste, wie und woher. Ich habe irgendwo gelesen (Stern, Spiegel, SZ, FAZ?), dass Maria Furtwängler das "Sexsymbol des denkenden Mannes" sein soll. Früher war das mal Susan Sarandon, insofern keine allzu schlechte Bezugnahme. Ich finde diese Bezeichnung natürlich großartig, beneidenswert, welche Frau wäre das nicht gerne, so ein sexy Sexsymbol? Ich finde aber, dass Maria Furtwängler eher das Sexsymbol der denkenden Frau ist, vielleicht sogar der nachdenkenden Frau. Denn in ihrer neuen Rolle macht Frau Doktor Furtwängler eine(n) ja schon nachdenklich. Sie irritiert sehr in der Rolle der Dorothea Nagel, ihres Zeichens "PR-Tante" beim UNHCR, also humanitär unterwegs. Kennen wir sie doch fast nur als spröde Charlotte - schönste Kommissarin im "Tatort", und auf Galas und roten Teppichen an der Seite ihres Mannes, Hubert Burda, wenn wir denn die bunten Seiten beim Friseur durchblättern.

Sex, Drugs and Rock'n'Roll ....
Sex, Drugs and Rock'n'Roll ....

Sie macht Frauen nachdenklich, weil wir uns folgende Fragen stellen müssen: Warum sieht die Frau mit fast 50 so verdammt gut und gemeißelt aus, ohne nachgeholfen zu haben? Warum hat sie in jeder Szene von "Das Wetter in geschlossenen Räumen" eine neue Klamotte an und wo kann ich die kaufen? Und mit wie vielen Koffern reist sie? Und rollt sie ihre Kleider, damit sie knitterfrei bleiben? Wann hat sie all die Sprachen (englisch, französisch, italienisch, neben ihrem Medizinstudium und der Ausbildung zur Schauspielerin), die sie in Isabelle Stevers Kinofilm anwendet, gelernt? Warum kann sie so perfekt lallen (Alkohol spielt die zweite Hauptrolle in dem Film)? Warum wollen wir sie nicht leiden können und müssen es dann doch? (Diese Frage kann ich easy beantworten: Sie erinnert einen manchmal zu sehr an sich selbst oder zumindest daran, wie man gerne sein würde.) Und schließlich: Macht sie das gleiche Oberarm-Training wie Michelle Obama?

Von Bomben und Alkohol bedroht

Jetzt mal ehrlich: Was wir uns wirklich fragen müssen, ist, was mit unseren Spendengeldern passiert, wenn wir beispielsweise Flüchtlingen helfen wollen. Wo die meisten Spendengelder herkommen, wissen wir jetzt: Frauen wie "Dorothea Nagel" ziehen sie betuchten Leuten aus der Tasche, und zwar unter einem Einsatz, der letzten Endes ihr eigenes Leben bedroht. Nicht nur, dass Frauen wie Dorothea Nagel sich in Krisengebieten aufhalten, von Bomben bedroht werden und Leib und Leben riskieren, viel schlimmer ist wohl das, was sie sich selbst antun in dieser schizophrenen Welt zwischen Luxus-Hotel und Flüchtlingslager.

Wie konnte das passieren?
Wie konnte das passieren?

Kurz zur Story, sonst tappen Sie ja vollkommen im Dunkeln: In einem von Panzern umstellten Luxushotel, in einem nicht näher benannten arabischen Krisengebiet, ist die bereits skizzierte deutsche Entwicklungshelferin Dorothea dabei, Hilfsprojekte zu organisieren und die dafür nötigen Spenden einzuwerben: mit Charity-Empfängen und Gala-Diners, auf denen sie die Botschafter der reichen Länder umgarnt und bei Laune hält. Dorothea ist natürlich nicht einfach Entwicklungshelferin, sondern PR-Frau, bloß eben nicht für Schokoriegel oder Shampoo, sondern für das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Dorothea ist darin äußerst erfolgreich, sie kann das perfekt - das klappt aber nur ab einem gewissen Alkoholpegel, mit dem sie ihre Partytauglichkeit aufrechtzuerhalten und den Zynismus ihrer Tätigkeit auszuhalten versucht. Natürlich beginnt sie eine Affäre mit dem wesentlich jüngeren, arabisch aussehenden Alec, der ungefähr genauso gut zu fassen ist wie Quecksilber. Alec lässt sich von ihr ausstatten und aushalten, und was ihr, der kühlen Blonden, zunächst wie reiner Sex (Dorothea wacht eines Morgens neben Alec auf, sie wirkt erstaunt und fragt: "Du sprichst deutsch?") erscheint, führt schließlich zum Kontrollverlust.

Frau Nagel ist auf der Suche

Sie sagt so wunderbare Sätze wie: "Ich wünschte, der Junge vom Zirkus würde kommen und mich entführen", als sie wankend über einem Waschbecken im Nobelschuppen hängt. Eine Assistentin entgegnet ihr: "Ist es dafür nicht ein bisschen zu spät?", mit diesem süffisanten Lächeln, das bedeuten soll: "Du bist zu alt. Du bist zu kaputt!" und dann wünschen wir uns Sätze wie: "Es ist nie zu spät, Liebchen!" Denn das wäre die richtige Antwort gewesen, die eine fast 50-Jährige, die wesentlich jünger aussieht, so einem jungen Ding als Antwort geben müsste. Und: "So alt wie du - im Kopf - möchte ich eigentlich gar nicht werden", oder etwas ähnlich Schnippisches. Aber bleiben wir dabei, wie der Film wirklich ist und nicht, wie er hätte sein können: Das ist ein "Guck-Film". Das bedeutet, es ist ein Film, bei dem man viel zu sehen bekommt, obwohl er fast nur im Hotel spielt: Schönes Licht, schöne Bettwäsche, schöne Menschen ... Ein bisschen zu mondän alles vielleicht, ein bisschen zu sehr "Himmel über der Wüste", aber gut.

Theoretisch könnte sie natürlich auch für Shampoo PR machen ...
Theoretisch könnte sie natürlich auch für Shampoo PR machen ...

Frau Nagel ist auf der Suche nach weiblichen Flüchtlingen, Mädchen, die an die Uni wollen. Aber es gibt keine, dort wo sie gerade ist. Und die eine, die sie gefunden hat, kommt ihr abhanden. Sie lenkt sich also weiter ab, mit Alkohol, Alec, der "Blut verkauft", mit "Rock'n'Roll"-Partys auf ihrer Suite und Panzerfahren, sie macht ein bisschen Karaoke - und fängt an zu bröckeln. Und da endlich kommt man ihr, Dorothea-Maria, nahe! Wenn wir am Anfang noch dachten: "Das Leben einer PR-Frau des UNHCR scheint recht glamourös zu sein", denken wir nach einer Weile: "Oh je, das wird in die Hose gehen."

Dennoch: eine schmeichelhafte Werbung für Hilfswerke, insbesondere für die PR-Frauen von Hilfswerken, ist der Film nicht. Dekadenz und Oberflächlichkeit treffen auf Langweile und Unvermögen. Die im Film aufgegriffene Idee einer "Charity"-Lady, kleine Kinder Wein auf einem Diner ausschenken zu lassen, zumal in einem muslimischen Land, ist eine perverse Idee, die nur Leuten kommen kann, die den Bezug zur Realität vollkommen verloren haben.

Dass Dorothea Nagel den Bezug zur Realität schon lange verloren hatte, hätten wir ihr spätestens an der Stelle zurufen wollen, an der ihr Liebhaber Socken beim Sex trägt.

"Das Wetter in geschlossenen Räumen" läuft seit dem 28. Januar in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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